The Gschmeidig Boys

So sitzen wir also in diesem doch eher angesagten Elektromusiklokal, das sich selbstverständlich eine zeitgemäßere Bezeichnung verdient hätte. Dennoch. Ein Blick auf die musikalische Speisekarte verrät, dass aus anything goes längst everybody gähnt geworden ist. “Slobberclub” und “Engelsharfen und Teufelsgeigen” heißen die Acts, auch “The Inauguration Of Smuz”, “Tiefentanz” oder “Leave The Apartment To Buy Alcohol”. Darüber könnte man sich verkopfen bis zum Sankt Nimmerleinstag und die große Konfusion beklagen, die sich (selbst-)ironisch (selbst) den Hintern versohlt, aber wer wird denn gleich? Dafür haben wir die drei Burschen am Nebentisch, alle Mitte bis Ende Zwanzig, alle fit für und fett im Nachtleben stehend. “Meinen 30-er, Gott, daran will ich gar nicht denken, den werde ich sicher nicht nüchtern erleben”, sagte der Eine. Man schüttelt sich vor beipflichtendem Lachen.

Der Andere inzwischen erzählt von seiner Jugend, keine fünf Jahre her: “Mit 18 habe ich noch das ganze Wochenende durchgemacht, Freitag, Samstag, kein Problem, Sonntags dann erst am Nachmittag aufgestanden.” Klar, dass der Dritte im Bunde kontert: “Ich habe eigentlich immer schon am Donnerstag begonnen …” Er ist es auch, der dann anfängt zu mutmaßen, dass hierzulande und hierzunächte eh noch alles cool sei irgendwie. (Nona, verdammt, was täte man hier sonst überhaupt? Warum ist man dann nicht in Berlin, wo stets alles besser ist?) Aber trotzdem sei hier „irgendwie alles homogen, nicht“. Schön sagt er das. Homogen. Eine andere Umschreibung dafür, dass die Anderen alle gar so wenig individuell sind, woraus messerscharf zu folgern ist, dass er, der passive Nachtlebenskonsument, selbstverständlich der Mörderindividualist ist. Also sprach die Blindschleiche … und uns kommen die Tränen.

Aber der Zweite in der Runde, er weiß Rat. Er ist schließlich auch DJ, ja, ja, das ist er. Unüberhörbar. Man spricht über sündteure Plattenspieler und jammert über die Software, die nicht richtig hinhaut, weil sie die Beats nicht automatisch synchronisiert. Überhaupt sei es ein Jammer mit der Technik, so der DJ. Er habe ja in seinem Kopf eine Software, die all das automatisch erledigen würde. All das was es braucht, um einen Abend lang die Post abgehen zu lassen. Tanzen bis in die Morgenstunden, so dass man gar nicht mehr aufhören will. Witzigerweise kommt der Begriff „Musik“ in diesem Gespräch nicht vor. Stattdessen erzählt der DJ von einem neuen Trend (aus Berlin selbstverständlich), von Partys in kleinen Garagen, die bis obenhin mit Boxen angestapelt sind, in denen die Beats nur so wummern. Da würde man den Sound dann bis in die Knochen spüren. Ein bisschen schnellerer Techno sei das übrigens, aber noch nicht Jungle. Und auch das nicht, sondern rhythmisch doch ein wenig akzentuierter, vor allem aber seien die Beats etwas weicher, der Sound voller, so dass am Ende ein „gschmeidiger Techno“ entstünde. Ja, so sagt er das. Er sagt gschmeidig.

Ein Wort, das wir hierzulande vor allem von der aus Kärnten heraufgewehten Freunderlwirtschaft kennen, aber das natürlich universalen Klang und universale Gültigkeit hat. In Österreich zumindest. Gschmeidig ist die finale Gemütlichkeit. Wenn die Absprachen und die Schmiergelder so glatt laufen, dass niemand etwas mitbekommt, dann ist das gschmeidig. Wenn sich ein Produkt so gut verkauft, dass niemand erst blöd fragt, wo dieser Dreck so menschenverachtend billig produziert wurde, dann läuft das Geschäft gschmeidig. Und wenn die Beats so smooth aufeinander folgen, dass niemand aus der nächtlichen Tanztrance erwachen muss, sondern sich die Nacht in einen einzigen dicken Balken aus blankem Nichts verwandelt, dann ist der Techno gschmeidig.

Ja, und? Irgendein Problem damit? Wenn dieses Lokal, dieser nächtliche Fachhandel für elektrorhythmische Betäubung, voll wäre mit diesen Burschen, dann, ja dann vielleicht dürften wir uns Sorgen machen. Dann dürften wir eine Morgenröte der Gschmeidigkeit befürchten, in Form einer Armee Nochjugendlicher, deren größter Traum offensichtlich eine tranceartige, stets frische, stets atemberaubende Wohlgefälligkeit ist. Deren einziges Interesse einer Fortgehkultur gilt, in der man sich Nacht für Nacht bei denkbetäubenden Beats pudelwohl fühlt. Nicht zuletzt auch, weil man sich stets in der Gewissheit sonnen darf, dies sei der Mittelpunkt der Welt, der neueste Trend, der angesagteste Scheiß.

Tja, und wenn das so wäre, dann würden wir sofort bereit stehen, um in dieser Harmlosigkeit, in dieser urgemütlich-groovenden Gedankenlosigkeit den biedermeierischen Kern des Faschismus zu entlarven. Das ist sie, die zeitgemäße präfaschistische Existenz, die jedem kritischen Diskurs aus dem Weg geht, um stattdessen in einem tanzenden Meer von Gleichgesinnten aufzugehen, die sich alle zugleich als fröhliche Individualisten imaginieren. Das ist sie, die Invasion der Gschmeidigkeit! Aus diesen vergnügungsgeilen Idioten wird die Gedankenlosigkeit von Morgen gemacht, die uns endgültig in den Abgrund treibt …

Aber Hallo! Jetzt mach mal Pause!

Ja, okay, ihr habt Recht. Unser Blick fällt wieder auf die musikalische Speisekarte. Und wir sagen: „Eh.“ Diese Idioten gibt es auch. Und 1000 ganz anders tickende Idioten auch noch. Uns zum Beispiel. Wir sitzen ja auch da und machen alles madig und schlecht und ausweglos. Ist das eine Art? Na bitte, da haben wir es dann: Alles im ironischen Lot, anything goes, everybody gähnt.

Der Text stammt von Hydra-Teilzeitcontributor Konrad J. Gregor, der ganz nebenbei auf seinen diffusen Literaturblog www.sans.at hinweisen möchte.

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