Posts Tagged ‘Kabarett’

jessicas und kevins

Posted by on August 9th, 2011

Ein Humorist, der nur ein Humorist ist, ist überhaupt kein Humorist, schrieb Erich Fried. Darum kann man Clemens Haipls Buch „Ich scheiß mich an“ nicht besprechen – nicht, ohne zum Rundumschlag auszuholen.

Wussten Sie, dass nur jede 27. Jessica Matura hat? Es gibt außerdem keinen einzigen Kevin in unserem Land, der ein abgeschlossenes Studium vorweisen kann – nicht einmal einen Bachelor von einer FH! Dafür sind 56,3 % aller Jessicas mit einem Kevin verheiratet oder in direkter Linie verwandt.

und

Das Burgenland hat zwar die höchste MaturantInnenquote, allerdings immer noch die dicksten Kartoffel, wenn Sie verstehen, was ich meine. Außerdem hat es dort so viele Minderheiten, die natürlich nicht zur Schule gehen, so dass natürlich alle Martins und Juttas ihren Abschluss machen. Die werden ja doch nur „AgrarökonomInnen“.

Diese und ähnliche Texte können aus der x-beliebigen Feder eines jeden österreichischen Autors (um umgekehrt!) stammen, den Sie bei Thalia unter „Humor“ finden. Meine Damen und Herren, wenn Matscho Kubasta wirklich die österreichische Antwort auf Ephraim Kishon ist, sollte Israel umgehend seinen Botschafter wieder abziehen. Tatsächlich ist es nämlich sehr leicht, in Österreich „Humorist“ zu sein.

Erstens sollten Sie einen Penis haben. WennIhnen keiner gewachsen ist oder Ihnen der Ihrige nicht gefällt, kaufen Sie sich einen oder tun Sie zumindest so als ob. Sie können etwa auch die Hosentaschen nach außen stülpen und einen Zeigefinger durch Ihr Hosentürl stecken – der sogenannte Elefantentrick. Finden Sie das lustig? Sehr gut! Das ist Voraussetzung Nummer zwei.

Drittens sollten Sie wahlweise über einen Wortschatz verfügen, der Natascha Kampuschens nahe kommt, oder ein Wörterbuch aus dem frühen 20. Jahrhundert besitzen. Nehmen Sie ein Wort, irgendein Wort, das nicht in der letzten Ausgabe des VOR Magazins vorgekommen ist, begutachten Sie es, satteln Sie es und reiten sie 800 bis 2.500 Zeichen lang darauf herum. Reiten zu können ist die vierte Voraussetzung.

Fünftens ist es sehr wichtig über Frauen zu schreiben. Pendeln Sie dabei immer zwischen den folgenden Polen: Kleinkind – Schwiegermutter (Altersachse), Mario Barth – Max Goldt (Niveauachse), Dolores Schmidinger – Dolly Buster (Sexytätsachse).

Um sich in diesem Koordinatensystem problemfrei zu orientieren, wie ein Betriebsrat, der auf Weihnachtsfeiern erst lustige, dann nachdenklich stimmen wollende Gedichte zwischen den Hämorrhoiden seines Vorgesetzten (ergo problemlos) aufsagt, ist – sechstens! – notwendig, dass Sie Schachtelsätze formulieren können. Das lässt Sie klug erscheinen und Sie können Gedankensprünge einbauen. Gedankensprünge sind wichtig, weil die Texte nicht zu lang sein dürfen. Denken Sie an Ihre LeserInnen!

Siebentens ist es wichtig, ihre LeserInnen vor Augen zu haben, um die jeweils darunter stehende Schicht verächtlich mit Spötteleien zu bedecken.

So geht das. Nachzulesen in: Haipl, Clemens: Ich scheiss mich an. Kolumnen & Zeichnungen, 2008, Echomedia, 214 Seiten. PS Ich scheiß mich (fest) an 2 (Echomedia, 216 Seiten) erscheint im Oktober 2011 und wird voraussichtlich genauso.

Das Supernackt-Shirt!

