How many Holz must a man …

megan heidegger 300„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, dachte sich Martin Heidegger und tastete mit zittrigen Händen nach dem Türgriff in seinem Motelzimmer. Denn nichts anderes als Wahnwitz war diese Reise, die ihn so weit weg aus seinem Schwarzwald, aus seinem Breisgau geführt hat. „Was für eine Schwärmerei!“, rief er laut in die Nacht hinein. Nicht auszudenken, wenn seine Frau Elfride erfahren würde, dass er diese Reise nur unternahm, um Hannah ein letztes Mal wiederzusehen. Um ein letztes Mal die glücklichen Tage in Marburg ins Gedächtnis zu rufen, die Zeit, als Sein und Zeit gerade erschienen war, als sich die epochale Bedeutung seines Werkes abzuzeichnen begann und er bald danach auserwählt wurde, die Führerschaft der deutschen Universitäten anzutreten. Hannah war damals gerade 18 Jahre alt, blutjung, hochintelligent … und eine Jüdin. Was ihn eigentlich nie wirklich gestört hatte.

Aber nun saß er in diesem schäbigen Motel in Memphis, wohin er sich verirrt hatte, weil er in New York in den falschen Zug gestiegen war, irritiert von diesem stampfenden metallenen Ungetüm, ein Ge-Stell im wahrsten Sinne des Wortes, das ihm die Sicht auf sein Dasein buchstäblich verstellt hatte. Diese Reise und dieses Amerika überhaupt war für ihn der  Inbegriff der Uneigentlichkeit – mit seinem Coca Cola und seiner belanglosen Oberflächlichkeit … wobei er immerhin gestehen musste, dass die Landschaft hier ganz kolossal war. Das hätte er gar nicht gedacht, dass es auch in Amerika so viel Natur geben könnte. Aber so war es. Überall Natur in unmittelbarer Zuhandenheit, so dass man stets den Ruf vernehmen konnte, den Ruf zum Eigentlichen hin, den Ruf des Seins, wie er sich in der Sprache der Natur ankündigte. Umso bestürzender, dass jene Menschen, die in dieser Landschaft lebten, so sehr der Beliebigkeit verfallen waren.

Schließlich gab sich Heidegger einen Ruck und verließ sein Zimmer, schlich sich durch den Korridor die Treppen hinab und schwindelte sich schweigend am Portier vorbei. Die letzte und bislang einzige Unterhaltung mit ihm war desaströs, der Mann beherrschte keinen Brocken Deutsch. „Wie kann man ohne deutsche Sprache überhaupt denken?“, dachte Heidegger, selbst unter der Sprachlast seiner mühsam zusammengeklaubten Englischkenntnisse stöhnend. Dann stand er auf der Straße. Zum Glück war nicht allzu viel los in diesem Viertel. Schäbig wirkte die ganze Stadt, das war Heidegger bereits zuvor aufgefallen. Obwohl er nichts lieber getan hätte, als querfeldein in Richtung offenes Land zu wandern, hielt ihn doch etwas zurück. Er kam an einer erleuchteten Bar vorbei, wo dunkelhäutige Frauen in engen Röcken posierten. Ein Skandal, wie Heidegger befand, wenn auch ein leicht prickelnder Skandal. Für wenige Momente spielte er mit dem Gedanken, wie es wohl wäre mit einer dieser Frauen … denn Frauen waren es ja nach wie vor, wenn evolutionär auch etwas zurück … aber von Evolution zu sprechen … was für ein uneigentliches Vokabular!

