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Posts Tagged ‘Alice’

Wir sind hier nicht zuhause

Posted by alice on Mai 2nd, 2009

Das besondere an Festivals ist das zuviel an allem. Zuviel Erwartungen, zu viele Bands, zu viel Information und im Falle des Kremser Events: Zu viele Leute die man kennt. Andererseits macht es gerade dieses Zuviel zu einem seltsam einlullenden Fakt, der das Handeln und Tun an solchen Tagen einstellt auf: Ahja, heute gehen wir dann wieder hin. Mangelt es einem an Flexibilität, aufgrund des Alters und der damit einhergehenden Abgebrühtheit beispielsweise, oder gehört man einfach zu jenen, die einen Gig auch mal nachwirken lassen wollen, wird man sich in Krems alle halben Stündchen sagen hören: Ich setz’ mich mal kurz raus.

„Raus“ heisst in diese Kantine oder in den kackefinsteren Raum mit den komplett unbequemen Bänkchen, die hoffentlich kein Städteplanungsverantwortlicher je sieht, weil sie ganz perfekt in eine saubere Stadt passen: Sitzen ein bisschen geht, aber bloß nicht lungern oder liegen. Und ehe man sich´s bewusst wird, geschieht etwas, was man von Schutzhütten in Schneestürmen oder Tavernen in Regengüssen kennt: Man wartet. Und kann nicht weg. 

Als hätten sie jenseits des Geländes alle Strassen aufgebrochen oder jedes Gleis gebombt, verhaftet so ein Ort mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten und verschafft damit etwas seltenes: Komplette Zufriedenheit. Denn was anderes könnten wir tun? Wir sind hier nicht zuhause, und kennen uns nicht aus. Also bleiben wir. Und grinsen uns eins.

mustard donau 1„Antony“ ist ein Mädchen. Ein liebes, schüchternes, ein bißchen zu dickes, das gerührt und erstaunt von der eigenen Kunst zügig voran spielt. Das Mauerblümchen sein kommt vielleicht ein bißchen zu banal daher, so live in dieser riesigen Tennishalle. Aber so ist das eben, wenn man(n) eins Tages bemerkt, daß zur eigenen Identität mehr gehört als der Körper hat. Und zum Selbst Sein Lippgloss kommt, dann wird einiges simpler, vielleicht.
„I need another world“ hat die Tiefe und Einfachheit von klarer Erkenntnis: hier wo ich bin, mit der Art wie ich bin, ist das nicht gut. Punkt aus. Binse? Kann sein, aber wie da auf der Bühne links in feinem Licht das Mädchen im weißen Anzug am Klavier singt: „i´m gonna miss the sea, i´m gonna miss the snow“, schwappt großes dickes Aufgefangen sein über die Kante, wie die eine oder andere Träne verschämt über die Wange. Ja, es ist große Kunst. Ja es tut gut, ja es reißt das Herz raus und ja, es macht vergessen die Umständ, daß in einer ausverkauften Mehrzweckmesse halt schnell mal das sie-steht-vorne-er-hinten-Schunkeln passiert, daß ein Saxophon bitte wirklich nicht wie in den 80ern Softpornos gespielt werden muß, und daß eine Begleitband ruhig mal mehr tun könnte als sie muß.

mustard donau 2„Coco Rosie“ sind Buben. Verspielte, geschminkte, starke Rotzpippen, deren Verletzlichkeiten und Weltbetrachtungen nicht dem „ja das ist so Frauen Befindlichkeitszeugs“ ausgesetzt sind, weil die Erdung im eigenen Tun so was von unhinterfragbar da steht, daß es einen fast umweht. Die Selbstverständlichkeit ihres speziellen eigenen Sounds, das Geknarze und Gekrache, das Zwitschern und Tröpfeln ist bei den Schwestern Casady nichts Zärtelndes oder Verschämtes, sondern einfach so. Und nicht anders. Der Spieltrieb eben. Buben haben den. Mal gucken was passiert, wenn ich den Föhn in die Waschtrommel stecke, wie klingt das dann, ach was ich tu´s einfach. Dabei sind beide Könner und Wissende, und hurra, großartige Klasse. Es ist so verdammt cool wie die eine im Beat wiegt und im linken Fingernagel noch die kleinste Bewegung weiß, während die andere versponnen feenhaft an Kisten werkelt, daß schon wieder scheißegal ist, wo du hier bist. Denn drei Meter überm Boden ficht dich das Rundherum nicht an.

Das Rundherum, übrigens, macht Security in schwarzen Anzügen und schmeißt den Rest Publikum so was von feingefühllos aus dem Saal, als der Bühneabbau längst im Gange ist, und Sierra Casady dennoch mit ihrem Musiker am Klavier klimpert, daß es schon wieder zum Lachen ist. „Bitte gehen sie jetzt“ als täte der verstreute Rest Leute, eh alle glückvoll grinsend, ernsthaft eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit darstellen. Pfft. Nichts begriffen.

