Archive for the ‘Serie’ Category

Quadratische Burgen auf Rädern

Posted by on August 23rd, 2010

camping matrattel 250Nirgendwo manifestiert sich die zierende geschwungene Linie so eindringlich wie auf dem durchschnittlichen Campingmobil. Was mag ein ehrfürchtiger Betrachter dieser Burgen auf Rädern mit solcherart Ornamentösem assoziieren? Beziehungsweise: was soll er assoziieren? Nur dem Einfältigen werden Gedanken über Hutablagen, Bürokratisierung oder auch dem hier tatsächlich völlig unpassenden Bauhausstil einschießen. Wozu erlebt der junge Mensch eine Sozialisierung, wenn er im Erwachsenenalter etwas dezent bis kokett Angedeutetes brachial falsch misinterpretiert oder einen möglicherweise aufwändig herbeisymbolisierten Bedeutungsreichtum schlichtweg nicht erkennt?

Vermutlich völlig korrekt wird dem Campingmobilbesitzer ein schwungvoller Lebenswandel attestiert. Jedoch wirft dies folgende Frage auf: weswegen muss der hiesige Camper auf die geschwungene Fetzigkeit in Linienform herself zurückgreifen, weswegen, wenn er doch ohnehin als schwunggeschwängerter Zeitgenosse zu reüssieren vermag? Ein schrecklicher Verdacht drängt sich auf: ist der Camper etwa ein recht biederer Zeitgenosse der dies anscheinend nötig hat? Das mag und darf man nicht glauben!! Zu schlimm ist dieser Gedanke. Verwerfen wir ihn alsbald. Also genau jetzt.

Denn immerhin ist bewiesen: der Camper versucht seine Quadratschädeligkeit – welche unzulässigerweise noch immer mit dickköpfiger Sturschädeligkeit gleichgesetzt wird –  nicht zu kaschieren, nein, vielmehr unterstreicht er jene durch geschicktes Arrangieren diverser quadratischer Objekte (wie z.B. Campingbus, Campingtisch) um in einem Viereckigkeitsoutburst der Welt sein Rockability mitzuteilen. Der Camper als Vorantreiber der fortgeschrittenen Selbstironisierung. Ebenfalls kann beobachtet werden, wie der von bösen großstädtischen Meinungsmachern unterstellten Kleinkariertheit von Seiten der Camper begegnet wird: durch konsequentes Aufkaufen und Zurschaustellen von gut zwei Drittel der jährlich global verfügbaren karierten Stoffe nämlich; sei es als ausklappbare Pergolen am Campingmobil, oder auch als Überbezug für den campingbuseneigenen Zwergpinscherpolster. Farblich lassen sich die Ausgegrenzten hier keineswegs einschränken, oh nein! Von den drei Primärfarben wird beinahe jede mit großer Begeisterung ausgewählt, viele davon gelten auch als zwergpinschergeeignet.

Der Camper der sich jeglichem Konformismus auf komfortablem Stuhl entgegensetzt und mit zittriger Stimme und bebendem Oberlippenbart lamentiert: nicht mit mir, ihr Langeweiler!

Gemeinerweise vielfach gescholten: die sexuelle Freizügigkeit der Camper, welche in den gigantischen Gruppenduschanlagen ihren zweifelsohne beachtenswerten Höhe(*hüstel*)punkt erlebt. Die Campingparzellen sind so ultraspartanisch dimensioniert um die Wahrscheinlichkeit des Hautkontaktes mit einem Nachbarn zu erhöhen; körperliche Nähe und Nächstenliebe sind des Campers  Heiligstes. Und wenn er sich beizeiten in seiner kleinen Burg verschanzen mag, dann dies bestimmt nur um Kraft für die nächste Umarmung zu sammeln. Es wäre mindestens ungerecht diese alternativen Lebenskonzepte nicht mindestens zu respektieren, denn schließlich wollen die freundlichen sonnenanbetenden Camper niemandem etwas anhaben (doch Gott gnade dem, der ihnen bei Nacht begegnet!).

Freilich wird dem campingbusaffinen Menschen vielfach auch ein Hang zum improvisierten Leben unterstellt. Diesem wiederum kostet es weniger als ein vor lauter Nichtstuerei extrem müdes Lächeln dies zu widerlegen: man betrachte doch nur die zahlreichen schweineteuren Sonderanfertigungen und Spezialprodukte für Wohnwägen, manche davon bestimmt so exklusiv als hätte hier Bill Gates höchstselbst Hand angelegt und spritzgegossen (keine dummen Bemerkungen), und die schwedische Königin in weiterer Folge sie mit einem Qualitätssiegel versehen; der Camper leistet sich solcherart Exklusives, keine Spur also von Provisorischem!