Posted by on Januar 17th, 2011

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(Farb- und Textilwünsche versuchen wir so gut es geht zu berücksichtigen! Standardfarbe ist schwarz. Und noch eine Warnung vorweg: Pinkes Leder ist leider aus. Und auch das von chinesischen Kleinkindern genähte Früchte des
Loom-Shirt in koboldgrün.)

bloß nicht aufregieren!

Posted by on November 16th, 2009

mustard ahoiChefredaktöse Eva Kiel erzählt von ihrem Arbeitsmeeting mit einem österreichischen Kabarettisten, der ihr en passant erklärte, wie man richtig gutes politisches Kabarett nicht nur in, sondern für Österreich macht. Na gut, er hat es zumindest versucht.

 „Ahoi“, sagte der Leichtmatrose von Weltformat, „ich zeig’ dir, wie man in Österreich Kabarett macht.“ – „Da bin ich aber gespannt“, antwortete ich (und dachte: “Für, nicht in! Für!”), während ich meine Arme verschränkte, wie man das so macht, um intellektuelle Distanz vorzutäuschen. Außerdem ging es mir auf den Wecker, dass er mir dauernd auf den Busen starrte. Nicht, dass ich mich dafür schämen würde, aber Männer schaffen es in dieser Hinsicht zu mitunter beträchtlicher Penetranz, gelle.

 „Also, sagte der Matrose, „du nimmst ganz einfach mal das tagespolitische Geschehen zur Hand …“ – „Die Sau, die täglich durchs Dorf getrieben wird?“, fragte ich. „Genau diese“, zwinkerte er mir zu, dabei beugte er sich ein wenig nach vor und starrte umso penetranter auf die kleinen Verwerfungen, die sich zwischen meinen Ellbogen und Unterarmen nicht vermeiden ließen. Aber schmecks, wofür habe ich einen dicken Strickpulli angezogen? „Nimm etwa das Inhaltsverzeichnis eines halbwegs aktuellen Profils, mehr brauchst du nicht.“ – „Mehr nicht?“ – „Nein, mehr nicht, ist alles da. Von den Verschwörungstheorien über die Grippeimpfung, die zwar als solche dargestellt, aber nichts desto trotz neu aufgewärmt werden, über die EU-Reife von Johannes Hahn – bei der Gelegenheit ein Tipp: Österreich immer in einen Topf mit dem Begriff „provinziell“ werfen – bis hin zu Spitzelaffäre, Grasser, Meinl und Co.“ – „Aha“, sagte ich, und bemühte mich, es auch wie ein „Aha“ aussehen zu lassen.

„Und dann machst Du Dich über all das lustig, wobei Du Dir aber noch etwas einfallen lassen musst, denn sonst könntest Du es ja einfach so runter lesen, wie es im Profil oder hin und wieder auch im Falter steht. Feiner Wortwitz ist dabei ein guter Rat. Nimm z. B. die immer noch andauernden Studentenproteste. Was ist da das Thema?“ – „Die Regierung kriegt ihren Arsch nicht hoch?“ – „Genau. Da kann man ganz locker ein paar Wortwitze einbauen. Schlecht gepröllt Löwe, zum Beispiel. Oder: Studentendemos: Ehe der Hahn dreimal kräht, geht hier gar nichts.“

„Pff“, sagte ich, „das ist aber mager.“ Mein Gegenüber blickte mich mitleidsvoll an. Es war einer dieser Blicke, die klar machen: Wäre ich ein Mann, hätte er mich längst als unbedarftes Würstchen ignoriert, aber weil ich eine Frau bin, na, gibt er mir halt noch eine Chance. So einfach wollte ich es ihm aber nicht machen. „Mach mal einen Wortwitz mit Faymann“, sagte ich. „Faymann, Faymann“, stotterte er, „warte mal. Feinmann, Freimann, Fay, man, Fay Wray, Fayge Sau, Fayvel, der Mauswanderer … ist schwierig, zugegeben. Pröll ist leichter.“

