Je suis betroffen …

jesuis_1… ergo poste ich. Über Charlie Hebdo, den unvermeidlichen Diskurs darüber und die (folgenlosen) Folgen.

Man ist ja fast sprachlos. Zunächst über die Tat an sich, die wie jede Gewalttat unfassbar ist. Sich diese kaltblütig ausgeführten Morde, diesen jähen, finalen Gewalteinbruch in das Leben der Redakteure von Charlie Hebdo und natürlich das Leid, den Schmerz, den Schock der Hinterbliebenen auch nur ansatzweise vorzustellen, macht sprachlos. Diese Sprachlosigkeit muss ich jetzt schnell in einem Posting loswerden. Moment. So. Schon passiert.

Sprachlos machen natürlich auch die Hintergründe der Tat. Den Fanatismus, den es dafür benötigt, den von Verbitterung vollgesogenen Hass, der jeden Funken Ironie über die eigene jämmerliche Existenz vermissen lässt. Und Ironie, das wissen wir, ist eine der größten Errungenschaften unserer europäischen Zivilisation, die, wie uns viele Kommentatoren versichern wollen, ganz weit vorne liegt im internationalen Weltdurchschnitt. Vor wenigen Jahren war es zwar noch verpönt, im Zusammenhang mit islamischer Radikalisierung von „tiefstem Mittelalter“ zu sprechen („Wir, die christlich-aufgeklärten Fortschrittlichen, sie, die fundamentalistisch Rückschrittlichen.“), aber diese Barriere ist längst gefallen. Einen „Rückfall in die Barbarei“ orten längst unzählige Kommentatoren, auch in renommierten Feuilletons. Zuletzt anlässlich des vor zwei Wochen erfolgten Anschlags der Taliban auf eine Schule im pakistanischen Peschawar. 132 Schulkinder wurden dabei getötet – und das ohne vorausgehende Verunglimpfung eines Propheten. Natürlich ist das entsetzlich, aber wir müssen nun wirklich nicht ins Mittelalter zurückblicken, um diese „Barbarei“ auch bei uns zu finden. Und heute wissen wir jedenfalls eines mit Bestimmtheit: Moslems waren unter den Nazis äußerst selten. Moment, das muss ich schnell posten.

jesuis_2Ah, bin schon wieder da. Ja, man ist sprachlos. Auch aufgrund des Diskurses, der so schnell auf Hochtouren kommt, aufgrund der unzähligen Kommentare, die wie Pilze aus dem nachgewitterlichen Waldboden schießen. Praktisch innerhalb weniger Stunden erreicht der Diskurs heutzutage die Metaebene. Die einen marschieren noch protestierend durch die Städte, um ihre Betroffenheit und Solidarität zu zeigen, während die Anderen sich bereits darum sorgen, wie sehr dieses Attentat Wasser auf die Mühlen der Alltags- und Salonrassisten leert – gar nicht zu reden von Pegida & Co. Armin Wolf beschrieb das punktgenau mit einem Posting auf facebook: „Es gibt Themen, bei denen ich wirklich länger überlege, ob ich auf FB überhaupt etwas posten soll. Weil von vornherein klar ist, dass ich mir damit in den Kommentaren neben vielen klugen Dingen auch Idiotien jeder Art einfange. Das schreckliche Massaker von Paris ist ein solches Thema. Egal, was man dazu postet, innerhalb von Minuten sammelt man im Forum Blödheiten ein – von der ‚Krankheit Islam’ bis ‚Die Morde sind auch nicht schlimmer als die Karikaturen in der Zeitung’.“