Wir müssen also erkennen: der Camper ist in jeder Hinsicht unangreifbar, man möge dies auf Immerdar verinnerlichen.

Sebastian Klug, Campingexperte

Im Bett mit Wittgenstein

Posted by on August 13th, 2010

philosophie 18 wittgen 300Als kleiner Junge träumte Wittgenstein davon, die sieben Weltmeere zu besegeln. Das tat er dann auch und fand sie so sterbenslangweilig, dass er vier davon kurzerhand kürzte. Außerdem meinte er mürrisch, dass Weltmeere irgendwie nach 1786 klängen, also warum die Dinger nicht Ozeane nennen? Zumal er dadurch im Handumdrehen Ozeandampfschifffahrtskapitän geworden war und nur noch das kleine Problem hatte, wie man x Kubikmeterholz über tausende Seemeilen hinweg befördert (ohne die Hilfe eines anderen Schiffs). Dieses Problem war ihm aber zu banal und darum wurde er erst Drahtseiljongleur, dann Zigarrenkistenarchivar, Nebenerwerbsnacktputzboy, Schwimmwestenverleihentrepreneur und schließlich Herausgeber einer Satirezeitschrift.

Schweißgebadet erwachte der adoleszente Wittgenstein in seinem von Muttern gemachten Bett und dachte: „Die Sprache ist an allem Schuld! Nur weil es die Sprache gibt, kann man so viel Unfug in einem Satz verpacken und das auch noch für witzig halten! Das muss ein Ende haben!“ Gesagt, getan. Er setzte sich an seinen Schreibtisch aus Zedernholz und schrieb den „Tractatus Logico Philosophicus“, der dem Unfug in der Sprache ein für alle mal ein Ende setzte. „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“, lautet darin der erste Satz, und „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, der letzte. Das ist auch meist das, was Allerwelt und seine 17 Geschwister vom Tractatus wissen. Ihr müsst nämlich wissen, mit Wittgenstein ist es ähnlich wie mit Nietzsche. Jede/r hat von ihm gehört und das heißt, jede/r kennt den Kult. Der Kult bei Wittgenstein ist aber nicht Peitsche & Nazischeiße, sondern wie bei der Relativitätstheorie hieß es lange Zeit: Wer den Tractatus (oder die Relativitätstheorie) liest und behirnt, der ist ein Genie! Klar, von da an gab es stets eine Handvoll Streber, die das unbedingt ausprobieren mussten. Aber auch die bissen sich an Sätzen wie „Die Logik muss für sich selber sorgen“ oder „Ich hätte nie Ozeandampfschifffahrtskapitän werden sollen, schon gar nicht in meinen Träumen“ die Zähne aus.

Der Tractatus war im Grunde also ein eher anal fixierter Versuch, endlich Ordnung in dem riesigen und unübersichtlichen Begriffschaos der Philosophie zu schaffen (im Übrigen ein durchaus verständliches Anliegen). Trotzdem war irgendwie klar, dass ausgerechnet ein ehemaliger Nebenerwerbsnacktputzboy das nicht schaffen würde. Das dämmerte schließlich sogar Wittgenstein selbst, und er ließ die Philosophie für Jahrzehnte in der Schublade, um stockschwuler Gymnasiumslehrer zu werden. Das konnte natürlich auch nicht klappen (da hätte er gleich Drahtseiljongleur bleiben können). Jahre später kehrte er der Philosphie daher wieder den Bauch zu und schrieb noch ein Büchlein, die „Philosophischen Untersuchungen“.

Das ist auch nicht einfacher zu verstehen als der Tractatus, aber es war weniger anal fixiert. Darin immerhin erkannte Wittgenstein, dass es okay ist, wenn man mit der Sprache spielt, ungefähr so wie Kleinkinder gerne mit ihrem Gaga spielen. Dass dabei ganz lustige Sachen herauskommen können ist durchaus in Ordnung, und wenn man dazu noch herausfindet, dass der „Gebrauch“ der Sprache mitunter wichtiger ist, als das, was die Begriffe für sich genommen bedeuten, hat man auch was für die akademische Laufbahn gelernt. Die Philsophische Fachwelt war begeistert und Dutzende neue Lehrstühle für moderne Sprachanalytik konnten geschaffen werden. So wurde Wittgenstein auf seine alten Tage noch richtig nützlich für die Menschheit.

