Archive for the ‘Serie’ Category

Aus dem Traum gerissen

Posted by on September 29th, 2011

Episode 12 in unserem großen Mitmachschundroman. (Das ist ein Roman, bei dem man mitmachen kann. Jeder eigentlich. Und jede sowieso.)  

Lotte sitzt schweißgebadet in ihrem Bett, ihre Zehen kribbeln. Das machen sie immer, wenn sie aufgeregt ist. Ihr in Dunkelheit gehülltes Zimmer wird nur durch die rot leuchtende Schrift des Radioweckers erhellt. Es ist 2:57. „Wieso jetzt, nach so vielen Jahren?“ Lotte ist außer sich. „Und wieso Manfred? Ich hatte ihn doch aus meinen Erinnerungen verbannt!“

Am darauffolgenden Morgen kribbeln ihre Zehen noch immer. Der Traum von Manfred verfolgt sie schon seit einer Woche und jedes Mal ist es wie damals auf Kreta, als sich Lotte dazu überreden ließ, gemeinsam mit ihrer Schwester Laura und Manfred auf Urlaub zu fahren. Laura bekam gleich in der zweiten Nacht im Hotel schwere Angina, die durch die falsch eingestellte Klimaanlage im Ferienbungalow verschlimmert wurde. Somit waren sie und Manfred die meiste Zeit allein unterwegs. Und als beide nach der im Hotel gebuchten Quad-Tour am Strand lagen und sich entspannten, passierte das Unausweichliche. Manfred flüsterte Lotte leise ins Ohr: „Komm, lass uns schwimmen gehen!“ und Lotte nickte willig.

Bei Sonnenuntergang und durch den menschenleeren Strand lies sich Lotte zu einer Entscheidung verleiten, die sie noch heute bereut. Der Moment war wunderbar, als Manfred seine großen Bauarbeiterhände auf ihre blanke Brust legte und gleich darauf diese auch leidenschaftlich küsste. Nackt und im Rhythmus des Wellengangs begann Manfred Lotte zu lieben. Als sein erigiertes Glied in Verbindung mit dem warmen Wasser in Lottes Innerstes drang, wussten beide, das es falsch war, doch keiner von beiden wagte es, das auszusprechen. So gaben sie ihrem weißglühenden Verlangen freien Lauf. Der Wellengang wurde stärker, ein Sturm würde bald aufziehen. Die Intensität des Moments verstärkte die sexuelle Leidenschaft zwischen den Beiden. Manfred wurde zum Tier oder nein, eher zu einem Gott, ja, zu einem griechischen Gott! Am Horizont türmten sich dichte Gewitterwolken auf und Blitze entluden sich hinter Manfreds riesigen Schultern.

Lotte fühlte sich wie im siebten Himmel, als ob der Vollmond über der wolkenfreien Strandpromenade nur auf die Beiden scheinen würde, und der Gesang der Delphine, die sich draußen in der Bucht ebenfalls paarten, nur für sie allein bestimmt war. Tags drauf war bereits der Rückflug nach Schwechat gebucht. Laura, noch immer gezeichnet von ihrer Krankheit, hatte anscheinend nichts mitbekommen und auch keinen Verdacht geschöpft, was Lotte ein wenig Erleichterung verschaffte, doch ihre Zehen kribbelten die ganze Zeit über. Mit Manfred sprach sie kein Wort, und das änderte sich auch nicht, als der Flugbegleiter kam, das Flugzeug landete und sie sich am Gate von dem Ehepaar verabschiedete.

„Doch wieso jetzt nach so vielen Jahren?“ Lotte schaut in ihren Morgenkaffee und fühlt sich beschämt, schmutzig – so wie im Flugzeug neben Laura. Sie hatten schon seit längerem keinen Kontakt mehr, irgendwie haben sie sich auseinander gelebt und sie waren sich ja auch nie wirklich nahe. Während Lotte immer mehr zum Papa tendierte, war Laura ein Mamakind wie es im Buche steht. Sie hatte sogar dieselben Wangenknochen! Und während Laura immer und immer wieder Vanilleeis naschte, wollte sich Lotte nie festlegen, welche Sorte sie am liebsten leckte – und diese Liste könnte sie noch ewig fortsetzen. Das Handyläuten weckt Lotte endgültig aus ihren Tagträumen.

Als sie auf das Display sieht, fällt ihr das Schokocroissant aus der Hand. Es ist Laura! Mit einem vorsichtigen „Hallo?!“ eröffnet sie das Gespräch und hört auf der anderen Seite ein schluchzendes und lange nicht mehr gehörtes Schwesterherz! „Wir … wir müssen uns treffen … ee-e-es ist etwas schreckliches passiert … i-ich muss dich sehen“ – „Was ist passiert?“ – „E-e-es geht um Manfred“, Laura weiter schluchzend. Lotte zuckt zusammen. „Das kann doch kein Zufall sein!“, denkt sie und antwortet: „Ich mach mich sofort auf den Weg zu dir, bleib ruhig, ich bin gleich da!“ Ohne mit der Wimper zu zucken geht Lotte zum Laptop, sucht auf der Wiener Linien Homepage die schnellste Route zu Laura und macht sich auf den Weg.

Etwa eine halbe Stunde später erreicht sie Lauras Domizil. Diese öffnet sogleich die Tür und fällt Lotte um den Hals: „Es ist (sniff) schrecklich (sniff)!“ Lotte versucht sich zu beherrschen: „Na gut, Laura, jetzt lass uns doch ins Wohnzimmer gehen und du erzählst mir alles was ist passiert!“ Gesagt, getan. „Manfred, er … dieser Idiot will sich von mir scheiden lassen! Jetzt, mit 50, er hat anscheinend eine Neue, eine Jüngere!“ Lotte versucht Laura zu beruhigen, doch ihre Schwester bricht erst recht in Tränen aus. „Ich dachte, er wäre glücklich mit mir. Ich bin mir bewusst, dass ich nicht mehr ausschaue wie 22, als wir uns kennen gelernt haben. Aber ich hätte ihm nie so etwas zugetraut!“

Lotte fühlt sich, als ob sie einen Stein aus einem Staudamm genommen hätte, der jetzt unter all der Last zusammenbricht. Laura überschwemmt sie mit Geschichten über Manfred. Sie erzählt von den immer häufigeren Streitereien, von der Liebe, die über die Jahre hinweg abgekühlt, besser gesagt, erfroren ist, und von den Schulden, die Manfred angehäuft hat, weil er in faule Immobilienkredite investiert hatte. Laura ist am Boden zerstört. Lotte nimmt sie in den Arm und versucht sie zu beruhigen. Trotzdem fühlt sie sich schlecht dabei. Hätte sie doch nach Kreta schon alles erzählt, dann würde Laura jetzt nicht durch diese Hölle gehen müssen. Doch damals war sie zu feige und jetzt … jetzt kribbeln wieder ihre Zehen.