Man ist sprachlos, weil man zwischen all dieser Hysterie fast in die Sprachlosigkeit gedrängt wird. Man fühlt sich ohnmächtig, wird regelrecht wütend und überlegt, ob man nicht auch eine Karikatur zeichnen soll, die dem Propheten eine Stange Dynamit in den Arsch zaubert. Aber man traut sich natürlich nicht, denn wer hat schon den fast lebensverachtenden Mut, den die Redakteure von Charlie Hebdo bewiesen haben? Außerdem ist die Satire – in dieser Situation – ebenfalls ohnmächtig. Viel weiter müsste man gehen! Man müsste diesen Fanatikern endlich die Meinung sagen, ihnen unsere europäische Manieren und Sitten beibringen, ihnen Gelassenheit und Selbstironie eintrichtern, sie umerziehen, am besten mit einem Hauch Waterboarding. Nein. Moment. Das nicht. Das poste ich nicht. Sonst wäre ich vielleicht selbst ein Fanatiker, dem es völlig an Distanz zu den Themen fehlt. Fehlte nur noch, dass wir die Grenzen zwischen „Fanatismus“ und „Religion“ verwischen, während wir uns in unserem Denken sukzessive von „islamischen Fanatikern“ zu „Islamisten“ und schließlich zu „Moslems“ vorwursteln. Und am Ende brüllen wir dann genauso, dass es jetzt genug ist, dass man jetzt endlich Maßnahmen ergreifen muss, dass man diese ganze Fanatikerbrut bitte endlich zurückschieben soll in ihr Herkunftsland. Wolfgang Müller Funk nennt die Attentäter im „Der Standard“ übrigens sehr treffend „selbsternannte Gotteskrieger“. Es liegt an uns, diese „Selbsternennung“ als das zu interpretieren, was sie ist, als Größenwahn nämlich – und nicht als Ausdruck von Religiosität.

jesuis_3Trotzdem denkt man natürlich sofort an „diese Muslime“ und hält die ganze Sache für ein religiöses Problem. Dass so viel Thilo Sarrazin in einem selbst steckt, überrascht dann doch und das bisschen schlechte Gewissen macht gleich noch ohnmächtiger. Man fragt sich: „Kann es das wirklich sein, all das bloß duldend zu ertragen?“ Nein, man kann ja ein Zeichen setzen. Also heftet man sich „Je suis Charlie“ auf sein Profilbild. Je mehr Leute das tun, desto wohliger wird einem wieder. Denn siehe, es gibt ja Protest, die Menschen setzen ein Zeichen. Wir alle setzen ein Zeichen! Oh, wie schön ist das! Es ist wie zu Weihnachten, wenn überall die Lichter angehen. Oder wie beim „Harlem Shuffle“ oder der „Icebucket“-Challenge. So schön, wenn es alle tun! Wir sind eins, eine Einheit, vereint in der Betroffenheit. Sogar der Wiener Bürgermeister tut es. Nein, Moment, da kann etwas nicht stimmen. Kann es sein, dass Betroffenheit und Opportunität sich irgendwie doch bestens vertragen? Ich darf meinen Hydra-Kollegen Maximilian Zirkowitsch zitieren: „Ich bin sofort bereit, alle, die glauben, die Änderung eines Profilbildes oder ein Posting sei eine Form politischen Engagements, mit einem Plakatständer zu verdreschen.“ Moment. Das muss ich posten.

Schon wieder zurück. Klingt das jetzt ein bisschen zynisch? Am Gipfel der Betroffenheit sollte man nicht über Betroffenheit spotten? Dann kommt jetzt eine wirklich zynische Geschichte. Seit fast zwei Jahren beherbergt der Libanon offiziell über eine Million syrische Flüchtlinge. Der Bürgerkrieg im Syrien ist eine komplizierte Geschichte. Insbesondere seit sich das IS-Kalifat gebildet hat, ist die Situation so verfahren, dass die mediale Aufmerksamkeit längst erloschen ist. Nun kam es zum Wintereinbruch im Libanon und die ersten Flüchtlinge, die ohnehin seit Monaten hungern und in erbärmlicher Armut leben, sind erfroren. Vor wenigen Tagen haben die Appellaufrufe internationaler Hilfsorganisationen endlich gewirkt, es kam zu medialen Spendenaufrufen. Und dann kam Charlie Hebdo. Jetzt sind die Spendenaufrufe wieder weg von den Websites. Denn, so die unausgesprochene Argumentation: „Wer spendet in diesen Tagen für verhungernde Moslems?“ Man ist sprachlos. Jetzt aber wirklich.