Was kann uns Wittgenstein heute noch mit auf den Weg geben?
Wenn ihr ein geniales Jugendwerk schreiben wollt, für das ihr noch Jahrzehnte später als Kultfigur gefeiert werden wollt (und natürlich träumt ihr Streber davon in eurem von Muttern gemachtem Bett), dann berücksichtigt, dass der hermetische Weltbeschreibungsschmäh a là Wittgenstein schon recht abgenudelt ist. Trotzdem schenken wir Euch drei hilfreiche Vorschläge für ein neues Kultbuch. a) der „Tractatus Metereological Abstrusus“: Ihr schreibt ein kurzes Büchlein über die Wettervorhersagen, in dem ihr unter Benutzung des „I Ging“ sämtliche in der modernen Wetterprognose wichtigen Begriffe nach einem völlig neuen Schema anordnet („Die Wetterprognose ist alles was der Niederschlag ist“, etc.) b) der „Tractatus Tractorus Oecologicus“: Ihr zieht euch für einige Monate aufs Land zurück und schreibt in dieser Zeit der zenbuddhistischen Versenkung ein Buch, das die natürliche Ordnung der Dinge beschreibt, dabei aber wichtige Begriffe wahllos durch verschiedene Traktorenfabrikate ersetzt. („Die Natur ist alles was ein Steyr Puch Traktor zerpflügen kann.“ Etc.) c) der „Tractatus Kastratus Vaginagopuss“ Ihr schreibt endlich ein bahnbrechendes Werk über die Logik des Herumfickens. Wie das geht, keine Ahnung, aber auf jeden Fall dürft ihr Euch kein Blatt vor dem Mund (und auch sonst nichts in den Mund) nehmen! („Gefickt werden kann alles, was lebendig ist. (Ja, auch Insekten.)“ etc.).

Das war die 18. Folge unserer Serie „Diverse Philosophen von denen aufgrund des allgemein üblichen Rankingwahns manche als ‚die Größten’ bezeichnet werden, was jedoch in keiner Weise einer philosophischen Herangehensweise entspricht, aber unser Marktingexperte hat uns geraten mit Superlativen um uns zu werfen, sonst interessiert sich ja doch keine Sau dafür“

Auf nach Vlcrkpopolkrecev!

Posted by on August 9th, 2010

Bierägypter_Matrattel 300Ein ägyptischer Cluburlaub … darüber soll ich schreiben. Dabei möchte ich viel lieber darüber schreiben, dass das K verloren geht. Karte, Klub, Krem … Diese Wörter sehen viel hübscher UND lustiger aus, wenn man das schöne K verwendet. Die Herausforderung bei so einem Text wäre, nicht in das Presseabonnentengejammer über den Verlust „unserer Muttersprache“ zu jammern. Das passiert ja auch nicht. Was passiert ist, dass diese Menschen Trottoir kennen, aber nicht wissen, was ein Sidewalk ist. Sic transit gloria … so würde ich enden und das ist sehr satirisch, denn so enden auch immer die Presse-Leserbriefe. Noch ist aber nicht Zeit für ein Ende, sondern wir stehen erst am Beginn eines Urlaubs.

Ich denke mir, dass so ein Text über einen Kluburlaub gehässig sein muss und voller Spott für Menschen, die nicht durch mittelalterliche Städte spazieren, die Zeit Zeit sein lassen und „das Lebensgefühl der Leute da“ genießen. In Museen gehen weder die einen, noch die anderen, von Kultur sprechen beide.

Ich mag aber nicht über Hausmeister und Frisörinnen herziehen. Sollen doch die GTI-Fahrer über die Frisörinnen „herziehen“. Hr, hr, hr … Das ist übrigens kein Hüsteln, sondern ein hämisches Kichern.

Kichern kann man nämlich gut im ägyptischen Badeurlaubsstrandhotel. Wieso? Weil es einem so gut geht, da man sich um nichts kümmern muss. Die ersten drei Tage lacht man lauthals und schallend. Aber davon wird man müde und durstig. Dehydrierung ist sehr gefährlich in Ägypten und fordert viele, viele Opfer. Sogar mehr Opfer als der Terrorismus!

Am meisten Opfer forderte Tut Ench-Amun. So heißt die Schnapsbar im Golden Beach Holiday Hotel. Der Pharaoh ließ sich keine Menschen Opfer, was glaubt ihr denn? Pffff!

Damit sind wir auch schon beim Kern des Kluburlaubs, dem Alkoholabusus, angelangt. Denn Hausmeister und Frisörinnen trinken gerne, sagt der Volksmund. Wessen Volkes Mund das sein soll, weiß ich nicht. Es ist aber doch zumindest davon auszugehen, das die Hausmeister und Frisörinnen das nicht über sich selbst sagen … es sei denn sie sind betrunken. Es ist eher anzunehmen, dass die kulturbeflissenen Maturainhaber und Freiberuflerinnen sich so etwas denken, wenn sie die malerische Innenstadt von Vlcrkpopolkrecev betrachten. Und nach ihrem fünften Achterl rot sagen sie es auch.

