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phil., gr., d. (9)

Posted by on April 5th, 2010

philosophie 9 montaigne300Der Essayist [aka Michel de Montaigne]

Zunächst mal kommt Montaigne eigentlich vor Descartes. Also, so geht’s ja jetzt wirklich nicht. Man kann doch nicht einfach eine Serie über Philosophen anfangen und diese dann nicht in richtiger Reihenfolge durchziehen! Das ist letztklassig! Das ist unter aller Sau! Für so eine Schlamperei habe ich mich nicht bis zum Akademiker durchbumsen lassen! Ich kündige!

So. Der Herr hat sich also wieder beruhigt? Fein. Wo waren wir? Ah, Montaigne! Wenn die großen Philosophen die Schwergewichtsweltmeister ihrer Disziplin sind, dann muss man Montaigne eher als eine Art Fliegengewicht betrachten. Seine fachhistorische Relevanz ist gleich Null, Lehren aus seinem seinen Werk ziehen zu wollen wäre fast schon obszön und sein erkenntnistheoretischer Impact gleicht einem Rawutzer (österr. Umgangsform für Nasengrind, für unsere deutschen LeserInnen). Aber, Montaigne ist natürlich der Schöpfer der berühmten Essays. Das ist eine … na, sagen wir … Literaturform, von der bis heute kaum jemand weiß, wie man sie (literaturtechnisch betrachtet) anlegt (Tiefgründig? Hintergründig? Vielschichtig? Umsichtig? Umtriebig? Etcetera und blablabla).

Aber, hehe, trotzdem gibt es heutzutage mehr Essays als Billardkugeln in den richtigen Löchern. Denn ein Essay ist eigentlich der Sammelbegriff dafür, als Erwachsener noch einen Schulaufsatz schreiben zu dürfen, der vor Verallgemeinerungen und als Weisheit getarnten Blödheiten nur so strotzt. Aber: Es steht eben „Essay“ drauf. Und die meisten Leute, die ein oder zwei Essays geschrieben haben, schreiben früher oder später a) einen Lebensratgeber, b) ein populärphilosophisches Buch, oder werden c) Ghostwriter für irgendeinen Halbpromi, der vor lauter Prominenz nie gelernt hat, zwei Sätze aneinanderzureihen.

Aber wir sind wohl ein wenig streng, denn, und jetzt kommt’s, das war schon bei Michel de Montaigne kaum anders. Nehmen wir seinen Essay „Philosophieren heißt sterben lernen“. Wow. Tiefgründig. Hintergründig. Und so vielschichtig gedacht. Sicher umsichtig in den Schlussfolgerungen und umtriebig in den Beispielen. (Etcetera und blablabla.) Semmelbrösel! Nichts da! Keine zwei Seiten später erzählt Montaigne von Äschylus, der von einem Schildkrötenhaus erschlagen wurde. Und von Anakreon, der an einem Weinbeerkern starb. Und von Aufidius, der gegen eine Saaltür gerannt ist (was ihm offenbar den Tod gebracht hat?!). Und so geht das eine Seite lang dahin. Kann man es da den Essayisten aller Zeiten und Länder verübeln, dass sie auch so gerne dampfplaudern? Das glaubt ihr nicht? Wir übertreiben? Kurzes Zitat aus dem Essay „über die Eitelkeit“: „Keine Jahreszeit kann mich schrecken, außer der sengenden Hitze einer grellen Sonne; denn die Sonnenschirme, deren man sich in Italien seit den alten Römern bedient, belasten die Arme mehr, als dass sie den Kopf entlasten.“ Ha! Und noch mal: Ha!

Was kann uns Montaigne heute noch mit auf den Weg geben?
Nein. Sonnenschirme nicht. Das dachtet ihr jetzt, was? Ich habe genau gehört, welcher kranker Film gerade in eurem Kopf abgegangen ist. Aber so billig machen wir es uns (und euch) nicht immer. Die Sonnenschirme von Montaigne liegen ja heute alle längst verrottet im Keller seines schmucken Landhauses (das soll fast so hübsch gewesen sein, wie das von Rene Descartes, aber nicht ganz so hübsch wie das von George Clooney). Also, keine Sonnenschirme. Und auch sonst nicht viel. Lesen wir schnell noch mal die zwei Absätze durch, hmmm … na gut: Rennt nicht gegen eine Saaltür und passt auf, sollte es mal Schildkrötenhäuser regnen. Ich denke, dass sind schon ein Menge Weisheiten, die man von Michel de Montaigne mitnehmen kann. Viel mehr ist da nicht zu holen.

