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Wir sind hier nicht zuhause

Posted by on Mai 2nd, 2009

Das besondere an Festivals ist das zuviel an allem. Zuviel Erwartungen, zu viele Bands, zu viel Information und im Falle des Kremser Events: Zu viele Leute die man kennt. Andererseits macht es gerade dieses Zuviel zu einem seltsam einlullenden Fakt, der das Handeln und Tun an solchen Tagen einstellt auf: Ahja, heute gehen wir dann wieder hin. Mangelt es einem an Flexibilität, aufgrund des Alters und der damit einhergehenden Abgebrühtheit beispielsweise, oder gehört man einfach zu jenen, die einen Gig auch mal nachwirken lassen wollen, wird man sich in Krems alle halben Stündchen sagen hören: Ich setz’ mich mal kurz raus.

„Raus“ heisst in diese Kantine oder in den kackefinsteren Raum mit den komplett unbequemen Bänkchen, die hoffentlich kein Städteplanungsverantwortlicher je sieht, weil sie ganz perfekt in eine saubere Stadt passen: Sitzen ein bisschen geht, aber bloß nicht lungern oder liegen. Und ehe man sich´s bewusst wird, geschieht etwas, was man von Schutzhütten in Schneestürmen oder Tavernen in Regengüssen kennt: Man wartet. Und kann nicht weg. 

Als hätten sie jenseits des Geländes alle Strassen aufgebrochen oder jedes Gleis gebombt, verhaftet so ein Ort mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten und verschafft damit etwas seltenes: Komplette Zufriedenheit. Denn was anderes könnten wir tun? Wir sind hier nicht zuhause, und kennen uns nicht aus. Also bleiben wir. Und grinsen uns eins.

mustard donau 1„Antony“ ist ein Mädchen. Ein liebes, schüchternes, ein bißchen zu dickes, das gerührt und erstaunt von der eigenen Kunst zügig voran spielt. Das Mauerblümchen sein kommt vielleicht ein bißchen zu banal daher, so live in dieser riesigen Tennishalle. Aber so ist das eben, wenn man(n) eins Tages bemerkt, daß zur eigenen Identität mehr gehört als der Körper hat. Und zum Selbst Sein Lippgloss kommt, dann wird einiges simpler, vielleicht.
„I need another world“ hat die Tiefe und Einfachheit von klarer Erkenntnis: hier wo ich bin, mit der Art wie ich bin, ist das nicht gut. Punkt aus. Binse? Kann sein, aber wie da auf der Bühne links in feinem Licht das Mädchen im weißen Anzug am Klavier singt: „i´m gonna miss the sea, i´m gonna miss the snow“, schwappt großes dickes Aufgefangen sein über die Kante, wie die eine oder andere Träne verschämt über die Wange. Ja, es ist große Kunst. Ja es tut gut, ja es reißt das Herz raus und ja, es macht vergessen die Umständ, daß in einer ausverkauften Mehrzweckmesse halt schnell mal das sie-steht-vorne-er-hinten-Schunkeln passiert, daß ein Saxophon bitte wirklich nicht wie in den 80ern Softpornos gespielt werden muß, und daß eine Begleitband ruhig mal mehr tun könnte als sie muß.

mustard donau 2„Coco Rosie“ sind Buben. Verspielte, geschminkte, starke Rotzpippen, deren Verletzlichkeiten und Weltbetrachtungen nicht dem „ja das ist so Frauen Befindlichkeitszeugs“ ausgesetzt sind, weil die Erdung im eigenen Tun so was von unhinterfragbar da steht, daß es einen fast umweht. Die Selbstverständlichkeit ihres speziellen eigenen Sounds, das Geknarze und Gekrache, das Zwitschern und Tröpfeln ist bei den Schwestern Casady nichts Zärtelndes oder Verschämtes, sondern einfach so. Und nicht anders. Der Spieltrieb eben. Buben haben den. Mal gucken was passiert, wenn ich den Föhn in die Waschtrommel stecke, wie klingt das dann, ach was ich tu´s einfach. Dabei sind beide Könner und Wissende, und hurra, großartige Klasse. Es ist so verdammt cool wie die eine im Beat wiegt und im linken Fingernagel noch die kleinste Bewegung weiß, während die andere versponnen feenhaft an Kisten werkelt, daß schon wieder scheißegal ist, wo du hier bist. Denn drei Meter überm Boden ficht dich das Rundherum nicht an.

Das Rundherum, übrigens, macht Security in schwarzen Anzügen und schmeißt den Rest Publikum so was von feingefühllos aus dem Saal, als der Bühneabbau längst im Gange ist, und Sierra Casady dennoch mit ihrem Musiker am Klavier klimpert, daß es schon wieder zum Lachen ist. „Bitte gehen sie jetzt“ als täte der verstreute Rest Leute, eh alle glückvoll grinsend, ernsthaft eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit darstellen. Pfft. Nichts begriffen.

