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Posts Tagged ‘Philosophie’

der club der toten eichhörnchen

Posted by curtcuisine on Mai 23rd, 2010

philosophie 15 pragma 300Der Pragmatismus
William James verkleidete sich gerne als Eichhörnchen und kletterte so auf Bäume (wie er das mit dem Größenunterschied hinbekam, müsst ihr ihn selbst fragen). Dabei stellte er fest, dass er auf der einen Seite des Baumstammes etwas ganz anderes sah wie auf der anderen Seite*. „Potzblitz!“, dachte James (auf englisch natürlich), „das ist ja wie in der Philosophie! Jeder sieht nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit!“ Diese Beobachtung fand er so toll, dass er nicht nur einen Eichhörnchenklub gründete, sondern auch die Philosophie des Pragmatismus formulierte. Diese sei eine Art Metaphilosophie, wie ein Korridor, der zu den einzelnen Philosophien führt. Alle anderen Philosophien haben auch irgendwie recht, aber da keine vollkommen sei, ist es besser, den Korridor entlang zu spazieren und stets den Überblick zu bewahren.

Klingt irgendwie cool … und irgendwie auch ein wenig feig. Nicht umsonst klingt Pragmatismus ein wenig nach Pragmatisierung. Es hat was von Verwaltung und Beamtentum, aber was James vorschwebte waren nette Beamten. Beamten, die vor allem eines wollten: Das Wohl aller (bzw. möglichst vieler). Wobei diese Idee eigentlich von John Dewey formuliert wurde. Dewey meinte, es sei Aufgabe der Philosophen, sich mit den „sozialen und moralischen Konflikten ihrer eigenen Tage“ zu beschäftigen. Wow! Klingt irgendwie brauchbar, aber das sollte nicht verwundern, denn Dewey war auch ein Sozialpädagoge. Und da sind wir wieder bei den pragmatisierten Verwaltungsbeamten …

Es gab noch einen wichtigen Herren unter den Pragmatisten, nämlich Charles Saunders Peirce. Peirce hatte einen so coolen Namen, dass er sich Zeit seines Lebens fragte, ob Namen und Begriffe nicht eine besondere Bedeutung hätten bzw. ob sich dahinter nicht ein (symbolisches) Prinzip verberge. So kam er auf seine Zeichenlehre, die vor allem in Kunsthochschule und Werbegrafikinternierungslagern für Furore sorgte. Aber innerhalb der Philosophie ist die Zeichenlehre heute eher etwas für Leute, die um keinen Preis wahrhaben wollen, dass mathematische Logik erst fassbar wird, wenn man sie in Begriffe kleidet. „1 + 1 = 2“ ist zwar schön und gut, aber für sich genommen doch irgendwie abstrakt. Außer eben ich verwandle es in eine sinnvolle Aussage, z. B.: „Ich habe dir vorgestern einen Euro geborgt und gestern einen Euro geborgt, also schuldest du mir heute zwei Euro, du Arschgeige!“ Das ist zwar makellose Logik, aber schon geht es wieder los mit den Sprachproblemen. Was heißt gestern, was heißt heute? Was bedeutet schon borgen? Und überhaupt, was ist mit Arschgeige gemeint? Und wen kümmert schon eine lächerliche Schuldenarithmetik, wenn Arschgeige drei große Brüder hat?

Und genau das ist der Punkt der pragmatischen Philosophie. Arschgeige und seine drei Brüder sind eigentlich viel wichtiger für uns, als die Frage, ob Eins und Eins wirklich Zwei ist. Charles Saunders Peirce und seine Zeichenlehre hingegen kann man getrost vergessen (trotzdem ist das natürlich ein sehr schöner Name für einen Philosophen).

