a little bit tricky

whole tricky 300Hydra macht keine Reviews. Hätte ja auch wenig Sinn. Die kritische Würdigung eines Gigs oder gar ehrfurchtsvolle Verneigung davor verträgt sich schwer mit Satire. Ironie, ja, aber Satire? Die sagt maximal: „Verpisst euch von der Bühne, Musiker, und nehmt euch woanders wichtig!“ Andererseits. Hydra macht, was Hydra will. Und Tricky macht, was Tricky will.

Außerdem: Irgendwie erinnerte das Tricky Konzert in der Arena von Anfang an die Hydra. Kein Plakat in der gottverdammten Stadt, das darauf hinwies. Braucht es nicht? Ein Selbstläufer? Der Mann hatte seine glorreiche Zeit vor Jahren. Dass er sich voriges Jahr mit Knowle West Boy zurückmeldete und heuer das Skizzenalbum Mixed Race nachlegte, ist maximal gut sortiertes Musikkritikerwissen. (Keine Sorge, hier folgt keine kritische Würdigung des Gesamtwerkes, weil ich das halbe Konzert versoffen hinter den Tresen verbracht habe, ich bin ja nicht … hm, ihr wisst, wen ich meine …)

Die Kritiker … ja, manche haben es geil gefunden das letzte Album. Tricky in Höchstform .. und einmal mehr als Schatten in der eigenen Musik. In den ersten drei Nummern von Mixed Race taucht er gerade mal im Background auf. Die Nummern selbst sind oft bloß angedeutet, bei manchen leistet er sich den Luxus, auf den letzten Sekunden noch anzudeuten, wie geil das Stück weitergehen hätte können. Und schon aus. Keine 30 Minuten die ganze Sache. Ich kann es, muss gar nichts mehr auswälzen, sagt uns der Typ damit. Und zwinkert. Dasselbe übrigens auch im Booklet der CD. Ohne dass irgendetwas kommentiert wird, sieht man Familienfotos, eine Arbeiterkindheit, bei der die Hautfarbe offenbar keine Rolle gespielt hat. Mixed Race eben, ohne große Worte. Multikulti? Vor- und Nachteile? Leb’ es einfach, Arschloch!

Das Konzert beginnt ähnlich unspektakulär. Ein fetter Konservenbeat begleitet die Band auf die Bühne. Es ist stockdunkel und Tricky zieht nach 10 Sekunden das Shirt aus. Und bleibt erstmal mit dem Rücken zum Publikum, genüsslich eine rauchend (in der Non Smoking Are(n)a). Dann singt er, i’m for real. Das gilt es erst noch zu beweisen. Seine Stimme ist kaum hörbar, was sich durch den ganzen Gig schleppen wird. Vermutlich die Hölle für jeden Techniker, diese tiefe, knochentrockene, am liebsten dahinflüsternde Stimme neben voller Bandbesetzung erblühen zu lassen. Zu allem Überfluss ist Co-Sängerin Franky Riley auch nicht besser zu hören (kein Wunder, sie darf die Hälfte der Songs ebenfalls mehr hauchen als singen). Ist aber fast das Einzige, das es zu bemeckern gibt.

Tricky hält sich inzwischen das Mikro an die Brust, singt mit der Resonanz seines Brustkörpers. Seine Schmiergelstimme wird percussiv. Diesen Effekt wird er später mit reichlich Hall im Mikro noch steigern. Die nächste Nummer singt Mme. Riley wieder alleine. Black Steal übrigens, und die Band, die genauso wenig vorgestellt wird, wie man auf Mixed Race irgendwelche Hinweise auf Contributors findet, macht ihre Sache wunderbar. Grandiose Songs grandios tanzbar (sprich: reichlich einfach gestrickt) dargeboten (der Mann hat ja auch ein, wie sagt man, unglaubliches Portfolio). Übrigens stehen drei Frauen auf der Bühne (Vocals, Bass und Gitarre) im Hintergrund werken zwei Männer. Die Quote stimmt also. Und Tricky raucht erneut eine Zigarette mit dem Rücken zum Publikum.

