Die Schlacht von Nova-Solferino-Rock

Der Sommer ist überstanden. Er brachte neben der Hitze, diverse Kreislaufkollapsi, Naturkatastrophen, im Bereich diverser Körperritzen nass an der Haut klebende Kleidung und von Schweißdunst durchzogene öffentliche Verkehrsmittel doch auch einige Unannehmlichkeiten mit sich: Etwa Rock- und Elektromusikfestivals, die als Plage das Land durchzogen wie einst Heuschrecken, Pest oder bundesdeutsche Saisonarbeitskräfte.

So hatte ich mir gerade erfolgreich den Weg durch die Aspirationsnebelschwaden im Bus 58A erkämpft, um zu meinem garantiert klimatisierungsfreien Eurojet Intercitytrain zu gelangen, als ich am Bahnhofsvorplatz in eine Gruppe Nova-Rock-Veteranen stolperte. Es offenbarte sich mir ein Bild des Grauens. Junge Menschen, kreidebleich, von Kopf bis Fuß mit Unrat bedeckt, schleppten ihre von drei Tagen viel-Party-machen-und-wenige-Bands-angucken geschwächten Körper in Richtung Bahnhofs-McDonalds. Teilweise konnte man kaum glauben, dass sich unter diesen Schlammmassen, zerfetzten Kleidungsstücken und unhygienischen Stinkschwaden tatsächlich menschliche Wesen verbargen.

Wollt Ihr die totale Akne?
Die Szenerie erinnerte mich stark an Filmdokumentationen über diverse Panzerschlachten des Ersten Weltkrieges, was sage ich, sie erinnerte mich direkt an meine, am eigenen Leib erfahrenen Erfahrungen mit Panzerschlachten des Ersten Weltkriegs! Einzig der k.u.k.-typische Schnauzbart war anno 2012 einem lässigen Dreitagebart gewichen – und der Pickel auf der Haube der flächendeckenden Gesichtsakne. Die Uniformen dieser kleinen Spaßkompanie bestanden aus einschlägigen Rocklegenden-T-Shirts. Morrison, Hendrix, Cobain und wer sonst noch aller mit 27 einen Abgang machte. Dazwischen aber auch diverse Hartmetall-T-Shirts, deren Slogans bzw. Ornamentik Lebensfreude und Heiterkeit versprühten: Cannibal Corpse, Dimmu Borgir und Ultrawurscht.

In kleinen Gruppen zusammengerottet schlürften sie warmes Bier und kaltes Gulasch – beides aus Dosen – und gaben in unregelmäßigen Abständen Insider- und Szenenlaute von sich. Etwa „Echt geil-o-mat oida!“, „Is jo vui schwul!“, „Ahihihihihi“ und so weiter gehörten zu den noch elaboriertesten Gesprächsbeiträgen. Immer wieder auch wurde verzweifelt nach einem gewissen Beauty und einer Frau namens Edeltraut gerufen, doch offensichtlich ohne die Beiden zu finden. Ich hoffe es geht ihnen gut.

Wolfgang Petri und Henry Dunant in einem Atemzug. Oder zwei.
Mit ihren tausenden Festival-Eintrittsbändchen, die sich wie Würgeschlangen an den jugendlichen Ärmchen hochangelten, glichen sie einem diesem Musikgenre eigentlich fremden Freundschaftsbandsammler: Wolfgang Petri. Welche Lebewesen hatten sich wohl schon unter dieser zweiten Haut heimisch eingenistet, um ihr Eier legendes Unwesen zu treiben? Hätte mein alter Kumpel und Busenfreund Henry Dunant diese Schreckenszenerie gesehen, und nicht etwa das dagegen sich wohl läppisch ausnehmende Schlachtfeld von Solferino, er hätte sich wohl kaum die Mühe gemacht, das Rote Kreuz zu gründen – er wäre stattdessen sofort in den Freitod gegangen!

Irgendwann wurde es mir zu viel! Das kann doch kein normaler Mensch ungerührt mit ansehen! Also lief ich auf einen der Jugendlichen zu, packte ihn an seinem durch Schlamm und Speisereste gestärkten H&M-T-Shirt-Kragen und schrie ihn an: „Braucht ihr Hilfe?! Kann ich euch helfen!? Hört ihr mich überhaupt?! Kann man irgendetwas für euch tun!? Antworte doch! So bitte antworte doch!“ Seine Antwort: „He oida, he! Wos is n los? Olles chillig … Mogst a Bier?“

Nun ja, wenn das die einzige Möglichkeit war, diesen jungen Gescheiterten eine Stütze zu sein, dann sei es eben so. Also zwang mich mein humanistisches Ethos, das Bier anzunehmen. Man tut, was man kann. Prost!

Verfasst von Jürgen Miedl, exklusiv für das Rockmagazin Hydra

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