„Aha“, sagte ich protokryptisch und tippte leicht mit meinem linken Fuß auf den Boden. Nur eine Andeutung von Ungeduld. „Vielleicht nimmst Du ein paar andere Namen, um Dich aufzuwärmen. Wie wär’s mit: Faymann sucht mit Ostermayer ein paar budgetäre Ostereier beim ORF, während Pröll die Studenten prellt und Claudia den Lehrern einen Schmiedl macht. Überhaupt agiert die ganze Regierung hundstorferlmässig, bis auf Fekter, die zwischen Arizona und Arigona alles abfektert, was nicht niet und nagelfest ist.“ – „Nicht schlecht für den Anfang“, gab sich der Leichtmatrose gönnerhaft, „beinahe hätte ich mir in die Heinisch-Hose gemacht.“

„Auch gut“, konterte ich, das solltest du mal am Würstelstand bei einem Bures-Häupl loswerden.“ – „Aber das ist nur der Anfang. Jetzt kommen natürlich die Kraftausdrücke, die dürfen nicht fehlen, sie sind das provokante Salz in der Suppe. „Verstehe“, sagte ich“, Ficken, Arsch, Wixen, schon rufen dreitausend empörte Ö1-HörerInnen an.“ – „Na ja, ganz so einfach ist es nicht“, antwortete er und legte gönnerhaft seinen Arm um meine Schulter um mich schlüsselbeinabwärts zu befummeln. „Schau mal, Beleidigung ist eine Kunst. Versuch’s mal mit: Fayger Faymann fickt die Studenten in den Arsch. Oder: Fekter im Fickstreik: Sie lässt keinen mehr rein!“

„Und so macht man Kabarett?“, fragte ich und versuchte dabei so dreinzuschauen, als würde ich an einem Kugelschreiber nuckeln (fiel mir Übrigen gar nicht schwer …). Aber nach ein paar Sekunden wurde mir das zu mühsam, also platzte ich hervor mit meiner Meinung: „Und was macht man mit dem Rest des Kabinetts? Ich spindelegger Dir eine? Dich werde ich mal so richtig durchschiedern? Lopatka in der Höhe? Darabos und zugenäht? Mitterlehn’ Dich nicht zu weit aus dem Fenster? Berlakovich oder ganz die Klappe halten, das ist hier die Frage? Also echt, damit kann man doch keinen Abend mit Kleinkunst füllen?“ – „Oh doch, und wie man das kann! Dafür kriegt man sogar einen ORF-Sendeplatz. Mit Handkuss!“

 Ich glaube, ich hätte jetzt wohl „Donnerlittchen“ oder “Paddauz” oder “Sapperlot” oder “Je bempti …” oder etwas in der Art sagen sollen. Andererseits, der Typ wollte mir ohnehin nur an die Wäsche, ganz egal, auf welche Weise ich ihm die Eier kraule. Sagt man doch so? Ja oder nein? eki & zirki

Kabarett in der Krise …

Posted by on März 31st, 2009

boshaftekrise 200Humor in der Krise. Geht das?“ Das wollte „Der Standard“ herausfinden und versammelte in einer Wochenendausgabe neben allerlei launigen Analysen und Kommentaren zur „Weltfinanzkrise“ auch eine veritable Sammlung von Wortspenden österreichischer Kabarettisten zum Thema. Herausgekommen ist dabei indirekt ein Sittenbild der österreichischen Kabarettszene, das es durchaus verdient hat, nochmals aufgewärmt zu werden.

Da gibt es zunächst mal die Lokalmatadoren oder Etablierten. Jene, die lange genug dabei oder erfolgreich genug sind, um nicht unbedingt erzwungen geistreiche Bemerkungen anstrengen zu müssen. Sie können ganz locker auch von sich selbst erzählen, dabei einiges darüber verratend, wie ihr eigener Witz (auch sich selbst gegenüber) funktioniert. Dolores Schmidinger etwa: „Worüber man lachen kann? Wenn man keine Aktien hat, wenn man schon vorher arm war. Ich hatte in Kaufräuschen alles ausgegeben. Daher brauch ich mich jetzt nicht ärgern.“ Das klingt so unspektakulär ehrlich, dass es einfach sympathisch ist. Auch ein Robert Palfrader macht aus seiner Bitterkeit keinen Hehl: „Worüber ich lachen kann, ist ein Blick auf die Ergebnisse meiner fondsgebundenen Lebensversicherung, die meinen Ruhestand sozial hätte absichern sollen.“ Mein Mitleid hat er nicht, aber meine Sympathie für diesen entwaffnenden Galgenhumor durchaus.

