Das Volk! Die Kinder!

In dieser Pressestunde fährt Politiker Heinz Christian Strache eine gemischte Strategie zwischen „Liebe“ und gemäßigten, beinahe dezenten Wutausbrüchen. Er hat es gelernt, seine Wut auf kleinere Portionen zu verteilen – pendelnd zwischen der hochlodernden Empörung eines „Gerechten“ und der Aufnahmefähigkeit, dem Herzklopfen seiner Fans. Seine blauen Augen leuchten und schauen immer etwas erstaunt. Korruption und FPÖ, ein interessantes Thema für die ORF-Pressestunde am Sonntag. Wortfetzen werden akustisch herausgehoben und dringen deutlich durch die Mattscheibe: „Mit Unwahrheiten operieren“, „was wir voran treiben“, dreimal „klar und deutlich!“, zweimal „Mißbrauch!“, „Asylbetrüger“, „ungerechte Entwicklung“ und „die Österreicher wünschen sich einen Aufbruch“. Ausrufezeichen! No? Der einzige wahre Missbrauch von und mit Steuermitteln wird in Österreich von Flüchtlingen begangen. Dazu sagt die Chefredakteurin des Standard nichts. Die armen Flüchtlinge werden aus (u. a. von Taliban in mörderischer Absicht) Verfolgten zu Tätern. (Vierzig Euro Taschengeld im Monat sind nicht nix!) Achtzig Prozent der Asylanträge werden abgelehnt, dass ist für Strache nicht ein schreckliches Beispiel sich ständig ändernder Gesetze der diversen InnenministerInnen und Regierungen – die bereits einen Gerichtshof im Instanzenweg weg kürzten, der immerhin ein Drittel der negativen Bescheide aufhob – sondern diese Zahl nimmt Politiker Strache als Beweis für „Asylmissbrauch“.

Kinder, Kinder
Immer wieder hört man lautstark das Wort „Missbrauch“ aus dem Fernseher dringen: „Österreicher, die Sozialmissbrauch leben, das gehört abgestellt ….“ (Ja eh! Missbrauch gehört abgestellt! Aber er sucht an den falschen Stellen!) Alexandra Föderl-Schmid schaut wie ein Kind, das geschimpft kriegt. ORF-Redakteur Hans Bürger hält sich den Mund zu. Radikaler Islamismus! Moslems! Hassprediger! Sie hält sich tapfer. Das Kreuz, das Kruzifix! Josefmariaundjesus. Sie wiederholt ihn und setzt eine Frage dran. Gute Strategie:  Überzeichnung. „Wer das Kreuz nicht …, soll also das Land verlassen?“ Strache runzelt die Stirn. „Fehlentwicklungen …, klar und deutlich …, (verächtlich) das Modell in Finnland!“ Kinder! „… damit sie eine Chance haben, deutsch zu lernen.“ Wenigstens für die Kinder der „Fremden“  hat er Verständnis und Mitleid übrig. Strache verteidigt die Kinder vor den Hausaufgaben. Hält sich selbst kurz den Finger vor den Mund, wie ein „Pst“ Zeichen. Das Körpersprachezeichen für Geheimnis! „Ohne auf die Lehrer hinhauen zu wollen, die zerbrechen daran …“ Aber: die Kinder! Wer beschützt die Kinder?! „Wenn die Kinder nach Hause kommen, völlig geschlaucht sind und noch lernen müssen.“ Zweimal betont Strache das, „das ist echt ein Problem“. Zu Rechtsextremismus sagt er hingegen gar nichts.

