„Die BruBru-Tour ist nicht lustig“

Hydra: Geschätzter Reiseleiter, nach einem Jahr und fünf bewegten BruBru-Tours, wie fällt der Blick zurück aus?
Reiseleiter:
Zunächst mal, ich bin kein Reiseleiter, denn die BruBru ist keine Reise an die man sich bloß erinnert – sondern die BruBru-Tour ist ein Lebensausschnitt, der in den Alltag übergreift, sozusagen immer präsent ist.

Hydra: Okay, trotzdem bitte ein Blick zurück.
Justus Ramm:
Die BruBru-Tours waren ursprünglich als Unterhaltungsprojekt für das Hydrateam und die engsten Fans gedacht. Dass dieses Unterhaltungsformat (das auf eine Idee eines unserer kreativsten Köpfe, Sebastian Klug, zurückgeht) derart erfolgreich sein würde, hat anfangs kaum jemand erwartet. Zugleich steht kaum eine Aktion der Hydra so nahe an der eigentlichen Grundidee der Hydra, dass wir eben komplexe soziale Strukturen aufbrechen, in Frage stellen, dekonstruieren – und zugleich in spaßiger Weise verpacken. Dabei brauche ich als Reiseleiter keinerlei Hintergrundwissen, weder über historische, noch über soziale oder politische Gegebenheiten, sondern es geht darum, kontextunabhängige Fragen zu stellen. Wenn wir z.B. in ein Hotel gehen und dort ein Tortenstück bestellen, das wir in 50 Teile aufteilen wollen, oder in einer Kirche BruBru Jakob singen, stellt das elementare Fragen über die Funktionsweise bestimmter Orte.

Hydra: Aber bei der Tour stellst Du meist weniger Fragen, sondern erklärst und erläuterst.
Justus Ramm:
Das ist ein weiterer Aspekt, der mich an der BruBru-Tour begeistert, dass sie unglaublich selbstreferentiell funktioniert. So heterogen die Gruppe in ihrer Herkunft und ihren Lebensstilen ist, in ihrer Intention und in der Reaktion auf die Umwelt wird die Gruppe homogen. Wo herkömmliche Reisegruppen nur den Ort konsumieren, da gestalten wir diesen mit, da ändern wir das Stadtbild und unser Umfeld – was selbstverständlich auch zu Reibungsflächen führt. Jede Station bei einer BruBru-Tours sollte Reibung erzeugen, allerdings nie mit irgendeiner Form von Gewalt oder persönlicher Beschneidung. Die Angriffe, die wir tätigen, sind nur Hinweise. Wenn wir in der Kirche singen, dann grölen wir nicht, sondern tun das, was man in einer Kirche eben tut. Wir singen nur eben kein religiöses Lied. Wenn „Wir“ provozieren, heißt das jedoch nicht immer, das jeder der mitmacht auch wirklich weiß, was er oder sie gerade tut, bzw. ist der Grad der Interaktivität der einzelnen Leute sehr individuell und unterschiedlich

Hydra: Dennoch folgen alle Deinem Wort und Geheiß.
Justus Ramm:
Das ist zwangsläufig ein Teil der Gruppenzusammengehörigkeit, die ich nur stellvertretend inne habe. Natürlich stelle ich mich hin und sage: „Haltet Euch an mich, ich regiere hier, Euch passiert nichts, Ihr dürft machen, was Ihr wollt.“ Und bis zu einem gewissen Grad stimmt das dann auch, wie man beim McDonalds auf der Alserstraße gesehen hat. Ich versuche jedoch immer, nur einen Anstoß zu geben, auch wenn mit diesem alles fällt und steht, ist die Gruppe jedoch am Ende für Sinn, Witz und Funktionieren der Aktion  entscheidend.

Hydra: Das klingt aber gar nicht so lustig, wie es tatsächlich ist.
Justus Ramm:
Die BruBru-Tour ist in ihrem Kern gar nicht lustig. Dass die TeilnehmerInnen das lustig finden, ist eine Übersprungshandlung, weil sie in den paradoxen Situationen während der Tour – aus Angst, Orientierungslosigkeit oder Fremdscham – nicht entscheiden können, wie sie reagieren sollen. Deswegen lachen sie. Aber wenn sich 60 Leute am Stephansplatz aufstellen und ein Lied gegen Ausgrenzung singen, mag das zwar unüblich sein, ist aber im Kern ein ernstes Anliegen. Glaub mir, lustig sind ganz andere Menschen.