Draußen vorm Slum TV sitzt es sich indessen fein und ein befreundeter Techniker erzählt launig, wie ihn die Sicherheitsleute beinahe des Festivals verwiesen hätten, das er, weil seitens Verleiher mitverantwortlich für das Funken der Tonanlagen in Halle 2, ohnehin in erster Linie beruflich besucht habe. Es habe Verwirrung gegeben, ob er nicht doch bloß ein hinterhältiger Ticketerschleicher sei, da er, notrufsfällig wegen Boxenreparatur, mit einem Wochenpass kam, nachdem er Tags zuvor mit ganz privatem Einzelticket als reiner Gast bei Sonic Youth weilte. „Die kenn i schon, du schleichst die überoi eini“ habe ihm der Sicherheitsmensch unwirsch entgegen geschmettert und mit einem klaren „und den Poss nimmi da ob“ geendet. Wie er denn nun seine Arbeit verrichten solle, habe er darauf gefragt, was der Mann in schwarz ignorierte, der Cheftontechniker dann doch klären konnte.

Die Umständ´ eben wieder. Passend das ausgerechnet zum Ende der Anekdote Reverend Billy am Vorplatz einmarschiert und sein Werk gegen Teufel Kapitalismus und Satan Bankomat beginnt. Lauthals predigend unterstützt vom ganz vorzüglich swingenden „Stop Shopping Gospel Choir“ erklärte der Führer der „Church Of Stop Shopping“ wo die Erlösung liegt. In der Befreiung nämlich von Marketing und Shoppingsucht: Die Fesseln des Konsumzwangs abgestreift und zack geht’s gen Himmelreich. Ahja. Sagt das mal den Umständen hier.

mustard donau 3Vergessen dies als Spencer Krug mit „Sunset Rubdown“ rabiatperlend und aufwühlend, so weit das für einen Mann seines jugendlich biederen Aussehens hinter einem E- Piano an der Bühnefront möglich ist, schnell und abgedreht zeigt, wo der Kanadier den Most holt. In der Besessenheit liegt die Kraft, Krug singt zerrissen und voluminös, während die Mitmusiker, ganz eindeutig unter seiner Fuchtel, (immerhin ist er der Erweiterer der kanadischen Fauna mit „Wolf Parade“, „Swan Lake“, „Frog Eyes“), ganz brav mitmachen. Ja er fasziniert einfach, wiewohl wie lieber „Swan Lake“ mit Carey Mercer gesehen hätten, der nämlich bremst Krug immer dort , wo es zu gerade wird. Das trauen sich die Kollegen hier nicht. Dafür gibt’s eine Torte und Geburtstag und überhaupt. Alles fein.

mustard donau 4„Spiritualized“ spinnen völlig, hören wir einen im Publikum sagen, als Jason Pierce ganz in Weiß beginnt, die unendliche Wiederholung der perfekten Dreiklänge auf die Spitze zu treiben: Bombast aber wie, die Background Damen im perfektem Links-step-rechts-step-Beat, die Songs endlos und redundant bis zur Schmerzgrenze schön.

Schon wird die Tennishalle zur Erlöserkirche: Es ist so einfach, erhebende Musik zu machen. „Songs in A+E“ ist dann auch der passende Titel des aktuellen Albums. Es stimmt ja, mag man dem Kritiker recht geben, es könnt schon auch die Musik zum Finale eines Musicals sein, aber hier ist jeder Song das Grande Finale, das kann schon richtig wehtun dann auch, Überreizung quasi, und überhaupt bitteschön hatte Herr Pierce „Spacemen 3“ früher, die bei Auftritten erstmal drei Keyboardtasten mit Gaffa auf Anschlag geklebt hatten. Psychedelic eben. Nothing more to say. Einfach mitfließen lassen und freuen.

Echtes Musical, by the way, sehen wir dazwischen bei „The Cesarians“: was als Punk Version zwischen Klezmer und Drei Groschen Oper beschrieben ist, wird ein perfekt langweiliges Gerumpel im Vaudeville Stil , wie es sich der Absolvent des ersten Semesters Ausdruckstanz vorstellt: platt. Banal. Sauber. Jede Geste voraussehbar. Den meisten gefällts. „Gut gemacht“ lautet der Tenor. Ja eh. Mehr aber auch nicht.

Und ich sitze zwischendurch wieder auf den ungemütlichen Dingern im Halbdunkel und denk’ mir: Bleibe ich halt noch einwenig. Und grinse mir eins. ag

Grammeln, Geld und Gaffa

Posted by alice on November 20th, 2008

news gaffaAlice besucht Menschen aus der “zweiten Reihe”. Dieses Mal: Der Tontechniker Exklusiver Vorabdruck aus Hydra #4 (very extended Version)

Wenn wir an der Tür vorbeigekommen sind und erwartungsfroh gen Bühne blicken, hat einer schon seit Stunden die Fäden, äh.. Kabel in der Hand: Der Tontechniker. Nun steht er wie immer im Dunkel, dezent, bescheiden, ohne dass wir das groß bedenken. Bis es pfeift zumindest … Alexander Bossew beschallt seit 18 Jahren von Alternative bis Hochkultur, von Firmenevents bis Theater so ziemlich alles, was ein Mikro braucht.

Hydra: Du bist Tontechniker. Warum?
Alexander Bossew: Ich wollte nicht in einem Büro sitzen und gratis auf Konzerte gehen. Ich habe erstmal Geologie studiert, da war ich viel draußen, habe aber bemerkt, dass ich deswegen auch nicht gratis auf Konzerte komme. Dann war ich mit der Band eines Studiokollegen im Proberaum, und habe festgestellt, dass der Sound irrsinnig mies ist. Da habe ich eben am Mischpult herumgedreht, mit dem Ergebnis, dass der Sound noch mieser war. Und die Boxen kaputt.

