Posts Tagged ‘Tod’

OTTO VON HABSBURG!

Posted by on Juli 4th, 2011

otto habsburg bike 350SIE NANNTEN IHN DEN RADSPORT-KAISER! CHRONIK EINES TRAGISCHEN TODES BEI DER MÖRDERISCHEN KAISERETAPPE DER ÖSTERREICH RUNDFAHRT AUFS KITZBÜHLER HORN

360 Watt. 180 Puls.
Otto von Habsburg hängt tief über dem Lenker und kämpft wie ein Berserker. Gegen den Fahrtwind, gegen die Konkurrenten, gegen sich selbst. Der Unterkiefer ist vorgeschoben, die Augäpfel treten weit aus ihren Höhlen. Auf seinem maroden Waffenrad Marke Steyr-Daimler-Puch & Söhne ist er der Konkurrenz scheinbar unterlegen. Scheinbar. Denn Otto von Habsburg führt das Feld der Teilnehmer der Österreichradrundfahrt an, führt es mit eisernem Willen zum Kitzbühler Horn. Er leistet hier im Flachen die Führungsarbeit, opfert sich auf, nicht nur für seine Teamkollegen, sondern auch für alle anderen. Sie alle profitieren von seinem Windschatten. Und doch reißen einige Fahrer ab, können das schier brutale Tempo des 98-Jährigen nicht mehr mitgehen. Otto von Habsburg ist der älteste Teilnehmer dieser Österreich-Tour. Und der willensstärkste. Nur für wenige Sekunden erwacht er aus seinem tranceartigen Komazustand in den der Kämpfer nach über dreieinhalbstündiger Rennbelastung verfallen war, um seinen Blick gen Süden schweifen zu lassen, wo die Hohen Tauern herüberdräuen. Der Glockner. Dort hat er von 1951 bis 1973 durchgehend gewonnen, und dann noch einmal von 1975 bis 2010. Heuer will er sich zum ersten Mal am Kitzbühler Horn in die Siegerliste eintragen. 98 Kehren bis zum ewigen Ruhm. 98 Jahre bis er nun endlich auf einer Stufe mit Gott stehen darf. Er, der Kletter-Kaiser oder Radsport-Kaiser wie sie ihn alle nennen, will sich zum unangefochtenen Rad-Regenten der nördlichen Hemisphäre mausern. In Österreich hat er praktisch alles gewonnen was es zu gewinnen gab: von seinen ersten Rad-Gehversuchen im Kaiserlichen Prater anno 1913 mit seinem hölzernen Gehrad bis zu seinen legendären Siegen bei den Sechstagerennen im Ferry-Dusika-Stadion zu Wien, war es ein langer und beschwerlicher Weg. Die klassische Österreich Radrundfahrt von Triest nach Odessa. Wie oft hat er sie gewonnen? Keiner weiß es genau.

400 Watt. 200 Puls.
Der Fuß des Kitzbühler Horn ist erreicht: der Anstieg beginnt. 856 Höhenmeter gilt es nun bis zur Bergankunft am Alpenhaus zu überwinden. Ein Anstieg, vor dem internationale Radgrößen erzittern, wie junge K&K-Kadetten vor dem allabendlichen Duschgang mit ihren Geschlechtsgenossen. Habsburg fackelt nicht lange herum, unwiderstehlich tritt er in die Pedale. Sein Blick hat den glühenden Asphalt fixiert, er schnaubt wie ein Arbeitsochse am Feld, seine Lunge rasselt. Nur wenige können die Tempoverschärfung mitgehen. Mentschov, Sastre, Rohregger. Zu viert schrauben sich die vier ausgemachten Kletterspezialisten nun Kehre um Kehre hoch. Die minderwertige Spreu hat sich nun endgültig vom Weizen getrennt. Doch Habsburg hat sich bereits im Flachen ausgepowert. Ob es ihm doch zuviel war? Seine Betreuer machen sich Sorgen, denn er verzichtet auf moderne Funktechnik, führt am Gepäckträger nur ein altes Feldtelefon aus der Schlacht von Verdun mit. Es funktioniert schon lange nicht mehr. Ebenso verweigert er die Aufnahme von Flüssigkeit aus dem Betreuerauto, genau so wie er das Trinken während eines mehrstündigen Hitzerennens generell ablehnt. Aus Tradition wie man munkelt. Otto von Habsburg ist eben einer von der ganz alten Schule. Er will es selbst schaffen, mit einfachster Technik und mit einfachsten Mitteln. Will wie ein Soldat dem Gegner alleine gegenüberstehen, will alles überwinden und mit sich selbst im Reinen zum Gipfel des Ruhmes hinaufsteigen. Eine Zuschauerin hält ihm ein Speckbrot hin. Da kann er nicht nein sagen, nimmt einen Bissen, schlingt dann wie ein Löwe gierig mit einem Satz alles hinunter. Der Schweiß strömt in kleinen Sturzbächen von seiner Stirn. Wenn er nicht bald etwas trinkt, droht er zu dehydrieren.