Noch mehr auf den Punkt bringt es übrigens die Tages“zeitung“ „Österreich“. Während am Cover schon die mutmaßlichen Mörder verurteilt werden, findet sich gleich darunter die Schlagzeile: „Asyl-Ansturm kostet uns 41 Millionen“. Nein, das wollen wir nicht zahlen. So viel Geld für ein Menschenrecht! Wir wohlhabenden, meinungsfreien Europäer. Lieber lassen wir sie in ihren Herkunftsländern verhungern und erfrieren, während wir ein paar Monate zuvor noch, als alle Medien darüber berichtet haben, so betroffen waren und Lösungen gefordert haben. Aber das interessiert uns heute nicht mehr. Ich zitiere Stefan Kalnoky, einen weiteren Hydra-Kollegen: „Der Großteil der Opfer des Jihadismus sind Muslime in Afrika und Asien. Das wird bloß medial nicht so ausgeschlachtet. Heute kam die Nachricht, dass Boko Haram in Nigeria eine ganze Stadt vernichtet hat.“ Aber wir sind schon wieder bei der Reduktion auf die Religiosität und außerdem … können wir uns schließlich nicht um alles in der Welt kümmern! Aber das poste ich jetzt nicht. Will ja momentan eh niemand hören.

jesuis_4Was poste ich dann? Vielleicht zur Abwechslung gar nichts, weil tatsächlich viel mehr passieren muss. Wir müssen unsere Privilegiertheit begreifen, die Verantwortung, die daraus resultiert. Es reicht nicht zu glauben, weil es uns gut geht, weil wir in einer Demokratie leben und uns einen ironischen Umgang mit allen und jeden erlauben dürfen, dass diese Werte automatisch von jenen Teilen der Welt, die in Armut und Unterdrückung leben, angenommen werden. Wir sehen die vielen Grenzen nicht, die wir in Gedanken und auch real ziehen, weil die Flüchtlinge, die unentwegt in unser Paradies strömen, eben nicht vor unserer Haustüre ertrinken. Wir glauben, dass das nicht unser Problem ist, ebenso wie wir glauben, dass die Billigkleider aus den Philippinen oder das chinesische Handy nicht unser Problem ist, obwohl wir doch genau wissen (oder wissen sollten), unter welchen ausbeuterischen Bedingungen wir diese Sonderangebote genießen. Wir schieben das weg und sagen: Das ist weit hergeholt, das sind linkslinke Spinnereien. Was hat das eine mit dem anderen zu tun … aber ist das wirklich so? Ist es nicht der wahre Zynismus, unsere eigene moralische Überlegenheit außer Frage zu stellen? Und das auch noch rechthaberisch zu verteidigen? Zeigt sich das nicht am sinnbildlichsten in einem geänderten Profilbild. „Je suis Charlie“? Wie billig, wie lächerlich ist diese Art, Betroffenheit zu zeigen! Wie leicht macht man es sich damit? Oder, um meinen Hydra-Kollegen Gregor Fröhlich zu zitieren: „Die Reaktionen auf den Anschlag sind voller Geltungsdrang und Selbsterhöhung. Jeder versucht im Namen der Anteilnahme nur sich selbst zu profilieren. Sei es dieser fetzendepperte Leitartikel von Christian Rainer, sei es Anonymus, die zu Rache und Krieg aufrufen.“

Das glauben Sie jetzt nicht? Das ist zynisch und macht sich über wahre Betroffenheit lustig. Gut, reden wir in ein, zwei Wochen nochmal drüber. Schauen wir, was sich in der Zwischenzeit getan hat.

Curt Cuisine,
mit Dank an Max, Stefan, Bibi & Gregor für ihren Input
Von Max gibt es übrigens hier eine indirekte Replik.

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