Was kann uns der Pragmatismus heute noch mit auf den Weg geben?
Das Coole am Pragmatismus ist natürlich der endgeile Ausweis für den superschlauen Eichhörnchenklub. Mit diesem Ausweis geht es dir wie Tick, Trick und Track bei Fähnlein Fieselschweif, denn du weißt immer eine Gegenfrage, die jede noch so superintellektuelle Nasenbohrerei aus den Angeln hebt. „Und, was bringt das jetzt? Wie macht das die Welt besser?“ Aber das funktioniert natürlich nur bei intellektuellen Arschgeigen. Sobald du an eine/n Sozialarbeiter/in gerätst, ist der Ofen aus. Dann kriegst du nämlich eins auf die Löffel, „weil du dich genauso wenig einbringst und emotional irgendwie total verklemmt wirkst …“. So, und was jetzt? Am besten SozialarbeiterInnen generell aus dem Weg gehen. Aber wussten wir das nicht vorher schon?

Nächste Wochen zünden wir das Dynamit in uns und entdecken, während es uns zerreißt, dass ein ganzes Weltall in uns schlummert. Und dann wachen wir auf … und die Nazis sind an der Macht.

* Also ganz ehrlich? Die Geschichte mit dem Eichhörnchen war ein bisschen komplizierter, aber sie war uns einfach nicht mehr als drei Zeilen wert …

philosophie 14 hegel 300Georg Wilhelm Friedrich Salbenreich Bahnengolf Sedwick Putz dir die Zähne du Arschloch von und Weltgeist zu Hegel
Ach, Hegel. Ja, Hegel, dieser Hegel. Nein wirklich. Also mit diesem Hegel … Hegel, Hegel, Hegel, Hegel. Also im Ernst, über diesen Hegel … nein, mit diesem Hegel … man weiß nicht so recht, wie man es anfangen soll mit diesem Hegel. Hm. Ich kannte mal einen Typen, der hieß Haigl. Aber was ich über den zu erzählen wüsste, ist nicht jugendfrei. Aber natürlich, das sind ganz verschiedene Menschen. Schreiben sich auch ganz anders. Aber wenn man es schlampig ausspricht … ein Kärntner zum Beispiel. So ein richtiger, gestandener, saublöder, weil fpöwählender Kärntner, wenn der den Namen Haigl ausspricht, dann klingt das doch glatt wie Hegel. Und wenn wir vorher die Thesis vertreten haben, das Haigl und Hegel zwei völlig verschiedene Menschen sind, dann wäre das nun die Antithesis – dass aus dem Mund eines Kärtners beide vielleicht doch genau dieselben wären.

Ach, Hegel. Ja, Hegel, dieser Hegel. Nein wirklich. Hegel ist nicht Haigl (= Thesis), aber auf kärntnerisch ist Hegel doch gleich Haigl (= Antithesis). Also folgt daraus zwingend die Synthesis, dass beide dieselben sind und eben doch nicht. Sie ergeben zusammen mehr, die Widersprüchlichkeit eines ganzen Menschen, Philosoph und Vollhirni, Herr und Knecht, die einander bedingen, sich existenziell zueinander raufen. Der Philosoph und sein perverses Abbild. Ein fader Stubenhocker, der nichts von der Welt gesehen hat, aber trotzdem dauernd vom Weltgeist spricht und große Skizzen vom Ende der Geschichte (und der Philosophie sowieso) entwirft. Und ein werktätiger Otto Normalstraßenverbraucher, der vor lauter Alltag zu stubenhocken vergessen hat und darum unwählbare Parteien wählt, am Stammtisch gröhlt und was sonst noch alles. Ach, Haigl. Ja, Hegel, dieser Haigl. Nein wirklich, man kommt auf keinen grünen Zweig mit diesem HegelHaiglHegelHaigl. Man kann ihn hassen oder man kann ihn hassen. Aber beides kann man nicht. Das ist so sicher, wie auf Thesis und Antithesis die Synthesis folgt. Wie war das gleich noch mal mit dem Ende der Philosophie?

Was kann uns Hegel bzw. Haigl heute noch mit auf den Weg geben?
Also ganz sicher weiß ich es bei Haigl. Lasst Eure Finger von Sexversandhäusern. Geht hin und wieder auf die Straße, lasst euch blicken, geht unter Menschen, versucht Frauen nicht zu vergöttern, entwickelt keinen Kult um irgendwelche Menschen oder Konsumprodukte und putzt euch öfters die Schuhe. Das wäre es dann im Prinzip auch schon. Was uns Hegel mit auf den Weg geben kann? Dass es mal Zeiten gegeben hat, wo es ein Job war, sich über hunderte Seiten lang mit Begriffen abzumühen und zu keinem Ende zu kommen? Dass es genügt, sich ein umfangreiches Konvolut aus tiefsinnig klingend Gedanken abzuringen, damit noch Jahrhunderte später realitätsverschonte Intellektuelle ein spitzfindiges Hobby haben? Keine Ahnung. Ist uns irgendwie so Hegel wie Haigl.