Draußen vorm Slum TV sitzt es sich indessen fein und ein befreundeter Techniker erzählt launig, wie ihn die Sicherheitsleute beinahe des Festivals verwiesen hätten, das er, weil seitens Verleiher mitverantwortlich für das Funken der Tonanlagen in Halle 2, ohnehin in erster Linie beruflich besucht habe. Es habe Verwirrung gegeben, ob er nicht doch bloß ein hinterhältiger Ticketerschleicher sei, da er, notrufsfällig wegen Boxenreparatur, mit einem Wochenpass kam, nachdem er Tags zuvor mit ganz privatem Einzelticket als reiner Gast bei Sonic Youth weilte. „Die kenn i schon, du schleichst die überoi eini“ habe ihm der Sicherheitsmensch unwirsch entgegen geschmettert und mit einem klaren „und den Poss nimmi da ob“ geendet. Wie er denn nun seine Arbeit verrichten solle, habe er darauf gefragt, was der Mann in schwarz ignorierte, der Cheftontechniker dann doch klären konnte.

Die Umständ´ eben wieder. Passend das ausgerechnet zum Ende der Anekdote Reverend Billy am Vorplatz einmarschiert und sein Werk gegen Teufel Kapitalismus und Satan Bankomat beginnt. Lauthals predigend unterstützt vom ganz vorzüglich swingenden „Stop Shopping Gospel Choir“ erklärte der Führer der „Church Of Stop Shopping“ wo die Erlösung liegt. In der Befreiung nämlich von Marketing und Shoppingsucht: Die Fesseln des Konsumzwangs abgestreift und zack geht’s gen Himmelreich. Ahja. Sagt das mal den Umständen hier.

mustard donau 3Vergessen dies als Spencer Krug mit „Sunset Rubdown“ rabiatperlend und aufwühlend, so weit das für einen Mann seines jugendlich biederen Aussehens hinter einem E- Piano an der Bühnefront möglich ist, schnell und abgedreht zeigt, wo der Kanadier den Most holt. In der Besessenheit liegt die Kraft, Krug singt zerrissen und voluminös, während die Mitmusiker, ganz eindeutig unter seiner Fuchtel, (immerhin ist er der Erweiterer der kanadischen Fauna mit „Wolf Parade“, „Swan Lake“, „Frog Eyes“), ganz brav mitmachen. Ja er fasziniert einfach, wiewohl wie lieber „Swan Lake“ mit Carey Mercer gesehen hätten, der nämlich bremst Krug immer dort , wo es zu gerade wird. Das trauen sich die Kollegen hier nicht. Dafür gibt’s eine Torte und Geburtstag und überhaupt. Alles fein.

mustard donau 4„Spiritualized“ spinnen völlig, hören wir einen im Publikum sagen, als Jason Pierce ganz in Weiß beginnt, die unendliche Wiederholung der perfekten Dreiklänge auf die Spitze zu treiben: Bombast aber wie, die Background Damen im perfektem Links-step-rechts-step-Beat, die Songs endlos und redundant bis zur Schmerzgrenze schön.

Schon wird die Tennishalle zur Erlöserkirche: Es ist so einfach, erhebende Musik zu machen. „Songs in A+E“ ist dann auch der passende Titel des aktuellen Albums. Es stimmt ja, mag man dem Kritiker recht geben, es könnt schon auch die Musik zum Finale eines Musicals sein, aber hier ist jeder Song das Grande Finale, das kann schon richtig wehtun dann auch, Überreizung quasi, und überhaupt bitteschön hatte Herr Pierce „Spacemen 3“ früher, die bei Auftritten erstmal drei Keyboardtasten mit Gaffa auf Anschlag geklebt hatten. Psychedelic eben. Nothing more to say. Einfach mitfließen lassen und freuen.

Echtes Musical, by the way, sehen wir dazwischen bei „The Cesarians“: was als Punk Version zwischen Klezmer und Drei Groschen Oper beschrieben ist, wird ein perfekt langweiliges Gerumpel im Vaudeville Stil , wie es sich der Absolvent des ersten Semesters Ausdruckstanz vorstellt: platt. Banal. Sauber. Jede Geste voraussehbar. Den meisten gefällts. „Gut gemacht“ lautet der Tenor. Ja eh. Mehr aber auch nicht.

Und ich sitze zwischendurch wieder auf den ungemütlichen Dingern im Halbdunkel und denk’ mir: Bleibe ich halt noch einwenig. Und grinse mir eins. ag

Nägel kauen an der Donau

Posted by on April 30th, 2009

mustard donau 5Curt Cuisine war beim Donaufestival. Am falschen Tag offensichtlich. Ihr habt darum die Qual der Wahl. Lest entweder diesen Beitrag, der ein gnadenloser Verriß ist, oder lest den nächsten Beitrag von Alice, der eine entzückende Hymne ist. Es liegt ganz an Euch. Wir lassen Euch wie so oft die Wahl …

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, seine Zeit zu verplempern. Man kann etwa seine Zehennägel schneiden und die Schnipsel fein säuberlich zu Mustern und Ornamenten schlichten. Wer das fünf Minuten macht, ist womöglich verliebt. Schön. Wer das zehn Minuten macht, dem ist unsagbar langweilig. Wer das länger durchhält, benötigt vermutlich professionelle Hilfe (die sich allerdings oft genug ebenso als Zeitverschwendung herausstellt).