Hydra: Wenn wir die BruBru-Tour V, die Ghettoblast-Tour noch einmal Revue passieren lassen, was waren die Höhepunkte, was die kritischen Stellen?
Justus Ramm:
Höhepunkte für mich waren alle Situation, wo wir PassantInnen auf der Straße oder an den Fenstern, meist MigrantInnen übrigens, schamlos unterstellt haben, dass sie hier in einem Ghetto leben würden – und diese fast ausnahmslos positiv darauf reagiert haben. Etwa beim Walk of Fame neben der Thaliastraßenstation. Auch, dass die eigentlich recht willkürlich gewählte Route ganz eigenwillige, teils weirde Situationen hervorrief, z.B. der Besuch im Laufhaus oder die Bollywoodvorführung, die ich als Versuch kommentiert habe, hochwertige Filmkunst ins Ghetto zu bringen. Auch die Wiederbelebungsidee, also die Graffitikunst am Gürtel mit Geschenkpapierinstallationen zu crossen, hatte für mich unglaublich hohen künstlerischen Wert. Das illegale Straßenrennen war anfangs wegen der Grünwelle und der kaum zu überschätzenden Kraft der Motoren strategisch unklug gewählt, dennoch hat sich ganz klar gezeigt, dass illegale Straßenrennen nur im Ghetto funktionieren. Weil sich viele Menschen dort eben über ihre Autos zu definieren. Ein negatives Highlight war die Pfeffersprayaktion, wo die BruBru-Gemeinschaft erstmals durch rohe, unangekündigte Gewalt durchbrochen wurde.

Hydra: Welche neuen Erfahrungen brachte dieses ungewohnte Ghetto-Terrain?
Justus Ramm:
Dass es offenkundig doch den Rahmen einer BruBru-Tour braucht, um die Leute vorurteilsfreier und gerechter, eben auch liebevoller durch die Straßen laufen zu lassen. Natürlich geschieht das auch durch eine Vereinnahmung, einen Gewaltakt meinerseits, aber man lernt dabei, dass man Street-Credibility nicht durch Schweigen und Mitlaufen erwirbt (und schon gar nicht durch Gewalt), sondern durch ein friedliches und gleichberechtigtes Nebeneinander, durch ein Aufeinander zu gehen, ein Durchbrechen  festgesetzter, althergebrachter Handlungsrahmen, das Eröffnen unkonventioneller Wege des Miteinanders. Dass man einen Ausblick schafft … die BruBru-Tours als Brutopia. Im Grunde hat die Ghetto Tour genau das gezeigt, was sie in Frage gestellt hat: alle Stereotype und Klischees eines sozial benachteiligten Bezirks wurden durch ein bestimmtes Verhalten bedient.

Hydra: Blicken wir zurück nach vorn. Du gehst nach New York, warum eigentlich? New York gilt ja als öde, Nordamerika scheint überhaupt derzeit zum einem Slum zu verkommen. Welchen Herausforderungen kann man sich dort noch stellen?
Justus Ramm:
New York verkommt nicht zum Slum, es ist nur das europäisierte Denken, das es zum Slum macht. Der Gang nach New York ist für mich eine kreative Herausforderung … zunächst aufgrund der größeren Konkurrenz, Stichwort Street-Credibility, die ja immens schwierig zu gainen sein soll in New York. Aber es geht auch um eine künstlerische Fokussierung, vor allem hinsichtlich meines Stils. Drittens geht es darum, unsere Aktion, unser Projekt in einen größeren Raum zu tragen.

Hydra: D.h. man darf von einer BruBru-Tour in New York ausgehen.
Justus Ramm:
Das ist, ganz vage formuliert, richtig. Weil die Stadt viel mehr Schwierigkeiten in sich trägt, so vermute ich zumindest, werde ich dort vieles ausprobieren, in mir und an mir selbst. Ich werde eine Art Sozialexperiment starten … ob eben die Selbstreflexion einer ganzen Stadtgemeinde weit genug reicht, um die künstlerischen und kulturellen Erzeugnisse meiner Person anzunehmen, aufzusaugen und ihnen zu folgen: If they can make what I expect from them there, i can make it anywhere.

Hydra: Sind damit nicht vor allem Frauen gemeint?
Justus Ramm:
Nein, ich bin nicht auf Geschlechter fixiert, Sexualität ist bei mir kein Thema.

Hydra: Wann besteht die nächste realistische Chance auf eine 6. BruBru-Tour wieder in einem der Wiener Ghettos?
Justus Ramm:
Die LeserInnen sollten davon ausgehen, dass die nächste BruBru-Tour nicht unbedingt eine Stadtführung wird, sondern einen ganz anderen Rahmen oder andere inhaltliche Herausforderungen bereit halten könnte. Was aber kein Farewell to BruBru ist, sondern eher die Ankündigung einer BruBru-Extended, um hier schon mal mit meinem zukünftigen Sprachschatz aufhorchen zu lassen.

Hydra: Aber der Zeitpunkt? Wann?
Justus Ramm:
Das kann ich momentan nicht beantworten.

Die Hydra dankt für das Gespräch, Justus Ramm dankt zum Abschied allen MitorganisatorInnen und allen TeilnehmerInnen der fünf BruBru-Tours.

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