endlager für fb-betroffenheit

In Unterforgettingen (Rheinland) wird dieser Tage das weltweit erste professionelle Endlager für hochgiftigen Betroffenheitsmüll eröffnet. Wir haben uns dort umgesehen!

„Wir sind hier das weltweit erste professionelles Endlager für Betroffenheitsmüll“, weiß der geschäftsführende Leiter des Endlagers zu berichten. „Sie befinden sich hier im Rheinland!“ Wertvolle Informationen prasseln auf uns nieder wie gefährlicher, radioaktiver Fallout: „Im menschlichen Meinungskraftwerk werden in einem hochkomplexen, durch mediale Falschnutzungsenergie befeuerten Core-Prozess Persönlichkeiten gespalten – dabei werden zwei Endprodukte erhalten: echte Langweilerpersönlichkeiten mit wenig Meinung, kaum Einstellung und wenig Aktionspotential – so genannte ‚Lahmärsche‘ – und zweitens hochgiftige Facebookpersönlichkeiten, die mit ihrem prätentiösen Scheißgehabe unsere ganze schöne Umwelt vergiften! Unsere Aufgabe ist es, die schlimmsten und gefährlichsten Aspekte von solchem Befindlichkeitsmüll fachgerecht endzulagern, damit der Nachwelt kein massiver Schaden entsteht.“

Ein Arbeiter lenkt einen Caterpillar geschickt zwischen Haufen aus gelbem Scheißdreck hindurch. „Sehen Sie diese Haufen aus gelbem Scheißdreck? Das sind die Buttons, die noch vor wenigen Monaten jeder Mensch der westlichen Zivilisationen auf seinem Profilfoto haben musste, andernfalls hat ihn die Stasi geholt und abgeknallt. Ich kann das bezeugen, ich habe selbst Facebook und war auch bei der Stasi!“  Der Baggerfahrer fährt mit seiner Schaufel richtig brutal in den Haufen hinein und bugsiert sein Vehikel danach gefährlich nahe an uns vorbei: wir können die Verdummungshitze der echauffierten Gemüter sogar noch unter unserer Schutzbekleidung spüren! Besonders alarmierend: wir vermeinen für den Bruchteil einer Sekunde sogar so etwas wie eigene Betroffenheit in uns wahrzunehmen. Betroffenheit darüber, dass sich Menschen nur deswegen für wenige Wochen in einen Meinungsumbildungsprozess hineinziehen lassen, um ihrem Erschütterungsgedöns kurzfristig adäquat Ausdruck verleihen zu können – und um sich in der Welt der Oberflächlichkeitsplattärsche einen Platz zu sichern, den ihnen ohnehin niemand streitig machen will.

Wir finden, dass das hochegoistisch ist! Sollte denn die Darstellungssucht dieser unserer Generation zu Lasten der nächsten Generationen gehen? Sind denn nicht auch Meinungen Gegenstände wie du und ich, die in einem langen Vorgang der Selbstfindung kultiviert und aufgepäppelt werden sollten, bis man sie in ihre wohlverdiente Freiheit des rationalen Diskurses entlassen kann? Sollte denn nicht die vehementeste und selbstloseste Ablehnung „ATOMKRAFT? NEIN DANKE!“ länger bestehen, als lediglich ein paar kärgliche Wöchlein und somit genau so lange, wie der am stärksten meinungsmodebewusste Facebookfreund dieses in Preis und Verständlichkeitsniveau heruntergesetzte Affekt-Kleid einer vermutlich guten, freilich kaum gelebten Weltanschauung in seinem dunklen Schrank namens Unterbewusstsein wieder verschwinden lässt?*

Plötzlich stürzt ein Mann mit Schutzmaske und einem quäkendem Detektionsgerät für Moralinsäure auf uns zu. Er keuchhustet in sein Maske, sodass es lustig blechern schallt: „Sie sind kontaminiert!!! Schnell jetzt! Sofort entseuchen, dann eine ordentliche Reinigung der Großhirnrinde und dann gleich eine vierfache Überdosis Kamillentee, zwotausendachthundert Milligramm, geschüttelt nicht gerührt, gut ziehen lassen, ich sagte: GUT ZIEHEN LASSEN! Los jetzt, bringt sie mit dem Aufzug rauf!“

In einem top-ausgerüsteten und behaglichen Krankenwagen verlassen wir das Gelände des weltweit ersten Endlagers für Betroffenheitsmüll. Der Betreiber winkt uns noch freundlich hinterher – selbstverständlich winken wir zurück. Gerne kommen wir wieder!

[Fotomontage: Peter Raritäter; Text: Sebastian Klug]

* Dieser aufgrund radioaktiver Grammatik bis zur Unkenntlichkeit zerstrahlte Satz wurde aus unserer kommenden Publikation „Kritik des Schimpfens“ entfernt und hier endgelagert. 

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