Hydra: Du hast also nichts Technisches gelernt?
AB: Nein, das war meine erste tontechnische Erfahrung. Mir war klar, dass ich mich näher damit beschäftigen muss. Ich dachte, wenn ich da lange genug herumschraub´, wird die Band berühmt und wir verdienen alle Geld. Und ich kann mein Studium sausen lassen.

Hydra: Das hat ja funktioniert.
AB: Ja, ich hab´s mir allerdings einfacher vorgestellt. Ich musste schon ein oder zwei Dinge lernen, Empirisch. Nach dem Ausschlussverfahren, was man alles besser nicht macht. Als ich entdeckt habe, dass einen auch die Salzburger Festspiele engagieren können, musste ich dann ein Schein machen. Die “Ausbildung zum Tontechniker und Elektroakustiker”. Die haben einen Nachweis verlangt.

Hydra: Wo hast du angefangen?
AB: Im BACH, in der “Kulturgruppe”, da haben wir immer die Kassettendemotapes durchgehört. Dann kam das WUK, Museumsquartier Halle E und G, Salzburger Festspiele, Donaufestival, die alte Szene Wien, Viennale, Theaterproduktionen, Industrie.

Hydra: Da bist ja jetzt komplett etabliert.
AB: Etabliert? Etabliert sind eine Menge.

Hydra: Ja aber nicht so viele, die mir Gästelisten bringen.
AB: [lacht] Stimmt. Aber etabliert bist du, ökonomisch, wenn du Kiddy Contest aufnimmst. Oder Fendrich bedienst. Oder die volkstümliche Musikschiene machst. Also den Kommerz.

Hydra: Angenommen ich habe eine Veranstaltung und komm drauf, ich brauche einen Tontechniker, wie komme ich zu dir?
AB: Über Mundpropaganda. Unter den Musikern und Kollegen und Kolleginnen, mit denen man Jobs austauscht. Wenn du einen guten Job machst, entwickelt sich da was weiter. Und ich arbeite viel für “Audiorama” vom Hans Holler, und “Sound Art Service”, als Angestellter. In letzter Zeit aber immer mehr Selbständig.

Hydra: Was muß man dir zahlen, wenn man dich für eine Abend haben will?
AB: Das kommt darauf an. Ob du eine arme oder reiche Band bist. Je nachdem wieviel Vorarbeit zu leisten ist, das Minimum ist zweihundert Euro. Und nach oben gibt es logischerweise keine Grenze. [lacht]

Hydra: Du bist Live Tontechniker in erster Linie?
AB: Ja. Ich hab die letzte Platte von “Maische” aufgenommen, das war schon o.k. Aber es liegt mir nicht, von ein und demselben Song 30.000 Versionen vor mir zu haben, und zu entscheiden, welche auf Platte kommt. Weil jede Version hat ihre Berechtigung. Das zu entscheiden überlasse ich lieber Berufeneren.

Hydra: Wie bist du im Umgang mit Bands? Streng oder Lieb?
AB: Wie sie´s brauchen. Grundsätzlich schon sehr freundlich, aber wenn ich merke, das bringt nichts muss ich halt mehr Ultimaten stellen, wegen der physikalischen Grundregeln. Wenn jemand leise singt, hast du das Schlagzeug im Gesangsmikro lauter als die Stimme. Das klingt dann nicht so super. Da bin ich autoritär, auch bei internationalen Bands. Es gilt: je handwerklich besser die Bands, desto leichter hat´s der Mischer. Je schlechter, desto mehr musst herumrudern

Hydra: Plauder’ doch aus dem Nähkästchen! Die schlimmste Band?
AB (ziert sich): OK, also XiuXiu beim letzten Donaufestival. Beide sehr arrogant und unsympathisch, und von ihrem Setup echt zum Verzweifeln. Sie stehen auf einer riesigen Bühne innerhalb von zwei Quadratmeter samt ihrem Schlagzeug und Instrumenten und singen gaaanz leise. Das war nicht zu mischen! Ich hab ihnen also beim Soundcheck drei Vorschläge gemacht: entweder lauter singen, oder leiser spielen, oder zwei Meter auseinander gehen. Die Antwort: “We don´t think that either of that is possible for us!” Gut, Ohren zu und durch. Der John vom rhiz (Tontechniker dort selbst, Anm. der Red.) kam dann beim Konzert und meinte, das Schlagzeug sei aber schon ein bisserl zu laut. Ich war froh, dass überhaupt etwas rauskommt.

Hydra: Wie ist denn das Verhältnis Ton und Licht? Sagen die Tontechniker über die Lichtler, das die noch weniger können als sie selbst?
AB: Quatsch! Die können eben etwas anderes! Das sind zwei Universen, wir respektieren uns, und in Wirklichkeit weiß der eine vom anderen nicht, was er genau tut. Es gibt Notwendigkeiten für Licht und es gibt Notwendigkeiten für Ton, da kann es schon mal passieren, daß etwas kollidiert. Aber das beredet man dann.

Mich haben sie immer gleich am Mischpult geparkt.

