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Ich wollte doch nur die Wahrheit…

Posted by on April 11th, 2010

Die Abendsonne steht heute tiefer als sonst, ächzt ein alter Mann, der vermutlich in 10 Minuten von einer Schwester in die Pathologie geschoben wird, als mein Blick aus dem Fenster des Wilhelminenspitals im Wiener 16. Bezirk zurück in das karg ausgestattete Notaufnahmezimmer schweift.

Er ist mehr als ein Kollege, ein Freund, dass haben wir schon immer gewusst, sagen heute so viele Mitarbeiter der Hydra. Wieso aber musste es so weit kommen, dass Piotr Restmanner (Name geändert), einer der, nein der begabteste Grafiker in Europa, sein Leben für ein lausiges Satiremagazin auf’s Spiel setzt?

Rückblick:
Als andere Menschen schliefen, ging P. wie jede Nacht im Auftrag der Hydra auf Promotour. „Ja, ich mach das gerne. Wie soll ich sonst mein Boot bezahlen“, rief er damals in der Redaktionssitzung, um seinen großen Fuß, ja sein Leben auf großem Fuß, bezahlen zu können.

Es ist eine laue Frühsommernacht als unser begabter Grafiker, guter Freund, toller Bruder, hinreißender Sohn, leicht wohlbeleibter Enkel und noch vieles mehr, vom Alkohol intoxikiert, den Heimweg antritt. Was wir heute wissen ist, dass er seine Wohnungstür in dieser Nacht nie erreichen soll.

Piotr Restmanner ist für seine Penetranz in der Szene bekannt. In dieser Nacht fiel ihm die Arbeit im Auftrag der Hydra etwas schwerer. Schon im letzten Jahr, stieß er auf Unverständnis, als P. einem Unbekannten den Flyer für die Hydra Party gab. „Also ich, ich könnte das nicht“, sagt ein Kollege aus der Redaktion, womit er die Hartnäckigkeit in der Arbeit von P. anspricht. Was dann geschah, kann P. nicht mehr erinnern. Auf jeden Fall ging er diesmal wohl etwas zu weit.

Um 4:08 in der wie oben erwähnten lauen Frühsommernacht, klingelt das Telefon der Polizei mit einen Anruf von P. Das ist wohl sein letzter Anruf, denkt sich der Herr Wachtmeister D. „Joa i… i… hob an zuerst goar net vostoandn, bis i gwusst hoab… des… des is woas Schlimmes“, erzählt Wachtmeister D, der noch immer unter Schock steht. Mit Blaulicht und Martinshorn erreicht D. den regungslosen P. wo es immer noch nach Gewalt und Blutrünstigkeit riecht, erinnert sich der Herr Wachtmeister.

Als D. seine Uniform lockert, um den ohnmächtigen P. wiederzubeleben, zeigt sich sein Kollege A. einfühlsam: „Wachtmeister D. ist ein erfahrener wiener Polizist, der seinen Job liebt“, flüstert er dem Hydra Redakteur, der an einen gefallenen Soldaten erinnert, ins Ohr. Mit blutüberströmter Uniform trägt Wachtmeister D. den Verletzten in den Rettungswagen, welcher ihn in das Wilhelminenspital fährt.

Der Oberarzt weist mich vor dem Eintreten in das Schreckens-Zimmer,  der Halle des Leids, dem Nirvana des Schmerzes darauf hin, dass das Opfer sehr schwer verständlich sei: „Es müssen zehn, nein hunderte gewesen sein, die sein Kauwerkzeug dermaßen entstellt haben“. Ich schlage im Lexikon nach, um das medizinische Kauderwelsch zu entschlüsseln. Oberarzt K. dreht sich weg und holt erneut aus: „ach was sag’ ich, tausende…“

Als ich in das Zimmer der Station E (Station Emil) komme, ist das Leid der Menschen größer, als was richtig Großes. Zusammengekauert auf 12 qm, liegen 3 Menschen, dessen Anblick wohl mehr schmerzt, als ihr Nahtod selbst. Beim dritten Bett, hinten in der Ecke, ist es still. Das EKG piept in regelmäßigen Abständen, was wie eine Sinfonie anmutet, die irgendwann ein Ende hat. P. liegt einfach nur da, bis er den Kopf leicht dreht, um ein Zeichen des Lebens zu geben. „Ich wollte das alles nicht“, versucht der Hydra-Redakteur P. dessen Gesicht wahrlich bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert ist, mit letzter Kraft zu sagen. „Sie kamen einfach von hinten und haben mich niedergeschlagen, alles genommen. Ich habe nichts mehr“, fügt P. hinzu. Ich halte seine Hand in der Hoffnung, dass ich mich setzen kann.