Was sie nicht sagen, ist malerisch, denn „das klingt irgendwie so nach Reiseführer“ sagen sie. Nach Vlcrkpopolkrecev fahren sie einfach so. Einen konkreten Anlass dafür haben sie nicht. Weder reizt sie das schöne Dorfmuseum in dem ein Webstuhl aus dem 18.Jahrhundert steht, noch die kleine Privatbrauerei (es ist die älteste im ganzen Verwaltungsbezirk). Wie sollen sie auch davon erfahren? Reiseführer lehnen sie genauso ab, aber darum geht’s ja nicht. Es geht um die Kultur, die Leute und das Lebensgefühl. 

Das können Herr Hausmeister und seine Gattin natürlich nicht inhalieren, wie manche Austropoper. Die inhalieren höchstens beim Wasserpfeiferauchen. Sie lernen auch etwas, nämlich dass das Schischa heißt und in Österreich sind sie dann verwirrt, weil es bei uns Shisha heißt und ist das gar nicht schön eingedeutscht.

Das ist deswegen, weil Hippies und alternative Zumpferl ein neues Wort gebraucht haben, um ihre Haschischwasserpfeifen von ihren Pfirsichtabakwasserpfeifen unterscheidbar zu machen. Da ward die Dychotomie Bong-Schischa geboren. Geschrieben wird Schischa Shisha, weil geknechtete Familien mit Migrationserfahrung die Pfeifen nach Österreich importieren, um sie zu verkaufen und ein bisschen Geld zu verdienen. Und selbst davon schicken sie etwas in die Heimat zurück. Und an wen verkaufen sie? An die Haarschweine. Die haben natürlich keine anständigen Jobs, so wie Hausmeisterei oder Freiberufe, und deswegen kein Geld.

Darum bleibt die ägyptische Familie el-Fakhahaní arm und ungebildet. Sie kann nicht lernen, dass ein Sch-Laut auch als Sch geschrieben wird. Wären sie nur in Ägypten geblieben und hätten sauteuren Rotwein an die Kulturbeflissenen verkauft! Aber die fahren ja nicht nach Ägypten.

Max,
glücklich zurück aus Ägypten. In Kürze folgen noch aufschlussreichere Berichte aus Spanien, Italien, Island und vielleicht sogar Gramatneusiedl.

Philosophisches Sommerloch

Posted by on Juli 16th, 2010

philosophie 17 bergson 300Henri Bergson war einer der ersten Modephilosophen. Das stimmt so nicht ganz. Eigentlich war (wenn überhaupt!) Nietzsche der erste, aber dort haben wir etwas ganz anderes geschrieben, also behaupten wir das einfach für Bergson.

Man darf sich das ruhig wie eine richtige Mode vorstellen. Irgendwann trugen die Menschen Bermudashorts oder kleine Buttons auf ihrem Revers, und zwar nicht, weil es eine Notwendigkeit dafür gab, sondern weil es gerade „in“ war. In den 1920er und 1930er Jahren war Bergson wahnsinnig „in“. Man saß in einem hübschen Café in Paris, ein Buch von Bergson in der Coco Chanel Umhängetasche (okay, die wurde erst Jahrzehnte später „chicque“) und plauderte naseweis, dilettantisch, leidenschaftlich oder gelangweilt über den „élan vital“, über unser Zeitverständnis oder über die Intuition als Methode. Ja, wirklich, das war allgemeines Gesprächsthema. Es gab Zeiten, da redeten Leute über Philosophie. Im Café, im Wirtshaus, überall. Gut, das ist zwar heute unvorstellbar, aber sooo toll wiederum auch nicht.

Man könnte, wenn man total versessen ist auf billige Aha-Erlebnisse, die Theorie aufstellen, dass Philosophie (erfolgreiche Philosophie jedenfalls) stets modisch war, sprich: dem jeweiligen Zeitgeist folgte. Aber diese Theorie würden wir maximal als Dissertation an der Heidelberger Uni einreichen, die übrigens einen wirklich sehenswerten Campus hat. Und nicht nur das, dort tummeln sich äußerst hübsche, deutsche Studentinnen, was wirklich überraschend ist. Es muss also nicht immer Paris, Stockholm oder Barcelona sein, auch in Heidelberg lässt es sich als fauler, chauvinistischer Philosophiestudent durchaus leben … Wo waren wir? Ah, Bergson und seine modische Lebensphilosophie. Ja, es war wirklich erstaunlich, dass der Mann einst so erfolgreich war, denn sein Werk taucht heute in nahezu jedem philosophischen Kontext, sei es in akademischen Kreisen oder bei Hobbyphilosophen, nur noch als Randnotiz auf. Zum Vergleich: Über Nietzsche streitet man noch heute, selbst Schopenhauer hat noch ein paar Fans, aber Bergson … der Mann war wirklich eine Art Sommerloch der Philosophie.