Nächste Woche gehen wir durch einen Korridor und schauen in von dort in weitere Korridore. Und von diesen Korridoren schauen wir dann wieder … ja, ja, ist Philosophie, schon vergessen?

philosophie xiii

Posted by curtcuisine on Mai 9th, 2010

philosophie 13 fichte schop 300Johann Gottlieb Fichte und Arthur Schopenhauer

Johann Gottlieb Fichte und Arthur Schopenhauer haben auf den ersten Blick gar nichts miteinander gemeinsam. Eigentlich auch auf den zweiten Blick nicht. Und auf dem dritten Blick erst … na, wir wollen es nicht übertreiben. Jedenfalls: Fichte war ein ganz schlimmer Finger unter den deutschen Idealisten, eigentlich der erste, und irgendwie auch der Schlimmste. Für ihn bestand die Welt nur aus einem Begriff, das „Ich“. Alles andere war das „Nicht-Ich.“ Darum auch lautete der zweite Grundsatz seiner Wissenschaftslehre tiefschürfender Weise: „Ich ist nicht Nicht-Ich.“ (Mhm. Ich weiß genau, was ihr jetzt denkt. Übrigens auch, was ihr letzten Sommer gedacht habt.) Schopenhauer hingegen wurde dafür bekannt, dass er die Welt als Jammertal bezeichnete. Nach Schopenhauer gibt es gar keinen festen Boden unter unseren Füßen, denn alle Städte und Täler sind überflutet von unseren Tränen. Darum können wir uns praktisch nur auf mitleiderregende Weise (vermutlich in lecken Booten) fortbewegen.

Aber noch mal kurz zurück zum Anfang. Was Schopenhauer und Fichte verbindet, ist eine Unsitte, der schon viele Philosophen vor ihnen und auch nach ihnen verfallen sind, die aber niemals so arg war wie zu Zeiten des deutschen Idealismus (und das obwohl Schopenhauer die Idealisten, insbesondere Hegel gehasst hat). Es geht um die Begriffsgläubigkeit. Zu glauben, dass man nur den richtigen Begriff finden muss, um eine Erklärung für alle Dinge zu finden. Für gläubige Menschen ist das etwa der Begriff „Gott“ (oder auch das „Schicksal“), profanere Naturen sprechen lieber vom „Zufall“ und an vielen Stammtischen ist dieser Begriff meist eine Floskel, die jeder kennt: „Es ist alles so kompliziert.“ Ganz schlaue Philosophen bezeichnen das als metaphysische Schlussformel, quasi der Versuch, die Matratze, auf der wir den Handstand unseres Denkens vollführen, als unhintergehbar (absolut, endgültig, allumfassend) zu bezeichnen. Das geht natürlich nicht. Denn hinter jeder Antwort steht immer noch eine Frage. (z. B. „Wos wüst, Oida?)

Schopenhauer glaubte, diese Schlussformel im Wort „Wille“ gefunden zu haben (darum: „Die Welt als Wille und Vorstellung“). Im Willen findet sich für ihn nicht nur die Essenz des menschlichen Wesens, sondern auch die der Natur bzw. Gottes. Alles keimt aus dem Willen. Fichte hingegen war ganz scharf auf das Wörtchen „Ich“, vermutlich deswegen, weil es in seinem Namen vorkam (irgendwie recht egomanisch der Typ). Fichte trieb diese Begriffsspielerei übrigens so weit, dass er sich vor lauter Ich’s in seinem Werk gar nicht mehr auskannte und am Ende doch Gott zum Obermacker ernannte. Tja. Vermutlich hat ihm seine Frau erklärt, dass er sein Ich endlich mal in die Küche schwingen soll, um den Abwasch (Nicht-Ich) zu erledigen. Fichte darauf: „Oh, Gott!“