In seinen Ausführungen klingt es beinahe so, als wäre er ausgeraubt und niedergeschlagen worden. Was davon wohl stimmen mag, bleibt bis zur Aufklärung der Umstände offen. Zurück bleibt die Erkenntnis, dass es ein Stück mehr sein muss, als nur Selbstaufgabe für ein Satiremagazin. Wer jedoch macht nun das Layout für die nächste Ausgabe, wer verteilt die Flyer so gut wie er? Ob er jemals wieder für die Hydra arbeitet, ist nur eine, von vielen offenen Fragen.

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brustwarzenmilchmann

Posted by on November 19th, 2009

mustard brustwarzeDer Brustwarzen-Milchmann. Kunststück oder ein Stück Kunst?

Jeder stößt in seinem Leben auf Menschen, die etwas Besonderes haben oder können. Kommen diese ExotInnen aus unserem engeren sozialen Umfeld, schwanken die Emotionen zwischen Bewunderung über Neid bis zu Missgunst. Die Erfahrungen mit außergewöhnlichen Personen zu denen eine gewisse emotionale Unabhängigkeit besteht sind für uns weniger ein Phänomen von einem anderen Stern, als mehr die schlichte Natürlichkeit der Besonderheit. So würden z.B. 68% aller Partnerinnen, das Fremdvögeln ihres Mannes mit einem Star, nicht als sexuellen Betrug bewerten… (Hat zwar wenig damit zu tun, ist aber trotzdem interessant).

Der Mensch mag Extravaganz. Individualität ist in unserer Gesellschaft zu einem selbstverständlichen Identitätsmerkmal herangewachsen, ähnlich dem Trend des Wählengehens zur Bundestagswahl. Zwischen Individualität, die toleriert wird, und Besonderheit, die peinlich ist, scheint der Grat schmaler zu sein, als … na … was anderes, was so richtig extrem schmal ist.

Wir haben 160 Leute getroffen und beobachtet, was sie fühlen, wenn sie einen Mann Milch geben sehen – aus seiner Brustwarze natürlich. Eine heitere, glamouröse aber höfliche Nacht sollte es werden. Als hätten die Veranstalter der Releaseparty am 06.11.09 den Titel “BUSEN?” im Nachhinein formuliert. Wie erste Pressestimmen wenig Tage später titelten: “Scham und Schmerz der Skandalfeier”, wird heute totgeschwiegen, was damals geschah.

Die Party wird an ihrem Höhepunkt um 01:35 durch eine Stimme am Mikrofon, auf den Nullpunkt gezogen. Er trägt eine braune Bundfaltenhose und ein weißes T-Shirt. Ab und zu nippt er an einer gelben Bierdose und lässt Testblicke durch den Raum schweifen, als ahnte er schon, dass sich bald etwas ändert. „Er ist ein normaler Typ, ein Piefke”, erzählt ein junges Mädchen mit Erbrochenem im Nacken. Angestrengt versucht der normale Typ, den Lautstärkepegel der Masse durch die Ankündigung, er würde Milch aus seiner Brustwarze geben können, zu übertönen. Die Skandalfeier musste Überraschungen bereit halten, weshalb man die sonst nervigen Geburtstagsgrüße für Mandy und Ronny aus dem DJ-Mikro ausnahmsweise für einen Augenblick akzeptiert.

Es zieht sich gefühlte 1,5 Liter Bier lang, bis die Auktion und der Wetteinsatz abgeschlossen sind und der vermeintliche Individualist mit dokumentierendem Live-Stream beginnt, seine Brustwarzen zu melken. Die Anstrengungen vom Auspressen seines Warzenhofes zeichnen Falten in sein Gesicht. Dominierend jedoch hinterlässt er den Stolz einer Mutter, äähhh eines Vaters, der sein Kind stillt.

Eine Zeugin wird auf Brusthöhe geholt, als sie im Schock aufschreit und in abwinkendes Gelächter verfällt. Er gibt Milch. Keinen Strahl, nicht gespritzt, aber in Tropfen kleckernd.

Ungeduldig wird die Musik aufgedreht und die Wetteinsätze inklusive des Auktionsertrages wandern in die prallgefüllten Kassen der Veranstalter.

Die Menschen mögen, nein erwarten Individualität und Sensationalismus, aber bitte nicht ohne Feuerwerk, einen Zirkusdirektor und erst recht nicht Etwas, was den eigenen Bruder, Vater oder Freund betreffen könnte. Zwischen einem schönen Kunststück und einem Stück Kunst scheint ein Haufen aus Stückchen zu liegen. Dieser stinkt und entscheidet, wohin der Weg geht und ob man einen Schritt drüber steigt.