Man kann aber auch zum Donaufestival in Krems fahren. Etwa vergangenen Samstag (25.4.09). Und dort erleben, wie ein Festival, das alljährlich als heißester Scheiß gehandelt wird, an einem schlechten Tag auch nicht viel mehr als warme Luft zu bieten hat. Aber vermutlich war es ein schlechter Tag. Alice, unsere multifunktionale Vielschreiberin und unübertroffene Eventexpertin, meinte lapidar. „Gestern war’s gut, heute ist es wirklich öd.“ Well. Aber war die Rahmenhandlung dieses Festivals an anderen Tagen wirklich besser? Eine Leselounge, in der es zu Dunkel zum Lesen ist, eine Nebenbühne, die mit halbstündiger Verspätung skurrile Acts bietet, die keine zehn Minuten sehenswert sind, oder Videoinstallationen nach dem Motto „Bewerbungsarbeiten erstsemestriger KunststudentInnen“. Oder vor der Halle eine Art Afrikadorf, das nicht einmal in Afrika den Beinamen „Dorf“ verdient hätte.

Das eigentliche Motto des Abends lautete „Girl Monster“. Wer dahinter eine Art Reigen möglichst provokativer Femriotacts vermutete, lag in der Theorie richtig. In der Praxis hingegen mühte sich unter anderem eine minder inspirierte Indiecombo („Men“) redlich ab, das Publikum bei Laune zu halten. Oder erfanden die beiden HipHop-Girlies von „Yo! Majesty“ das Wort „Pussy“ als zentrale Botschaft neu, aber Großmutter-im-Geiste Missy Elliot hätte auch nur gegähnt dabei. Zumal die gesampelten Beats völlig übersteuert durch die Halle wummerten und das immerhin stellenweise originelle Mixtape unter sich begruben. Der Gipfel der Desillusionierung wurde bei „The Raincoats“ erreicht, eine recycelte Post-Punk-Girlie-Band, die nicht einmal in einer Vorortgarage in Olympia, Washington, ein elfköpfiges Teeniepublikum zu begeistern vermocht hätten. Dass die Sängerin wie Alice Schwarzer aussah, bleibt eigentlich das einzig Erwähnenswerte an diesem Auftritt.

Entzückend hingegen der Auftritt von „Prick your Finger“, allerdings genau fünf Minuten lang sehenswert, mehr bot nämlich der Anblick zweier Frauen am Spinnrad, die durch eben dasselbe alte Kassettenbänder zogen, nicht. Diese „Technique“ erzeugte ein redundantes Geräuschamalgam, zu dem beide Damen unverständlich flüsternd vermutlich Programmatisches verkündeten. Wie gesagt, nette Idee, aber nicht unbedingt ein Act.

Blieb also als letzte Hoffnung der letzte Auftritt des Abends: Das „Girl Monster Orchestra“, sprich: die Heldinnen der vergangenen Stunden samt einiger VertreterInnen der „Chicks on Speed Records“ unter der Leitung von Eva Jantschitsch aka „Gustav“. Dass man sich darunter nicht mehr als charmantes Chaos auf der Bühne vorstellen durfte (wann hätte das zusammengewürfelte Orchester denn Zeit zum Proben gehabt), war klar und wäre auch durchaus in Ordnung gewesen – allerdings nicht, wenn der ganze Abend schon unter genau dieser formlosen Beliebigkeit gelitten hätte. Also lärmten die monströsen Girls entsprechend und bemüht neckisch auf Zuruf der Conductreuse, untermalt von griffigen Loops. Ein gepflegter Dilettantismus, der, wie gesagt, unter anderen Vorzeichen, durchaus charmant gewesen wäre. Nur einmal kurz, nach der ersten Nummer, blitzte auf, was dieser Abend sein hätte können. Eine Diapräsentation zeigte eine Reihe von feministischen KünstlerInnen, die für ihre radikalen Ansätze übergangen, eingesperrt oder überhaupt unbeachtet blieben. Gute 10 Minuten lang gab das GMO hier Volksbildung für genderspezifisch Unterbelichtete (und das ist, wie wir wissen, ohnehin die Mehrheit). Das war durchaus spannend, hätte aber mehr hergegeben als ein hastiges Plädoyer um halb zwei Uhr nachts. So verpuffte auch dieses Fragment gefakter Reality wirkungslos an diesem lieblos durchgezogenen Abend. Und hinterließ die Gewißheit: Was nicht erlebenswert ist, lohnt auch die Fälschung nicht. Ergo: Fünf Stunden gepflegtes Sortieren von Zehennägeln.

 
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