Fischer: Hase, Igel und die Flüchtlinge

fischer_neutralSo ist das und auch wieder nicht. Ein typisch österreichischer Bundespräsident bleibt in neutralen Mustern verhangen. Neutralität! Fischer: „Die Flüchtlinge sind auch eine Belastung für unser Land, aber das sind Menschen, die ums nackte Leben laufen. Das sind ja nicht Menschen, die, weil sie die kulturellen Sachen in Österreich schätzen, alles stehen und liegen lassen …“ Eine Pressestunde-Realsatire von Kerstin Kellermann

Österreich ist schon sehr österreichisch. Österreich verhält sich selbst österreichisch in der Frage Grexit: „Ausstieg Griechenlands aus der EU … Ja oder nein?“ „Österreich: Neutral!“ steht auf einem EU-Papier. Neutralität, im Sinne von „Na, muss nicht sein, dass die Griechen raus müssen aus der EU“ bis „Aber zahlen wollen wir nix für deren Verbleib“. Sogar unser österreichischer Bundespräsident ist sehr österreichisch. Nona. „Das sind natürlich viele Meinungen in der EU“, sagt er zum möglichen Grexit. Logisch. „Welcher Weg soll nun gegangen werden?“, fragt die Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid. „In der Politik soll das Schicksal der Menschen sehr beachtet werden“, antwortet der neutrale Bundespräsident Fischer. „Man muss schon sehen, dass viele zum Handkuss kommen, die nix dafür können.“ Aber: „Andererseits darf man die Menschen in der EU auch nicht überfordern.“ Jaja, diese ganzen kleinen Menschelein.

„Jetzt wird ein Beschluß gefaßt, der das festklopft (klopfklopf), was der Entwurf vorschlägt“, sagt der Bundespräsident im Fernsehen und klopft auf den ORF-Plastiktisch. „Jetzt geht es Spitz auf Knopf!“ (Anm. Kann mir das mal wer übersetzen?) „Bei den Kürzungen im Pensionsbereich wird den Griechen einiges zugemutet, was den Österreichern nicht zugemutet wird“, meint Föderl-Schmid. „In Griechenland wird auch einiges gemacht, was man sich in Österreich bei den Reichen nicht traut, um in ihrer Sprache zu bleiben“, antwortet Fischer. Ja wirklich, so einiges wird jetzt in Griechenland gemacht, was in Jugoslawien auch gemacht wurde. Nach den Privatisierungen durch den IWF erfolgte in Jugoslawien aber z. B. der Bürgerkrieg!

Asyl-Schuldentragfähigkeit, yeah
„Man hat mit den bisherigen Maßnahmen in Griechenland ein Schrumpfen des Wirtschaftswachstums erreicht. Verstehen Sie das?“, fragt ORF-Redakteur Fritz Dittlbacher. Er und ich nicht. Außer, dass es bei Jugoslawien damals das gleiche war. „Das verstehen sogar amerikanische Novelpreisträger nicht“, ist die Antwort. „Wird es einen Schuldenschnitt für Griechenland geben?“ „Das Stichwort heißt Schuldentragfähigkeit“, sagt Fischer. „Der Begriff Schuldenschnitt ist tabu, aber es gibt Flexibilität bei den Zinsen und bei den Fristen.“ „Werden wir das österreichische Geld zurückbekommen?“, fragt Dittlbacher. Der BP: „Auf Heller und Pfennig, auf Euro und Cent, auf Drachme und … ähem, eher nicht.“ Das kleine Geld der Drachme, wie hieß das bloß? Lepta!