Hydra: Bei den Salzburger Festspielen bist du ja nicht der Obertonmeister, da bist du einer von den “Stagehands”. Wie ist das mit den Hierarchien, wo ihr doch alle per du seid in der Szene.
AB: Am Anfang war ich natürlich auch “Stagehand”. Obwohl mich haben sie immer gleich am Mischpult geparkt. Wahrscheinlich weil ich handwerklich doch nicht so gut war. Zuerst war ich einer von vielen, aber jetzt betreue ich eine Außenspielstätte, dort bin ich der “Meister”. Was nach mehr klingt, als es ist. Denn wir sind zu zweit. Also die Salzburger Festspiele haben schon den Plan, daß sie gerne eine ausgeprägte Hierarchie hätten. Aber in Wirklichkeit ist das wurscht, und jeder macht alles.

Hydra: Mit wem warst du auf Tour, und wie ist das?
AB: Mit Sofa Surfers und Jimi Tenor. Du geierst mit dem Nightliner herum, mischt am Abend, danach hast “Privatleben”, dann wieder in den Bus, fährst weiter, suchst dir in der Früh ein Dusche, frühstückst…Tourleben eben.

Hydra: Ist das ein hartes Leben?
AB: Überhaupt nicht.
Hydra:Ist es großartig?
AB: Ja. Wobei, das eine schließt das andere ja nicht aus. Es kann mitunter ganz schön anstrengend werden.

Hydra: Du hast einen extrem guten Ruf. Und den nicht nur bei den Leuten, denen du Gästelistenplätze beschaffst.
AB: [lacht] Das liegt vielleicht daran, daß ich nicht nur versuche den Strom zu verteilen. Man kann ja Tontechnik auch so erfassen, daß da jede Menge Stromleitungen im Mischpult ankommen, die man versucht zu addieren, und demokratisch wieder rauszuschicken. Also unmusikalisch. Ich habe als Kind Flöte und Klavier gelernt. Dafür muß ich meine Eltern echt dankbar sein, ich war faul und wahrscheinlich nicht sehr talentiert, aber es hat mir eine Vorstellung gegeben, wie Musik funktioniert. Auch wenn ich Musik höre, die ich nicht kenne, mache ich mir ein Bild dazu, und versuche das umzusetzen. Die technische Arbeit ist da nur die halbe Miete.

Hydra: Es gibt Menschen, die sehen Farben wenn sie Musik hören. Bist du so einer?
AB: Nein. Ich bin Farbenblind. Das beengt die Synaestehsie.

Hydra: Aber sind nicht am Mischpult alle LEDs rot oder grün?
AB: Ja, Und ich bin rotgrünfarbenblind.

Hydra: Das heißt, du siehst gar nicht, wenn was übersteuert?
AB: Erstens kann man die LEDs abzählen, und zweitens: das untrüglichste Zeichen, daß etwas übersteuert, ist das man hört, daß es übersteuert!

Hydra: Es pfeift?
AB: Nein es grammelt. Das Pfeifen ist eine Rückkoppelung. Obwohl, wenn es lang genug rückkoppelt, dann grammelt´s auch irgendwann. Ich gehe beim Mischpult ja nicht nach der Optik, sondern nachdem was ich höre.

Es gilt die Grundregel: Jeder Tontechniker tut was er will

Hydra: Bei Festivals mischt du ja nicht alle Bands an einem Abend. Manche haben ihren eigenen Techniker mit. Wenn du merkst, der Kollege verfranzt sich gerade ordentlich, das wird schlecht klingen, weil er unter Umständen die Anlage nicht gut kennt, oder den Raum, sagst du etwas? Oder überwiegt der Respekt?
AB: Das ist ein heikles Thema. Es gilt die Grundregel: Jeder Tontechniker tut was er will. Jeder hat seine eigene Vorstellung davon, wie etwas zu klingen hat. Aber es gibt natürlich Grenzen. Wenn dem Publikum die Ohren wegbrutzeln, das ist ja auch eine juristische Frage, muss man einschreiten. Manche Kollegen sind völlig beratungsresistent, da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder du baust deine Technik so auf, dass du so einschreiten kannst, ohne dass sie es merken, oder du beginnst wirklich zu streiten, dann sind alle grantig. Beim Donaufestival versuch ich immer etwas einzubauen, dass ich die ärgsten Lapsi verhindern kann.

Hydra: Vor zwei Jahren dort bei “Trail Of Dead” gab es dieses digitale Mischpult. Das Konzert war, beim Teufel, mein lautestes ever! Lautstärke macht mir üblicherweise keine Angst, aber es war echt schlecht gemischt, und der bandeigene Tontechniker hat verzweifelt nur auf das Pult gestarrt. Du standest hinter ihm, hast du eingegriffen?

AB: Nein hab ich nicht. Er hat mir versichert, dass er sich mit dem Mischpult auskennt, und beim Soundcheck auch so gewirkt. Allerdings ist im Backstageraum irgendetwas passiert, das ihn komplett seines Bewusstseins beraubt hat. Er ist völlig von der Rolle am Pult gestanden ist und war seeeehr beratungsresistent. Damals hatte ich nicht so verkabelt, dass ich eingreifen konnte. Man lernt nie aus. Das hat mir einen Kuhschwanz an schlechter Kritik eingebracht. Von wegen mieser Sound. Das war nur ein Konzert von vielen, und der Ruf hat sich dann durchs ganze Festival gezogen.