Weiters gibt es die Systemerhalter. Jene, die politisches Kabarett als Kunstform sehen und sich selbst als deren privilegierte Betreiber, dabei mitunter erzwungen geistreich sein wollen. Sie ähneln ein wenig überzüchteten Hirtenhunden, die immer wieder dieselbe Fährte verfolgen. Ein Florian Scheuba etwa sinniert: „Als Universalausrede für Unzulänglichkeiten aller Art hat die ‚Krise‘ mitunter lachhafte Züge, über welche man, wenn auch mit Bitterkeit, tatsächlich lachen sollte, denn Lachen ist Notwehr gegen Angst daher gerade jetzt unverzichtbar.“ Der Kabarettist als Volkspädagoge, der sich in seinem selbstauferlegten Bildungsauftrag sonnt.

Ein Schäuflein nach legt Thomas Mauer, er lacht: „Über jene Journalisten, die im letzten Jahrzehnt die naturgesetzliche Weisheit des unregulierten Marktes mit der Inbrunst evangelikaler Christen verkündeten und den jeweils bestbezahlten Kapitaljongleuren schwanzwedelnd bis ins Maßschuhschränkchen nachkrochen […].“ Recht hat er. Aber wie lange er wohl an Feilen dieser Formulierung saß, damit sie nur ja geschliffen wie eine mit Diamantringen verzierte Faust im Auge der Hochfinanz saß?

Der ungekrönte König des Politkabaretts ist indes Alfred Dorfer, seine intellektuelle Selbsteinschätzung kann ja durchaus als legendär bezeichnet werden. Für den „Standard“ lässt er sich erst gar nicht herab, über die Krise zu räsonieren, er plaudert lieber über den Lehrerprotest und macht klar, dass in seinen Augen beide Parteien (Lehrergewerkschaft und Schmied) am falschen Dampfer der Lächerlichkeit sind. Aber diese Art von Politkabarett zelebriert Dorfer ohnehin schon seit Jahren, sie besteht in der simplen Technik, jeden Politiker, der Muh oder Mau sagt, eben deswegen der Lächerlichkeit preiszugeben. Den Innovationspreis für Kleinkunst wird Dorfer dieses Jahrhundert nicht mehr erhalten, aber Dank ORF ist er natürlich längst zu einer „unverzichtbaren“ Institution geworden. Dass gesellschaftliche Kritik, in Form der Satire vorgetragen, auch andere Aspekte als unfähige PolitikerInnen umfasst, sollte man Herrn Dorfer vielleicht gelegentlich verraten.

Dann gibt es die Individualisten, die unbeirrbar ihrem Stil folgen, egal ob es ihre Performance betrifft oder überhaupt ihre Lebensplanung. Alf Poier zum Beispiel. Worüber er lachen kann? „Natürlich über die Krise selbst, denn dann werden wir bestimmt noch lange etwas zum Lachen haben!!!“ Das ist purer Poier-Style. Kommt daher wie ein zenbuddhistischer Koan, kann die ganze Welt bedeuten, kann ein Widerspruch in sich sein, kann aber auch reiner Bockmist sein. Der Mann ist jedenfalls prinzipientreu. In eine ähnliche Kerbe schlagen Stermann und Grissemann, die der Krise einen Willen zuschreiben, aber keine Veränderung ihres Appetits konstatieren. Recht so. Wer einmal Unfug sagt, muss immer Unfug sagen. Auch in kritischen Zeiten.

