What did I do …

… to be so bernhard and blue?

Inwieweit besitzt ein Autor das Recht auf seinen eigenen Stil, auf eine bestimmte Art zu formulieren? Und was heißt es, in der Tradition eines bestimmten Autors zu schreiben? Darf man sich das vorstellen wie eine nachgeborene Dixieland-Kapelle? Einem musikalischen Stil nacheifernd, der erst durch die nachträgliche Betrachtung, Kanonisierung und Archivierung zu seiner (re-)konstruierten Identität gefunden hat? Als hätten ein Jelly Roll Morton, ein Bix Beiderbecke oder ein Louis Armstrong Zeit ihres Lebens nie anders geklungen als all die Revivalbands mit ihrem unerträglichen Stilgehorsam. Sind nicht wahre Innovatoren stets auf der Durchreise, stets auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen? Und wenn schon nicht das, sind sie dann nicht wenigstens ein Leben lang damit beschäftigt, von einem etablierten Stil wieder loszukommen?

Can’t give you anything but zombiebrain, baby
Thomas Bernhard ernsthaft mit Louis Armstrong zu vergleichen, das wäre doch zu gewagt, obwohl durchaus mit Unterhaltungswert. Nur ein paar Sätze noch. Beide waren in ihren frühen Jahren bahnbrechende Innovatoren, beide haben sich im hohen Alter endlos wiederholt. Armstrong durch die Produktion von Kitsch und dem fast zwanghaft aufrecht erhaltenen Klischee vom guten Jazzonkel. Bernhard durch die Produktion von endlosen Selbsterregungsschachtelsätzen und die Selbststilisierung als »radikaler Nestbeschmutzer«. So gesehen war »What a wonderful world« für Louis Armstrong, was »Auslöschung« für Thomas Bernhard war. Haha.

Ich war noch niemals im KHM
Wir sind indirekt mitten im Thema gelandet. Bernhard und Armstrong, was für eine Vermantschung, was für eine Verzombisierung! Das Mainstream- bzw. Entertainment-Verständnis von Louis Armstrong auf Thomas Bernhard umzusetzen, das wäre der wahre Horror, die wahre Vergewaltigung. Man würde aus Bernhardtexten Wohlfühlschlager machen, ein bisschen nach dem Motto: »Ich war noch niemals in New York, sagte Reger zu Irrsigler, ich war noch niemals in Athen, während er in die Betrachtung des Weißbärtigen Mann von Tintoretto versunken war.« (Da schleicht sich aus Demonstrationsgründen noch ein Udo Jürgens ein, vade retro Schnulzenmacher!) Das mag vielleicht mit frühen Bernhard-Gedichten klappen, mit dem monostilistischen Spätwerk ist das unmöglich. Bernhards Erregungsprosa ist nicht schlagertauglich und auch nicht gerade lesefreundlich, ist bis heute widerborstig geblieben. Wer sich die aktuell erfolgreiche Belletristik ansieht, fragt sich unausweichlich, ob ein unbekannter Thomas Bernhard heute erfolgreich wäre. Künstlerisch anerkannt, ja, aber erfolgreich?

Gut, auch Bernhard hat es verstanden, seinem literarischen Erfolg mit inszenierten Skandalen nachzuhelfen. (Unbedingt nachlesen bei Karl Ignaz Hennetmair: »Ein Jahr mit Thomas Bernhard«) Aber heute nochmal wie Bernhard zu schreiben, wäre das nicht Wahnsinn? Warum sollte man das (mittlerweile) Unlesbare plagiieren? Und vor allem: Warum sollte man in die Fußstapfen jenes Provokateurs treten, der jede Form der Anbiederung und des Epigonentums mehr als alles andere verachtet hat?

Supergau der Sinnlosigkeit
Andererseits: Thomas Bernhard ist tot, und seiner Ansicht nach ist damit ohnehin der Supergau der Sinnlosigkeit eingetreten. Also warum ihn nicht als Untoten auferstehen lassen und ihn als ebensolchen auf eine österreichische Gesellschaft zurückblicken lassen, die in den zwanzig Jahren nach Bernhards Tod erst Jörg Haider und dann Hans-Christian Strache nachgelaufen ist, damit also eindeutig hirntote Qualitäten bewiesen hat? Kann es vor diesem Hintergrund überhaupt eine andere Möglichkeit geben, Bernhard zu huldigen, als ihn mit George A. Romero kurzzuschließen? Schließlich hat der Regisseur von Klassikern wie »Night of the living dead« seine Zombiefilme explizit als gesellschaftliche Kommentare verstanden? Tatsächlich passiert genau das in »Holzfällen und Niedermetzeln«, allerdings nicht als Mash-Up wie bei Seth Grahame-Smith, sondern als echte Überschreibung. Aber ist das jetzt eine Persiflage? Oder ist es eine künstlerische Neuschreibung? Hm. Sicher ist jedenfalls eines: Louis Armstrong kommt darin nicht vor.

Konrad Gregor
(dieser Artikel ist in gekürzter Form auch im skug erschienen)

»Holzfällen und Niedermetzeln« ist im Holzbaum Verlag erschienen. Bestellung bitte hier.

PS Originalfoto Holzfällen © Suhrkamp Verlag, Originalfoto Dawn of the Dead © Universal

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