Hydra: Du rückst nicht gerne mit Gossip raus. Grad beim Donaufestival muss es ja zugehen wie nur was! Der Tonmensch wird ja nicht der einzeige sein, der da hinter der Bühne versumpert. Schweigt man da drüber?
AB: Ja natürlich.[grinst] Und außerdem ist das eher recht banal, man sauft sich an, hat´s recht lustig, und tags darauf Kopfweh.

Hydra: Da wird es doch sicher noch “a wide range of things” geben, der da dazwischen liegt!
AB: Ja. Nein. Piep. Es ist alles nicht so aufregend. Das was man sich so vorstellt, passiert eher nicht.

Hydra: Bist du reich?
AB: Nein.

Hydra: Du verdienst 200 Euro pro Abend!
AB: Aber ich arbeite ja nicht jeden Tag! Es kann passieren, dass eine Woche oder ein Monat nichts zu tun ist. Und die Sozialversicherung will dann auch ihr Geld. Da muss ich dann mein Konto über den Überzeihungsrahmen hinaus überziehen.

Hydra: Du hast also denselben Zustand, den wir alle haben, nur dass du mal ein Monat nicht arbeitest.
AB: Ja. So ist es.

Hydra: Also bist du doch reich!
AB: Ja, aber ich kann ja nichts tun, in der Zeit.

Hydra: Genauso geht es uns auch, und wir arbeiten auch noch dabei!
AB: Das Problem ist, dass du nur Geld hast wenn du arbeitest. Und ohne kannst’ nicht viel anderes tun. Deswegen habe ich mir ein zweites Standbein überlegt.

Hydra: Was?
AB: Ich könnte im Winter Parksheriff sein. Jänner bis März ist traditionell tote Hose. Ich hab da so Robin Hood-Phantasien. Je fetter das Auto desto höher die Strafe. Und freier Zugang für Lieferwägen von “Audiorama” und “Sound Art Service” an allen Veranstaltungsorten. Man scheißt schließlich nicht in den Topf aus dem man frisst.

Hydra: Was ist deine bevorzugte Taschenlampe?
AB: “Surefire”. Aus der militärischen Forschung.

Hydra: Welche Größe?
AB: Wurscht. Hauptsache, man kann sie in den Mund stecken. Mit Gaffa Band drumherum, sonst beiß ich mir immer die Zähne aus. Man wickelt immer ein Gaffa Band um die Taschenlampe, die man in der Papp´n hat. Das lernt man auch als Tontechniker.

Hydra: Wie wär´s mit Stirnlampe?
AB: Davon kriege ich Kopfweh. Nehme ich nur beim Auf und Abbau, wenn ich beide Hände brauch. Und beim Mischen blende ich damit das Publikum. Das ist nicht so toll.

Hydra: Eigentlich ist das eine Schande, dass ich da mit einem Tontechniker rede, und kein g´scheites Aufnahmegerät habe.
AB: Ich hätte dir gerne eines vermietet.

Hydra: Und was hätte mich das gekostet?
AB: So um die hundert Euro.

Hydra: Waaas? Für wie lange?
AB: Für eine Tag. Das ist ein professioneller DAT Recorder. Der kostet was!

Hydra: Und was kostet der Unprofessionelle?
AB: Unprofessionelles hab ich nicht.

Hydra: Was für ein Schlusssatz! 

ag

Szene bleibt!

Posted by alice on Juni 22nd, 2008

HYDRA trauert um die Szene Wien, die natürlich nicht gestorben ist, aber doch nicht mehr ganz dieselbe ist bzw. sein wird. Das glauben Sie nicht? Dann vergleichen Sie folgende Szenen:

A ) Der Tresen ist voll mit bunten Flyern, in kaltem weiß erleuchtet ein „Eristoff“ Schild den gelangweilt am Kühlschrank lehnenden langhaarigen Barman. Die Gästin klaubt frohen Mutes Geld während er an die Kette seine Geldbörse durch die Finger zieht und mit verkniffenen Augen ein Ziel in der ferne anvisiert. Ein Konzert ist im vollen Gange. Niemand sonst ist am Tresen. Die Gästin hat die angemessene Anzahl von Münzen parat und ist bestellbereit. Der Barmann rührt sich nicht. Gästin sucht Blickkontkat. Barmann rührt sich nicht. Gästin klappert mit Münzen. Barmann rührt sich nicht. Die Distanz zwischen beiden beträgt eineinhalb Meter. Gästin fixiert Barmann. Barmann rührt sich nicht. Gästin richtet sich zu voller Größe auf und sagt: „Hallo?“ Barmann wirft sein Haar nach hinten, dreht sich um, zündet eine Zigarette an, und belehnt wieder den Kühlschrank. Gästin winkt. Barmann sieht zu Boden, holt tief Luft, schüttelt den Kopf, hebt langsam den Arm vom Kühlschrank, macht eine Schritt, bleibt einen Meter vor Tresen und Gästin stehen und schreit: „Wos wüst?“ Gästin: einen weißen Spritzer. Barmann: „Wos?“ Gästin lauter: „Einen weißen Spritzer bitte, wenn das irgendwie ginge. Danke“. Barmann: „Hearst, wos is?“ Gästin, deutet die Zahl eins und ein geschwungenes Glas, schreit: „Könnte ich einen weißen Spritzer bekommen?“ Barmann: „Wos?“ Gästin brüllt: „An weissn Spritza!“ Barmann: „Hearst geht des freindlicha? Bei der Scheissdreckmusik soll i ah no wos hearn!“ Die „Scheissdreckmusik“ war TransAm, die im Rahmen des Gravity Festivals das Planet Musik bespielt haben.

