fART-fAIR in Venedig

Foto: (c) Michael Huber

„Wir hätten unser kleines Gegenfestival auch ‚Penosale’ taufen können“, erklärt Gino Scoreggiare, der Mailander Restaurator und Begründer der „fART fAIR“, „aber unsere Kritik gilt ja nicht der Kunstschau alleine, sondern einem generell überkommenen Kunstbegriff.“ Penosale hieße übersetzt in etwa Peinlichale oder Festival der Peinlichkeiten. Scoreggiare meint damit bei der aktuellen Biennale etwa den Wettbewerbsbeitrag von Lara Almarcegui, die ihren Pavillon mit Bauschutt füllte, während Vladimir Peric Micky-Maus-Hefte und Rasierklingen an die Wand pinnte. Berlinde De Bruyckeres lagerte holziges Treibgut in ihrer Halle ab und Jeremy Deller ließ einen ausgestopften Adler in den Raum hängen. Weil im Kunstbetrieb gezeigte Vögel immer schon für wahnsinnig doppelbödige Ironie standen.

„Wie bei den Toiletten gibt es auch in der modernen Kunst vor allem Flachspüler und Tiefspüler“, so Gino Scoreggiare. Der italienische Kunstgegenpapst meint damit: “Was nicht so banal ist, dass es schon weh tut, ist so hintergründig, dass man sich am liebsten den Arsch damit kratzen würde.“ Für die kunsthistorische Bedeutung der modernen Kunst gelte der Grundsatz: „Flutsch und weg.“ Der oft getätigten Feststellung, dass mittlerweile jeder Scheiß Kunst sei („Nowadays every shit is art“), stimmt Scoreggiare zu, meint aber: „Scheiße, wir haben diesen Slogan erfunden! Hätten wir ihn damals patentieren lassen, wir hätten mittlerweile ein halbes Dutzend Shirts verkauft.“

An dieser Einstellung verrät sich allerdings, dass Scoreggiare kein oder nur ein schlechter Künstler ist. Denn wahre Kunst sorgt sich nicht um Umsätze und Publikumserfolg. Einzig eingeweihte Fachkritiker und Kunstmagazine verhandeln heutzutage was Kunst ist und wie darüber in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Aus eben diesem Grund haben Scoreggiare und seine Kollegen ein striktes Besuchsverbot für die komplette Fachpresse auf ihrer heuer zum dritten Mal stattfindenden „fART fAIR“ verhängt.

Auch hier ist der Name doppelbödiges Programm, so seicht wie banal. Es gibt hier vor allem Kunst zu bestaunen (und beschnüffeln), die bloß heiße Luft ist. Aber natürlich kann man auch diese heiße Luft kaufen und weiterverkaufen – vor allem auf anderen Art Fairs und Kunstmessen. So ist der Pavillon in der Calle Barcaroli bevölkert mit furzbereiten Gesäßen in verschiedensten Arrangements und Konstellationen. Meist sind diese Gesäße Körperteile realer Lebensformen, sprich: lebendiger Menschen, die eine besondere Form des Pupsens beherrschen. Auf Anfrage können sich die Messebesucher etwas vorpupsen lassen. Eine Installation verspricht politisch inkorrekte Fürze und trägt den Titel „Berlospupsi“, eine andere Installation präsentiert einen dicken nackten Mann in einem Meer von Pommes Frites. An seinem After klebt ein Hinweis-Schild mit dem Namen der Installation: „French Farts“.

Ein bräunlicher Luftschleier, einfangen in einem Plexiglas-Kubus, verspricht wiederum einen Original-Banksy-Furz während der Anbringung seines „Graffiti Removal Hotline“-Graffitis. Der deutsche Beitrag zeigt ein dickes Tau, das von der Decke herab hängt und sich am Boden einringelt. Diese Installation heißt schlicht und ergreifend: „Angela Merkel seilt einen ab.“ Die Installation des Japaners Joko Jopopo zeigt einen alten Schulwart mit Gartenschlau, der unentwegt Scheißtrümmerl von einer Ecke des Raums in die andere spritzt. „Es ist eine Fukushima-Installation“, gibt sich Jopopo bescheiden. Der offizielle amerikanische Beitrag zeigt eine Wand, die völlig mit brauner Scheiße beschmiert ist. Nur die Zahl 44 ist in zwei 1,85 Meter großen Lettern erkennbar.

"Angela seilt einen ab" ... tja, es braucht nicht viel, um moderne Kunst zu sein

In einer weiteren Halle befindet sich eine überdimensional große Toilette, davor steht ein Mann in Anzug und mit einem Klo-Stopfer bewaffnet. Während der ganzen Öffnungszeit der Ausstellung ist der Mann beschäftigt, einen riesen Haufen Geld das Klo hinunter zu spülen. Es handelt sich um den österreichischen Beitrag zur „fART fAIR“ mit dem schlichten Titel „Hypo Alpe Adria“.

Die „fART fAIR“ ist noch bis 24.11. täglich von 10 – 18 Uhr in der Calle Barcaroli zu besichtigen.

No Comments

Sorry, the comment form is closed at this time.