Was können uns Schopenhauer und Fichte heute noch mit auf den Weg geben?
Gar nichts. Also wirklich. Null. Niente. Nothing. Aber … wir können aus ihren Fehlern lernen. Ein Jammer allerdings, dass wir damit ganz alleine sind. Denn was Fichte und Schopenhauer verbrochen haben, das ist genau das, was alle dahergelaufenen Mentaltrainingsfuzzis, alle abgehalfterten Karriereberater, alle schlecht bezahlten Unternehmensberater und alle selbsternannten NLP-Koryphäen nach wie vor praktizieren. Deren Weisheit besteht auch stets darin, für eine Handvoll banale Erkenntnisse eine Handvoll trendiger Keywords und Phrasen zu finden, die sie dann als der Weisheit letzter Schluss verchecken. Ja, das funktioniert meist auch. Am besten vor zahlendem Publikum. Genau darum hatte Schopenhauer doch ein wenig recht … die Welt ist ein Jammertal.

Nächste Woche lernen wir Herrn Hegel kennen. Und auch einen gewissen Herrn Anti-Hegel. Und dann noch den Herrn Synthie-Hegel. Der spielte Keyboard in einer Progrockband Mitte der 1970er, die heute zum Glück keine Sau mehr kennt.

die großen parkbänke unserer zeit

Posted by curtcuisine on April 18th, 2010

philosophie 11 jjr 300Jean-Jacques Rousseau

Jean-Jacques Rousseau hatte die Natur sehr, sehr lieb. Immer wieder rief bzw. schrieb er: „Zurück zur Natur!“ Aber das tat er meistens in einer kleinen, stickigen Schreibkammer, denn der Mann kam eigentlich kaum raus in die freie Natur, er hat immer nur geschrieben. Nicht nur Philosophie, sondern auch elendslange Romane (z.B. „Emil oder die Erziehung“) oder eine noch elendslängere Autobiographie („Bekenntnisse“). Laptops (und Facebook) gab’s damals noch nicht, also musste er sich die Finger wund schreiben mit klecksenden Straußenfedern. Am Ende saß er dann alleine da, die Finger taten ihm weh und waren schmutzig, und er konnte gar nichts mehr machen damit. Dabei hätte er so gerne, nur ganz kurz, ist eh niemand da, psst,  still und heimlich, unter der Bettdecke …

Die Sache war nämlich so. Rousseau war ein bisschen ein Muttersöhnchen, der aber gerne ein harter Kerl gewesen wäre. Daraus hat er sich eine kleine Philosophie gebastelt. Die Vernunft und die Wissenschaft verweichlichen den Menschen, verformen ihn wider seine „Natur“. Streng muss er erzogen werden, damit er nicht degeneriert, sondern den Atem der „Natur“ wieder fühlen kann. (Ja, so etwas hörte man damals gerne.) Nur kam zwei Jahrhunderte ein anderer Philosoph namens Jacques Derrida, der sich den Spaß machte, das, was Rousseau über die Natur, die Gesellschaft und den Ursprung aller Dinge schrieb, mit dem zu vergleichen, was er über seine Mami und vor allem übers Onanieren schrieb, und, oje, ihr könnt euch vorstellen, wie das ausging. Da gab es ganz üble Parallelen.

Das war gemein von diesem Derrida (keine Sorge, der kommt auch noch dran in dieser Reihe), aber was Derrida eigentlich zeigen wollte, war, dass es kein sogenanntes kausales Denken gibt, also zumindest keines, das mit mathematischer Präzision funktioniert. Sondern es menschelt in jedem noch so streng, stringent oder folgerichtig anmutenden Gedankengang. Aber Derrida wäre nicht einer der am schwierigsten zu verstehenden Philosophen, wenn es das alleine schon wäre (oje, jetzt wird’s kompliziert). Derrida wollte darüber hinaus zeigen, dass das nichts mit einer Verpsychologisierung des Denkens zu tun hat, sondern dass das sprach- und schriftimmanent ist. Mit anderen Worten, unsere Sprache (und ein anderes Werkzeug zum Denken haben wir nicht) nährt sich aus subjektiven, schwammigen („parasitären“) Bedeutungen. Sobald wir mehr sagen als 1 + 1 = 2, stehen wir schon knöcheltief in der Subjektivität.