Dann kommt er wieder nach vorne. Steigert sich mit fast manischer Gestik in seinen Gesangspart, winkt die Band ab, lässt sie wieder lauter werden. Das ist keine durchstudierte Dramaturgie, soviel ist klar. Die Band akzentuiert die Songs genau dann, wenn Tricky es sagt. Und wenn er das Mikrophon wechselt, hat Mme. Riley Pause, wippt im Hintergrund mit dem Blick auf den Boden unauffällig dazu. Sie sieht auch sonst kaum ins Publikum, eine Leadsängerin ist das nicht. Aber das ist ohnehin Tricky, der trotz seiner etwas manischen Präsenz irgendwie wirkt, als wäre er nicht ganz angekommen. Er ist da und doch nicht da. For real? Not really. Er wirkt fast ein wenig steif und linkisch in seinen Bewegungen. Aber er ist auch kein Stageperformer, ein Tüftler viel eher. Seine Stimme kommt nur in den Studioaufnahmen richtig zur Geltung, wo sich Intimität so fein erschummeln lässt. Live scheint er ein anderes Konzept zu verfolgen. Das hier ist seine Partyband, und er ist eigentlich gekommen, um coolen Fun zu haben. Noch eine Nummer, wo er einfach nicht mitsingt. Ich muss nichts, scheint er die ganze Zeit zu sagen. Ohne ein Wort zu sagen. Trotzdem ist es völlig klar, wer der Typ da auf der Bühne ist und wie er drauf ist.

Nach einer knappen Stunde spielt die Band Ace of Spades von Motörhead und Tricky winkt das Publikum auf die Bühne. Schranken weg. Ihr seid die Show. Darum geht es hier. Um die Party. Die Band spielt weiter, unsichtbar, das Publikum tanzt entzückt. Nachher wird das Volk entspannt runtergewunken und Tricky spielt Revolution. Ja, haben wir gerade im ausgefransten Hosentaschenformat erlebt. Gerade die Schranke zwischen Publikum und Band niedergerissen – und schweinecool dabei geblieben. Bei der nächsten Nummer geht er einfach ins Publikum. Lässt sich abküssen, abfotografieren, umarmen, am Kopf streicheln. Alles egal. Ihr dürft mich ruhig angreifen. Macht ihm alles nichts aus, ist ja seine Party hier.

Bei der Zugabe wird sich das Bühnenspiel wiederholen. Wieder dürfen alle, die wollen, hinauf auf die Bühne. Und Tricky singt I wish that jesus comes. Das Publikum einstweilen fotografiert sich selbst. Als könnte man es erst genießen, wenn man dokumentiert hat, dass man es genossen hat. Egal. Zwei, drei Frauen nutzen die Gelegenheit, um sich an ihn zu kuscheln. Darauf reagiert er nicht einmal, bleibt stoisch, schweinecool, wahnsinnig sympathisch. Immer noch, selbst mitten drin, ist er nicht da, bleibt unangreifbar. Eine eigene Liga. Das ist so schön anzusehen, unglaublich. Der Mann geht auf die 40 zu und liefert noch immer keine ausgelutschten, bis in letzte Detail ausgetüftelten Einfamilienhäuseridyllendreckspopkonzerte. Bleibt alles Skizze. Nur angedeutet, ohne Notwendigkeit, irgendwas zu erklären, etwas Größeres womöglich daraus zu machen. Muss er auch nicht. Und vielleicht kann er es auch nicht. Egal. Wer nicht gerade ewig nörgelnder Musikkritiker ist, hat sich an diesem Abend blendend amüsiert.

Curt Cuisine 

2 Comments
  • Ingo

    11. November 2010 at 07:03

    Lehrreicher Beitrag. Bereichernd, wenn man das Thema auch mal aus einer anderen Perspektive beschrieben lesen kann.

  • peter

    17. November 2010 at 00:41

    Also: Eine kritische Würdigung eines Gigs oder gar ehrfurchtsvolle Verneigung davor verträgt sich schwer mit Satire. HAHA