B) Der Tresen ist klein und belagert von verschwitzten Menschen. Zwei Barfrauen klappern mit Bechern. Die Gästin klaubt frohen Mutes Geld. Die Barfrauen rotieren wendig zwischen Zapfhahn und Tresen.Hinter Ihnen an der Wand überträgt ein kleiner Monitor ein Konzert im vollen Gange Die Gästin hat die angemessene Anzahl von Münzen parat und ist bestellbereit. Barfrau eins schiebt drei Bier über die Bar, grinst weil der Empfänger noch Geld sucht, fixiert derweil Gästin und nickt. Gästin lehnt am Tresen und wartet. Barfrau beugt sich nach vor, neigt den Kopf nach links und sagt: „Ja?“ Gästin: „Einen weißen Spritzer bitte.“ Barfrau zuckt kurz mit den Schultern, beugt sich weiter vor, und sagt: „Es is zeimlich laut, das war ein weißer Spritzer?“ Gästin nickt, Barfrau flitscht zum Zapfhahn, schaut in die Runde, nickt dem nächsten Gast zu, schiebt schließlich eine Becher über den Tresen, beugt sich wieder vor, nennt einen Betrag: „Das ist mit Bechereinsatz. Und sorry, bei der Lautstärke der Jungs ..“ und hält Ohr Richtung Gästin: Gästin: „Mich wundert´s daß du das aushältst“ Barfrau lacht: „ich mag´s ja nicht mehr so, aber das paßt schon. Das muß so laut sein.“
Die Band waren „The Beasts Of Bourbon“, die die Szene Wien bespielt haben.

Entscheiden Sie nun, welche Begebenheit mehr Ihrer Vorstellung einer feinen Location entspricht. Unabhängig Ihrer musikalsichen Vorlieben. Eben.

Im Sinne der Feinstofflichkeit und im Sinne der seltenen Grandezza, Gästen das Gefühl zu geben komplett wahrgenommen und geschätzt zu werden, nehmen wir Abschied. Von der Szene Wien.
Lesen Sie nach, wie eine Kulturinstitution von großartiger Vielfältigkeit abgeschossen wurde und unterstützen Sie szenebleibt ag

Testosteron. Dreck. Rock ‘n’ Roll.

Posted by alice on April 9th, 2008

mustard beastsAlso es ist so: The gap between star and audience, der schmale Grat zwischen denen da oben, und uns da unten soll unbedingt gewahrt bleiben. Meine ich. Denn ich will ja bittschön da unten im finsteren Publikum gerne zu jemandem aufschauen. Und das nicht nur wegen der erhöhten Bühne.

Ich will zu jemandem aufschauen, der ich nicht bin, der kann, was ich nicht kann, und der sich aufführt, wie ich mich nicht aufführe. Soll heißen: die sollen da oben bitte alle immer unbedingt hurtig heftig sein.  Ich will Performance sehen, ich will Bühnestyling und ich will die Welt erklärt bekommen, von jenen, die mehr von ihr mehr gesehen haben als ich (… was … nicht ganz schwierig ist, aber das ist eine andere … traurige Geschichte).

Nix schlimmeres gibt es als Menschen in Gummibundbeinbekleidung und Schlabberpulli mit Instrument oder gebückt am i-book. Da ist mein Ernst dahin, da kann die beste Musik kommen, da bleibt mir das Ohr zu und das Hirn sagt: Hearst, zieh dir was G´scheites an!

Das ist das eine. Gilt für jede Art Bühnenauftritt jeglicher Richtung Musik.  Das andere ist die für sich selbst und komplett unreflektiert stehende Kategorie: Testosteron. Dreck. Rock´n´Roll. Die Dreifaltigkeit des Yeaaaaaaah!

Weil: Coole alte Männer. Exaltierte Sänger. Durchgezuckte Gitarristen. Rotzende Schlagzeuger. Genervte Bühnenarbeiter. Das mag ich. Das ist: Eins, zwei drei – gib ihm! Das ist der dringliche Aufruf böse zu sein, immer.
Und sich nix, aber auch gar nix zu scheissen, nie. Und aber so was von kalt abprallen lassen, was gerade nicht gut tut.
Es ist das eindeutige: „Nimm dir was du kriegst und frag gar nicht erst ob du´s willst“. Denn wenn du’s denkst, hast du schon verloren. Das ist der Ablass für jegliches aufgestaute Arschgefühl! Das ist the bullet coming to your head! Das ist: Tex Perkins! Der Inbegriff des Mannes, des Arschlochs, des Irren. Die härteste Diva des alten Zirkus “Rock´n´Roll!”

Die Beasts Of Bourbon, Damen und Herren, habe ich im Juli gesehen, und was soll ich sagen:was ne Nacht. Jesus. Christ. Perkins` Jeans waren zwischen den Schenkeln komplett aufgewetzt. Also genau da, wo das Testosteron … eben. Und wir haben uns in der Szene noch gefragt, ob er´s mit einer Feile aufreibt. Da haben wir noch gelacht. Stunden später, nächtens im Chelsea, nicht mehr so. Ich habe ins Auge Charlie Owens geblickt und was ich sah bedarf keiner weiteren Worte.