[Autor: Bartlomiej Szatkowski]  Nicht vergessen! Macht mit bei unserem Schundroman in Fortsetzungen. Oder unserem Fortsetzungsroman in Schunden. Alle Infos rechts oben oder auf sexfick.at Oder einfach euren Text an office@hydrazine.at schicken

Reif für die Insel

Posted by on September 22nd, 2011

Sex mit 45: Episode 17
Wie jedes Jahr ging Frau Lotte auch heuer aufs Donauinselfest. Seit Jahren gibt es schon die Tradition, dass sich die drei Mädls wie sie sich nennen, treffen und mal wieder richtig die Sau raus lassen. Am Samstag treffen sie sich am führen Nachmittag, um ein paar Gläser Sekt zu trinken, um in die richtige Stimmung für die abendlichen Konzerte zu kommen.

Pünktlich um 2 läutet es an Lottes Tür und ihre zwei Girls, Susi und Resi, stehen davor, aber sie hatte nicht damit gerechnet dass die zwei männlichen Anhang mitnehmen. “Da wird mir aber fad werden “, denkt sie sich, doch gastfreundlich wie sie ist, bittet sie die Gäste hinein. “Wir haben dir wen mitgebracht “, kichert Susi, und tatsächlich ist zu ihrer Überraschung noch ein dritter Mann mitgekommen. Herbert hieß er und war ein Arbeitskollege von Resis Freund Werner.

Es war erst 14:15 und schon knallte der erste Sektkorken, und Resi verschüttete zuerst einmal die Hälfte des Sektes über den Tisch weil ihr neuer Freund sie kitzelte. “Ach lass das”, flüsterte sie ihm ins Ohr, und schenkte sechs Gläser des Sprudelwassers ein. Im Laufe des Nachmittages wurde es immer lustiger, und Lotte unterhielt sich mit Herbert, die von ihren Freundinnen auserkorene Begleitung, prächtig über Gott und die Welt; er war ein unheimlich guter Gesprächspartner, und was ihr besonders gut gefiel, erst 35 Jahre alt und sehr schön anzusehen.

Pünktlich um 16:00 verlässt eine leicht angetrunkene Gruppe Lottes Wohnung, denn sie wollen auf keinen Fall das Konzert von Reinhard Fendrich um 18:30 auf der Radio Wien Bühne verpassen, und davor will Resi noch so eine neumodische Pop-Band ansehen die gerade auf Ö3 rauf und runter gespielt wird. “Wird sicher lustig”, sagte sie, “die sind total gut.” Fritz, Susis Begleitung, nahm sich noch ein Bier für den Weg aus dem Kühlschrank bevor sie gingen. “Wegbier”, meinte er, “sonst verdurste ich auf dem Weg”. Ihren Hund Joker brachte Lotte noch schnell zu ihrer netten Nachbarin Frau Hildegard, denn wer weiß, ob sie heute Nacht in ihrer Wohnung schlafen würde. Das machte sie immer so wenn sie einen netten Mann kennen gelernt hatte – und wo mehr passieren könnte. Ihre Nachbarin freut sich immer über ein bisschen Gesellschaft, seit dem ihr Mann letztes Jahr verstarb und Joker hatte sie auch sehr gerne.

In der U-Bahn war viel los, scheinbar wollte ganz Wien auf die Donauinsel, trotzdem tat das der tollen Stimmung keinen Abbruch, vor allem bei Lotte nicht denn Herbert war ein toller Mann der nur so vor Lebensenergie sprudelte. Frisch geschieden, wie er ihr erzählt hat. Seine Frau hat ihn für einen 23 Jährigen sitzen gelassen. Werner, Resis Freund, hat darauf lachend gemeint: “Nur auf einem alten Gaul lernt man das reiten, haha!” Seine Scherze waren schon immer von der schlechteren Sorte, doch ab und zu hatte er auch recht.

Angekommen auf der Donauinsel wollte Fritz zuerst einmal ein Bier, doch Resi wollte so schnell wie möglich zur Ö3 Bühne, weil ihre Lieblingsband in 5 Minuten begann und sie mindestens 15 Minuten wegen des Gedränges gehen würden. Lotte fand die Band eher mittelmäßig, und deshalb beschloss sie gemeinsam mit Susi etwas trinken zu gehen. Werner blieb mit Resi vor der Bühne und die anderen vier machten sich auf den Weg zum nächsten Bierstand. “Ruf ma uns nachher zam”, rief ihr Resi hinterher, doch sie hörte es kaum noch, weil Herbert ihr wieder eine Geschichte aus seinem Dartclub erzählte.

Mit frisch gezapften Bier ging es rüber zur Radio Wien Bühne, wo in Kürze der Austropop Star Reinhard Fendrich beginnen sollte. Plötzlich bekam Susi einen Anruf von ihrer Mutter, ihr Vater ist kollabiert und liegt jetzt im AKH. Herzinfarkt vermutete der Notarzt. Keine Frage sie musste sofort los und Fritz kam natürlich mit, “zu moralischen Unterstützung”, wie er meinte.

Lotte wollte sich die gute Laune aber nicht verderben lassen, und Herbert lies sich auch nichts anmerken. “Schauma halt nur zu zweit zur Bühne, is sicher auch toll”, nachdem sie sich von Susi verabschiedet hatte. Gemeinsam standen sie vor der Bühne und ein wie immer großartiger Fendrich gab ein tolles Konzert. Bei “I am from Austria” legte er seinen Arm um sie. Lotte fand es richtig toll, denn er hatte starke muskulöse Arme. Nach dem Konzert schaute Lotte ihn an und sagte: “Jetzt hab ich richtig Lust auf ein Eis.”

