Aus dem Traum gerissen

Episode 12 in unserem großen Mitmachschundroman. (Das ist ein Roman, bei dem man mitmachen kann. Jeder eigentlich. Und jede sowieso.)  

Lotte sitzt schweißgebadet in ihrem Bett, ihre Zehen kribbeln. Das machen sie immer, wenn sie aufgeregt ist. Ihr in Dunkelheit gehülltes Zimmer wird nur durch die rot leuchtende Schrift des Radioweckers erhellt. Es ist 2:57. „Wieso jetzt, nach so vielen Jahren?“ Lotte ist außer sich. „Und wieso Manfred? Ich hatte ihn doch aus meinen Erinnerungen verbannt!“

Am darauffolgenden Morgen kribbeln ihre Zehen noch immer. Der Traum von Manfred verfolgt sie schon seit einer Woche und jedes Mal ist es wie damals auf Kreta, als sich Lotte dazu überreden ließ, gemeinsam mit ihrer Schwester Laura und Manfred auf Urlaub zu fahren. Laura bekam gleich in der zweiten Nacht im Hotel schwere Angina, die durch die falsch eingestellte Klimaanlage im Ferienbungalow verschlimmert wurde. Somit waren sie und Manfred die meiste Zeit allein unterwegs. Und als beide nach der im Hotel gebuchten Quad-Tour am Strand lagen und sich entspannten, passierte das Unausweichliche. Manfred flüsterte Lotte leise ins Ohr: „Komm, lass uns schwimmen gehen!“ und Lotte nickte willig.

Bei Sonnenuntergang und durch den menschenleeren Strand lies sich Lotte zu einer Entscheidung verleiten, die sie noch heute bereut. Der Moment war wunderbar, als Manfred seine großen Bauarbeiterhände auf ihre blanke Brust legte und gleich darauf diese auch leidenschaftlich küsste. Nackt und im Rhythmus des Wellengangs begann Manfred Lotte zu lieben. Als sein erigiertes Glied in Verbindung mit dem warmen Wasser in Lottes Innerstes drang, wussten beide, das es falsch war, doch keiner von beiden wagte es, das auszusprechen. So gaben sie ihrem weißglühenden Verlangen freien Lauf. Der Wellengang wurde stärker, ein Sturm würde bald aufziehen. Die Intensität des Moments verstärkte die sexuelle Leidenschaft zwischen den Beiden. Manfred wurde zum Tier oder nein, eher zu einem Gott, ja, zu einem griechischen Gott! Am Horizont türmten sich dichte Gewitterwolken auf und Blitze entluden sich hinter Manfreds riesigen Schultern.

Lotte fühlte sich wie im siebten Himmel, als ob der Vollmond über der wolkenfreien Strandpromenade nur auf die Beiden scheinen würde, und der Gesang der Delphine, die sich draußen in der Bucht ebenfalls paarten, nur für sie allein bestimmt war. Tags drauf war bereits der Rückflug nach Schwechat gebucht. Laura, noch immer gezeichnet von ihrer Krankheit, hatte anscheinend nichts mitbekommen und auch keinen Verdacht geschöpft, was Lotte ein wenig Erleichterung verschaffte, doch ihre Zehen kribbelten die ganze Zeit über. Mit Manfred sprach sie kein Wort, und das änderte sich auch nicht, als der Flugbegleiter kam, das Flugzeug landete und sie sich am Gate von dem Ehepaar verabschiedete.

„Doch wieso jetzt nach so vielen Jahren?“ Lotte schaut in ihren Morgenkaffee und fühlt sich beschämt, schmutzig – so wie im Flugzeug neben Laura. Sie hatten schon seit längerem keinen Kontakt mehr, irgendwie haben sie sich auseinander gelebt und sie waren sich ja auch nie wirklich nahe. Während Lotte immer mehr zum Papa tendierte, war Laura ein Mamakind wie es im Buche steht. Sie hatte sogar dieselben Wangenknochen! Und während Laura immer und immer wieder Vanilleeis naschte, wollte sich Lotte nie festlegen, welche Sorte sie am liebsten leckte – und diese Liste könnte sie noch ewig fortsetzen. Das Handyläuten weckt Lotte endgültig aus ihren Tagträumen.

Als sie auf das Display sieht, fällt ihr das Schokocroissant aus der Hand. Es ist Laura! Mit einem vorsichtigen „Hallo?!“ eröffnet sie das Gespräch und hört auf der anderen Seite ein schluchzendes und lange nicht mehr gehörtes Schwesterherz! „Wir … wir müssen uns treffen … ee-e-es ist etwas schreckliches passiert … i-ich muss dich sehen“ – „Was ist passiert?“ – „E-e-es geht um Manfred“, Laura weiter schluchzend. Lotte zuckt zusammen. „Das kann doch kein Zufall sein!“, denkt sie und antwortet: „Ich mach mich sofort auf den Weg zu dir, bleib ruhig, ich bin gleich da!“ Ohne mit der Wimper zu zucken geht Lotte zum Laptop, sucht auf der Wiener Linien Homepage die schnellste Route zu Laura und macht sich auf den Weg.

Etwa eine halbe Stunde später erreicht sie Lauras Domizil. Diese öffnet sogleich die Tür und fällt Lotte um den Hals: „Es ist (sniff) schrecklich (sniff)!“ Lotte versucht sich zu beherrschen: „Na gut, Laura, jetzt lass uns doch ins Wohnzimmer gehen und du erzählst mir alles was ist passiert!“ Gesagt, getan. „Manfred, er … dieser Idiot will sich von mir scheiden lassen! Jetzt, mit 50, er hat anscheinend eine Neue, eine Jüngere!“ Lotte versucht Laura zu beruhigen, doch ihre Schwester bricht erst recht in Tränen aus. „Ich dachte, er wäre glücklich mit mir. Ich bin mir bewusst, dass ich nicht mehr ausschaue wie 22, als wir uns kennen gelernt haben. Aber ich hätte ihm nie so etwas zugetraut!“

Lotte fühlt sich, als ob sie einen Stein aus einem Staudamm genommen hätte, der jetzt unter all der Last zusammenbricht. Laura überschwemmt sie mit Geschichten über Manfred. Sie erzählt von den immer häufigeren Streitereien, von der Liebe, die über die Jahre hinweg abgekühlt, besser gesagt, erfroren ist, und von den Schulden, die Manfred angehäuft hat, weil er in faule Immobilienkredite investiert hatte. Laura ist am Boden zerstört. Lotte nimmt sie in den Arm und versucht sie zu beruhigen. Trotzdem fühlt sie sich schlecht dabei. Hätte sie doch nach Kreta schon alles erzählt, dann würde Laura jetzt nicht durch diese Hölle gehen müssen. Doch damals war sie zu feige und jetzt … jetzt kribbeln wieder ihre Zehen.

[Autor: Bartlomiej Szatkowski]  Nicht vergessen! Macht mit bei unserem Schundroman in Fortsetzungen. Oder unserem Fortsetzungsroman in Schunden. Alle Infos rechts oben oder auf sexfick.at Oder einfach euren Text an office@hydrazine.at schicken

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