Die Karlich war’s …

Vom Kurier ist überliefert, dass dieser den „satirischen Betrachter“ Egyd Gstättner in die Nähe von Karl Kraus stellte. Dort steht oder sitzt der Kolumnist nun und sonnt sich im Schatten. Denn von Karl Kraus wiederum ist überliefert, dass dieser neben sich niemanden duldete, sondern immer alleine auf dem Podest stand und darüber dozierte, dass niemand an ihn heranreichen würde. Wofür man ihn in Wien grenzenlos bewunderte. Aber damals gab es in Wien noch keine Fernseher, dann nämlich wäre alles anders gewesen. Kein Mensch wäre in die elendslangweiligen Vorträge von Karl Kraus gegangen, sondern man hätte CSI Grinzing geschaut. Oder „Lulu and the City“ von Frank Wedekind. In der „Pressestunde“ wären vermutlich Alfred Polgar, Hilde Spiel und Peter Altenberg gesessen. Und in der Barbara Karlich Show hätte ein junger Alfred Hitler über seine Misserfolge als Künstler gesprochen. Und alles wäre ganz anders geworden.

In dieser Parallelwelt hätte Barbara Karlich wirklich die Welt gerettet. Und Hansi Hinterseer wäre nie als blonder Jüngling auf die Welt gekommen. Schön, oder? Bei Egyd Gstättner geht es aber um das triste Fernsehleben wie es ist. Wie es heute und alltäglich tatsächlich ist. Denn Egyd Gstättner tut sich das an. Er schreibt Fernsehkolumnen. Man muss ihm das nicht vorwerfen, er weiß es selber. Nicht, dass das Kolumnenschreiben nicht eine hohe Kunst wäre, aber es geht ja ums Fernsehen. Es geht darum, fast jeden Tag „fern zu sehen“, damit man was zum darüber schreiben hat. Das ist, wir sagen wie es ist, die Hölle. Aber das brauchen wir Egyd Gstättner nicht zu überliefern, er weiß das selber: „Fernsehkritiken schreiben! Ich! Fernsehkritiken! Das ist doch wirklich das Allerletzte! Verstehst Du: Man könnte ja auch ein Stück von mir wollen. Oder die Übersetzungsrechte für einen Roman. Aber nein. Fernsehkritiken. Ich bin noch nie so gedemütigt worden.“

Wir wissen, wovon der Mann spricht. Er weiß es auch. Am Fernsehen ist ja eigentlich nur die Frage interessant, was heute wäre, wenn es das Fernsehen wenigstens 50 Jahre früher schon gegeben hätte. Ob wir dann Hitler und den Krieg einfach weggezappt hätten? Aber so wie es ist, kann fast nichts Gutes über das Fernsehen berichtet werden. Was macht da der arme Egyd Gstättner, der täglich über Sendungen berichten muss, die wir dauernd wegzappen? Er hält sich nicht schlecht. Aber interessanterweise bleibt bei der Lektüre am ehesten jener Selbstversuch im Gedächtnis, bei dem er sich 40 Tage lang ein Kriminalserienfasten verordnet hat. Da fiebert man von Kolumne zu Kolumne mit, endlich ein spannendes Thema. Nicht fernsehen. Oder wenigstens: bewusster fernsehen.

Bamstruntz und Muckenschnabl
Der Rest ist Tagesgeschäft, in ein Buch gegossen. Manchmal nette, manchmal moralinsaure, manchmal wirklich witzige, manchmal auch ein wenig fade Kolumnen. (Wer Muckenstruntz und Bamschabel verwechselt und darüber schreibt, wer sich fragt, ob Prohaska lustig ist, und darüber schreibt, dem darf man das sagen. Anderseits: Wer hat schon in jeder Kolumne den Mördereinfall?) Das liest sich also wie ein Fernsehtagebuch der letzten Jahre. Bzw. auch ein bisschen wie ein Geschichtstagebuch, nur eben: die Geschichte Österreichs vom Sofa aus gesehen. Mit Popcorn, Werbeeinschaltungen, Barbara Karlich, Armin Wolf und Soko Kitzbühel. So gesehen ergibt Gstättners Büchlein auch eine Kulturgeschichte Österreichs. Und von Herrn Gstättner ist ja überliefert, dass er Egon Friedell als „Vorgänger“ bezeichnet. Das aber ist vielleicht doch zu viel des Eigenlobs, an dessen hysterische „Kulturgeschichte“ reicht dieses Kolumnenpotpourri nicht heran. Liegt aber vielleicht am Fernsehen, nicht so sehr an Gstättner. Oder vielleicht auch an der Werbung. Die ist zum Glück ja eh immer schuld.

Wer also immer noch allabendlich Fernsehen tut, und zwar ausschließlich und mit ganzer Aufmerksamkeit, der ist mit „Hansi Hinterseer rettet die Welt“ eigentlich ganz gut bedient. Wer aber, wie meine ganze Familie mittlerweile, neben facebook und handy (oder handheld) die Glotze nur so nebenbei laufen lässt, der wartet auf etwas zeitgemäße(re)s. Etwa bis der Verlag endlich den ersten Multitasking-Kolumnisten gefunden hat und dessen Kolumnen in Buchform presst. Die dann darüber berichten, dass man beim Fernsehen eigentlich eh nichts mehr mitkriegt, was aber erst recht Grund zum Meckern über das schlechte Fernsehprogramm ist. Aber auch das wird dann wohl kein Beststeller, denn merke: Lesen ist schlecht fürs Multitasking.

Für Hydra meckerte Curt Cuisine

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