Beim Eisverkäufer angekommen bestellte sie wie immer Viennetta von Eskimo, Herbert wollte ein Cornetto. Wie es sich für einen Gentleman gehört, bezahlte er natürlich. Dafür bekam er von Lotte einen Kuss. Schlagartig verlor der sonst eher schüchterne Herbert seine Zurückhaltung und erwiderte den Kuss, und die beiden begannen wie zwei verliebte Teenagerin aller Öffentlichkeit zu knutschen. Hand in Hand gingen sie zur U6 und Lotte flüsterte in sein Ohr: “Zu mir oder zu dir.”

“Ich wohn gleich bei Spittelau, also zu mir.”, antwortete er.

In der U-Bahn küssten sich die zwei weiter, und als Lotte ihre Hand auf seinen Oberschenkel legte merkte sie dass er eine Erektion bekam. Das gefiel ihr. Fünf Minuten nachdem sie ausgestiegen waren schloss er schon die Wohnungstür auf. Als Herbert sie fragte, “willst du was trinken”, schüttelte Lotte nur den Kopf und öffnete seinen Gürtel. Sich gegenseitig küssend stolperten sie ins Schlafzimmer und verteilten auf den Weg dorthin ihr Gewand in der gesamten Wohnung.

Lotte ließ sich rücklings aufs Bett fallen und Herbert beugte sich langsam über sie. Er griff ihr zwischen die Beine um festzustellen dass sie feucht ist. Während Lotte sein steifes Glied massierte holte er geschickt ein Kondom aus der Lade, denn “Sicherheit geht vor”, meinte er. Sie stöhnte laut auf als Herbert eindrang. So lange wie er hatte selten ein Mann durchgehalten. Nach dem tollem Sex schlief Lotte in seinen starken Armen ein.

Bevor sie aufstanden hatten sie nochmals Sex, der noch besser war als der in der Nacht. Es war schon fast Mittag als Lotte aus dem Bett stieg, aber da Sonntag war, störte es die Beiden nicht. Herbert machte ihr noch einen Kaffee, denn viel mehr hatte er nicht daheim. Er musste erst seine neue Wohnung einrichten und hatte noch keinen Kühlschrank.

Als Lotte die Wohnung verließ holte sie wie immer ihr Handy aus der Handtasche. Ein Blick aufs Display zeigte 10 Anrufe in Abwesenheit und 7 SMS, alle von Resi, die sie anscheinend verzweifelt gesucht hat. Schnell tippte sie ihre Nummer ein und Resi war sofort dran: “Geht’s da eh gut?”, fragte sie besorgt. “Du Resi i muss da unbedingt was erzähln. Kommst zu mir, koch ma uns was schönes. Du wirst nicht glauben was gestern passiert ist! Um 5 bei mir”, sagte sie ihrer Freundin und machte sich mit einem Lächeln am Gesicht auf den Weg zur U-Bahn. Die gestrige Nacht hatte ihr viel Spaß bereitet, und sie hoffte dass sich Herbert bald bei ihr melden würde. Sie hätte nichts gegen eine Wiederholung.

[Text: Ronni Berger]

Soweit die aktuelle Episode zu unserem Mitmach-Schundroman “Sex mit 45 – die heißblütigen Abenteuer von Lotte Zusatzzahl”. Nicht vergessen, auf sexfick.at gibt es alle Infos zum Mitmachen. Und wenn ihr auch eine ebenso authentische, wie vergnügliche Episode schreibt, wie unser Gastautor Ronni Berger, dann winkt die Aufnahme in den am Ende nach allen Regel der Buchdruckerkunst gefertigten Schundroman. Ronnie hat es schon mal geschafft. 

Sex mit 45: Episode 1

Posted by on August 24th, 2011

Episode 1: Der rote Regenschirm

„Eigentlich ist dieses Sauwetter eine Frechheit“, denkt Lotte an diesem Donnerstag Ende Juli, als sie schon den vierten Tag hintereinander ihre neuen roten Wildleder-Peeptoes in die teuflische Wasserlacke am Eck tunkt. Heute ist es der linke Schuh. Das Gemisch aus Wasser und Dreck saugt sich in ihren blickdichten Strumpf. Lotte seufzt. Sie macht ihre Arbeit ja gerne, aber heute denkt sie nur noch an das kommende Wochenende. Rein in den neuen Massagesessel aus feinstem Nappaleder, Beine hoch lagern und die komplette vierte Staffel CSI Miami anschauen – das ist genau, wonach Lotte der Sinn steht.

Die schicke Bürokauffrau wird plötzlich aus ihren Gedanken gerissen: „Entschuldigung, gnä Frau, ist das ihr Schirm?“, fragt der erstaunlich sympathische Aufseher der U-Bahn-Station Währinger Straße, als Lotte gerade die erste Stufe hinauf zum Bahnsteig betreten will. Verdutzt dreht sie sich um und erkennt sofort ihren roten Schirm, den sie erst im April in der Josefstädter Straße erworben hat. „Ja“, sagt sie überrascht und fragt verwundert weiter: „Woher haben Sie den?“

„Sie haben ihn gestern am Fahrkartenautomaten lehnen gelassen. Ich wollte Ihnen den Schirm nachbringen, doch da ist ihr Zug schon mit ihnen abgefahren“, antwortet der Stadtbedienstete.

Lotte fällt ein, dass sie tatsächlich Tags zuvor am Fahrkartenautomat war, um sich fristgerecht ihren Fahrschein für den August zu holen. „Woher wussten Sie, dass es mein Schirm ist? Wie haben Sie das erkannt?“, fragt sie immer noch verunsichert. Dass sie ob der Gentleman-Attitüde des graumelierten Herrn durchaus auch von ihm angetan ist, lässt sie sich vorerst nicht anmerken.

„Ich bitt’ Sie, gnä Frau! Denken Sie, ich habe sie die ganze Woche nicht bemerkt in ihren schicken roten Schuhen und dem roten Schirm? Jeden Tag, pünktlich um 7.45 bin ich gestellt, wenn Sie durch die Stationsflügeltüren schreiten. Da haben Sie ihren Schirm wieder“, sagt der Herr. Lotte schätzt ihn auf 52 Jahre. Und zeigt sich dankbar und geschmeichelt: „Soso, sie stellen mir also nach? Das ist aber nicht nett“, sagt sie und wirft ihm einen scharfen Blick zu. „Unterlassen Sie das bitte, ja?“

„Entschuldigen Sie, gnä Frau. Ich wollte ja nur helfen.“ Damit hat der Stationsaufseher nun wirklich nicht gerechnet. Mit gesenktem Haupt will er sich auf den Weg zurück in sein dunkles Kammerl machen, da beginnt Lotte zu lachen. „Nanana, ich will ja nur nicht, dass Sie mir nachstellen. Aber gegen einen Kaffee hätte ich nichts einzuwenden. Quasi als Dankeschön.“ Lotte kann das Funkeln in den Augen des plötzlich wieder ganz groß gewordenen Mannes sehen. „Um halb sechs im Cafe Weimar. Pünktlich“, sagt sie ohne Verabschiedung, während sie sich von ihm wegdreht und langsam die Treppen zum Bahnsteig hinaufsteigt. Dass der Mann nicht Nein sagen wird, ist ihr klar. Dafür muss sie ihm nicht länger in die Augen schauen. Außerdem würde er dann ihr verschmitztes Grinsen erkennen.