Versagende Kontrolle
Der ZiB-Ressortleiter für Innenpolitik und EU, Hans Bürger, fragt, wo die FPÖ hin will. In Richtung auf die Arbeiter oder auf die Bürger? Alle Leistungsträger will die FPÖ, ist die Antwort, das klingt nach ÖVP. Man darf nicht in den Fehler verfallen, dass man automatisch Herrn Strache etwas entgegen halten will, denn es stimmt, dass viele Menschen nicht von ihrem erarbeiteten Geld leben können. Und Banken sollten „schon zur Verantwortung gezogen werden“, für die hohen Gebühren oder die niedrigen Zinsen. Oder für ihre Riesengewinne im Osten, die viele Menschen in Armut zurück ließen. Strache macht wieder das „Pst“ Zeichen, Hand am Mund, eine geheime Verletzung, über die man nicht reden darf?  „Die Kontrolle hat versagt“, meint er. Wir verstehen: Nicht die Täter sind das wahre Problem, sondern die mangelnde Kontrolle. Der Hypo Alpe Adria Kriminalfall, … nicht die FPÖ hat sich bedient, sondern warum wurden von den Verantwortlichen nicht „ordnungsgemäß“ kontrolliert?! Wie konnten die bloß so viel Geld dermassen unvernünftig herausrücken?! Herr Bürger kommt inzwischen geistig nicht vom FPÖ-Fernsehen los, das er sich in Vorbereitung der Pressestunde anschaute. Starke Anziehung. Dreimal sagt er, „das hat mich fasziniert, diese Verdrehungen…“ Dann hält er sich wieder den Mund zu. Man wüßte gerne, was er sagen wollte. Nächste Partie: Häupl, Brauner, Haider sass nicht im Aufsichtsrat, der Pröll, die Bayern … Fazit: „Das stinkt doch von vorne bis hinten“ (Fäkalsprache), nicht der „Verführer“ Haider sei schuld, oh nein. Die „Drangekriegten“ hätten eben besser aufpassen müssen.

Föderl-Schmid läßt sich nicht unterkriegen: „Haider sass schon in Aufsichtsgremien“, sagt sie tapfer. „Sie machen es sich schon einfach.“ „Politik und Verantwortung“ werden zweimal erwähnt. „Frau Schmid! Die Kommunalkredit!“ „Ehemalige Freiheitliche …“ „Faymann macht das Gleiche wie Haider in Kärnten“ ist die Antwort. Föderl-Schmid sieht etwas bleich aus, sie hat sich anscheinend kurzfristig in seinen Gedanken-Labyrinthen verlaufen.

Europa, zahnlos
Er: „Der Euro ist schuld an sozialen Unruhen.“ Sie: „Wer Europa ernst nimmt und in die Zukunft führen will …“ Er: „Endlich die direkte Demokratie, wie ich sie wünsche“, „das rot-schwarze System“, das „zahnlose Europa Modell“ … Herr Bürger hält sich inzwischen schon mit beiden Händen den Mund zu. Schutzhaltung. Die Europäische Union! Zahnlos! Wer Herrn Strache mit seiner Vorwurfs-Masche entgegen treten will, muss aufpassen, dass er nicht in eine kindliche Regression verfällt. Strache reckt den Arm in die Luft, fuchtelt und rückt näher über den Tisch heran. Er fühlt genau, wann er eine Chance hat, durch den Schutzpanzer eines Menschen vorzudringen. Nun noch das Zielobjekt in Unterstützer-Modus holen und es kreuzt eventuell das nächste Mal wie in Trance die FPÖ an, am Stimmzettel.

„Manchmal fühle ich mich nicht verstanden.“ Au weh. „Das Volk! Die Nationalratswahl ist die nächste Volksabstimmung. Herr Bürger, das Volk!“ Herr Bürger denkt an das arme Volk, von dem er nur ein kleines Teilchen ist. Die Revolution! 1848! Förderl-Schmid scheint hingegen ziemlich immun gegen überbordende Volksvorstellungen zu sein, aber vielleicht schüttelt sie sich nachher heimlich. Strache und sein Volk abschütteln … „Wo wir exzellente Personen haben …, meine Arbeit wird geschätzt … Ich will eine Stärke erreichen, wo ich nicht mehr ausgegrenzt werden kann. Ich will stark werden!“

Ich will keine rot-schwarze Lebenssonne? Ein akustischer Fehler. „Würden Sie mit Herrn Stronach“, dem Millionär als zweiten Freund der „kleinen Leute“, „koalieren?“ „Ich grenze niemanden aus“. „Das ist ein klares Jein!“, sagt die Standard Chefredakteurin. Genau. Herr Bürger steckt geistig noch immer fest, diesmal bei Straches Freundin. Nicht heiraten, lieber eine Wahlkampfschlacht führen! Am Ende der Sendung streckt Bürger sich und lächelt sogar, er sieht richtig erleichtert aus. Strache betrachtet ihn erstaunt.

Kerstin Kellermann ist freie Autorin in Wien

PS Was Hydra sonst so über Strache und Jörgi denkt, kann man unter anderem in unserem aktuellen Buch „Holzfällen und Niedermetzeln“ nachlesen. Siehe und kaufe hier!

 

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