Der zeitgeschichtliche Sommer, in dem Bergson zum Loch wurde, war geprägt von Nachkriegswehen und Industrialisierung. In der Philosophie selbst tauchten die ersten Sprachzampanos und Mathematikfreaks auf (Wittgenstein und Carnap, um ganz gelehrig zwei Namen einzustreuen), und die Akademiker stritten sich nur noch um Detailfragen. Mit einem Wort, die Philosophie in dieser Zeit wurde immer technischer bzw. „mechanistischer“. Also staubtrocken. Da kam Bergson gerade recht, denn erstens konnte er wirklich gut schreiben (er ist der einzige Philosoph, der den Literaturnobelpreis bekam), und zweitens hatte er entzückende Themen. Bergson schrieb über den Lebensschwung, über Freiheit und Spontanität, über das innere Vermögen des Menschen. Darüber, dass der Mensch nicht ist, sondern erst wird, dass es den Blick auf das Ganze benötigt, dass man das Denken und die Seele des Menschen nicht auf reine Funktionalität reduzieren kann und last, but not least, über die Intuition als Methode.

Richtig, das klingt wie das Geschwafel, das man heutzutage bei jedem drittklassigen Firmenseminar als Feng Shui für Manager serviert bekommt. Aber dafür kann Bergson nichts, denn erstens war er der Erste, der diesen fernöstlichen Ganzheitskäse importiert hat (der für sich genommen nicht so schlimm wäre, wenn wir ihn nicht dauernd von Leuten zu hören bekämen, die ganz etwas anderes damit im Sinn haben), und zweitens wird das fast nie gewürdigt, also hat Bergson ohnehin nichts davon (und erst recht nicht seine Erben … was könnten die an Tantiemen verlangen!)

Was kann uns Henri Bergson heute noch mit auf den Weg geben?
Herzlich wenig, wie ihr gerade mitbekommen habt. Aber die Lektüre von Bergson ist auch heute noch „befruchtend“. Man schlägt ein Büchlein von ihm auf, liest ein paar Zeilen, kommt auf ganz andere Gedanken oder denkt sich, also so kann das gar nicht stimmen, das ist alles gaaanz anders, und schon ist man bei den großen Irrtümern der Menschheit, beim dritten Weltkrieg oder bei den Sachen, die man unbedingt noch erledigen müsste. Also … eine wirklich befruchtende Lektüre auch heute noch …

In der nächsten Folge klettern wir dann mit Wittgenstein auf eine Leiter und wenn wir oben sind, oh Schreck, entdecken wir, dass unter uns gar keine Leiter war …

Der Marx Karl

Posted by on Juli 5th, 2010

philosophie 13 marx 300Ho Tschi Minh war natürlich ein Hurensohn. Mao Tse Tung war ein Sushigericht und Pol Pot ein Urlaub für gestresste Manager in Kambodia. Und Karl Marx? Karl Marx war Deutscher. Er war bei seiner Geburt winzig klein und auch später blieb er ein ganz kleiner Mensch, mehr als einen Meter dreißig wurde er laut wirklich glaubwürdigen Quellen nicht, obwohl er alles tat, um die Leute glauben zu machen, er sei viel größer. Darum trug er als erster Mann der Philosophiegeschichte Stiefel mit Absätzen und bei Diskussionsrunden orderte er immer einen extra hohen Stuhl. Und er schrieb jedem Journalisten und Biographen obszöne Drohbriefe … man solle es bloß nicht wagen, der Öffentlichkeit seine wahre Körpergröße zu verraten.

Größe war wirklich ein Problem für Marx. Lange Zeit versuchte er seine fehlende Größe durch wilden Bartwuchs zu kompensieren. „Wenn ich den längsten Bart aller Philosophen habe, wird keiner mehr lachen, wenn er mich sieht“, dachte der junge Karl Marx am Unicampus von Trier. Aber auch das klappte nicht, die Studenten kicherten trotzdem über ihn, besonders die Studentinnen, was ihn am meisten ärgerte. Es hatte sich eingebürgert, dass die Mädchen ein Zeichen mit Zeigefinger und Daumen machten, wenn Marx über den Campus ging. Je näher er kam, desto kleiner wurde der Abstand zwischen Zeigefinger und Daumen. Ganz schön gemein, nicht?