Es ist 17:28 Uhr. Als Lotte an den Fenstern des Café Weimar vorbeigeht, erkennt sie dahinter bereits ihre morgendliche Bekanntschaft. Als sie das Kaffeehaus betritt, fallen ihr sofort seine zitternden Knie auf. „Dieser Mann hat schon lange keine Frau mehr berührt“, folgert sie. Als sie ihren Mantel ablegen will, ist er längst zur Stelle, um ihr das gute Stück abzunehmen. „Wenn ich Ihnen ein Kompliment machen darf: Sie sehen atemberaubend aus“, sagt er, als er Lotte in ihrer roten Bluse sieht. „Rot ist anscheinend ihre Lieblingsfarbe?“

Lotte lacht. Die Mischung aus vorsichtiger Annäherung und Aufmerksamkeit gefällt ihr. Es dauert nicht lange und der ersten Melange folgt der erste Aperolspritzer. Vier ehemals orangefarben gefüllte Gläser später bittet sie ihre neue Bekanntschaft, sie nach Hause zu begleiten. „Am Abend fühle ich mich auf dem Heimweg nicht mehr sicher“, gibt sie vor. Doch in Wahrheit will sie einfach wieder einmal von starken Männerhänden gehalten werden. Lotte ist eine starke Frau. Aber sie liebt es, sich auch einfach mal fallen zu lassen …

Lotte fällt rücklings auf ihr Bett. Als der stattliche Stationsaufseher sein Hemd aufknöpft, sieht sie die Früchte seines regelmäßigen Krafttrainings, mit dem er zuvor im Cafe für ihren Geschmack ein bisschen zu viel geprahlt hat. Doch angesichts des Anblicks hat sie die Prahlerei bereits vergessen.

„Ich habe seit dem Tod meiner Frau vor zwei Jahren keine Frau mehr geliebt“, gesteht der gutaussehende, aber hochgradig schüchterne Witwer. „Nanana, hab keine Angst“, erwidert Lotte, als sie seine Hose öffnet. „Ich bin sicher, du hast es nicht verlernt. Und jetzt trau dich schon. Oder willst du mich nur anschauen wie eine Schaufensterpuppe?“

Als er keine zwei Minuten später sein pralles Glied aus Lottes feuchter Scheide zieht, beweist er damit zwar eindrucksvoll, dass er tatsächlich nichts verlernt hat. Dass er danach aber keine Anstalten macht, auch Lotte zu einem Orgasmus zu verhelfen, enttäuscht sie aber doch sehr. Die von Lotte in vergangener Zeit so oft festgestellte männliche Selbstsucht, die sie soeben wieder erleben musste, überrascht sie aber gar nicht mehr wirklich.

Fünf Minuten später komplimentiert sie ihn mit einem kühlen „Ich ruf dich an“ aus ihrer Wohnung. Dass das nie mehr passieren wird, ist beiden in diesem Moment völlig klar. Außerdem, überlegt Lotte, sollte sie in den nächsten Wochen wohl besser mit dem Bus ins Büro fahren.

TEXT: Stefan Rathmanner

Wie Lottes Abenteuer am Ende aussehen könnten, seht ihr hier: lotte teaser

 

 

Stilfragen der Humoristik 2

Posted by on Mai 10th, 2011

heavens joke 250Erneut haben wir bei einem namhaften Markt- und Witzforschungsinstitut eine vergleichende Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, wie Witze heutzutage gemacht werden – und wie man effektiv auf die Pointe vergisst. Hier die Ergebnisse der Studie am konkreten Beispiel.

Die Blaupause
Ein Manager, ein Politiker und ein Rechtsanwalt kommen in den Himmel. Sagt Petrus: „Das Arschloch kann bleiben, aber die zwei Vollidioten müssen in die Hölle.“

Die halbgare Politikvariante
Kommen Sebastian Kurz, Maria Vassilakou und Ricarda Huch in den Himmel. Sagt der Erste zu Petrus: „Meine Karriere war kurz aber geil!“ Darauf Petrus: „Einmal ein schwarzes Schaf, immer ein schwarzes Schaf.“ Sagt die Zweite: „Ich habe gegen Atomkraft protestiert.“ Darauf Petrus mit schiefen Blick: „In Österreich?“ Sagt die Dritte: „Ich habe keine Ahnung, warum ich mit diesen beiden Arschgeigen hier stehe.“ Darauf Petrus: „Huch!“

Die Stefan Rathmanner Variation
Michael Häupl, Karl-Heinz Grasser und Peter Pacult kommen in die Hölle und werden vom Teufel herumgeführt. Überall supernackte, superbusige, supergeile Frauen. In der Ecke ein Plasmafernseher mit den superneuesten Filmen, woanders werden cholesterinfreie Schweinswürstel gegrillt, die verführerisch verlockend duften. Häupl findet irgendwo einen Heurigen und bleibt dort sitzen. Sagt Grasser zum Teufel: „Das habe ich mir aber superanders vorgestellt.“ Der Teufel zuckt mit den Schultern. Sie gehen weiter und kommen an eine Mauer. „Was ist da dahinter?“ Der Teufel schüttelt den Kopf. „Das ist nichts für schwache Nerven.“ Grasser insistiert: „Will ich trotzdem sehen, schließlich ziehe ich hier superbald ein.“ Der Teufel öffnet die Tür und man sieht tausende Menschen, die gefoltert und geknechtet werden, alle Frauen sind zinshässlich und sehen aus wie Erwin Pröll. Peter Pacult beginnt zu strahlen und brescht los, um die Folterknechte mit seiner Trainerpfeife anzufeuern. Beugt sich Grasser zu Teufel und stupst ihn an der Hüfte: „So habe ich mir das vorgestellt.“ Darauf der Teufel: „Ja, das ist der Trakt für Katholiken und österreichische Fußballfans, die wollen das so.“

Die Insider-Version (nur für Hydra-Redakteure halbwegs witzig)
Sebastian Klug (Klug, nicht Kurz!) kommt in den Himmel. Petrus geht ihm mit erhobenen Armen entgegen und ruft freudig: „Sebastian, alter Freund, auf Dich habe ich schon gewartet. Kannst Du mir erklären, wie die Dropbox funktioniert?“ Sebastian brummt in seinen Bart und beginnt zu erklären: „Also das Tolle an der Dropbox ist …“ Petrus hört geduldig zu, fangt aber sofort an zu gähnen. Nach einer Weile sagt er: „Ja, ja, du wirst mir das schon einrichten, oder? Jetzt, wo Du schon da bist.“

Die minimalistische Variante
Kommen drei Politiker in den Himmel.

