Die Franzosen, die sind wirklich witzig

hader_ba Endlich auf DVD erhältlich: Josef Haders „Bunter Abend“, ein Meilenstein in der Geschichte des österreichischen Kabaretts – und eine Gnackwatschn für Pia …

Pia hieß die junge Dame, die eines Tages bei einer Hydra-Redaktionssitzung auftauchte und uns in unvergleichlich unbelehrbarer Weise erklärte, wie wirklich guter Humor funktioniere. Sie erzählte von den Franzosen, die wirklich witzig seien, von Josef Hader, der früher einmal witzig gewesen sei, jetzt aber nicht mehr, und sie ließ diesen einen Satz fallen, den wir seither so oft gehört haben, vor allem wenn sich irgendein handgestrickter Humorist bei uns meldet: „Ich mag Satire, wenn sie gut gemacht ist.“ Ja, ja.

Mit der Satire verhält es sich eher so, wie das unlängst David Cronenberg in einem Interview zu seinem Film „Map to the Stars“ formulierte: „Der Begriffe Satire wurde entwertet. Die Leute glauben, das sei ein bisschen Kritik mit einer Prise Humor. Bei echter Satire im literarischen Sinne denke ich aber eher an Jonathan Swifts Essay ‚A Modest Proposal’, in dem er als Lösung für die irische Hungersnot vorschlägt, die Iren möglich doch einfach ihre Kinder essen.“ Ja, das ist ganz schön arg. Aber in der Satire steckt etwas Bösartiges, sie verstört, ist richtig gemein, erzürnt, reißt das Publikum von den Sitzen. Aber nicht aus Begeisterung …

Gut eingebettet
Damit sind wir beim „Bunten Abend“ von Josef Hader. Und müssen ein wenig ausholen. Die Geschichte des österreichischen Nachkriegskabaretts wird meist auf zwei, eigentlich mittlerweile drei Perioden zurechtgestutzt. Erst das großartige Nachkriegskabarett, das von Farkas & Waldbrunn bis zu Helmut Qualtinger reicht, dann, nach einer Zeit der Stagnation, eine neue Blütezeit, eingeleitet von Lukas Resetarits, der Simple Revue oder Hans Peter Heinzl, die schließlich im „neuen Kabarett“ der 1980er Jahre mündete – und ihren Höhepunkt in „Privat“ von Josef Hader fand. Der Erfolg von „Privat“ war so spektakulär, dass Hader selbst über ein Jahrzehnt lang kein neues Programm auf die Bühne brachte, während auffallend viele Kabarettprogramme auf den anekdotischen Stil setzten, den Hader in „Privat“ zur Meisterschaft gebracht hatte – von Roland Düringer über Günther Paal bis Alfred Dorfer. Erst in den Nullerjahren kam dann wieder Bewegung in die Bude.

Dem Kabarett, das weiß man ja, geht es heute besser denn je. Das hat mit erfolgreichen Fernsehformaten wie Alfred Dorfers „Donnerstalk“ oder Robert Palfraders „Wir sind Kaiser“ zu tun, das hat nicht zuletzt auch mit der DVD-Serie zu tun, die Hoanzl gemeinsam mit dem Kurier herausbringt und die bei mittlerweile 135 DVDs angelangt ist. 135 Kabarettprogramme, das ist natürlich Wahnsinn, selbst wenn sich man en passant ein paar Deutsche Comedians einverleibt hat. (Harald Schmidt, Hape Kerkeling oder Michael Mittermeier laufen da ganz unscheinbar mit, sind aber im Gesamtprogramm derart eingepfercht, dass man glatt den Eindruck bekommen könnte, Deutschland ist in der Kabarettgroßmacht Österreich nur eine kleine Provinz. Sicher keine Absicht, nur ein Versehen…)

