Wag the Kasperl

Die BUP2016-Kampagnen im Satirecheck. Hydra hat für euch minutenlang auf die Plakate gestarrt und dabei fieberhaft nachgedacht: Was wollen uns diese Plakate sagen? Wie wollen sie uns das sagen? Sagen sie überhaupt irgendetwas aus? Doch ging es uns dabei weniger um Inhalte (Welche Inhalte?), vielmehr um die Zwischentöne, das Feinstoffliche, die Ästhetik. Denn wie wir spätestens seit der genialen Politsatire „Wag the dog“ (1997, Barry Levinson) wissen, sind es offiziell immer die Wahlpalakte, die eine Wahl entscheiden. Here we go.

 

griss_2IRMGARD GRISS
Die Kampagne von Irmgard Griss ist zunächst eines: nahezu unsichtbar. Zumindest im öffentlichen Raum. Auf Facebook & Twitter ist Frau Griss zwar durchaus präsent, doch wird dabei schnell eines klar: Hier wurde nicht allzu viel gewagt. Die Wahlkampfstrategie setzt fast alles auf die eine Karte namens „Unabhängigkeit“ und bemüht die üblich verdächtigen Schlagworte: „Verantwortung. Ehrlichkeit. Mut.“ Auch bekannt als „Ja, eh“-Slogans, weil es Begriffe sind, zu denen man eigentlich nur eines sagen kann: „Ja, eh! Klar bin ich dafür.“ Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen, eine Kampagne, so steril und nichtssagend wie ein unbenütztes Papiertaschentuch. Das immerhin passt perfekt zu dieser stets äußerst gepflegten und adrett gekleideten Kandidatin.

 

RICHARD LUGNER
Damit sind wir dann auch gleich beim Gegenteil. Auch Lugners Kampagne ist im öffentlichen Raum unsichtbar, dafür hat er das Internet und die paar Quadratmeter der Lugner-City ganz für sich. Neben dem Kasperl-Sujet gibt es tatsächlich ein halbwegs staatstragend wirkendes Plakat, natürlich Seite an Seite mit seiner „First Lady“. Die Dame ist allerdings ein Witz für sich (sie ist auf dem Plakat mehr retuschiert als Lugner), ebenso, dass Lugner nicht nur unabhängig, sondern auch „aktiv“ zu sein verspricht. Nachdem uns Lugner bei seinen „Wahlkampfauftritten“ mehrmals zu verstehen gegeben hat, was für ein toller Hengst er ist, da er doch so ein resche, junge Gattin noch beglücken kann, wissen wir auch, was mit diesem „aktiv“ wohl in erster Linie gemeint ist.

 

khollum_2ANDREAS KHOL
Arbeit macht frei, Erfahrung macht stark. Andreas Khol ist also ein sehr erfahrener Mann. In der Geriatrie versteht man diesen Hinweis so: „Aha, er ist schon recht alt. Warum sagen Sie das nicht gleich so?“ Die Plakatkampagne versucht dieses hohe Alter natürlich möglichst staatstragend zu verkaufen. Die Mittel dazu: kräftige, aber nicht zu bunte Farben, eine staatsmännische Pose, die üblichen Slogans („Staatsmännisch. Erfahren. Mutig.“), die beinahe auf seine Persönlichkeit zugeschnitten scheinen, aber in Wahrheit auch nur „Ja, eh“-Slogans sind. Man darf sich fragen, ob die ÖVP, wenn sie einst unter die 5%-Hürde fällt, immer noch so auftreten würde, als könnte sie den Kanzler oder den Bundespräsidenten stellen. Andererseits: Natürlich muss man auf Plakaten so tun, als wäre man die Topbesetzung für diesen Job. Selbst wenn der Kandidat Andreas Khol heißt.