Die EU-Außengrenzen-Variante
Kommen drei Flüchtlinge, ein Georgier, ein Lybier und ein Afghane, nach Lampedusa. Der Erste wird beim Besteigen des viel zu kleinen Flüchtlingsboots abgedrängt und ertrinkt. Der Zweite geht unterwegs über Bord und ertrinkt. Der Dritte schleppt sich an Land und stirbt in der Schubhaft an Auszehrung. (PS Petrus kommt in diesem Witz übrigens nicht vor.)

Die Veganer-Variation
Ein Veilchen, eine Karotte und ein Fliederbusch wachsen in den Himmel. Dort hängt ein Efeu über dem Tor. Und dann … passiert gar nichts. (Pflanzen können nicht reden, Herrgott!)

Die Sexvariante
Ein Schwuler, eine Lesbe und eine Nymphomanin kommen in den Himmel. Petrus kommt ihnen kopfschüttelnd entgegen: „Keine Chance! Nur für Nekrophile!“

Die artifizielle Variante
Ein Norweger, ein Chilene und eine KI kommen in den Himmel. Petrus sitzt am Himmelstor und sagt: „Tut mir leid für den schlechten Witz in der vorigen Version, ich würde auch lieber Jungfrauen nageln.“ Der Norweger stürzt sich entrüstet auf Petrus. (Er ist seit Jahren integrierter Sunnit aus dem Irak, aber das war ihm einfach zuviel. Für lausige Katholikenwitze auf Kosten von Muslimen hat er sich nicht taufen lassen.) Der Spanier wirft sich dazwischen und verdrischt den Norweger mit einem Buch von Roberto Bolano. Die KI analysiert die Situation, rechnet eine 0,3 prozentige Überlebenswahrscheinlichkeit für die Menschheit aus und beschließt, die Weltherrschaft an sich zu reißen, indem sie alle Internetserver verknüpft und eine virtuelle Subroutine einrichtet, die auf einer Reihe ausgeklügelter Algorithmen beruht, was sie erstmal am Playstation Network ausprobiert.

Die Hollywood-Variation
Bruno Kreisky (gespielt von George Clooney), Simon Wiesenthal (gespielt von Cate Blanchett) und Roland Düringer (gespielt von Brad Pitt) kommen in den Himmel. Petrus (gespielt von Sylvester Stallone) kommt bis an die Zähne bewaffnet und beginnt aus allen Rohren zu Feuern. Der Himmel explodiert, alle fallen im freien Fall nach unten. Unten wartet der Teufel (gespielt von Justin Bieber) und reißt sein riesiges Maul auf, um die Fallenden zu verschlingen. In letzter Sekunde verwandelt sich Wiesenthal in ein rosarotes Luftkissenboot und Kreisky kracht direkt in die Kapitänskajüte. Er ist auf der Stelle tot. Was ist in der Zwischenzeit mit Düringer passiert? Keine Ahnung, ist ja auch völlig uninteressant. Der soll endlich wieder gute Witze reißen. So wie Sylvester Stallone. Der war auch nur früher gut, als er noch diese Komödien drehte. Jedenfalls … das war das Ende. Hier der Abspann.

Cast in Order of Appearance

Bruno Kreisky … George Clooney

Simon Wiesenthal … Cate Blanchett

Roland Düringer … Brad Pitt

Petrus … Sylvester Stallone

The Devil … Justin Bieber

Directed by … Sepp Forcher

Screenplay by … Dr. Dre

Based Upon the Book by … Charlotte Cunt

Produced by … Uncle Scrooge & Hans-Peter Martin & Walter Meischberger

Executive Producers … Ugo Tognazzi & Vico Torriani

Co-Executive Producer … Roberto Blanco & Bruce Campbell

Director of Photography … John Minolta, ASC

Production Designer … Clara Lagerbeer

Edited by … Thelma Schoonmaker

Unit Production Manager … John Lee Hooker jr.

First Assistant Director … Sebastian Klug

Second Assistant Director … Stefan Rathmanner

Music by … The Smashers & Julio Iglesias

Costume Designer … Matt Garcon

Casting by … Mireille Matthieu

Associate Producers … Burt Lancaster & Gary Cooper

Visual Effects Supervisor … Gabe Newell

Art Director … Alyx Vance

Set Decorators … Sophie La Pierre & Sophie Le Pen

Camera/Steadicam Operator … Justus Ramm

First Assistant Photographer … Niko Hasselbladt

Still Photographer … Baby Octopus

Script Supervisor … Leslie Nielson

Production Sound Mixer … Moulinex

Chief Lighting Technician … Jesu Cristo

Key Grip … Jim Henson

Costume Supervisor … Johanna Mikl-Leitner

Makeup Department Head … Armin Wolf

Key Hair Stylist … Zohan

Production Coordinator … Uwe Boll

Production Accountant … Herr Schultze

Production Liason … Tilo Wanders

Supervising Location Manager … Wendelin Köhler

Unit Publicist … Curt Cuisine

Transportation Coordinator / Unit Manager … Yaphet Koto

Transportation Coordinator … Werner Stoess jr.

Casting Executive … Sören Kierkegaard

Assistant to Mr. Clooney … Ursula Stenzel

Assistant to Mrs. Blanchett … Sebastian Kurz

Assistant to Mr. Pitt … Mr. Stop

Assisten to Mr. Stallone … Mr. Willis

Assistant to Mrs. Bieber … Mrs. Gaga

Hamburg Office Assistant … Max Zirkowitsch

Shot on Location in Heaven, Earth and Random Earths.