O.k., das war jetzt sehr theoretisch. Wie war das nochmals genau bei Rousseau? Leider auch sehr kompliziert, aber sagen wir mal, dass Rousseau oft und gerne darüber schrieb, dass man irgendwie zurück zur „Natur“ müsse, weil diese der Ursprung sei, aber eigentlich soll man nicht zurück zum Ursprung, weil sich der Mensch ja weiter entwickeln soll. Und weil das irgendwie alles unmöglich ist, hat man es die ganze Zeit mit „Ersatzhandlungen“ zu tun (Reflektieren, Denken, Vernunft), die versuchen, diese Ursprünglichkeit herzustellen. (Klingt das wie ein Haufen Hühnerkacke? Na ja, ist halt Philosophie). Nun, jetzt ersetzt „Natur“ mit „Mama“ und „Ersatzhandlung“ mit „Onanieren“. Dann wisst ihr ungefähr, worauf Derrida hinweisen wollte.

Was kann uns Jean-Jacques Rousseau heute noch mit auf den Weg geben?
Dieser arme Mann! Einst eine Kultfigur, ja, ein Leitstern für Philosophen und Pädagogen – und heute das. Aber genau das ist die „Lehre“. Wenn man Aussagen wie „Zurück zur Natur!“, „Rettet die Wale!“ oder „Fickt das System!“ auf den Lippen hat, sollte man nicht ins nächste Kämmerchen flüchten und einen klugen Text darüber schreiben, sondern es einfach machen. (Ja, auch das mit dem System. Tut es einfach!) Andernfalls schwafelt man nur daher … und es dauert nicht lange,  bis so ein Pedant wie Jacques Derrida kommt und aller Welt beweist, dass man gar nicht über die Natur, die Wale oder das System geplaudert hat, sondern über intime Gewissensbisse, die man zu einem riesigen Gedankengebäude aufgebaut hat … au Backe, was für eine traurige Lektion fürs Leben. Na ja, die Philosophie ist halt nicht immer heiter.  (Und bedenkt, heute hat sie wirklich einen mächtigen Kater.)

Nächste Woche besuchen wir den Alleszertrümmerer. Aber wir müssen uns beeilen, denn Immanuel Kant war Zeit seines (akademischen) Lebens nur von 16.33 Uhr bis 16.37 Uhr ansprechbar. Den Rest seines Tages hat er ausschließlich Mantarochen dressiert.

was? schon folge 10?

Posted by curtcuisine on April 11th, 2010

philosophie 10 hlh300Hobbes, Locke & Hume

Thomas Hobbes, John Locke & David Hume waren fast so etwas wie die Dicks und Doofs des englischen Empirismus, nur dass sie eben zu Dritt waren. Dieses Empirismusdings jedenfalls hat Hobbes angefangen, Locke weitergeführt (beide eher dürr) und Hume (der Mann war wirklich beleibt) zur Vollendung gebracht. Empirismus also mit Vollendung. Übrigens eine im Rotlichtmilieu durchaus gebräuchliche Phrase. Kommt zur Anwendung, wenn eine ausgebeutete und zur Prostitution gezwungene und erniedrigte Frau (Nutte darf man ja nicht mehr sagen) vor einem, sagen wir mal, Philosophen kniet. Damit sind wir auch mehr oder weniger beim Ursprung alles menschlichen Lebens angelangt und damit in der hervorragenden Lage, den besonderen Clou des englischen Empirismus zu erklären.