In der nächsten Folge: Locke & Hume. Zwei Figuren aus einem weiteren, unlesbaren Pynchon-Roman.

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Philosophen, großen, die; Teil 7

Posted by on März 21st, 2010

philosophie 7 mittelalterKapitel 7
Das dunkle, dunkle Mittelalter

Das Mittelalter war wirklich finster. Das Mittelalter war so finster, dass jeder Historiker, der darüber schreiben will, ein Nachtsichtgerät braucht. Das Mittelalter war so finster, dass sie damals den Mond für die Sonne hielten (denn die Sonne drehte sich ja um die Erde, war also immer irgendwo, diese gelbe Sau). Das Mittelalter war so finster … na gut, lassen wir diesen Stand-Up-Comedian-Unfug. Im Mittelalter ging’s der Philosophie jedenfalls schlecht, und das schon seit geraumer Zeit. Erst haben die Römer alles von den Griechen abgekupfert, und während das römische Imperium in sich zusammensank wie ein Käsesouffle von Gaston, waren Dutzende Mönche und Klosterschreiberlinge damit beschäftigt, den Gedankenramsch von Römern und Griechen unter die große Käseglocke des Katholizismus zu zwängen. Seither stinkt jede Form der abendländischen Philosophie nach katholischem Emmentaler. Weich in den Schlussfolgerungen, löchrig in den Letztbegründungen.

Natürlich gab es trotzdem ein paar kluge Kerlchen im Mittelalter, die einfach nur Pech hatten, dass sie in so finsteren Zeiten auf die Welt gekommen waren. Ein paar Jahrhunderte früher oder später, und sie wären fein raus – und könnten sich posthum den Titel „Klassiker“ auf ihren Grabstein eingravieren lassen. Es gab etwa eine Reihe arabischer Philosophen (Hört, Hört!), wie etwa Avicenna, Maimonides oder Averroes. Uns es gab einen Typen namens Augustinus, der seine Mutti sehr lieb hatte. Außerdem waren da Johannes Scotus Eriugena, Abaelard oder Thomas von Aquin, aber da die damals nicht einmal wussten, was ein Ranking ist, macht es wenig Sinn, eine Top 10 der mittelalterlichen Philosophen zu präsentieren. (Wofür denn auch?)

Wer das gar nicht glauben will, dem sei ausnahmsweise weiterführende Lektüre empfohlen (ah, welch schöne Phrase). Die „Kleine Geschichte der Mittelalterlichen Philosophie“ von Luciano De Crescenzo beantwortet alle Fragen, die wir in diesem Kapitel nicht gestellt haben.

Was kann uns diese Zeit der Finsternis heute noch mit auf den Weg geben?
Tja. Das ist das Tolle an der Philosophie. Sie kann uns auch noch dann etwas lehren, wenn sie gar nicht vorhanden ist. Denn was uns das dunkle Mittelalter vor allem lehrt, ist die simple Erkenntnis, dass es nicht gleich sein muss, dass nichts in der Gegend herumsteht, nur weil wir den Lichtschalter nicht finden. Es ist natürlich Blödsinn anzunehmen, dass zwischen, sagen wir mal, 200 und 1300 nach Christi nur Idioten herumgelaufen sind oder die Leute plötzlich aufgehört haben zu fragen, worum es denn überhaupt geht im Leben. Aber die Mönche damals durften der Nachwelt die wirklich bangen Fragen ihrer Zeit nicht hinterlassen, weil die frühkatholische Zensur jeden Satz ausradierte, in dem nicht mindestens zweimal „Gelobt sei Gott!“ vorkam. Aber vermutlich haben in dieser Zeit einige der klügsten Köpfe gelebt, die je auf Erden wandelten. Nur weiß niemand nichts darüber. Während Hohlköpfe wie Paris Hilton oder Richard Lugner heute jeder Säugling kennt.

Im nächsten Kapitel betreten wir die Neuzeit. Aber nur keine Angst, in diesem Zimmer ist es geheizt.

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