Wer hat hier Strohsack gesagt?

In einer „seriösen“ politischen Diskussion hat das Thema „Beschimpfung“ eigentlich nichts verloren, aber vom Stapel getreten wurde es eben dort, als der EU-Abgeordnete Ewald Stadler in einer ZiB-Sendung vor einiger Zeit hartnäckig die Wendung „Stronach vulgo Strohsack“ verwendete. Der notorische Verweis auf den Geburtsnamen von Frank Stronach ist nicht nur blöd, sondern hat auch einen leicht herstellbaren antisemitischen Bezug, etwa wenn der Strohsack zu einem gierigen Geldsack mutiert. Es ist unerheblich, ob Frank Stronach tatsächlich jüdische Wurzeln hat, denn wir wissen ja, dass Antisemitismus überall bestens gedeiht, egal ob es einen realen Anlass dazu gibt oder nicht. Manchmal braucht es dafür nicht einmal ein Gerücht.

Stroh from the past
Aber lassen wir dieses heikle Thema beiseite, widmen wir uns dem Nachliegenden. Tatsächlich ist die Namensänderung von Stronach eine seiner nachvollziehbarsten und somit fast sympathischsten Handlungen. Niemand von uns hätte gerne diesen Namen und niemand von uns würde sich deswegen gerne aufziehen lassen. Und wer von uns hat noch nicht über Stronachs Geburtsnamen geschmunzelt? Natürlich ist das kindisch und beleidigend … und, wir gestehen es, wir haben es auch schon gemacht.

Umgekehrt ist es offenbar so, dass jemand, der solche medialen Spielchen treibt wie Frank Stronach (erkaufte Berichterstattung, entrüstetes Abwürgen kritischer Fragen oder nicht zuletzt die kitschig-blöden Weihnachts- und Neujahrsinserate in allen österreichischen Tageszeitungen), uns für Strohköpfe hält. Uns alle nämlich. Als würden wir nur darauf warten, dass uns der begüterte Onkel aus Amerika (sorry, Kanada) erzählt, wie die Dinge liegen. Als hätte sein eigener wirtschaftlicher Erfolg nicht bloß die normative Kraft des Faktischen, nein, als wäre das schon die gesamte politische Legitimation. In satirisch-beleidigendem Sinne müsste man also formulieren: Stronach ist ein Geldsack, der uns alle für Strohköpfe hält. Womit er in seiner Logik unzweifelhaft Recht hat, aber damit kommt der Strohsack als inhaltlich adäquate Metapher eben doch wieder ins Spiel. Oder mit anderen Worten: He lives up to his name.

Geld vs. Stroh
Die wahre Bestürzung über Frank Stronach liegt genau in diesem Missverhältnis zwischen Geld und Stroh. Stronach hätte das Geld, um ungeschminkte Wahrheiten zu vertreten, um komplexe Zusammenhänge zu transportieren, um das in den öffentlichen Diskurs einzuspeisen, was zunehmend auf der Strecke bleibt. Von der inhaltlichen Austrocknung gesellschaftlicher Diskurse durch wechselseitige Abhängigkeiten (zwischen Medien, Politik und Wirtschaft) wäre zu sprechen, und von einer breitflächigen Korrumpierung der Politik durch wirtschaftliche Interessen – und zwar lange vor der supernackten Inkompetenz und Kaltschnäuzigkeit einzelner Übeltäter. Von generell neuen Spielregeln für öffentliche Diskurse wäre zu berichten, die zwischen gezwitschterten Aufmerksamkeitsstürmen und breitflächigem Qualitätsmediensterben kaum eine substantielle Mitte finden.

So viel gäbe es also zu politischen/wirtschaftlichen/medialen Problemen des Landes zu sagen, so viel könnte man zur Besserung der demokratischen Kultur beitragen – wenn man es sich denn leisten könnte, derart mühsame Themen durch genügend Geldeinsatz unter die Leute zu bringen. Aber was tut Stronach stattdessen? Er schlüpft in die Rolle des Märchenonkels und behandelt uns wie Vollidioten. Weil es das ist, was ihm seine neoliberale Unternehmenskultur jahrzehntelang gelehrt hat. Offenbar ist nur der erfolgreiche Unternehmer in seinen Augen ein mündiges Wesen. Wer sich hingegen Gehaltsempfänger nennen darf, ist praktisch dadurch schon zum Vollkoffer degradiert, dem man einzig und alleine ein Märchen zutrauen kann.

Und da sind wir dann wieder. Beim Geld und beim Stroh. Sie wollen einfach nicht zusammenkommen bei Stronach. Schade, dass er es nicht besser weiß oder kann. Ist eben nicht zu ändern. Aber wer in dem Austrokanadier tatsächlich einen Heilsbringer sieht, ist wohl selbst ein Freund des Strohs.

Curt Cuisine,
dankt Maximilian Zirkowitsch und Gregor Fröhlich für den wie stets unverzichtbaren Input

 

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