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kritlit 250

OBEN: Wenn man auf KC-1 aus dem Fenster blickt. MITTE: Wenn man auf KC-1 eine Buchmesse betritt. UNTEN: Die Hydra-Abschluß-PK (bzw. auf das Foto klicken!)

Viele Lichtjahre von der Erde entfernt gibt es einen Planeten, auf dem uns Menschen ganz ähnliche Wesen leben. Sie atmen, essen, trinken und haben hin und wieder etwas, das man einen zufallsgenerierten Hormonvorfall nennen könnte. Aber viele Dinge laufen auf diesem Planeten, den einfallslose Astronomen KC-1 getauft haben, ganz anders. (Das ist übrigens nur die Kurzfassung, tatsächlich heißt der Planet KCXLNMMZ-1823403903.)

Das gilt vor allem für das soziale Zusammenleben. Auf KC-1 sind alle Einwohner davon überzeugt, dass soziale Gerechtigkeit und Solidarität wesentliche Elemente jeder Gesellschaft sind. Sie haben eine Reihe von Ideen dazu, die sie mit größter intellektueller Klarheit und Stringenz verfolgen. Viele, eigentlich sogar alle KC-1er verfassen Schriften, in denen sie mit penibelster Genauigkeit festhalten, wie die Dinge zu sein haben, wo etwas schief läuft und was der einzig richtige Weg des Zusammenlebens auf KC-1 ist. Sie prangern Missstände an und lieben es, dabei stets die drei altehrwürdigen Ahnväter von KC-1 zu zitieren, drei Typen namens Lenny N., Trotz K. Y. und Schlachthof S. M.

Zugleich lehnt es jeder Einwohner ab, ein bloß passiver Konsument zu sein. Niemand will sich mit irgendetwas abfinden oder unreflektiert, gedankenlos bzw. passiv sein. Alle wollen etwas bewegen, die Welt aus den Angeln heben, Zustände nachhaltig verbessern. Aus diesem Zweck schreiben sie alle ihre kleinen Broschüre, Berichte, Agenden, Pamphlete, etc., und bieten diese zum Selbstkostenpreis zum Verkauf an (denn es soll ja niemand ausgebeutet werden!).

Da aber auf KC-1 jeder Einwohner ein kritisches, selbstreflexives, autonomes Gewissen seiner Selbst und zugleich geistesproduktive Kraft ist, sieht das dann in der Praxis so aus, dass in jedem Haus auf KC-1 (das meist nur aus Tischchen, Laptop und Broschüren, manchmal auch T-Shirts und Pins, besteht) ein Einwohner sitzt und darauf wartet, dass ein anderen KC-1er kommt, und sich für seine Texte interessiert. Die anderen Einwohner sitzen aber ebenfalls in ihren Häusern und warten. Allenfalls geht man mal ins Haus des Nachbarn, besieht sich dessen Broschüren und kehrt schleunigst mit vielen guten Ideen für das nächste, eigene Bändchen wieder nach Hause zurück.

Einem extrakazeeinsischen Besucher (ergo uns) bietet sich also ein fast gespenstisches Bild. Nichts bewegt sich hier. Überall wohin man kommt, ein verwaister Tisch mit einem Stapel von Büchern und Broschüren, dahinter vergeistigte Menschen (übrigens meist in betont nachlässiger, unmodischer (wir bei uns würden sagen: alternativer) Kleidung), die ihren Platz nicht verlassen und aus irgendeinem unerfindlichen Grund darauf warten, dass von irgendwoher jemand kommt, um sich für die eigenen Exponate zu interessieren. Aber natürlich kommt niemand, von wo denn auch. Wer auf KC-1 lebt und atmet sitzt bereits an einem Tisch hinter besagter Weltkorrekturbelletristik.

Auf diesen Planeten war eine Delegation der HYDRA gestern zu Besuch. Die Reise mit dem Interstellaren Raumschiff U-ZYCUDD-2-094888 dauerte dank Hyperschlafkabinen und Zeit-Raum-Faltungskompressoren (auch „H.E.U.T.E. genannt) lumpige 20 Jahre Relativzeit (das ist die Zeit, die wir gealtert sind, nicht die Zeit, die auf der Erde inzwischen fortgeschritten ist), und hätten wir nicht in Ijon Tichy einen verständnisvollen und deutungsfrohen Begleiter gehabt, wären wir wohl an den Folgen eines Akutkulturschocks sofort innerlich ausgetrocknet und elendiglich verendet. So ein öder Drecksplanet! Zutiefst geschockt gab das HYDRA-Team nach seiner überstürzten Abreise eine kurze Pressekonferenz in Houston (Texas), doch die versammelte Weltpresse wollte von uns nur wissen, ob die Hyperschlafkabinen wirklich so sexy und der Samtfellbezug darin von La Hong tatsächlich rosa ist! Hach, war das schön, wieder Zuhause zu sein.

Für HYDRA auf interstellarer Erkundungsreise war
Eva Kiel

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