758 Watt. 389 Puls.
Die Vierergruppe erreicht nun endgültig das steilste Stück: eine schier vertikale Asphaltwand baut sich vor den Radsoldaten auf. So viele hat das Kitzbühler Horn schon abgeworfen, so viele Radlerherzen zermürbt und Radlerknie gemartert. Otto von Habsburg ist nun am absoluten Limit. Seine schlecht aufgepumpten Vollgummireifen kleben am Asphalt. Kein Vergleich zu den ultraleichten Carbon-Flitzern der anderen Teilnehmer! Doch er will es so. Will ehrlich gewinnen oder ehrlich untergehen. Will es an diesem Tag der Wahrheit endgültig wissen. Seine unrasierten und käsebleichen Waden glänzen schweißpoliert in der Sonne. Plötzlich scheint er langsamer zu werden, droht kurz den Anschluss zu verlieren. Er taumelt, scheint verwirrt. Ein Zusammenbruch? Doch da! Schon kämpft er sich wieder zu den drei anderen zurück. Und nicht nur das: fasst sich, fasst sich ein Herz, schaltet auf den dritten von drei Gängen, überholt seine drei Gegner und strebt mit quietschender Kette im Wiegetritt zwischen jubelnden Massen der Bergankunft entgegen. Die Menschen tragen ihn wie Meereswogen dem Ziel zu. Jetzt ist es nur noch ein Kilometer. Jetzt heißt es durchbeißen.

Doch da: Habsburg fällt vom Rad. Er bewegt sich nicht mehr. Der eilig herbeigeholte Rennarzt kann nur noch den Tod feststellen. Totale Dehydration. Rennabbruch. Die Radwelt ist geschockt, sie verliert einen ihrer ganz großen Fixsterne am Firmament. Einen, der mit seinem impulsiven Fahrstil an den ganz jungen Ullrich oder den späten Merckx erinnerte. Oder auch umgekehrt. Einen, der mit einem einfachen 25-kg Rad ohne Flaschenhalterung und mit nur drei Gängen mehr erreicht hat, als alle anderen vor ihm.

Sie nannten ihn den Radsport-Kaiser. Und unter diesem Namen wird er nun ewiglich in den Herzen der Radsportfans fortleben. Gott schütze Österreich.

phil., gr., d. (9)

Posted by on April 5th, 2010

philosophie 9 montaigne300Der Essayist [aka Michel de Montaigne]

Zunächst mal kommt Montaigne eigentlich vor Descartes. Also, so geht’s ja jetzt wirklich nicht. Man kann doch nicht einfach eine Serie über Philosophen anfangen und diese dann nicht in richtiger Reihenfolge durchziehen! Das ist letztklassig! Das ist unter aller Sau! Für so eine Schlamperei habe ich mich nicht bis zum Akademiker durchbumsen lassen! Ich kündige!

So. Der Herr hat sich also wieder beruhigt? Fein. Wo waren wir? Ah, Montaigne! Wenn die großen Philosophen die Schwergewichtsweltmeister ihrer Disziplin sind, dann muss man Montaigne eher als eine Art Fliegengewicht betrachten. Seine fachhistorische Relevanz ist gleich Null, Lehren aus seinem seinen Werk ziehen zu wollen wäre fast schon obszön und sein erkenntnistheoretischer Impact gleicht einem Rawutzer (österr. Umgangsform für Nasengrind, für unsere deutschen LeserInnen). Aber, Montaigne ist natürlich der Schöpfer der berühmten Essays. Das ist eine … na, sagen wir … Literaturform, von der bis heute kaum jemand weiß, wie man sie (literaturtechnisch betrachtet) anlegt (Tiefgründig? Hintergründig? Vielschichtig? Umsichtig? Umtriebig? Etcetera und blablabla).

