Schimpfen zwischen Katharsis und Regress

Das kann nicht angehen, das ist schlichtweg unfassbar! Da mühen sich meine KollegInnen mit ihrem epochalen Werk zur Malediktologie ab, um in letzter Konsequenz das wichtigste Thema, der grundlegendste Fragestellung einfach zu vergessen. Aber streng genommen ist es natürlich streng unwissenschaftlich von mir, mich in dieser Causa zu Wort zu melden, bin ich doch nach einem furiosen Wortgefecht mit dieser unsäglichen Wogl-Watritsch jäh verstorben (nachzulesen auf Seite 132 in der „Kritik des Schimpfens“, die dementsprechend ohne Heinz Novak abgeschlossen werden musste, Anm. d. Hrsg.), aber ich kann meine KollegInnen nun mal nicht so mir nichts dir nichts ins Bockshorn laufen lassen.

Die entscheidende Fragestellung, das große Dilemma, die epochale Kluft der Malediktologie entspinnt sich zwischen den Polen Katharsis und Regress. Auf der einen Seite ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Schimpfen eine Katharsis zeitigt. Wer schimpft, betreibt Spannungsabbau. Innerlich aufgestaute Aggressionen werden abgeführt, ja, verdampfen auf verbalem Wege. Nicht nur für grobianische Naturen, sondern für jede Art von erregbarem Charakter gilt dies. Was im Übrigen die Frage aufwirft, wie denn dies physiologisch gehen soll?!

Man nehme etwa folgendes Fallbeispiel: Nach einem harten Tag im Büro (gedacht als Krönung eines seit Jahrzehnten währenden, unerträglichen Büroalltags) wird man beim Betreten der wohnhäuslichen Müllkammer von einer offensichtlich gehirnamputierten Hausbesorgerin angepöbelt. Der chronische Stress, der sich in psychosomatischen Dauerbeschwerden bis hin zur Gehirnfäule, Hinkebeinen oder krummen Buckeln äußert, soll dann durch ein elegantes „Dreckige Hausbesorgerfotze“ oder ein schlichtes „Putztrampel“ bereits kuriert sein? Natürlich nicht. Aber hätte man in den unzählbaren Jahren bis hin zur skoliotischen Wirbelverkrümmung und den chronischen Magengeschwüren öfter mal einen Fluch, einen Schimpf oder eine rücksichtlose Pauschalverunglimpfung riskiert, wäre es womöglich nicht ganz so schlimm gekommen.

Wissenschaftlich erwiesen ist: Wer sich oft und viel ärgert, wird früher krank als etwa ein Holzfäller in Kanada. Und noch kränker wird, wer seinen Ärger stumm in sich hineinstopft, anstatt ihn unflätig über die Flure wehen zu lassen. Das gesundheitsförderliche Potential des Schimpfens steht also außer Frage, doch warum gilt das Beleidigen als Wortflatulenz, als unflätige Unsitte, als „bad manner“? Warum wird Schimpfen verpönt und geächtet – bis hin zur zivilrechtlichen Klage?

Schließlich leben wir in Zeiten, wo nebst der Schönheit vor allem die Gesundheit als Lifestylegötze angebetet wird. Da sollte man doch erwarten dürfen, dass wirkungsvolle Schimpfwörter in jeder nächstgelegenen Apotheke ganz oben auf der Verkaufstheke liegen und man jeden Menschen, der einem nicht mit einem herzhaftem „Arschloch, dreckiges!“ begrüßt, aus gutem Grunde meiden sollte. Muss doch als erwiesen gelten, dass jene einen ungesunden Lebensstil pflegen!

Das große Missverständnis besteht darin, dass Zivilisation als Prozess der Disziplinierung und Selbstdisziplinierung betrachtet wird, als Sublimationskette von Bedürfnissen und Ausdrucksformen. Gesittet ist, wer die Arschbacken zusammen klemmt, auf das kein Tönchen entweichen möge, wer die persönliche, ungeschönte Meinung verschluckt und den Finger beim geräuschlosen Teetassentrinken wegspreizt. In etwa dieser Reihenfolge.