Wahrlich ich sage euch: Legt euch nie, nie mit australischen Musikern an. Kommt nicht auf den Gedanken, ihr könnte mehr trinken. Glaubt nicht, ihr seid cooler. Und denkt nicht mal dran, auch nur einen Funken Respektlosigkeit zu zeigen. Denn diese Gang bangt euch so was von weg, da kommt ihr nicht mal um die nächste Ecke. Pilgert also Sonntags in die Szene, ihr unwissenden Sünder und lasset euch tapferen Herzens läutern. Im Lauten. Es wird wunderbar sein.
Believe those Words from a Woman! ag

Es war ein Sonntag, der  13.4.2008, und die Beasts of Bourbon spielten in der Szene.
Beasts On Msypace
Tex Perkins

let the sunshine in

Posted by alice on März 13th, 2008

alice frühlingHa, da reden sie schon von Frühlingsgefühlen. Well, wenn die Zeit haben für so was! Obwohl der Frühling ist natürlich was tolles, also diese ersten warmen Tage, die wir schon hatten! Schon sehr schön. Weil Wärme und Sonne verzaubern ja die Stadt des Grantes und der Niedertracht erstaunlich schnell in einen Ort des Lächelns und Srahlen. Beinahe fröhlich sind sie hier auf einmal! Und höflich!

An einem dieser warmen Tage hat mir keine einzige Rentnerin ihr Einkaufswagerl in die Achillessehnen gerammt! Und ich war in zwei Billa, einem Hofer und einem Zielpunkt! Was ja eh ein Beweis für partiell unausgegorene Organisiertheit ist, aber wenn’s warm ist, is’ eh wurscht, dass die Frau wegen der Milch zum ersten Billa, und dann wegen der Milch zum zweiten Billa, und die Milch dann auch im Hofer nicht, und im Zielpunkt sowieso auch nicht mitnimmt. Ja, ein Post-it hätt’s halt mitnehmen können, aber es irritiert auch, wenn so plötzlich gar keiner mehr keift.

In Floridsdorf haben sie dieser Tage sogar echt schnell die Rolltreppen bestiegen! Flink geschmeidig und wendig bewegen sie sich auf einmal, da ist sich gar keine Tschick mehr für den Weg von der U6 zur Bim ausgegangen! Und siehe da, das schreiende Kind im Bus haben’s auch nur leicht säuerlich angegrinst. Ob ich wohl eh noch in der richtigen Stadt bin, hab ich mich schon gefragt, aber nein nein, es hat dann abends eh wieder alles gepasst.

Als die Frau Nachbarin im Lift mich anschaut, aber derart scharf, dass ich augenblicklich die Ipod Stöpsel aus den Ohren gezupft hab (weil ich hab ja noch Respekt vor diesen Damen mit diesem Sie Dienstmadl, sie Unfähiges-Blick) und herauspresst: „Oiso wissen´s, diese Hitz! Nicht zum Aushalten das! Ihnen wird das Grinsen auch noch vergehen!“ Ja, stimmt. Danke. Es ist doch Wien. ag

f riendly u ser t est

Posted by alice on Februar 22nd, 2008

events futHerrschaftszeit, was für eine Vorgabe! Es ist also so:  Erlaubt beim Inselplattenabend sind zwei Menschen und 20 Platten. Macht zehn pro Mensch. Und das müssen genau jene sein, die Mensch auf eine Insel mitnehmen täte.  Also quasi die, mit denen Mensch (und Sonntags sind diese Menschen Frauen, also schluß mit Geschlechterneutral!) am liebsten am feinkörnigen Strand eines rettenden Eilands nach dem Sturm angeschwemmt werden möchte.

Während also der alte Kahn, der bisher so tapfer als Gefährt durch Wind und Wellen diente, endgültig am Riff zerschellt, sich ächzend zur Seite neigt und voll Wasser kriegt, der Masten eingeknickt zwischen der draußen schäumenden Gicht pendelt, dieTakelage noch scheppert und die Möwen kreischend nach dem Kaviar schnappen (na was habt ihr gedacht? Dass Ladies wie wir im Ruderboot stranden? Also echt!), rappelt sich frau in der Lagune auf und denkt:  Gut ist dass ich meine zehn Platten mithab. Mehr brauch ich nicht zum glücklich sein.

Klingt sehr nach matrosigem Seefraukitsch? Zu offensichtlich die Metapher auf das Leben? Ach papperlapap!
Das ist eben das Setting. Imaginär natürlich. Frau muss nicht salzverkrustet und stinkig sein, auf diese Art Glaubwürdigkeitsgetue dürfen wir verzichten. Nur unsere zehn Stücke Musik müssen dabei sein.

Nicht mehr und nicht weniger. Nix für Entschiedungsschwache, das kann ich Euch sagen!
Und was heißt das? WIR legen auf. Und IHR kommt hören und freudig sein. IHR nehmt keine Platten mit! Weil IHR, liebste Leutinnen da draußen, IHR seit ja auch nicht auf der Insel!