Dieser bezog sich nämlich weniger aufs Erbsenzählen (siehe Kapitel V, Aristoteles) sondern auf eine Philosophy of Mind. Ja, aber was ist denn das? Stellt euch vor, all eure Gedanken wären eine Tafel. Keine Schokoladetafel, sondern eine Schiefertafel in der Schule. O. k., ihr habt Probleme damit, weil ihr euch vorstellt, wie eine dicke Dampfwalze über euren Schädel rollt und ihr seht vor allem, wie das Blut wegspritzt und habt keine Ahnung, wie ihr es vom Asphalt abkratzen sollt, um es auf eine Tafel zu spachteln. Aber das sind nur Details. Was Dick, Doof & Doof, also Hobbes, Locke & Hume sagen wollten ist, dass unsere Gedanken am Anfang unseres Lebens unbeschrieben wie eine Schiefertafel sind. Erst die Erfahrungen, die wir so sammeln, bekritzeln diese Tafel mit Formeln und Zeichen. Und unser Intellekt ist dann wie ein Mathematiker oder Oberlehrer und verknüpft das ganze Gekritzel zu einem sinnvollen Ganzem.

Über diese „Theorie“ waren sich Hobbes, Locke & Hume mehr oder wenig einig, wobei Hobbes das nur angedeutet hat, die Tafel voll gekritzelt haben dann vor allem Locke & Hume. Worüber sich die drei aber gar nicht einigen konnten, war die Frage, was das eigentlich für unsere Gesellschaft bedeutet. Denn wenn die Tafel bei allen am Anfang leer ist, wären wir ja alle irgendwie gleich. Das wäre aber Kommunismus! Igitt! Außerdem wurde der erst ein gutes Jahrhundert später erfunden. Darum haben Hobbes & Locke beschlossen, die Sache einem Juristen zu übergeben. Denn bei Hobbes wäre die Gesellschaft sonst ein Monster (das er „Leviathan“ nannte, ah … jetzt klingelt’s!), Locke hingegen schwafelte die ganze Zeit von einem „Gesellschaftsvertrag“, der unbedingt nötig wäre. Sprich: die beiden gingen wohl davon aus, dass sich  die Menschen ohne Verträge eher wie Tiere zueinander verhalten würden. Hume hingegen sah das ein wenig neutraler, für ihn frommte der Zweck den Menschen. Er meinte, die Menschen würden zwangsläufig einsehen, dass das, was nützlich für alle sei, auch für sie selbst nützlich sei (das wird übrigens mit einem nahezu unaussprechlichen Wort bezeichnet, nämlich Utilitarismus). Das klingt eigentlich recht vernünftig, allerdings lässt Hume den Menschen im Grunde gar keine Wahl. Für ihn funktionieren wir nämlich alle wie Uhrwerke. Tick, tack, tick, tack. Ja, komisch, gell, worauf man mit so einer Schiefertafel alles kommen kann …

Was können uns Hobbes, Locke & Hume heute noch mit auf den Weg geben?
Zunächst mal die Erkenntnis, dass Philosophen, auch wenn sie älter geworden sind, trotzdem hin und wieder in einer Schule vorbeischauen sollten. Denn eine Schultafel ist nie leer, da steht jeden morgen immer was Obszönes drauf („Fickt Mathe“ oder „Hosen runter, Herr Direktor“). Und damit sollte eigentlich schon klar sein, dass diese Blanke-Tafel-Theorie reiner Unfug ist. Die Wahrheit ist: Noch bevor wir auf die Welt kommen, sind wir schon angeschmiert. Gerade darum sollte man sich Gedanken drüber machen, wie man diese Schmiere (meistens stinkt sie nach Gaga oder zumindest nach Geld, das die einen haben, die anderen aber nicht) halbwegs gerecht verteilt. Aber ob man diese Sache einem Juristen anvertrauen soll … na, ich weiß nicht.

Nächste Woche besuchen wir Jean-Jacques Rousseau in seiner Hütte im Grünen. Schnuckelig ist es dort aber nicht, soviel können wir schon verraten.

phil., gr., d. (9)

Posted by curtcuisine on April 5th, 2010

philosophie 9 montaigne300Der Essayist [aka Michel de Montaigne]

Zunächst mal kommt Montaigne eigentlich vor Descartes. Also, so geht’s ja jetzt wirklich nicht. Man kann doch nicht einfach eine Serie über Philosophen anfangen und diese dann nicht in richtiger Reihenfolge durchziehen! Das ist letztklassig! Das ist unter aller Sau! Für so eine Schlamperei habe ich mich nicht bis zum Akademiker durchbumsen lassen! Ich kündige!

