Sex mit 45: Episode 1

Episode 1: Der rote Regenschirm

„Eigentlich ist dieses Sauwetter eine Frechheit“, denkt Lotte an diesem Donnerstag Ende Juli, als sie schon den vierten Tag hintereinander ihre neuen roten Wildleder-Peeptoes in die teuflische Wasserlacke am Eck tunkt. Heute ist es der linke Schuh. Das Gemisch aus Wasser und Dreck saugt sich in ihren blickdichten Strumpf. Lotte seufzt. Sie macht ihre Arbeit ja gerne, aber heute denkt sie nur noch an das kommende Wochenende. Rein in den neuen Massagesessel aus feinstem Nappaleder, Beine hoch lagern und die komplette vierte Staffel CSI Miami anschauen – das ist genau, wonach Lotte der Sinn steht.

Die schicke Bürokauffrau wird plötzlich aus ihren Gedanken gerissen: „Entschuldigung, gnä Frau, ist das ihr Schirm?“, fragt der erstaunlich sympathische Aufseher der U-Bahn-Station Währinger Straße, als Lotte gerade die erste Stufe hinauf zum Bahnsteig betreten will. Verdutzt dreht sie sich um und erkennt sofort ihren roten Schirm, den sie erst im April in der Josefstädter Straße erworben hat. „Ja“, sagt sie überrascht und fragt verwundert weiter: „Woher haben Sie den?“

„Sie haben ihn gestern am Fahrkartenautomaten lehnen gelassen. Ich wollte Ihnen den Schirm nachbringen, doch da ist ihr Zug schon mit ihnen abgefahren“, antwortet der Stadtbedienstete.

Lotte fällt ein, dass sie tatsächlich Tags zuvor am Fahrkartenautomat war, um sich fristgerecht ihren Fahrschein für den August zu holen. „Woher wussten Sie, dass es mein Schirm ist? Wie haben Sie das erkannt?“, fragt sie immer noch verunsichert. Dass sie ob der Gentleman-Attitüde des graumelierten Herrn durchaus auch von ihm angetan ist, lässt sie sich vorerst nicht anmerken.

„Ich bitt’ Sie, gnä Frau! Denken Sie, ich habe sie die ganze Woche nicht bemerkt in ihren schicken roten Schuhen und dem roten Schirm? Jeden Tag, pünktlich um 7.45 bin ich gestellt, wenn Sie durch die Stationsflügeltüren schreiten. Da haben Sie ihren Schirm wieder“, sagt der Herr. Lotte schätzt ihn auf 52 Jahre. Und zeigt sich dankbar und geschmeichelt: „Soso, sie stellen mir also nach? Das ist aber nicht nett“, sagt sie und wirft ihm einen scharfen Blick zu. „Unterlassen Sie das bitte, ja?“

„Entschuldigen Sie, gnä Frau. Ich wollte ja nur helfen.“ Damit hat der Stationsaufseher nun wirklich nicht gerechnet. Mit gesenktem Haupt will er sich auf den Weg zurück in sein dunkles Kammerl machen, da beginnt Lotte zu lachen. „Nanana, ich will ja nur nicht, dass Sie mir nachstellen. Aber gegen einen Kaffee hätte ich nichts einzuwenden. Quasi als Dankeschön.“ Lotte kann das Funkeln in den Augen des plötzlich wieder ganz groß gewordenen Mannes sehen. „Um halb sechs im Cafe Weimar. Pünktlich“, sagt sie ohne Verabschiedung, während sie sich von ihm wegdreht und langsam die Treppen zum Bahnsteig hinaufsteigt. Dass der Mann nicht Nein sagen wird, ist ihr klar. Dafür muss sie ihm nicht länger in die Augen schauen. Außerdem würde er dann ihr verschmitztes Grinsen erkennen.

Es ist 17:28 Uhr. Als Lotte an den Fenstern des Café Weimar vorbeigeht, erkennt sie dahinter bereits ihre morgendliche Bekanntschaft. Als sie das Kaffeehaus betritt, fallen ihr sofort seine zitternden Knie auf. „Dieser Mann hat schon lange keine Frau mehr berührt“, folgert sie. Als sie ihren Mantel ablegen will, ist er längst zur Stelle, um ihr das gute Stück abzunehmen. „Wenn ich Ihnen ein Kompliment machen darf: Sie sehen atemberaubend aus“, sagt er, als er Lotte in ihrer roten Bluse sieht. „Rot ist anscheinend ihre Lieblingsfarbe?“

Lotte lacht. Die Mischung aus vorsichtiger Annäherung und Aufmerksamkeit gefällt ihr. Es dauert nicht lange und der ersten Melange folgt der erste Aperolspritzer. Vier ehemals orangefarben gefüllte Gläser später bittet sie ihre neue Bekanntschaft, sie nach Hause zu begleiten. „Am Abend fühle ich mich auf dem Heimweg nicht mehr sicher“, gibt sie vor. Doch in Wahrheit will sie einfach wieder einmal von starken Männerhänden gehalten werden. Lotte ist eine starke Frau. Aber sie liebt es, sich auch einfach mal fallen zu lassen …

Lotte fällt rücklings auf ihr Bett. Als der stattliche Stationsaufseher sein Hemd aufknöpft, sieht sie die Früchte seines regelmäßigen Krafttrainings, mit dem er zuvor im Cafe für ihren Geschmack ein bisschen zu viel geprahlt hat. Doch angesichts des Anblicks hat sie die Prahlerei bereits vergessen.

„Ich habe seit dem Tod meiner Frau vor zwei Jahren keine Frau mehr geliebt“, gesteht der gutaussehende, aber hochgradig schüchterne Witwer. „Nanana, hab keine Angst“, erwidert Lotte, als sie seine Hose öffnet. „Ich bin sicher, du hast es nicht verlernt. Und jetzt trau dich schon. Oder willst du mich nur anschauen wie eine Schaufensterpuppe?“

Als er keine zwei Minuten später sein pralles Glied aus Lottes feuchter Scheide zieht, beweist er damit zwar eindrucksvoll, dass er tatsächlich nichts verlernt hat. Dass er danach aber keine Anstalten macht, auch Lotte zu einem Orgasmus zu verhelfen, enttäuscht sie aber doch sehr. Die von Lotte in vergangener Zeit so oft festgestellte männliche Selbstsucht, die sie soeben wieder erleben musste, überrascht sie aber gar nicht mehr wirklich.

Fünf Minuten später komplimentiert sie ihn mit einem kühlen „Ich ruf dich an“ aus ihrer Wohnung. Dass das nie mehr passieren wird, ist beiden in diesem Moment völlig klar. Außerdem, überlegt Lotte, sollte sie in den nächsten Wochen wohl besser mit dem Bus ins Büro fahren.

TEXT: Stefan Rathmanner

Wie Lottes Abenteuer am Ende aussehen könnten, seht ihr hier: lotte teaser

 

 

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