Ok. So streng soll es nicht sein, aber so sind wir Frauen eben. So frisch angelandet und sollen schon gesellschaftsfähig sein? Vergesst es! Wer sein Zeug gehört haben will, wird bedient werden! Don´t worry. Alles ein Frage der Contnenance, meine Herren! Der Grad der Bestechlichkeit kann durchaus alle 2 Songs auf´s neue ausgetestet werden. hehe. Und meine Damen? Bring your brilliant music! ag

FLUC, Sonntag, 24.2.2008, ab 21:00
INSELPLATTEN.
10 Stück Musik. Gut aufgelegt.
von ANGELA the Strangela und ALICE in der Stadt

Silvesterknalltüten!

Posted by alice on Dezember 29th, 2007

mustard booomFolgende Handlungsoptionen standen jahreswechslerisch realiter zur Verfügung: Knallen oder Knallen lassen. Und in Folge: Abknallen oder Abknallen lassen. Weil, warum? Weil diese ganze verdammte Stadt vor und nach dem Jahreswechsel knallt. Sie verwandelt sich in eine entwürdigte Lärmproduktionstheaterkulisse. Die, und das meine ich ernst und frei von jeder Ironie, jegliche zivilisatorische Errungenschaften ad absurdum führt!

Wir haben evolutionär (und sonst gar nix! Gar nicht erst auf einen Schöpfungsgedanken kommen, Leute!) links und rechts vom Kopfe zwei zarte kluge Orgänchen bekommen, die uns Genuss, Freude und Frohmut bereiten. Unsere Ohren dienen uns still und brav durch Jahr und Tag, tragen unser Gleichgewicht, und erinnern uns allgegenwärtig an das schöne Sein im dreidimensionalen Raum. Wir sind bedacht mit stereophoner Wahrnehmung und haben im Laufe der Zivilisation gelernt, diese zarten feinen Muschelchen mit wohlklingendem Ge-Töns zu erfreuen.  Bis zum Ende des Jahres.

Denn dann kommen die Böllerwerfer. Und, machen wir uns wieder nix vor, die weibliche Form brauchen wir hier auch nicht, gell? Diese wahnsinnigen kleine und großen Testosteronbeidln, die ohne auch nur eine Sekunde innezuhalten, Monatslöhne verpulvern und darob auch noch Applaus erwarten. Ok, der Terstosteronbeidl an sich erwartet sich für vielerlei Schmonzens Applaus, ist bekannt, aber am 31. Dezember läuft das Fass … äh … der Beidl über! Lasset uns, dieses Verhalten untersuchen. Weil was wir nicht ändern können, müssen wir verstehen wollen! Und was uns am Sack geht, muß geklärt werden!

Am Anfang jeder Untersuchung steht eine Frage. Diese: Warum tut jemand so was? Und eine sinnvolle Einschränkung. Diese: Was ist denn das am – Fenster – sitzen – und – Böller – hinauswerfen für eine Art Handlung? Welches Ziel kann hinter dem Werfen von Knallkörpern stecken? Nicht dass zielloses Handeln irgendetwas Schlechtes wäre, Gott bewahre (verdammt!), au contraire macht ja nachgerade das sinnentleerte tun am meisten Spaß!

Wobei, es steckt auch hinter dem ziellosen Gebaren ein tiefer Sinn. Wenn nur lang genug nachgedacht wird, entfaltet sich im blödesten Tun der Grund für selbiges! Ich sage nur: im Stammlokal bis morgens um 8:00 rumlungern! Sinn? Vielleicht bedankt´s der Wirt ja mal mit einem Messingschild an der Bar: „Diese Einrichtung möglich gemacht hat: Vorname Nachname“. Und schon haben wir eine Beweis unseres Seins. Und genau darum geht es ja.

Wir sind doch every second danach bestrebt uns real existierend und lebendig zu fühlen (das gilt natürlich nicht für unsere katholischen Freunde) und das gelingt indem wir wahrgenommen werden. Ganz einfach. Wir sind, weil uns jemand dabei sieht. Oder hört. Jemand, den wir wider wahrnehmen. Das wollen wir so, das brauchen wir, das macht uns Freude. Schießen womöglich diese vermaledeiten Falotten nur deswegen Böller rum, weil sie wahrgenommen werden wollen? Haben wir es hier mit Hilferufen zu tun? „Hör mich an, ich bin da!“?

Ist das Böllern zur Silvesterzeit ein beweis für das Versagen aller sozialen Netze? Denn ist es in Wahrheit so, dass es arme einsame Seelen gibt, die da jahrein jahraus hinter den Fenstern dümpeln und unbemerkt siechen? Bis sie zu Silvester, endlich, am letzten Tag des Jahres, vom Leidensdruck ins Handeln gezwungen werden, von der Einsamkeit angestachelt das Fenster aufreissen, ein Feuerzeug zart berühren, und eine Batterie von Schweizern und Piraten mit Absicht, Verve und Freude runterpfeffern, und uns in diesem Akt des Willens offenbaren: HÖR MICH! SIEH MICH! AUCH ICH BIN DA!

Und, liebe Freunde und Freundinnen, wie sollen wir mit diesem letzten verzweifelten Versuch, mit uns in Kommunikation zu treten würdig umgehen? Was kann die Antwort auf soviel Offenbarung im Schmerz nur sein? Richtig: GEHT´S SCHEISS´N!

Oiso: Nicht laut sein, außer in der Liebe und in der Musik, gell? Und schon wird´s ein gutes Jahr! ag

 
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