Aber, hehe, trotzdem gibt es heutzutage mehr Essays als Billardkugeln in den richtigen Löchern. Denn ein Essay ist eigentlich der Sammelbegriff dafür, als Erwachsener noch einen Schulaufsatz schreiben zu dürfen, der vor Verallgemeinerungen und als Weisheit getarnten Blödheiten nur so strotzt. Aber: Es steht eben „Essay“ drauf. Und die meisten Leute, die ein oder zwei Essays geschrieben haben, schreiben früher oder später a) einen Lebensratgeber, b) ein populärphilosophisches Buch, oder werden c) Ghostwriter für irgendeinen Halbpromi, der vor lauter Prominenz nie gelernt hat, zwei Sätze aneinanderzureihen.

Aber wir sind wohl ein wenig streng, denn, und jetzt kommt’s, das war schon bei Michel de Montaigne kaum anders. Nehmen wir seinen Essay „Philosophieren heißt sterben lernen“. Wow. Tiefgründig. Hintergründig. Und so vielschichtig gedacht. Sicher umsichtig in den Schlussfolgerungen und umtriebig in den Beispielen. (Etcetera und blablabla.) Semmelbrösel! Nichts da! Keine zwei Seiten später erzählt Montaigne von Äschylus, der von einem Schildkrötenhaus erschlagen wurde. Und von Anakreon, der an einem Weinbeerkern starb. Und von Aufidius, der gegen eine Saaltür gerannt ist (was ihm offenbar den Tod gebracht hat?!). Und so geht das eine Seite lang dahin. Kann man es da den Essayisten aller Zeiten und Länder verübeln, dass sie auch so gerne dampfplaudern? Das glaubt ihr nicht? Wir übertreiben? Kurzes Zitat aus dem Essay „über die Eitelkeit“: „Keine Jahreszeit kann mich schrecken, außer der sengenden Hitze einer grellen Sonne; denn die Sonnenschirme, deren man sich in Italien seit den alten Römern bedient, belasten die Arme mehr, als dass sie den Kopf entlasten.“ Ha! Und noch mal: Ha!

Was kann uns Montaigne heute noch mit auf den Weg geben?
Nein. Sonnenschirme nicht. Das dachtet ihr jetzt, was? Ich habe genau gehört, welcher kranker Film gerade in eurem Kopf abgegangen ist. Aber so billig machen wir es uns (und euch) nicht immer. Die Sonnenschirme von Montaigne liegen ja heute alle längst verrottet im Keller seines schmucken Landhauses (das soll fast so hübsch gewesen sein, wie das von Rene Descartes, aber nicht ganz so hübsch wie das von George Clooney). Also, keine Sonnenschirme. Und auch sonst nicht viel. Lesen wir schnell noch mal die zwei Absätze durch, hmmm … na gut: Rennt nicht gegen eine Saaltür und passt auf, sollte es mal Schildkrötenhäuser regnen. Ich denke, dass sind schon ein Menge Weisheiten, die man von Michel de Montaigne mitnehmen kann. Viel mehr ist da nicht zu holen.

In der nächsten Folge: Locke & Hume. Zwei Figuren aus einem weiteren, unlesbaren Pynchon-Roman.

In tiefster Trauer …

Posted by on November 17th, 2009

farcebook deathMaximilian Zirkowitsch
* 12.11.2009, 17:20   t  12.11.2009, 17:39

„Ich bin von euch gegangen, nur für einen kurzen Augenblick und gar nicht weit.
Wenn ihr dahin kommt, wohin ich gegangen bin, werdet ihr euch fragen, warum ihr geweint habt.“ (LaoTse)

 Liebe Angehörige, liebe Freunde, liebes Redaktionsteam,

In tiefer Trauer geben wir bekannt, dass der junge Maximilian Zirkowitsch nach nur kurzer Lebensdauer von uns gegangen ist. Die Nachricht erreichte uns kurz nachdem wir ihn in den Kreis unserer Freunde aufgenommen haben. Es ging alles so schnell. Des Zirkowitschs  Leben war vielversprechend; der stramme Junge war gesund, munter und voller Hoffnungen und Ziele. Seine Augen blau wie sein Blut.  Sie durften die Geburt seiner Online-Identität als Zeugen miterleben. Ganz unerwartet, nur wenige Stunden später, während der Gesundheitsanamnese, musste der Suizid des kleinen Maximilian auf Facebook festgestellt werden.

Max, wir vermissen dich. Ruhe in Frieden.

Die Beisetzung muss aufgrund des schlechten Wetters ausfallen. Der Grabstein steht schon.
Kondolenzsprüche sind zu richten an: office@hydrazine.at

Fassungslos und geschockt
Die Redaktion
Gez.: Justus, Matthi & Sophie

 
Matrattel Mazirki Lilli Peterska Espresso Revue Kevin Goes ...