Oder von ganz anderer Ecke, Josef Hader: „Worüber man lachen kann? Ich muss leider passen, ich hab‘ keine g’scheite Antwort auf diese Frage.“ Eigentlich wäre das ja mehr etwas für die Etablierten, denn diese Antwort ist ebenfalls entwaffnend unspektakulär. Aber für Hader gilt vermutlich der Punkt Lebensplanung. Das Kabarett als Kleinkunstform hat er schon längst als Gipfel erklommen, dieser Berg liegt hinter ihm. Er muss nichts mehr. Und genau das beweist er auch ein weiteres Mal. (Wie stets übrigens: Größte Sympathie!) Irgendwie ein Grenzgänger zwischen Individualität und Kabarett-Establishment ist auch Andreas Vitasek, der die Finanzkrise 1929 als Beginn der Karriere der Marx-Brothers interpretiert. Das ist sympathische Denkmalpflege, mit einem Hauch an inhaltlicher Verlegenheit, aber war Vitasek nicht stets schon ein begnadeter Pantomime, sozusagen also: ohne Worte?

Schließlich gibt es noch die (unfreiwillig) Bescheidenen: Jene, die gerne auch aufschließen würden, die es mit einem erfolgreichen Kabarettprogramm oder einer genialen Idee schon mal weit gebracht haben. Sie sind noch am überlegen, in welche Richtung sie gerne gehen würden. Die Mascheks etwa wären auch gerne vom Kaliber Scheuba, Dorfer oder Maurer, darum sagen sie: „Lachhaft ist, dass eine Krise der Elite zur Krise der Massen werden wird. Und das hätte die Politik schon Jahre voraussehen können.“ So harmlos hätte das ein x-beliebiger Kommentar im „Profil“ auch hingebracht. Und dass die politischen Buben die ausschließlich Bösen sind, na ja, Schlag nach bei Dorfer. Weniger innovativ, trotzdem vielleicht bald am Sprung nach oben sind Weinzettl & Rudle. Ihnen gehen nach eigenen Aussagen nur „Unsinnigkeiten durch den Kopf, die uns nicht würdig erscheinen, abgedruckt zu werden“. Schade. Und irgendwie auch: Nicht ganz verstanden das Prinzip. Genau um diese Unsinnigkeit ginge es ja, geistreich oder nicht. Und schon gar nicht würdevoll. Wer kümmert sich etwa um die Würde jener Menschen, die jetzt zu 1000en ihre Jobs verlieren, weil in den Vorstandsetagen zu greedy spekuliert wurde.

Egal. Der wahre Held dieser Aufzählung ist einmal mehr „Der Standard“. Wir lieben und wir hassen es, das lachsrosa Feigenblatt des liberalen Journalismus in Österreich, und das heißt: Wir haben eine äußerst korrekte Beziehung zu ihm. (Ebenso übrigens wie zu den österreichischen Kabarettisten.) Ein letzter Punkt noch: Hat jemand mitgezählt, wie viele Frauen sich unter der Humoristenriege befinden? Eben! So kann es natürlich nicht weitergehen: Frauen Österreichs! Wollt Ihr wirklich den Humor in Männerhänden belassen? Frau Föderl-Schmid, wir appellieren an Sie, den weiblichen Humor endlich auf Vorderfrau zu bringen! Sie müssen das tun! (Denn auf uns würden die Frauen nicht hören. Zurecht natürlich!)

Curt Cuisine, trinkt passend zum “Standard” Schampus mit Lachsfisch

Völlig gaga!

Posted by on November 20th, 2008

mustard mopedWir setzen unsere verdienstvolle Interviewserie über weltbekannte österreichische Kabarettisten fort. Dieses Mal die ”Gebrüder Moped“. Exklusiver Abdruck aus Hydra # 4 (special extended version)

Hydra: Ihr Zwei seid ja dem Humor keine gänzlich Unbekannten?

Martin Moped: Ich bin so lasch heute.

Franz Joseph Moped: Na, ich bin erst müde.