So. Der Herr hat sich also wieder beruhigt? Fein. Wo waren wir? Ah, Montaigne! Wenn die großen Philosophen die Schwergewichtsweltmeister ihrer Disziplin sind, dann muss man Montaigne eher als eine Art Fliegengewicht betrachten. Seine fachhistorische Relevanz ist gleich Null, Lehren aus seinem seinen Werk ziehen zu wollen wäre fast schon obszön und sein erkenntnistheoretischer Impact gleicht einem Rawutzer (österr. Umgangsform für Nasengrind, für unsere deutschen LeserInnen). Aber, Montaigne ist natürlich der Schöpfer der berühmten Essays. Das ist eine … na, sagen wir … Literaturform, von der bis heute kaum jemand weiß, wie man sie (literaturtechnisch betrachtet) anlegt (Tiefgründig? Hintergründig? Vielschichtig? Umsichtig? Umtriebig? Etcetera und blablabla).

Aber, hehe, trotzdem gibt es heutzutage mehr Essays als Billardkugeln in den richtigen Löchern. Denn ein Essay ist eigentlich der Sammelbegriff dafür, als Erwachsener noch einen Schulaufsatz schreiben zu dürfen, der vor Verallgemeinerungen und als Weisheit getarnten Blödheiten nur so strotzt. Aber: Es steht eben „Essay“ drauf. Und die meisten Leute, die ein oder zwei Essays geschrieben haben, schreiben früher oder später a) einen Lebensratgeber, b) ein populärphilosophisches Buch, oder werden c) Ghostwriter für irgendeinen Halbpromi, der vor lauter Prominenz nie gelernt hat, zwei Sätze aneinanderzureihen.

Aber wir sind wohl ein wenig streng, denn, und jetzt kommt’s, das war schon bei Michel de Montaigne kaum anders. Nehmen wir seinen Essay „Philosophieren heißt sterben lernen“. Wow. Tiefgründig. Hintergründig. Und so vielschichtig gedacht. Sicher umsichtig in den Schlussfolgerungen und umtriebig in den Beispielen. (Etcetera und blablabla.) Semmelbrösel! Nichts da! Keine zwei Seiten später erzählt Montaigne von Äschylus, der von einem Schildkrötenhaus erschlagen wurde. Und von Anakreon, der an einem Weinbeerkern starb. Und von Aufidius, der gegen eine Saaltür gerannt ist (was ihm offenbar den Tod gebracht hat?!). Und so geht das eine Seite lang dahin. Kann man es da den Essayisten aller Zeiten und Länder verübeln, dass sie auch so gerne dampfplaudern? Das glaubt ihr nicht? Wir übertreiben? Kurzes Zitat aus dem Essay „über die Eitelkeit“: „Keine Jahreszeit kann mich schrecken, außer der sengenden Hitze einer grellen Sonne; denn die Sonnenschirme, deren man sich in Italien seit den alten Römern bedient, belasten die Arme mehr, als dass sie den Kopf entlasten.“ Ha! Und noch mal: Ha!

Was kann uns Montaigne heute noch mit auf den Weg geben?
Nein. Sonnenschirme nicht. Das dachtet ihr jetzt, was? Ich habe genau gehört, welcher kranker Film gerade in eurem Kopf abgegangen ist. Aber so billig machen wir es uns (und euch) nicht immer. Die Sonnenschirme von Montaigne liegen ja heute alle längst verrottet im Keller seines schmucken Landhauses (das soll fast so hübsch gewesen sein, wie das von Rene Descartes, aber nicht ganz so hübsch wie das von George Clooney). Also, keine Sonnenschirme. Und auch sonst nicht viel. Lesen wir schnell noch mal die zwei Absätze durch, hmmm … na gut: Rennt nicht gegen eine Saaltür und passt auf, sollte es mal Schildkrötenhäuser regnen. Ich denke, dass sind schon ein Menge Weisheiten, die man von Michel de Montaigne mitnehmen kann. Viel mehr ist da nicht zu holen.