Irgendwann hatte Marx dann die großartige Idee, nicht sich selbst, sondern seinen Namen zu vergrößern. „Es gibt keinen Descartismus, keinen Kantismus (schon aber Kantianer) oder Hegelismus, die haben es alle nicht geschafft, zu einer eingetragenen Marke zu werden. Also muss ich eine Philosophie schaffen, die mehr ist als nur ein Haufen Gedanken, sie muss eine Bewegung werden, eine Bewusstseinskampagne, irgendetwas, das die Welt nicht nur beschreibt, sondern sie auch verändert. Wie dieses Coca Cola Zeugs. Und dann werden die Leute nicht nur von mir, Karl Marx, reden, sondern vom Marxismus. Manno, das wird ganz, ganz groß!“

Also setzte er sich in ein stilles Kämmerlein und sog sich dieses Märchen von den Produktionsverhältnissen und dem Klassenkampf, von der Bourgeoisie (kein Mensch weiß heute mehr, was das sein soll) und der Arbeiterklasse aus den Fingern – und siehe da: es funktionierte. Plötzlich ging ein Gespenst um in Europa, das Gespenst des Kommunismus, das unter eingeweihten Philosophen auch Marxismus genannt wurde. Marx war zufrieden, er lehnte sich zurück und wurde fetter und fetter, bis er schließlich mehr breit als hoch war. Das war seinem Lebensgefährten Friedrich Engels (in der Schwulenszene von Brüssel auch als der „blaue Engel“ bekannt) zu viel, er ließ sich von Marx trennen. Marx magerte wieder ab und die beiden Freunde versöhnten sich und schrieben vor lauter Glück „Das kommunistische Manifest“, das ja, wie jedes Kind weiß, als frivole Bettlektüre in die Geschichte eingegangen ist. (Darum auch findet man Kommunisten heutzutage fast nur noch in finsteren Kellern, in gottverlassenen Priesterseminaren, in Swingerclubs und in der Pratersauna.)  

Marx und Engels jedenfalls lebten glücklich bis an ihre Lebensende von den Tantiemen ihres Werkes. Und alle anderen haben die Sache mit den Proletariern in den Ketten und der Weibergesellschaft und diesen ganzen anderen Fetischkram einfach nur falsch interpretiert. So einfach ist das mit Karl Marx, der übrigens, haben wir das schon erwähnt, ein Deutscher war.

Was kann uns Karl Marx heute noch mit auf den Weg geben?
Wenn ihr Euch klein und unbedeutend fühlt – belasst es bei den hohen Absätzen. Das reicht, ehrlich. Denn wollt ihr erst mehr als die hohen Absätze, kommen bald die Strümpfe und die Seidenunterwäsche dazu. Dann die Peitschen, die Ledermasken und die Anus-Stöpsel. Bald findet ihr Euch in einem Swingerclub wieder und damit seid ihr beim Lumpenproletariat gelandet (Die Bourgeoisie bestellt sich nämlich einen Escort-Service …). Und dann beginnt diese ganze alte Leier mit dem Geschlechter- und Klassenkampf … wollt ihr das wirklich? Eben. Also, egal ob ihr Männlein oder Weiblein seit, bindet euch eine Schürze um, stellt euch an den Herd und lasst euch (von wem auch immer) von hinten nehmen. Denn gefickt werden wir immer. Und wenn etwas seine Kinder fickt, dann erst recht die Revolution.

Und in der nächste Folge … keine Ahnung. Aber demnächst gibt es die komplette Serie als hübsches PDF. Fest versprochen.

Die tote Hand Gottes

Posted by on Juni 13th, 2010

philosophie 16 nietzsche 300Friedrich „Diego“ Nietzsche

Friedrich Nietzsche wurde 1844 in den Favelas von Lützen im Sachsenland geboren. Sein Vater war Pfarrer, er starb allerdings früh bei einem Kirchenunfall. Er wurde beim Herabsteigen von der Kanzel von einer 180 Kilogramm schweren Geheimratsgattin überrollt. Für den jungen Nietzsche war dieses Erlebnis dramatisch (er musste jeden Sonntag die Kirche hüten). Früh schon entwickelte darum eine regelrechte Obsession für alles was rund ist.