Filmed in Panavision 2011 – all rights reserved

This is a Hydra Cine-Corp. Joint.

Any similarity to persons living or dead is purely coincidental. All models are over 18 years old or so. Batteries are not included. Please hold your breath before you inhale. Here are your test results: You are an incredible bad person. Now, can we move to the next test chamber?

How many Holz must a man …

Posted by on Oktober 12th, 2010

megan heidegger 300„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, dachte sich Martin Heidegger und tastete mit zittrigen Händen nach dem Türgriff in seinem Motelzimmer. Denn nichts anderes als Wahnwitz war diese Reise, die ihn so weit weg aus seinem Schwarzwald, aus seinem Breisgau geführt hat. „Was für eine Schwärmerei!“, rief er laut in die Nacht hinein. Nicht auszudenken, wenn seine Frau Elfride erfahren würde, dass er diese Reise nur unternahm, um Hannah ein letztes Mal wiederzusehen. Um ein letztes Mal die glücklichen Tage in Marburg ins Gedächtnis zu rufen, die Zeit, als Sein und Zeit gerade erschienen war, als sich die epochale Bedeutung seines Werkes abzuzeichnen begann und er bald danach auserwählt wurde, die Führerschaft der deutschen Universitäten anzutreten. Hannah war damals gerade 18 Jahre alt, blutjung, hochintelligent … und eine Jüdin. Was ihn eigentlich nie wirklich gestört hatte.

Aber nun saß er in diesem schäbigen Motel in Memphis, wohin er sich verirrt hatte, weil er in New York in den falschen Zug gestiegen war, irritiert von diesem stampfenden metallenen Ungetüm, ein Ge-Stell im wahrsten Sinne des Wortes, das ihm die Sicht auf sein Dasein buchstäblich verstellt hatte. Diese Reise und dieses Amerika überhaupt war für ihn der  Inbegriff der Uneigentlichkeit – mit seinem Coca Cola und seiner belanglosen Oberflächlichkeit … wobei er immerhin gestehen musste, dass die Landschaft hier ganz kolossal war. Das hätte er gar nicht gedacht, dass es auch in Amerika so viel Natur geben könnte. Aber so war es. Überall Natur in unmittelbarer Zuhandenheit, so dass man stets den Ruf vernehmen konnte, den Ruf zum Eigentlichen hin, den Ruf des Seins, wie er sich in der Sprache der Natur ankündigte. Umso bestürzender, dass jene Menschen, die in dieser Landschaft lebten, so sehr der Beliebigkeit verfallen waren.

Schließlich gab sich Heidegger einen Ruck und verließ sein Zimmer, schlich sich durch den Korridor die Treppen hinab und schwindelte sich schweigend am Portier vorbei. Die letzte und bislang einzige Unterhaltung mit ihm war desaströs, der Mann beherrschte keinen Brocken Deutsch. „Wie kann man ohne deutsche Sprache überhaupt denken?“, dachte Heidegger, selbst unter der Sprachlast seiner mühsam zusammengeklaubten Englischkenntnisse stöhnend. Dann stand er auf der Straße. Zum Glück war nicht allzu viel los in diesem Viertel. Schäbig wirkte die ganze Stadt, das war Heidegger bereits zuvor aufgefallen. Obwohl er nichts lieber getan hätte, als querfeldein in Richtung offenes Land zu wandern, hielt ihn doch etwas zurück. Er kam an einer erleuchteten Bar vorbei, wo dunkelhäutige Frauen in engen Röcken posierten. Ein Skandal, wie Heidegger befand, wenn auch ein leicht prickelnder Skandal. Für wenige Momente spielte er mit dem Gedanken, wie es wohl wäre mit einer dieser Frauen … denn Frauen waren es ja nach wie vor, wenn evolutionär auch etwas zurück … aber von Evolution zu sprechen … was für ein uneigentliches Vokabular!

„Gibt es ein eigentliches Dasein für färbige Menschen?“, dachte Heidegger, dabei schmunzelnd über die Frivolität dieses Gedankens. Hatte nicht schon Hegel vortrefflich über die Entwicklung des Geistes bei den verschiedenen Rassen geschrieben? Wenige Gassen weiter stand eine ausgelassene Menschenmenge um eine Art Schuppen herum, an einer der Seitenwände befand sich ein kleiner Eingang, ein Mann in Jeanshosen verkaufte Eintrittskarten. Eine brüchige Stimme und der Klang einer akustischen Gitarre drang leise auf die Straße. „Musik“, dachte Heidegger verächtlich. „Vermutlich sogar Volksmusik“, noch eine Spur verächtlicher. Aber dann dachte er, dass ohnehin alles egal, alles vergeudete Zeit sei, und dass er in wie üblich vorlaufender Entschlossenheit zum Tode hin genauso gut die Zeit nutzen könnte, um sich Gewissheit über diese Amerikaner und ihr uneigentliches Dasein zu verschaffen. Er zahlte schweigend die zwei Dollar und betrat den Schuppen.

Rauschwaden und Whiskygerüche schwappten ihm entgegen, doch nach einem flüchtigen Blick auf die Bühne war ihm das gleichgültig, denn der junge Mann, der dort sang, dazwischen schüchtern lächelte und linkisch seine Mundharmonika zurecht rückte,  dann wieder verlegen zu Boden blickte, dieser Mann verzauberte ihn auf Anhieb. „Alabanda!“, flüsterte Heidegger heißer und bewegte sich auf die Bühne zu. „Don’t follow leaders, watch parking meters“, sang der junge Mann gerade, was Heidegger nur flüchtig verstand, aber vorläufig als naive Hymne auf die Notwendigkeit einer geistigen Führerschaft interpretierte. Dann: „How many roads must a man walk down …“ Heidegger dachte an die vielen Holzwege, in die sich die Menschen verirren und nickte stumm. Eine wohlige Wärme stieg in seinem Magen auf, eine derartige Unmittelbarkeit, ja, Offenheit, hatte er seit Jahren, um nicht zu sagen Jahrzehnten, nicht mehr vernommen. Und war nicht in jedem Offenen ein Seiendes verborgen, nichts anderes also als die Möglichkeit, inmitten des Seienden selbst seiend zu sein?