Nächstes Thema: die „Asylproblematik“. „Das Problem ist eines, das die Bevölkerung erregt“, leitet der Journalist ein. Fischer: „Das Problem ist eigentlich ein sehr großes. Wir wissen, dass der schreckliche Krieg in Syrien die Menschen in die Flucht schlägt. Heuer wohl insgesamt 70.000, also ein Prozent der Bevölkerung.“ Föderl-Schmid: „Zwei Drittel der Gemeinden haben keine Flüchtlinge aufgenommen!“ Fischer: „Es ist auch eine Belastung für unser Land, aber das sind Menschen, die ums nackte Leben laufen. Das sind ja nicht Menschen, die, weil sie die kulturellen Sachen in Österreich so schätzen, alles stehen und liegen lassen…! (Anm. Hat er wirklich so gesagt!!) Ich fahre morgen in die Slowakei und werde mich bedanken, dass sie österreichische Flüchtlinge aufnehmen.“

Dittelbacher: „Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem Ja zum Helfen und dem Nein in der Realität.“ Ja genau, typisch österreichisch eben! Neutral! Ja und Nein gleichzeitig!! Und im Zweifelsfalle für uns. (FPÖ-Diktion: die „Inländer“.) „Zelte sind eine Schande für so ein reiches, entwicklungspolitisch entwickeltes Land“, sagt Fischer. Entwicklungspolitisch entwickelt sind wir! „Es ist aber wie der Wettlauf mit dem Hasen und dem Igel: Es kommen 300 Flüchtlinge pro Tag.“ (Anm. Häh?) „In Traiskirchen liegen Leute auf Packpapier und es gibt leere Zimmer“, wendet Föderl-Schmid ein. „Bitte“, sagt der Bundespräsident: „Das geht nicht über meinen Schreibtisch.“ (Stimmt, es passen höchstens zwei Flüchtlinge auf seinen Schreibtisch.)

Abgedrängte Lösungskompetenz
„Was tut der Bürger Heinz Fischer persönlich für die Flüchtlinge?“, ist die Frage. „Spenden. An einem Klima arbeiten. Ich stehe zu diesen Menschen“, ist die Antwort. Dann kommt die Rede auf die KosovarInnen, die Österreich „heimsuchen“. (Anm. Herzlichen Dank an einen „Bosnien-Experten“, der die Innenministerin durch einen Kommentar im Standard dazu zwang, offiziell etwas zu unternehmen. Schluß mit Untertauchen!) „Ich versuche bei bestem Gewissen, die Politik des Innenministeriums zu erklären“, sagt Fischer kopfschüttelnd. „Die Innenministerin ist sogar in den Kosovo gefahren, hat Inserate geschalten, dass Wirtschaftsflüchtlinge keine Chance haben.“ Tja, wer hungert, soll bitte zu Hause bleiben und Zeitung lesen. Burek, Joghurt und die Kosovo-Krone.

Nächstes Thema: Vermögenssteuern! Frau Föderl-Schmid in ihrem schiefen roten T-Shirt (eventuell eine bewußte Stil-Entscheidung): „Stimmt die finanzielle Last? Werden Sie Ihren Vorschlag wegen den Vermögenszuwächsen weiter aufrechterhalten?“ Der Bundespräsident in breitestem Österreichisch: „JO.“ Wirtschaftlich kennt er sich gut aus: „Die wirtschaftliche Verflechtung mit dem Osten und dem Süden wurde sehr stark forciert. Deswegen hat Österreich jetzt Probleme.“ Ja eben, genug abgesahnt, die haben nix mehr, die Südosteuropäer. Die Steigerung der Ausbeutung ist rückläufig. Zwangsläufig. „Die Lösungskompetenz steht nicht im Mittelpunkt“, so drückt Fischer das aus.

Unbekannter FPÖler
Fischer wird den burgenländischen Landeshauptmann Niessl und seinen neuen Vize angeloben. „Ich kenne Herrn Tschürtz nicht“, sagt der Bundespräsident der Republik Österreich. Muss man nicht kennen. Aber: „So wie Bundespräsident Rudolf Kirchschläger das Gesetz zur Fristenlösung unterschreiben musste, werde ich die Angelobung von rotblau auch unterschreiben. Ich erhielt 79 Prozent der Stimmen bei der Wiederwahl, das ist ein Vertrauensbeweis der Bevölkerung, den ich nie vergessen werde. [Blablabla.] Ich will mich nicht versündigen!“