Hydra: Na gut, reden wir trotzdem über Euer aktuelles Kabarettprogramm ”GAGA“. Dieses hat, entgegen dem ersten Anschein, nichts mit einer Analfixierung zu tun?

MM: GAGA steht für ”Great Austrian Gainers Association” und ist die hinterhältigste, widerwärtigste Direktvertriebsfirma der Welt, die mittlerweile sämtliche Firmen der ganzen Welt übernommen hat und damit die einzige Firma überhaupt ist.

Hydra: Wie kommt man auf die Idee, ein Kabarett über einen Direktvertrieb, sprich: über Vertreter zu machen?

MM: Ich glaube, dass Kabarett generell so funktioniert, dass man die großen Dinge in der Welt auf 12 Meter im Quadrat komprimiert, deswegen heißt es ja Kleinkunst. Dementsprechend ist es praktischer und unanmaßender, nicht über die große Weltwirtschaftskrise oder Barack Obama zu reden, sondern über Dinge, mit denen jeder Mensch schon zu tun hatte.

FJM: Unanmaßend? Das Wort kenn ich nicht. Bei mir ist das eine Aufarbeitung von Dingen, die vor 15 Jahren passiert sind. Wir waren gemeinsam ein Monat bei einer Firma, die genauso wie GAGA funktioniert, die Putzmittel und Güter des täglichen Bedarfs verkauft.

MM: Fast jeder Mensch ist schon mal von einem Schulkollegen angerufen worden, nach dem Motto: Sag mal, bist du eh unglücklich in deinem Job, denn ich hätte da was für dich. Ich frage mich schon seit wir maturiert haben, ob du dein Geld gut angelegt hast. Um diese Möchtegernunternehmer geht’s in Gaga.

FJM: Wir waren damals sogar im Austria-Center bei einem Großtreffen, wo sich alle in Kleider-Bauer-Anzügen trafen und sich im Stil amerikanischer Sekten gegenseitig beklatschten und anfeuerten. Jeder 2. Volltrottel bekam dort auch einen Preis und wenn man von dort wegging, war man voll motiviert. Das wurde einem aber so oft gesagt, dass sich diese Frage gar nicht mehr stellte, sondern du BIST nachher einfach motiviert. Es gab in diesem Umfeld einen Imperativ zum motiviert sein. Das wusste ich vorher nicht.

MM: Genau. Die Redewendung ”Bist du motiviert” ist nicht eine Frage, sondern eine Feststellung.

FJM: Wir waren aber gar nicht so motiviert meistens, und ich habe einen psychischen Schaden davon getragen.

Hydra: Aber ihr steht doch beide eher, na sagen wir mal, eher links mit Euren Anschauungen. Warum nimmt man so einen Job an?

FJM: Wir haben uns ja damals beide selbst ausgetrickst.

MM: Nach dem Motto: Man muss das System von innen heraus bekämpfen.

FJM: Genau. Und die Mörderkohle. Wir haben das wirklich geglaubt – und deswegen waren wir ja im Grunde auch zwei Volltrotteln und haben da recht gut dazu gepasst. Denn wir haben damals natürlich nur einen Verlust gemacht, alleine schon, weil man sich diese ganzen Produkte selber kaufen muss, um dazu zu gehören. Man muss natürlich nicht, aber wegen der Motivation ist es nicht schlecht wenn … das sagen sie dir sofort: „Nein, nein, du musst nicht, bei uns ist es nicht so wie bei den anderen, aber wann kaufst du es jetzt endlich …“

Aber die haben uns ja schon ganz am Anfang schon eingeschult, wie und was man auf Gegenargumente antwortet. Eigentlich hätten da schon – gleich nach dem Gewand – die Alarmglocken läuten sollen. Wenn man als erstes erklärt bekommt, wie man auf Gegenargumente antwortet. Aber wir waren damals hat ein bisschen „drauf“, da war schon was Räuberisches dabei, so richtig naiv-romantisch. Und, ich geb’ s zu, wir haben uns bei diesen Treffen auch Krawatten umgebunden.