Aber zurück zu DVD No. 127 mit dem Titel „Bunter Abend“. Es ist die mittlerweile fünfte Hader-DVD in der Serie (es fehlt nur noch „Indien“, gemeinsam mit Alfred Dorfer, aber die Verfilmung von „Indien“ ist ja bekanntlich einer der erfolgreichsten österreichischen Kinofilme überhaupt). Der „Bunte Abend“ ist jenes Programm, das Hader den Deutschen Kleinstkunstpreis eingebracht hat, es kam vor der Kabarettfassung von „Indien“ (1991), vor „Im Keller“ (1993) und vor „Privat“ (1994). Es war zu diesem Zeitpunkt Haders radikalstes, kompromisslosestes Programm – und ist es bis heute geblieben. In der Konzeption gibt es durchaus Parallelen zu späteren Programmen: es gibt zwei Charaktere, den schmierigen Alleinunterhalter, der gewaltig über die erlaubte Strenge schlägt, und sein Gegenpol, den linksalternativen Weltverbesserer. Eine Art Dr. Jekyll und Mr. Hyde des Kabaretts. Wo der Schmierenkomödiant zur Publikumsbeschimpfung ausholt, da setzt der Weltverbesserer auf unterwürfiges Verstehen, aber auch nur, um zum Zerrbild naiver Publikumserwartungen zu werden. Natürlich verschmelzen beide Charaktere schließlich, der Schleimbrocken kommt mit der Schnapsflasche in der Hand zurück und kippt endgültig die Grenzen von Spaß und Ernst.

hader_bbIst das Kunst oder Unterhaltung?
Das Schlüsselwort im „Bunten Abend“ lautet „Kleinkunst“. Oder anders formuliert: ist Kabarett eine Kunstform oder soll sie doch bloß unterhalten. Die Kunst darf bekanntlich alles, die Unterhaltung hingegen darf nichts – außer unterhalten. Diese „Freiheit der Kunst“ nimmt Hader beim Wort, treibt sie ins Extrem (um sie zugleich auszulachen) und begibt sich damit an die Grenze dessen, was Kabarett ist. Als „Publikumsbeschimpfung“, als „böse“, als „provokant“ wurde der „Bunte Abend“ bezeichnet, und Hader selbst scherzt einmal im Programm: „Jetzt bin ich aber ganz schön anarchistisch unterwegs“. Tatsächlich schwingt Hader im „Bunten Abend“ die Moralkeule bis an die Grenze des Erträglichen. Er praktiziert seine Nummernrevue als episches Theater (nicht umsonst kommt eine Brechtanspielung), das seinem Publikum ins Gewissen redet: Jetzt seid doch nicht so blöd und lasst euch von mir nur berieseln. Und im nächsten Moment giftet er: „Hallo, war doch alles nur ein Scherz. Ein Scherzerl, haha.“

Dieses Prinzip findet sich auch bei „Privat“ und „Im Keller“, nur nicht mehr derart auf die Spitze getrieben. (Allerdings war die Ursprungsfassung von „Privat“ wesentlich schärfer, die DVD-Version ist deutlich moderater.) Auch die DVD Edition No. 137 ist bis zu einem gewissen Grad eine Mogelpackung. Es ist nicht der „Bunte Abend“ in seiner Urfassung, denn der hatte zwei Teile und dauerte mindestens eineinhalb Stunden. Wir sehen stattdessen eine einstündige Aufführung für den Rundfunk Berlin Brandenburg, sozusagen die Kompaktversion. Dafür gibt es als Bonus den Auftritt beim Grimme-Preis, der „Bunte Abend“ auf eine halbe Stunde zusammengekürzt und in drei Portionen serviert. Und das vor einem deutschen Publikum, das den Rest des Abends vor allem Preisverleihungsreden serviert bekam. Das konnte nicht klappen. Trotzdem ist es großartig, diesen Zusammenprall heute, nach 22 Jahren, wieder zu sehen. Weil es den Kern des Haderschen Programms enthüllt, den Rubikon, den Hader damals überschritten hat: der Punkt, an dem Kabarett Betroffenheits- und Verweigerungskunst wird und nicht mehr funktioniert, weil es nichts mehr zu lachen gibt. „Pointen? Wofür brauchen wir Pointen?!“, sagt Hader. Kabarett als Provokation – die natürlich dann am besten (nicht) funktioniert, wenn im Publikum lauter Pias sitzen.

Ein Meisterstück
Man darf es also so sagen: der „Bunte Abend“ gehört zu den drei kabarettistischen Meisterstückchen von Josef Hader. Es ist ein Kabarett „to end all cabarets“, es geht um ein Lachen, das im Hals erstickt. Es ist zugleich ein Destillat wienerischen Humors. Schwarz, übellaunig, gallig, hinterrücks. Es ist Kabarett als Satire. Auch ein David Cronenberg hätte seine helle Freude daran. Aber der ist ja auch kein Franzose. Wer hingegen seinen Hader lieber harmlos will, kann ja immer noch jene Bruchstücke aus dem „Bunten Abend“ konsumieren, die Hader dann für sein Recyclingprogramm „Hader spielt Hader“ weiterverwendet hat. Also Pia: Finger weg vom „Bunten Abend“. Der treibt’s dir zu bunt!

Curt Cuisine

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