Grinebitter 2012

Wie jedes Jahr strömten auch heuer wieder hunderte Teilnehmer aus ganz Europa – und immer öfter auch aus Amerika, Kanada und sogar aus Asien – in das kleine 500-Seelendorf Angwalk im Norden Norwegens, um hier den begehrten Titel des „Grinebitter“, des Miesepeters, Grantscherbens, Stinkestiefels, kurz: des schlecht gelauntesten Menschen der Welt zu erheischen.

Angwalk ist ein verschlafenes Dörfchen tief in einem norwegischen Hinterfjördwald. 2001 brach hier zwischen zwei Nachbarn, Mats Alert Gustavsson und Are Fjubackson ein morgenmuffeliger Streit aus. Die Sache eskalierte schnell, jeder warf den anderen an den Kopf, er sei der grantigere und unerträglichere. Der ursprünglich negativ konnotierte Begriff des „Grinebitter“ schlug allerdings ins Positive um, als ein Dritter herbei kam, der Bürgermeister Per Ale Langbleddern. Langbleddern schlug vor, die Dorfgemeinschaft entscheiden zu lassen, wer denn nun tatsächlich der ungenießbarste Zeitgenosse sei. Doch als sich ein gewitztes Angwalker Gremium auf eine Handvoll Spielregeln einigte, um dieses Attribut zuverlässig zu ermitteln, meldeten sich plötzlich Menschen aus den Nachbardörfern. Es sei nicht einzusehen, so der entrüstete Tenor, warum sich nur Gustavsson und Fjubackson als die grantigsten Menschen des Landes erweisen sollten.

Seither wurde der „Grinebitter“ zur nicht nur in Norwegen begehrten Trophäe – was nicht zuletzt den eigenwilligen und publikumswirksamen Wettbewerben zur Erlangung derselben geschuldet ist. Etwa muss jeder Teilnehmer vor Jury und Publikum eine Stunde lang ununterbrochen Argumente aufzählen, warum „einfach alles Scheiße“ ist. Nicht die virtuoseste „Wordrap“-Performance zählt hier jedoch, sondern der glaubhaft gemachte Weltekel.

Ein weiterer Wettbewerb besteht darin, an einem mit Köstlichkeiten reich gedeckten Tisch Platz zu nehmen. Unabhängig aller Gaumenfreuden muss jedoch jede einzelne Speise, jedes Stück Gebäck, das Besteck, die Servietten, jedes noch so nebensächliche Details dieses Mahls in Grund und Boden genörgelt werden. Jean-Francois Cactus, dem Preisträger aus dem Jahr 2007, gelang es sogar, die erlesenen Gerichte angewidert hoch zu würgen.

Als eine der härtesten Prüfungen gilt die „Nachtgrantwache“. Der Schlaf der Teilnehmerinnen wird mittels Videoaufzeichnungen überwacht, wobei durch Geräusche und Irritationen für einen äußerst unruhigen Schlag gesorgt wird. Wahre Semifinalisten nörgeln nämlich noch murmelnd im Schlaf. Um jeglichen Betrug durch bloße Schaustellerei auszuschließen, wird dieser Wettbewerb drei Nächte hindurch ausgeführt. Nur die Performance am Ende dieser 72 Stunden zählt!

Ebenfalls eine absolute Hardcore-Prüfung ist der Freundschaftstest. Wer wirklich ein Meister des Grantelns sein will, der nimmt auf Freunde (und ehemalige Freundschaften) keine Rücksicht. Erbarmungslos wird kritisiert, destruktiv herumgemeckert und im Idealfall möglichst öffentlich angeschwärzt, was durch ein kurzes, direktes Wort unter Freunden problemlos aus der Welt geschafft werden hätte können. Ein „Grinebitter“ von Schrot und Korn pfeift seine Freunde wegen der lächerlichsten Nichtigkeit an und besteht bei Hausbesuchen auf der Rückerstattung des verbrauchten Klopapiers.

Besonders heimtückisch ist auch der Geschenke-Contest. Da seit 2005 reichlich Sponsoren (und die wie Mastgänse ausgenommene Besucherinnen) den Wettbewerb und Angwalk selbst praktisch vergolden, leistet man sich einen Wettbewerb, bei dem den Teilnehmerinnen mehrere Geschenke angeboten werden. Der Clou daran: Eines dieser Geschenke ist real (etwa diverse Aktien, ein Kleinwagen, eine Mittelmeerkreuzfahrt) und würde dem Teilnehmer tatsächlich gehören – wenn er es denn annehmen würde. Aber natürlich ist der Wettbewerb damit verloren. Ein echter „Grinebitter“ nimmt natürlich keine Geschenke an, sondern spuckt noch auf die Hand, die ihm Gutes will.

Zum heurigen Bewerb, der Mitte Februar in Angwalk über die Bühne ging, reisten erneut mehr als 250 Teilnehmerinnen an. Allerdings kamen nur etwa zwei Drittel an, der Rest wurde unter anderem von Mitreisenden aus dem fahrenden Zug geworfen oder blieb schmollend an stillgelegten Tankstellen hängen. Den Titel des „Grinebitter 2012“ errang der Kanadier Arty Short, der seine Teilnahme zwischen zwei Selbstmordversuchen gerade noch mal so einrichten konnte. Grantigste Frau wurde die Duisburgerin Heike Möller, die als Verschickerin von mehr als 230.000 Beschwerdemails an diverse Versandhauskataloge zuvor bereits internetweite Berühmtheit erlangt hatte.

Bester Österreicher wurde Michael Muckeneder auf Platz 16. Er ist Beamter und ehemaliges BZÖ-Mitglied. Mit Eduard Frotteur reiste auch ein passionierter Nörgler mit einer gewissen Hydra-Affinität nach Angwalk (er stritt allerdings schon vor der Abreise jede Beziehung oder sonstige Verstrickung mit diesem „Drecksprojekt“ ab). Frotteur belegte den guten 34. Rang, wurde jedoch, nachdem er diesen zugeteilten Rang und den gesamten Wettbewerb (inkl. der Berichterstattung darüber) für „unwitzigen, hirnlosen Dreck“ bezeichnete, umgehend für das kommende Jahr erneut eingeladen.

Für Hydra berichtete Konrad Gregor jr.

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