Hydra: Und warum diese Sache mit der Weltherrschaft?

MM: Weil das die Versprechungen, die solche Firmen geben, ganz einfach konsequent zu Ende denkt. Wenn der sagt, du brauchst nur fünf Leute für dein Geschäft zu begeistern, und die brauchen auch jeweils fünf Leute, dann ist man relativ rasch bei 10 Milliarden Menschen. Das ist nur konsequent zu Ende gedacht – und wir werden uns hüten, das Pyramidenspiel zu nennen. Und wenn das Konzept nur einmal wirklich aufgeht, dann kann es am Ende nur noch eine Firma auf der Welt geben, die sämtlichen Bedarf der Menschheit abdecken muss. Also würde aus einem kapitalistischen Grundgedanken am Ende ein marxistisches oder kommunistisches Ideal entstehen. Keine Konkurrenz mehr, keine Werbung, sondern Monopolwirtschaft.

FJM: Das ist wie bei der Euro, wo es nur ein Bier gab. Das war Sozialismus pur, wie in der Sowjetunion – nur nicht so schön. Geographisch meine ich.

Hydra: Diese Vertreter, stehen die irgendwie generell für die „Kaste“ der Wirtschaftstreibenden?

MM: Nein, das sind die Highlights der wirtschaftlichen Absurditäten, die Menschen einzureden versucht werden. Es geht auch darum, dass den Leuten in diesen Firmen immer eingeredet wird, dass sie bestimmte Wünsche haben, die beim Eintritt in die Firmen erfüllt werden, und das sind ausschließlich materielle Wünsche.

Hydra: Also doch auch Kapitalismuskritik im Großen und Ganzen.

MM: Es geht auch um Selbstironie. Es ist kein Brechtstück, wir wollen nicht den klassischen, linken Standpunkt, und Kabarett ist traditionell immer ein wenig links, einnehmen, sondern auch selbstironisch mit den eigenen, teilweise auch absurden Wertvorstellungen umgehen. Ironische Aufarbeitung der (eigenen) Gegenweltentwürfe, von denen man zum Teil fürchterlich überzeugt war, zumindest früher, also z.B. nach Hainburg zu fahren, auf Opernballdemos zu gehen, etc. Das ist natürlich unser „Point of View“, wir sind halt Ende Dreißig, einen anderen Standpunkt können wir nicht bieten.

Hydra: Euer Kabarett unterscheidet sich aber auch in formaler Hinsicht von anderen Programmen.

MM: Genau. Vor dem Kabarett werden die Besucher fotografiert, und wir verwenden diese Fotos dann innerhalb des Stücks auf eine Leinwand projiziert, mit der wir auch ein gewisses Ambiente schaffen, und diese Gesichter spielen dann Rollen. Denen werden samt und sonders neue Identitäten gegeben, Sportlegenden, Politiker, Vertriebskunden, etc. Es ist aber kein Mitspieltheater, ganz im Gegenteil, niemand muss bei uns mitspielen, sondern das Stück GAGA hat sehr viele Nebenrollen, die werden dann passiv vom Publikum verkörpert.

Hydra: Funktioniert das auch mit einem wildfremden Publikum?

MM: Je besser sich das Publikum untereinander kennt, desto besser funktioniert es. Am Land, in kleinen Orten, funktioniert es am besten, in Wien funktioniert es auf kleineren Bühnen oder dort, wo kleinere Gruppen an Tischen sitzen, weil die dort meist in Grüppchen hingehen und sich kennen. Und es gibt auch den optischen Reiz, denn wir versuchen die Leute auch zu animieren, möglichst nicht wie bei einem Passfoto drein zu schauen.

Hydra: Franz Joseph, willst du noch etwas hinzufügen?

FJM: Wenn ich in der ersten Zeile vorkomme, passt das schon. Ein gutes Foto wäre noch leiwand.

Das Interview (Gassi) führte Curt Cuisine.

Mehr Infos (& ein cooler Fotoblog) unter gebrüder moped oder Lange Nacht des Kabaretts

 
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