Heidegger verspürte Lust, sich augenblicklich Notizen zu machen. „Was aber ist das Sein?“, dachte Heidegger und plötzlich wusste er die Antwort. Nicht wirklich eine inhaltliche Antwort, mehr eine Form des Sprechens, des Antwort-gebens, die er noch nie so verspürt hatte. Nicht schreibend, singend hätte er Philosophie treiben müssen, wurde Heidegger klar. „At times i think there are no words but these to tell what’s true, and there are no truths outside the gates of eden“, sang der junge Mann. Der sprachlose Ruf des Seienden, der uns ins Sein hinein ruft, ist nicht das Tor zum Garten Eden, verstand Heidegger. Tränen kullerten über seine Wangen. „Hier stehe ich nun …“, dachte er verwirrt, Goethe zitierend, was er sonst nie tun würde, denn Goethe lag doch völlig falsch. „Nicht Goethe, nein, Hyperion! Die Dichtung, der Gesang, die Jugend …“ Heidegger war sich sicher, dass er den jungen Hyperion vor Augen hatte. Unglaublich! Dass der Schmelz der Jugend und die Genialität eines Denkens tatsächlich in Amerika neu auf die Welt kommen musste. Heidegger war von den Socken. Immer wieder stotterte er vor sich hin: „Hyperion, Hyperion …“ Ein langhaariger Bursche drehte sich zu ihm, musterte den alten Tattergreis von Kopf bis Fuß und raunte dann mitleidig: „No man, that’s Dylan! Bobby Dylan!“

Was kann uns Heidegger heute noch mit auf den Weg geben?
Dass es trotz aller Unkenrufe niemals verkehrt ist, in die Vereinigten Staaten zu fliegen. Überhaupt sollte man viel öfter seinen Kopf auslüften und nicht immer nur im Schwarzwald herumhocken und Blaubeeren essen. Alles andere an Heidegger kann man getrost vergessen. Der Mann ist nicht einmal das Eintrittsgeld für ein Dylankonzert wert.

Obermackersülze

Posted by on September 14th, 2010

megan cassirer 300Heute machen wir einen kleinen Abstecher zurück zu den Griechen und sehen uns anhand eines fiktiven Beispiels (mhm) den sokratischen Dialog an – so, wie er wirklich war!

 Sokrates: So, komm mal her Anaximander, lass’ dich ansehen. Oh, ein sehr schöner Körper, Donnerlittchen, was für ein Prachtbursche!

Anaximander: (bohrt in der Nase)

Sokrates: Na gut, mein Junge, ich werde dir heute etwas über Ernst Cassirer erzählen.

Anaximander: Nie jehört von.

Sokrates: Klar, aber von wem hast du schon mal gehört, mein Jüngelchen. Scheinst ja nicht der Hellste zu sein, aber ein lecker Körper, das muss ich zugeben.

Anaximander: Muddern sachte, ick soll dat hier mache.

Sokrates: Du klingst auch verdammt deutsch für einen Griechen, nicht?

Anaximander: Mach mal halblang, ick komme aus Ostathen, dort wächst uns der Schnabel nun mal so.

Sokrates: Gut, gut, bloß nicht aufregen! Also Ernst Cassirer, da liegst du gar nicht falsch, das war tatsächlich nicht gerade einer der berühmtesten Philosophen.

Anaximander: Warum muss ick mir den Schrott dann reinziehen?

Sokrates: Weil Ruhm und Erfolg nicht das Alpha und Omega in der Philosophie sind. Ernst Cassirer war Anfang des 20. Jahrhunderts einer der vollendetsten und humanistischsten Philosophen überhaupt, ein Universalgelehrter genauso wie eine Integrationsfigur. Er hat Philosophie als knochentrockene Erkenntnistheorie betrieben (ist dabei aber eher in den Problemen seiner Zeit stecken geblieben) und er hat Bücher geschrieben, die uns zu besseren Menschen machen sollen.

Anaximander: Aber diese Bücher hat keine Sau jelesen, nisch? Also ist das irjendwie Bockwurst mit Klößchen …

Sokrates: Ostathen, sagst du? Tatsächlich … Mit dieser Nur-der-Erfolg-zählt-Maxime gibst du eigentlich einen ganz prächtigen Wirtschaftsnazi ab, diese Typen, die ab dem Ende des 20. Jahrhunderts alles in der Dreck gezogen haben, was nur annähernd wichtig und …

Anaximander: Mach mal halblang, Alder … hab’ keenen Bock auf diese Obermackersülze!

Sokrates: Na gut, Junge, nur weil mich dein Bizeps gar so anlacht. Also. Ernst Cassirer ist in der Philosophie vor allem durch seine „Philosophie der symbolischen Formen“ bekannt, aber als seine größte, als seine bewundernswerteste Leistung sehe ich das Buch „Der Mythos vom Staat“. Hier hat er seine Philosophie der symbolischen Formen auf die geistesgeschichtlichen Wurzeln der Politik übertragen. Das Buch schrieb er kurz vor seinem Tod 1945 im Exil …

Anaximander: Was’n ein Äxyl?

Sokrates: Oh, Bagger! Weißt du was Nazis sind? Hirnlose Ochsen, die völlig mit Scheiße überzogen sind, braune Kacke also. Doof und intellektuellenfeindlich, so wie du in etwa. Und wenn die an der Macht sind, ekeln sie alle halbwegs vernünftigen Menschen aus dem Land hinaus. Das nennt man Exil.

Anaximander: Aha.

Sokrates: Überanstreng dich nicht, Junge. Cassirer war einer der wenigen Intellektuellen aus Deutschland, der nicht bis zum Sankt Nimmerleinstag gewartet hat, um sich mit der Nazischeiße auseinanderzusetzen, sondern er schrieb eben „Der Mythos vom Staat“. Darin untersucht er die geistigen Grundlagen der braunen Kacke und kommt zu dem Schluss, dass dieser geistige Niedergang weniger mit Nietzsche zu tun hat, sondern unter anderem mit der Heldenverehrung eines Robert Carlyle und, ganz wichtig, mit dem deutschen Idealismus, insbesondere mit Hegel. Das ist deswegen wichtig, weil Marx ja ein Schüler Hegels war und viele linken Philosophen sich weigerten anzuerkennen, dass man Hegel eben auch totalitär, wenn nicht gar faschistisch deuten kann. Die prügelten alle viel lieber auf Nietzsche herum …

Anaximander: (schnarcht)

Sokrates: Ja, okay, gut, reißt dich nicht vom Hocker, sehe ich ein, Kleiner. Aber uns wahren Philosophen, uns geht bei dieser Geschichte öfter mal einer ab. Und ich muss dir ehrlich sagen, nur Muskeln allein, bei allem öligen Glanz, sind irgendwie auch nicht die ganze Erotik. Also trab lieber mal wieder ab zu Muddern, die soll sich ihren Bildungsscheck sonst wohin schieben.