 

hundsdorferRUDOLF HUNDSTORFER
Was für eine Überraschung! Der SPÖ-Kandidat setzt auf dieselbe Bildsprache wie der ÖVP-Kandidat, nur die Farbgebung ist etwas dezenter, geschönter, sonniger! (Gelobt sei Photoshop!) Tja. Jahrzehnte des Proporzes lassen sich eben nicht so einfach wegwischen. Hundstorfers Keywords hingegen sind „Sicherheit, Verlässlichkeit“ und dass er „einer von uns“ ist. Auch das kommt nicht allzu überraschend und wir sagen einmal mehr: „Ja, eh!“ Was die Hundstorfer-Plakate an „staatsmännischer Erfahrung“ nicht transportieren, machen sie mit ihrem volksnahen Flair und der burschikosen Verzückung wieder wett. Es wirkt ein wenig so, als wäre der Slogan „Im Herzen bin ich immer noch Lehrling!“ lange Zeit im Rennen gewesen, aber erst in letzter Sekunde (samt Latzhose und Schutzhelm) wieder rausgeflogen. Fast schade drum.

 

hofer_2NOBERT HOFER
Endlich eine klare Bildsprache! Bei der FPÖ ist es ziemlich gleich, ob jemand für den Gemeinderat, für eine Demonstration gegen eine Flüchtlingsunterkunft oder als Bundespräsident kandidiert, diese Werbelinie ändert sich nie. In der Werbefachsprache nennt man das eine wiederkennbare „Grundmelodie“. Die tönt immer gleich, ein bisschen hört man marschierende Stiefel durch, in der plumpen Typographie spiegeln sich die proletarischen Wählermassen und in der Kombination der Flagge mit dem parteilichen Blau schwingt stets auch ein Hauch patriotische Verklärung mit. Das mag man zum Kotzen finden oder auch nicht, es ist aber immerhin eines: stringent! Und vermittelt mehr Verlässlichkeit oder Beständigkeit, als z.B. ein Photoshop-geschöntes Hundstorfer-Plakat. Die SPÖ muss sich also ein weiteres Mal nicht über den Wählerstimmenexodus aus dem Gemeindebau wundern.

 

vdbALEXANDER VAN DER BELLEN
Na bitte, hier hat sich offenbar eine Werbeagentur (es handelt sich um Jung von Matt) vollkommen verwirklicht. Während die FPÖ-Agentur sich stets selber treu bleibt, schummelt man Van der Bellen in eine volksnahe, fast bäuerliche Identität. Nichts mehr ist es mit flapsig-faden Grünen-Slogans, hier geht es in satten Schwarz und vollgesogenen Farben um das Ganze, sprich: erneut um ziemlich nichtssagende Begriffe. Wir erfahren, dass der Professor für „Glaube in die Heimat. Zusammenhalt. Mut“ steht. Ja, mit ihm fahren wir gar „mutig in die neuen Zeiten“. Und nicht nur das. Die Jung von Matt-Kampagne setzt noch eines drauf, den ultimativen, den nicht mehr zu toppenden Begriff. Alexander van der Bellen ist: „Wir!“ Und sind wir nicht für ihn, sind wir offenbar gegen dieses „Wir“, gegen uns also. Das muss man erst einmal verkraften. Aus jedem Sujet tropft der absurd unerschütterliche Glaube mancher PR-Agenturen, man müsse nur einen Kandidaten in eine grüne Wiese stellen und „Heimat“ dazu schreiben, schon ändern zwei Drittel der Bevölkerung ihre Meinung: „Ah ja, der ist ja eigentlich eh auch recht rustikal. Na, jetzt wähl‘ ich ihn!“ … und vielleicht stimmt das ja tatsächlich. Trotzdem wäre uns diese Kampagne als Fotoroman eines einsamen, alten Mannes viel sympathischer gewesen. Dann hätten wir gerufen: „Gebt ihm doch das Amt! Damit er noch etwas vor sich hat …“

Fazit: Eine richtige Überraschung gibt es hier nicht, doch immerhin verraten uns die Plakate, dass die FPÖ selbst in ästhetischer Hinsicht mehr Beständigkeit zeigt als ÖVP und SPÖ. Und dass die Van der Bellen-Plakate mehr versprechen wie alle anderen Wahlplakate zusammen. Würde nun tatsächlich stimmen, was wir eingangs behauptet haben, dass die Kampagnen über den Wahlausgang entscheiden, wäre der Wahlausgang eigentlich ziemlich klar. Aber das kann natürlich nicht sein. Denn wer schaut sich schon länger als 10 Sekunden Wahlplakate an? Danach nerven sie nur noch, weil sie das Stadtbild oder – noch viel schlimmer – die Landschaft verschandeln. Das Beste an Wahlplakaten war immer schon, dass sie nach der Wahl schnell wieder verschwinden.