Im Gymnasium zu Naumburg wurde er in die Schulmannschaft aufgenommen und zeigte bald eine herausragende Begabung zum Goalgetter oder „Goleador“, wie es später heißen wird. Seine manischen Versuche, unentwegt nach dem runden Ding namens Ball zu treten, waren zwar anfangs reichlich ungezügelt und konfus, doch mit Hilfe des Schulmannschaftstrainers Erwin Rohde, der diese frühe Begabung erkannte, gelang es schließlich Nietzsches blinde Wut in unhaltbare Freistöße und Distanzschüsse umzuwandeln. Talentscouts jener Tage, die den jungen Nietzsche am Feld erlebt hatten, sprechen in ihren Biographien von einer Schusskraft wie Dynamit, von Freistößen, die bis zu den Sternen flogen. „Der Mann konnte zwar keinen Zucker, doch aber Fußbälle ins Weltall befördern“, so Trainerlegende Stephane Marteau.

Schließlich engagierte ihn der weltberühmte Fußballtrainer Richard Wagner für seinen damals schon legendären FC Bayreuth. Nietzsche dribbelte sich neben Weltstars wie Franz Lohengrind, Siegfried „Bomber“ Nibelung und Hans Sachs in die erste Riege des internationalen Fußballs. Selbst die berühmte Affäre um das angeblich mit einer Hand erzielte Tor konnte seiner aufstrebenden Karriere nichts anhaben. Den Beinamen „Die Hand Gottes“ tat Nietzsche achselzuckend ab, sein lapidarer Kommentar dazu: „Gott ist tot.“ Angebote aus aller Welt flatterten ein, doch Nietzsche, der einen etwas verkappten Bezug zu seiner Heimat und insbesondere zur deutschen Sprache hatte, lehnte allesamt ab. Ja, er verstieg sich früh in den Irrglauben, dass die Deutschen allein dazu imstande wären, richtig guten Fußball zu spielen.

Es kam zu Zerwürfnissen mit seinem Trainer Wagner, dem Nietzsche vorwarf, das deutsche Wesen nicht richtig zu erkennen. Die „Geburt der Tragödie“ nahm ihren Lauf. Nietzsche wurde hochkantig aus dem FC Bayreuth hinausgeworfen und spielte eine zeitlang bei drittklassigen deutschen Mannschaften wie dem FC Bayern München (für Nietzsche ein Greuel), Werder Bremen (für Nietzsche das Allerletzte) oder dem Hamburger SV (für Nietzsche der Inbegriff alles Bösen). Zunehmend verbittert wurde Nietzsche auf dem Spielfeld bald zu einer einsamen Figur, der von keinem seiner Mitspieler einen Pass erhielt und auch keinen austeilte. Ein Zeitzeuge berichtete: „Was für ein Talent – und zugleich: Was für ein mieser Teamspieler. Wenn er einen guten Tag erwischte, konnte er die komplette gegnerische Mannschaft überspielen und den Ball unhaltbar ins Tor einnetzen. Ein Löwe und ein Adler zugleich. Es gab keinen Ballzauberer wie ihn. Und trotzdem war er als Fußballer unbrauchbar.“

Diese Beobachtung sollte sich als prophetisch erweisen. Nietzsche vereinsamte zusehends und fiel schließlich dem Wahnsinn anheim. Bei einem Kuraufenthalt in Turin brach er zusammen und verbrachte den Rest seines Lebens in Obhut seiner Schwester in einem Weimarer Irrenhaus. Aus dieser Zeit stammte auch eine der wenigen autobiographischen Aufzeichnungen von Nietzsche mit dem Titel: „Warum ich so gut Fußballspielen kann.“

Was kann uns Friedrich Nietzsche heute noch mit auf den Weg geben?
Nun, in erster Linie, dass Fußball ein Mannschaftsport ist. Das ist natürlich eine Weisheit, für die man nicht unbedingt Nietzsche gebraucht hätte. Böse Zungen behaupten allerdings, dies sei eine Aussage, die man auch für die Philosophie geltend machen könnte, andere Zungen lächeln dazu nur (wobei Zungen natürlich nicht lächeln können) und eine Handvoll Zungen schließlich meinen, dass das alles überhaupt nichts mit Philosophie zu tun hat. Was uns betrifft, so würden wir keiner dieser drei Parteien einen Pass zuspielen, sondern selbst auf’s Tor zu laufen. Schließlich ist es endloser Ruhm, der auf uns wartet, oder?

