OTTO VON HABSBURG!

otto habsburg bike 350SIE NANNTEN IHN DEN RADSPORT-KAISER! CHRONIK EINES TRAGISCHEN TODES BEI DER MÖRDERISCHEN KAISERETAPPE DER ÖSTERREICH RUNDFAHRT AUFS KITZBÜHLER HORN

360 Watt. 180 Puls.
Otto von Habsburg hängt tief über dem Lenker und kämpft wie ein Berserker. Gegen den Fahrtwind, gegen die Konkurrenten, gegen sich selbst. Der Unterkiefer ist vorgeschoben, die Augäpfel treten weit aus ihren Höhlen. Auf seinem maroden Waffenrad Marke Steyr-Daimler-Puch & Söhne ist er der Konkurrenz scheinbar unterlegen. Scheinbar. Denn Otto von Habsburg führt das Feld der Teilnehmer der Österreichradrundfahrt an, führt es mit eisernem Willen zum Kitzbühler Horn. Er leistet hier im Flachen die Führungsarbeit, opfert sich auf, nicht nur für seine Teamkollegen, sondern auch für alle anderen. Sie alle profitieren von seinem Windschatten. Und doch reißen einige Fahrer ab, können das schier brutale Tempo des 98-Jährigen nicht mehr mitgehen. Otto von Habsburg ist der älteste Teilnehmer dieser Österreich-Tour. Und der willensstärkste. Nur für wenige Sekunden erwacht er aus seinem tranceartigen Komazustand in den der Kämpfer nach über dreieinhalbstündiger Rennbelastung verfallen war, um seinen Blick gen Süden schweifen zu lassen, wo die Hohen Tauern herüberdräuen. Der Glockner. Dort hat er von 1951 bis 1973 durchgehend gewonnen, und dann noch einmal von 1975 bis 2010. Heuer will er sich zum ersten Mal am Kitzbühler Horn in die Siegerliste eintragen. 98 Kehren bis zum ewigen Ruhm. 98 Jahre bis er nun endlich auf einer Stufe mit Gott stehen darf. Er, der Kletter-Kaiser oder Radsport-Kaiser wie sie ihn alle nennen, will sich zum unangefochtenen Rad-Regenten der nördlichen Hemisphäre mausern. In Österreich hat er praktisch alles gewonnen was es zu gewinnen gab: von seinen ersten Rad-Gehversuchen im Kaiserlichen Prater anno 1913 mit seinem hölzernen Gehrad bis zu seinen legendären Siegen bei den Sechstagerennen im Ferry-Dusika-Stadion zu Wien, war es ein langer und beschwerlicher Weg. Die klassische Österreich Radrundfahrt von Triest nach Odessa. Wie oft hat er sie gewonnen? Keiner weiß es genau.

400 Watt. 200 Puls.
Der Fuß des Kitzbühler Horn ist erreicht: der Anstieg beginnt. 856 Höhenmeter gilt es nun bis zur Bergankunft am Alpenhaus zu überwinden. Ein Anstieg, vor dem internationale Radgrößen erzittern, wie junge K&K-Kadetten vor dem allabendlichen Duschgang mit ihren Geschlechtsgenossen. Habsburg fackelt nicht lange herum, unwiderstehlich tritt er in die Pedale. Sein Blick hat den glühenden Asphalt fixiert, er schnaubt wie ein Arbeitsochse am Feld, seine Lunge rasselt. Nur wenige können die Tempoverschärfung mitgehen. Mentschov, Sastre, Rohregger. Zu viert schrauben sich die vier ausgemachten Kletterspezialisten nun Kehre um Kehre hoch. Die minderwertige Spreu hat sich nun endgültig vom Weizen getrennt. Doch Habsburg hat sich bereits im Flachen ausgepowert. Ob es ihm doch zuviel war? Seine Betreuer machen sich Sorgen, denn er verzichtet auf moderne Funktechnik, führt am Gepäckträger nur ein altes Feldtelefon aus der Schlacht von Verdun mit. Es funktioniert schon lange nicht mehr. Ebenso verweigert er die Aufnahme von Flüssigkeit aus dem Betreuerauto, genau so wie er das Trinken während eines mehrstündigen Hitzerennens generell ablehnt. Aus Tradition wie man munkelt. Otto von Habsburg ist eben einer von der ganz alten Schule. Er will es selbst schaffen, mit einfachster Technik und mit einfachsten Mitteln. Will wie ein Soldat dem Gegner alleine gegenüberstehen, will alles überwinden und mit sich selbst im Reinen zum Gipfel des Ruhmes hinaufsteigen. Eine Zuschauerin hält ihm ein Speckbrot hin. Da kann er nicht nein sagen, nimmt einen Bissen, schlingt dann wie ein Löwe gierig mit einem Satz alles hinunter. Der Schweiß strömt in kleinen Sturzbächen von seiner Stirn. Wenn er nicht bald etwas trinkt, droht er zu dehydrieren.

758 Watt. 389 Puls.
Die Vierergruppe erreicht nun endgültig das steilste Stück: eine schier vertikale Asphaltwand baut sich vor den Radsoldaten auf. So viele hat das Kitzbühler Horn schon abgeworfen, so viele Radlerherzen zermürbt und Radlerknie gemartert. Otto von Habsburg ist nun am absoluten Limit. Seine schlecht aufgepumpten Vollgummireifen kleben am Asphalt. Kein Vergleich zu den ultraleichten Carbon-Flitzern der anderen Teilnehmer! Doch er will es so. Will ehrlich gewinnen oder ehrlich untergehen. Will es an diesem Tag der Wahrheit endgültig wissen. Seine unrasierten und käsebleichen Waden glänzen schweißpoliert in der Sonne. Plötzlich scheint er langsamer zu werden, droht kurz den Anschluss zu verlieren. Er taumelt, scheint verwirrt. Ein Zusammenbruch? Doch da! Schon kämpft er sich wieder zu den drei anderen zurück. Und nicht nur das: fasst sich, fasst sich ein Herz, schaltet auf den dritten von drei Gängen, überholt seine drei Gegner und strebt mit quietschender Kette im Wiegetritt zwischen jubelnden Massen der Bergankunft entgegen. Die Menschen tragen ihn wie Meereswogen dem Ziel zu. Jetzt ist es nur noch ein Kilometer. Jetzt heißt es durchbeißen.

Doch da: Habsburg fällt vom Rad. Er bewegt sich nicht mehr. Der eilig herbeigeholte Rennarzt kann nur noch den Tod feststellen. Totale Dehydration. Rennabbruch. Die Radwelt ist geschockt, sie verliert einen ihrer ganz großen Fixsterne am Firmament. Einen, der mit seinem impulsiven Fahrstil an den ganz jungen Ullrich oder den späten Merckx erinnerte. Oder auch umgekehrt. Einen, der mit einem einfachen 25-kg Rad ohne Flaschenhalterung und mit nur drei Gängen mehr erreicht hat, als alle anderen vor ihm.

Sie nannten ihn den Radsport-Kaiser. Und unter diesem Namen wird er nun ewiglich in den Herzen der Radsportfans fortleben. Gott schütze Österreich.

No Comments

Sorry, the comment form is closed at this time.