jessicas und kevins

Ein Humorist, der nur ein Humorist ist, ist überhaupt kein Humorist, schrieb Erich Fried. Darum kann man Clemens Haipls Buch „Ich scheiß mich an“ nicht besprechen – nicht, ohne zum Rundumschlag auszuholen.

Wussten Sie, dass nur jede 27. Jessica Matura hat? Es gibt außerdem keinen einzigen Kevin in unserem Land, der ein abgeschlossenes Studium vorweisen kann – nicht einmal einen Bachelor von einer FH! Dafür sind 56,3 % aller Jessicas mit einem Kevin verheiratet oder in direkter Linie verwandt.

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Das Burgenland hat zwar die höchste MaturantInnenquote, allerdings immer noch die dicksten Kartoffel, wenn Sie verstehen, was ich meine. Außerdem hat es dort so viele Minderheiten, die natürlich nicht zur Schule gehen, so dass natürlich alle Martins und Juttas ihren Abschluss machen. Die werden ja doch nur „AgrarökonomInnen“.

Diese und ähnliche Texte können aus der x-beliebigen Feder eines jeden österreichischen Autors (um umgekehrt!) stammen, den Sie bei Thalia unter „Humor“ finden. Meine Damen und Herren, wenn Matscho Kubasta wirklich die österreichische Antwort auf Ephraim Kishon ist, sollte Israel umgehend seinen Botschafter wieder abziehen. Tatsächlich ist es nämlich sehr leicht, in Österreich „Humorist“ zu sein.

Erstens sollten Sie einen Penis haben. WennIhnen keiner gewachsen ist oder Ihnen der Ihrige nicht gefällt, kaufen Sie sich einen oder tun Sie zumindest so als ob. Sie können etwa auch die Hosentaschen nach außen stülpen und einen Zeigefinger durch Ihr Hosentürl stecken – der sogenannte Elefantentrick. Finden Sie das lustig? Sehr gut! Das ist Voraussetzung Nummer zwei.

Drittens sollten Sie wahlweise über einen Wortschatz verfügen, der Natascha Kampuschens nahe kommt, oder ein Wörterbuch aus dem frühen 20. Jahrhundert besitzen. Nehmen Sie ein Wort, irgendein Wort, das nicht in der letzten Ausgabe des VOR Magazins vorgekommen ist, begutachten Sie es, satteln Sie es und reiten sie 800 bis 2.500 Zeichen lang darauf herum. Reiten zu können ist die vierte Voraussetzung.

Fünftens ist es sehr wichtig über Frauen zu schreiben. Pendeln Sie dabei immer zwischen den folgenden Polen: Kleinkind – Schwiegermutter (Altersachse), Mario Barth – Max Goldt (Niveauachse), Dolores Schmidinger – Dolly Buster (Sexytätsachse).

Um sich in diesem Koordinatensystem problemfrei zu orientieren, wie ein Betriebsrat, der auf Weihnachtsfeiern erst lustige, dann nachdenklich stimmen wollende Gedichte zwischen den Hämorrhoiden seines Vorgesetzten (ergo problemlos) aufsagt, ist – sechstens! – notwendig, dass Sie Schachtelsätze formulieren können. Das lässt Sie klug erscheinen und Sie können Gedankensprünge einbauen. Gedankensprünge sind wichtig, weil die Texte nicht zu lang sein dürfen. Denken Sie an Ihre LeserInnen!

Siebentens ist es wichtig, ihre LeserInnen vor Augen zu haben, um die jeweils darunter stehende Schicht verächtlich mit Spötteleien zu bedecken.

So geht das. Nachzulesen in: Haipl, Clemens: Ich scheiss mich an. Kolumnen & Zeichnungen, 2008, Echomedia, 214 Seiten. PS Ich scheiß mich (fest) an 2 (Echomedia, 216 Seiten) erscheint im Oktober 2011 und wird voraussichtlich genauso.

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