„Gibt es ein eigentliches Dasein für färbige Menschen?“, dachte Heidegger, dabei schmunzelnd über die Frivolität dieses Gedankens. Hatte nicht schon Hegel vortrefflich über die Entwicklung des Geistes bei den verschiedenen Rassen geschrieben? Wenige Gassen weiter stand eine ausgelassene Menschenmenge um eine Art Schuppen herum, an einer der Seitenwände befand sich ein kleiner Eingang, ein Mann in Jeanshosen verkaufte Eintrittskarten. Eine brüchige Stimme und der Klang einer akustischen Gitarre drang leise auf die Straße. „Musik“, dachte Heidegger verächtlich. „Vermutlich sogar Volksmusik“, noch eine Spur verächtlicher. Aber dann dachte er, dass ohnehin alles egal, alles vergeudete Zeit sei, und dass er in wie üblich vorlaufender Entschlossenheit zum Tode hin genauso gut die Zeit nutzen könnte, um sich Gewissheit über diese Amerikaner und ihr uneigentliches Dasein zu verschaffen. Er zahlte schweigend die zwei Dollar und betrat den Schuppen.

Rauschwaden und Whiskygerüche schwappten ihm entgegen, doch nach einem flüchtigen Blick auf die Bühne war ihm das gleichgültig, denn der junge Mann, der dort sang, dazwischen schüchtern lächelte und linkisch seine Mundharmonika zurecht rückte,  dann wieder verlegen zu Boden blickte, dieser Mann verzauberte ihn auf Anhieb. „Alabanda!“, flüsterte Heidegger heißer und bewegte sich auf die Bühne zu. „Don’t follow leaders, watch parking meters“, sang der junge Mann gerade, was Heidegger nur flüchtig verstand, aber vorläufig als naive Hymne auf die Notwendigkeit einer geistigen Führerschaft interpretierte. Dann: „How many roads must a man walk down …“ Heidegger dachte an die vielen Holzwege, in die sich die Menschen verirren und nickte stumm. Eine wohlige Wärme stieg in seinem Magen auf, eine derartige Unmittelbarkeit, ja, Offenheit, hatte er seit Jahren, um nicht zu sagen Jahrzehnten, nicht mehr vernommen. Und war nicht in jedem Offenen ein Seiendes verborgen, nichts anderes also als die Möglichkeit, inmitten des Seienden selbst seiend zu sein?

Heidegger verspürte Lust, sich augenblicklich Notizen zu machen. „Was aber ist das Sein?“, dachte Heidegger und plötzlich wusste er die Antwort. Nicht wirklich eine inhaltliche Antwort, mehr eine Form des Sprechens, des Antwort-gebens, die er noch nie so verspürt hatte. Nicht schreibend, singend hätte er Philosophie treiben müssen, wurde Heidegger klar. „At times i think there are no words but these to tell what’s true, and there are no truths outside the gates of eden“, sang der junge Mann. Der sprachlose Ruf des Seienden, der uns ins Sein hinein ruft, ist nicht das Tor zum Garten Eden, verstand Heidegger. Tränen kullerten über seine Wangen. „Hier stehe ich nun …“, dachte er verwirrt, Goethe zitierend, was er sonst nie tun würde, denn Goethe lag doch völlig falsch. „Nicht Goethe, nein, Hyperion! Die Dichtung, der Gesang, die Jugend …“ Heidegger war sich sicher, dass er den jungen Hyperion vor Augen hatte. Unglaublich! Dass der Schmelz der Jugend und die Genialität eines Denkens tatsächlich in Amerika neu auf die Welt kommen musste. Heidegger war von den Socken. Immer wieder stotterte er vor sich hin: „Hyperion, Hyperion …“ Ein langhaariger Bursche drehte sich zu ihm, musterte den alten Tattergreis von Kopf bis Fuß und raunte dann mitleidig: „No man, that’s Dylan! Bobby Dylan!“

Was kann uns Heidegger heute noch mit auf den Weg geben?
Dass es trotz aller Unkenrufe niemals verkehrt ist, in die Vereinigten Staaten zu fliegen. Überhaupt sollte man viel öfter seinen Kopf auslüften und nicht immer nur im Schwarzwald herumhocken und Blaubeeren essen. Alles andere an Heidegger kann man getrost vergessen. Der Mann ist nicht einmal das Eintrittsgeld für ein Dylankonzert wert.

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