Ihr habt es gleich erkannt, oder? Das war natürlich die XVI. Folge von „Der Tod der Philosophie“. Und nächste Woche tun wir Max einen Gefallen, obwohl wir das gar nicht vorhatten. Ja, es wird um Karl Marx gehen.

der club der toten eichhörnchen

Posted by on Mai 23rd, 2010

philosophie 15 pragma 300Der Pragmatismus
William James verkleidete sich gerne als Eichhörnchen und kletterte so auf Bäume (wie er das mit dem Größenunterschied hinbekam, müsst ihr ihn selbst fragen). Dabei stellte er fest, dass er auf der einen Seite des Baumstammes etwas ganz anderes sah wie auf der anderen Seite*. „Potzblitz!“, dachte James (auf englisch natürlich), „das ist ja wie in der Philosophie! Jeder sieht nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit!“ Diese Beobachtung fand er so toll, dass er nicht nur einen Eichhörnchenklub gründete, sondern auch die Philosophie des Pragmatismus formulierte. Diese sei eine Art Metaphilosophie, wie ein Korridor, der zu den einzelnen Philosophien führt. Alle anderen Philosophien haben auch irgendwie recht, aber da keine vollkommen sei, ist es besser, den Korridor entlang zu spazieren und stets den Überblick zu bewahren.

Klingt irgendwie cool … und irgendwie auch ein wenig feig. Nicht umsonst klingt Pragmatismus ein wenig nach Pragmatisierung. Es hat was von Verwaltung und Beamtentum, aber was James vorschwebte waren nette Beamten. Beamten, die vor allem eines wollten: Das Wohl aller (bzw. möglichst vieler). Wobei diese Idee eigentlich von John Dewey formuliert wurde. Dewey meinte, es sei Aufgabe der Philosophen, sich mit den „sozialen und moralischen Konflikten ihrer eigenen Tage“ zu beschäftigen. Wow! Klingt irgendwie brauchbar, aber das sollte nicht verwundern, denn Dewey war auch ein Sozialpädagoge. Und da sind wir wieder bei den pragmatisierten Verwaltungsbeamten …

Es gab noch einen wichtigen Herren unter den Pragmatisten, nämlich Charles Saunders Peirce. Peirce hatte einen so coolen Namen, dass er sich Zeit seines Lebens fragte, ob Namen und Begriffe nicht eine besondere Bedeutung hätten bzw. ob sich dahinter nicht ein (symbolisches) Prinzip verberge. So kam er auf seine Zeichenlehre, die vor allem in Kunsthochschule und Werbegrafikinternierungslagern für Furore sorgte. Aber innerhalb der Philosophie ist die Zeichenlehre heute eher etwas für Leute, die um keinen Preis wahrhaben wollen, dass mathematische Logik erst fassbar wird, wenn man sie in Begriffe kleidet. „1 + 1 = 2“ ist zwar schön und gut, aber für sich genommen doch irgendwie abstrakt. Außer eben ich verwandle es in eine sinnvolle Aussage, z. B.: „Ich habe dir vorgestern einen Euro geborgt und gestern einen Euro geborgt, also schuldest du mir heute zwei Euro, du Arschgeige!“ Das ist zwar makellose Logik, aber schon geht es wieder los mit den Sprachproblemen. Was heißt gestern, was heißt heute? Was bedeutet schon borgen? Und überhaupt, was ist mit Arschgeige gemeint? Und wen kümmert schon eine lächerliche Schuldenarithmetik, wenn Arschgeige drei große Brüder hat?

Und genau das ist der Punkt der pragmatischen Philosophie. Arschgeige und seine drei Brüder sind eigentlich viel wichtiger für uns, als die Frage, ob Eins und Eins wirklich Zwei ist. Charles Saunders Peirce und seine Zeichenlehre hingegen kann man getrost vergessen (trotzdem ist das natürlich ein sehr schöner Name für einen Philosophen).

Was kann uns der Pragmatismus heute noch mit auf den Weg geben?
Das Coole am Pragmatismus ist natürlich der endgeile Ausweis für den superschlauen Eichhörnchenklub. Mit diesem Ausweis geht es dir wie Tick, Trick und Track bei Fähnlein Fieselschweif, denn du weißt immer eine Gegenfrage, die jede noch so superintellektuelle Nasenbohrerei aus den Angeln hebt. „Und, was bringt das jetzt? Wie macht das die Welt besser?“ Aber das funktioniert natürlich nur bei intellektuellen Arschgeigen. Sobald du an eine/n Sozialarbeiter/in gerätst, ist der Ofen aus. Dann kriegst du nämlich eins auf die Löffel, „weil du dich genauso wenig einbringst und emotional irgendwie total verklemmt wirkst …“. So, und was jetzt? Am besten SozialarbeiterInnen generell aus dem Weg gehen. Aber wussten wir das nicht vorher schon?

Nächste Wochen zünden wir das Dynamit in uns und entdecken, während es uns zerreißt, dass ein ganzes Weltall in uns schlummert. Und dann wachen wir auf … und die Nazis sind an der Macht.

* Also ganz ehrlich? Die Geschichte mit dem Eichhörnchen war ein bisschen komplizierter, aber sie war uns einfach nicht mehr als drei Zeilen wert …

 
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