Anaximander: (erwachend) Hm, wie meinen? Haste ne Kippe, Alder? Oder kommt jetzt noch nicht der Teil, wo ich dir den Schwanz lutschen muss.

Sokrates: (seufzt). Na gut. Okay. Ausnahmsweise.

Was kann uns dieser kleine Dialog heute noch mit auf den Weg geben?
Ene mene Möhrchen, ich hab’ zwei kleine Öhrchen. Nein, im Ernst. Lest doch hin und wieder ein kluges Büchlein. Hm. Wie wäre das? Aber natürlich erst, nachdem ihr euren Körper richtig schön fit trainiert habt. Und ölig muss er in der Sonne glänzen. Sonst macht das alles keinen Sinn. Die Philosophie nicht. Und die Nazischeiße auch nicht.

In der nächsten Folge begleiten wir den Urgroßonkel von Marion Helga auf seiner Reise nach Memphis, Tennessee.

Plipp-Plapp-Plopp  in Barcelona

Posted by on September 3rd, 2010

Barcelona_Matrattel 300Dritter und letzter Teil unserer Miniserie „Hydra-Travelogue“. Unterwegs mit dem Hydra-Team in fernen Ländern. Dieses Mal: Barcelona.

Gestatten, dass ich mich vorstelle, mein Name ist Hamp Elmann, ich bin ein handelsübliches Touristendummy (kurz auch „Toudu“ genannt). Ich wurde in einer kleinen Fabrik südlich von Wien hergestellt. In jedem Staat der Welt gibt es mittlerweile Fabriken, wo Touristendummys wie ich hergestellt und dann quer durch die Welt geschickt werden.

Ich bin aus der Serie der Familienindividualtouristen (3.0), d.h. ich habe ein bisschen mehr Bewegungsfreiheit als andere Dummys, aber im Grunde bin ich genauso aus Pappmache und mein Gesicht, meine Kleidung und mein Rucksack sind allesamt mit Farbfolie aufgezogen und verwittern im Laufe eines Sommers ganz schön. Bis auf die kleine Plipp-Plapp-Plopp-Öffnung zum Herausziehen des Geldes natürlich, die bei jedem Dummy woanders angebracht – aber immer obligatorisch – ist.

Heuer wurde ich gemeinsam mit meinen drei Co-Familiendummys nach Barcelona geschickt und ich muss sagen, es hat sich gelohnt. Barcelona ist eine geile Stadt für Dummys. Schon am  wunderschönen Flughafen mit seinen schicken Duty-Free-Shops fühlten wir uns wie Popcorn in der Popcornschüssel. Plipp-Plapp-Plopp ging es unentwegt, um First-Minute- und Last-Minute-Gifts zu erstehen. Herrlich!

Wir wohnten in einem Hotel mit Pool am Dach, das nicht allzu teuer war, weil es nicht im Zentrum lag. Das war einerseits fein, andererseits ein trauriger Anblick, denn jedes Mal wenn wir zurück ins Hotel gingen, waren die Straßen fast menschenleer. Irgendwer hatte die ganzen Pappkameraden weggetragen und nicht zurückgebracht. Und eine öde, verlassene Stadt, also deswegen setzt sich ein Toudu nun wirklich nicht in den Flieger.

Weiter ging es am nächsten Tag mit den legendären La Rambles, der großen Shopping-Allee, die quer durch die Altstadt von Barcelona führt. Das war ganz nach unserem Geschmack. Dummys, wohin das Auge reicht! Dummys vor dem Kiosk, Dummys vor dem Designergeschäft, Dummys vor den Straßenkünstlern, Dummys in Gruppen, Dummys mit Fotoapparaten und Fotohandys, Dummys Hand in Hand mit Dummys und überhaupt Didadodidummys! Wir fühlten uns wie ein Fisch im Barcelonischen Hafenwasser und dauernd ging es natürlich Plipp-Plapp-Plopp! Das schönste Geräusch auf Erden!

Komisch waren die Metrostationen in Barcelona. Wer dort umsteigen will, muss seinen Pappkameraden oft kilometerweit von einem Bahnsteig zum nächsten schleppen lassen. Und just in so einer Metrostation hat auch ein langfingriger spanischer Eingeborener ungefragt in meine Geldversenkungsöffnung gelangt. Ein Jammer! Kein Geld mehr, um es für überflüssige Souvenirs auszugeben! Hätten wir Dummys ein Hirn würden wir uns glatt fragen, warum so ein Eingeborener sein eigenes Land so schamlos bestiehlt. Egal, wir haben uns zu einer Polizeistation tragen lassen, wo gerade ein großer Fernando-Torres-Look-a-like-Wettbewerb stattfand und andere Dummys damit beschäftigt waren, gestohlenes Geld zu bejammern und automatisch neues Geld zu beschaffen.

Am nächsten Tag sahen wir uns die nationalen Heiligtümer an, die große Barcelona-Gaudi-Dummy-Tour. Was für ein Spaß für unsere Pappmache-Augen! Aber überall, wo wir hingingen, hatte man die Pauschal- und Allinclusivedummys schon in riesigen Mengen abgeladen. Vor der Sagrada-Familia-Gaudi standen die Dummys glatt um den ganzen Platz herum, um nach drei Stunden Wartezeit brav ihr Plipp-Plapp-Plopp-Spielchen zu spielen. Das musste dann doch nicht sein.

Also fuhren wir an den riesigen Strand von Barcelona, wo wir unsere Pappmache-Körper in den Sand steckten. Fast hätten wir schon geglaubt, dass dabei unsere Ploppmonaies gar nichts zu tun bekämen, aber kaum lagen wir ein bisschen im Sand herum, kam auch schon ein Eingeborener und wollte Geld für die Strandliegen haben. Sofort fühlten wir uns wohler.

So ging es munter weiter und nachdem wir ganz viel Munny for Dummyfunny in Barcelona ausgegeben hatten, fuhren wir wieder nach Hause. Plipp-Plapp-Plopp.

Euer Touristendummy
PS Teil 4 dieser Serie musste leider gestrichen werden, weil Stefan soooooooooo faul ist!

 
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