Galactorrhea

Wir sind ein Qualitätsmedium und haben recherchiert, um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. 

Galactorrhea bezeichnet das Phänomen der milchgebenden Brust bei Frau und Mann. Die Hyperfunktion des Hormons Prolaktin, freigesetzt in der Hypophyse, bedingt den Milchfluss (während der Schwangerschaft der Frau recht normal). Es handelt sich hier nicht um ein evolutionsbedingtes Rudiment beim Mann, sondern um eine Besonderheit, die auf die Hormonproduktion zurückzuführen ist, also was bei jedem Menschen auftritt – nur in verschiedenem Maße. Die Universität Calgary befasste sich zudem mit den psychologischen Auswirkungen von tropfenden Brüsten beim Mann und meint, dass der Milchfluss ohne äußere Einwirkungen zu traumatischen Schäden beim Mann führen kann. Kein Grund zur Sorge, wenn nicht ein Hirntumor die Ursache ist.

Nicht so bei unserem Individualisten. In der Vorführung seiner Besonderheit war durchaus äußeres Einwirken von Nöten, damit sich das weiße Gold, wie es die Gewerkschaft der Milchbauern bezeichnet, extrasomatisch blicken ließ.

Die Stimmung im Raum wird von den reflektierten Gästen als drückendes Fremdschämen empfunden und als peinliche Infantilität von den Leuten an diesen Fäden… achja Sozialmarionetten, beschrieben.

In unserer hochindividuellen Gesellschaft hat jeder alles gesehen und jeder alles erlebt. Im nächsten Kleinkunsttheater beklatscht man die Expressivität der Reste einer Soljanka, die der „Künstler” live gebärt und trotzdem werden kontroverse Gespräche zu intimen Themen mit „klar, was soll die falsche Anonymität” versucht abzureißen.

Wir beklatschen den Kleinkünstler wohl das letzte Mal, wenn sich herausstellt, dass er an einer Darmkolik sterben muss. Und wir werden Galaktorrhea Erkrankten wohl ein kleines Lächeln schenken, wenn wir es selbst an uns ausprobiert haben.

Zurück bleibt ein normaler junger Mann, mit entzündeten Brustwarzen und einer Krankheit, die auf wenig Toleranz in der Gesellschaft stößt.

Die HYDRA möchte sich als Veranstalter selbstverständlich zu dem Ereignis positionieren und bittet den Hausmeister J. Ramm zur Stellungnahme: „Also icke, ick hätt’ mir ja nbisschen mehr Rotze da ausse Titte vorjestellt” (verschluckt sich dabei am Auswurf seines Raucherhustens).

Aus der Redaktion plaudert S. Klug ungefragt: „Nun, ein Schwulen-Porno, Luftballons die von der Decke fallen und milchgebende Männer, das ist eine Trilogie wie ich finde”. justus

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In tiefster Trauer …

Posted by on November 17th, 2009

farcebook deathMaximilian Zirkowitsch
* 12.11.2009, 17:20   t  12.11.2009, 17:39

„Ich bin von euch gegangen, nur für einen kurzen Augenblick und gar nicht weit.
Wenn ihr dahin kommt, wohin ich gegangen bin, werdet ihr euch fragen, warum ihr geweint habt.“ (LaoTse)

 Liebe Angehörige, liebe Freunde, liebes Redaktionsteam,

In tiefer Trauer geben wir bekannt, dass der junge Maximilian Zirkowitsch nach nur kurzer Lebensdauer von uns gegangen ist. Die Nachricht erreichte uns kurz nachdem wir ihn in den Kreis unserer Freunde aufgenommen haben. Es ging alles so schnell. Des Zirkowitschs  Leben war vielversprechend; der stramme Junge war gesund, munter und voller Hoffnungen und Ziele. Seine Augen blau wie sein Blut.  Sie durften die Geburt seiner Online-Identität als Zeugen miterleben. Ganz unerwartet, nur wenige Stunden später, während der Gesundheitsanamnese, musste der Suizid des kleinen Maximilian auf Facebook festgestellt werden.

Max, wir vermissen dich. Ruhe in Frieden.

Die Beisetzung muss aufgrund des schlechten Wetters ausfallen. Der Grabstein steht schon.
Kondolenzsprüche sind zu richten an: office@hydrazine.at

Fassungslos und geschockt
Die Redaktion
Gez.: Justus, Matthi & Sophie

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