In der nächsten Folge: Locke & Hume. Zwei Figuren aus einem weiteren, unlesbaren Pynchon-Roman.

die großen philosophen (8)

Posted by curtcuisine on März 28th, 2010

philosophie 8 descartes gRené Descartes & sein Kamin

Also dieser René Descartes, der hatte ein cooles Landhaus. Da war es wirklich schnuckelig. Und er hatte einen von diesen gemütlichen Kaminen, die man manchmal im Spätabendprogramm auf grindigen Fernsehsendern sieht. Er war so verknallt in seinen Kamin, dass er ihm einen philosophischen Text widmet (na gut, okay, zumindest Teile davon): „Wie oft doch kommt es vor, dass ich [mir einbilde], dass ich, mit meinem Rocke bekleidet, am Kamin sitze […], während ich doch entkleidet im Bette liege.“ Probleme hatte der, nicht? Und ständig erzählte er davon, dass ihm ganz heiß oder ganz kalt war, was er unzweifelhaft spüren würde, also eine gesicherte Erkenntnis sei. Wenn man also einen feinen Kamin hat und diesen einheizt, dann ist es so sicher wie das Amen im Gebet, dass es bald warm im Haus wird und es daran nichts zu zweifeln gibt. Diesen Text nannte er „Meditationen“, und er wird heute noch im gut sortierten Baustofffachhandel als Liebhaberlektüre für Landhausbesitzer verhökert.

Ein Satz aus diesen Meditationen wurde allerdings so berühmt, dass ihn seither jeder Straßenjunge von Lissabon bis Hammerfest auswendig kann und auch seine eigenen Schlüsse daraus gezogen hat: „Ich denke, also bin ich.“ Und nein, wir versuchen Euch jetzt nicht zu erklären, dass es eigentlich „Ich heize, also bin ich“ hieß, sondern weil es uns gerade am Arsch kratzt (wir also das Gefühl haben, als hätte uns Sokrates gerade gefickt) wollen wir mal ein bisschen klugscheißen und erklären, dass es bei diesem Satz mitnichten darum gegangen ist, die christliche Metaphysik des Mittelalters hinter sich zu bringen. In der mittelalterlichen Metaphysik (siehe vorige Folge) hätte der Satz nämlich geheißen: „Ich denke, gelobt sei Gott, also bin, gelobt sei Gott, ich, aber natürlich nur, weil, gelobt sei Gott, Gott gelobt sei!“ Aber Descartes wollte keineswegs einfach nur alle Lobpreisungen herauskürzen (wäre ihm wohl zu einfach gewesen), nein, er wollte vielmehr klar machen, dass Gott nur deswegen gelobt sei, weil ich (also er) denke (also denkt). So etwas nennt der Akademiker einen rationalen Gottesbeweis. Wir nennen das einen typischen Fall von: Das hast du nun davon! (Denn kein Straßenjunge in Lissabon oder Hammerfest denkt heute noch an Gott, wenn er Dank Descartes erkennt, dass er ist, weil er denkt!)

Was kann uns Descartes heute noch mit auf den Weg geben?
Dass man sich die Sache mit den Kaminen noch mal gründlich überlegen sollte. Sicher, so ein Kamin hat schon was urgemütliches, aber da hockt man dann dort, starrt ins Feuer und muss sich trotzdem mit irgendetwas beschäftigen. Irgendeinen Gedanken wälzen. Also fängt man an zu grübeln. Über kurz oder lang wird man Philosoph, kein Schwein versteht mehr, was man eigentlich sagen will, und außer Missverständnisse und Einsamkeit bleibt nicht viel übrig. Dann doch lieber den Flatscreen in die Ecke stellen, die Playstation reinstöpseln und das Hirn auf Durchzug stellen. Und mit der unendlichen Leere im Kopf hinein in den Arbeitsalltag. Denn ob ich denke oder nicht, ob ich existiere oder nicht, ändert es etwas daran, dass ich jeden Tag meinem Chef die Manchettenknöpfe blankpolieren muss?

Nächste Woche lesen wir dann gemeinsam ein Essay. Oder einen Essay. Oder … ach, Fuck! Nächste Woche gehen wir essayn.

 
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