Es ist nicht einfach, die Ursachen dafür zu benennen. Die Soziologie bietet uns hier bloß niederschmetternde Erklärungen. Eine eindeutige Bejahung dieser Sichtweise finden wir in „Über den Prozess der Zivilisation“ von Norbert Elias, gleich hinter dem Aufsatz über das Serviettenfalten als Ausdruck höfischer Leitkultur. Wir können aber ebenso Niklas Luhmann befragen. Um von ihm zu erfahren, dass soziale Systeme den einzigen Sinn haben, sich auszudifferenzieren, um damit Umweltkomplexität zu adaptieren bzw. kompensieren. Je komplexer unser Lebensumfeld, desto mehr Techniken entwickeln wir, um einen Furz oder eine Beleidigung zu unterdrücken. Ergo nehmen wir nach Luhmann Magengeschwüre in Kauf, um mit unserem sozialen Umfeld in Gleichgewicht zu bleiben. Ja, geht es noch deprimierender?

Weitaus erhellender ist hier die Sichtweise von Pierre Bourdieu. Soziale Distinktionsmerkmale, die „feinen Unterschiede“ also, sind in erster Linie dazu da, damit sich Bevölkerungssegmente voneinander abgrenzen können. Eben die Schimpfer von den Nicht-Schimpfern, die Furzer von den Furzunterdrückern, die Nasenbohrer von den Fingerabspreitzern. Die Unterdrückung des ureigensten Bedürfnisses zu schimpfen ist also gewissermaßen der Eintrittszettel in die höheren Kreise der Gesellschaft, wo das unausweichlich Unflätige dann nur hinter verschlossenen Türen geschieht. Dort also , wo sich die Macht ihrer selbst gewiss ist. Bzw. zumindest dort, wo die Macht genau weiß, dass sie die Ehrenbeleidigungsklage auf jeden Fall gewinnt, weil sie sich die besseren Anwälte leisten kann.

Aber Schimpfunterdrückung ist nicht automatisch bereits Sublimation und damit gehobener Zivilisationsstatus, nein, dies geschieht erst mittels der sozialen Ächtung des Schimpfens durch eine „schimpffreie“ Oberschicht. Das ist das Instrumentarium, mit der sich die Elite vom steuerschuldenzahlenden Bodensatz abzugrenzen versucht. Nach dem Motto: Zeig mir wie du schimpfst, und ich sag’ dir deine  Gehaltskategorie.

Darum gilt: Schimpfen an sich ist eine Universalkonstante, gewissermaßen das Überdruckventil im Kochtopf Menschheit, um die Worte meines Klug zu verwenden (vgl. S. 101 in der „Kritik des Schimpfens“, Anm. d. Hrsg.). Die soziale Ächtung des Schimpfens hingegen ist Ausdruck der Abgrenzungs- und Unterdrückungsmechanismen zwischen sozialen Lagen, namentlich von „Oben“ nach „Unten“. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verkehrt, im Schimpfen auch einen revolutionären Gestus zu vermuten (der uns hier aber nicht beschäftigt, wesentliche Anregungen dazu liefern uns allerdings die Kollegen Gaspar, S. 57ff, bzw. Ramm, S. 127ff., in der „Kritik des Schimpfens“).

Ich meine also: In diese Richtung muss die Malediktologie forschen, will sie der Welt auch in Zukunft noch etwas Bedeutsames mitteilen. Diesen Hinweis möchte ich meinen Kollegen aus der tiefen, finsteren Gruft, in die mich diese Schimpfdilettantin Wogl_Watritsch befördert hat, noch mitgeben. Und beuge mich dabei zähneknirschend dem Umstand, dass dieser „Nachruf“ an sich ein wenig unwissenschaftlich ist, wie es ein Leben nach dem Tod nun einmal ist.

Herzlichst,
Heinz Novak (sel.)

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