Wien, aber richtig!

brubru250Aus dem Tagebuch einer BruBru-Teilnehmerin, alle Stationen der BruBruTour vom 29. August 2010:

16:00 Uhr, Abmarsch vom Martialischen Quantum: Der Reiseleiter winkt mit der Lilie, ich bin aufgeregt. Meine erste Tour durch diese Stadt. Begierig nach Informationen. Die weißen Dreieckshüte sind schick. Allerdings: Zwar erkenne ich mich nun in der Menge wieder, aber der Wind ist ein Spielverderber.

16.05 Uhr, Erste Station: Die beiden Verwaltungsgebäude der Wiener Beisln, auch Auftanklager genannt. Hier lässt sich formidabel nach Gold graben, das in Wien überall unter dem Asphalt steckt. Goldgräber tragen darum goldene Borten und Pailletten an ihren roten Jacken. Die erste Flasche Gratissekt ist schon leer.

16.10 Uhr, der sogenannte Heldenplatz: Der Reiseleiter grüßt die Wiener Fickerfahrer und erklärt die Naturverbundenheit der Wiener Eingeborenen am Beispiel von Pferdepisse. Sofort wollen wir alle die Ficker-Pferde berühren. Was uns auch gewährt wird. Ein erster Glücksmoment.

16.20 Uhr, auf dem Weg zum Michaela Dorfmeister Platz: Rückständigkeit ist keine Schande in Wien, im Gegenteil, man verkauft sogar Tickets dafür. Einstweilen hat der Spanische Fußballweltmeister vor kurzem eine „Hoftreitschule“ eröffnet. Die glauben wohl, die können sich mit diesem Titel alles kaufen.

16.30 Uhr, Michaela Dorfmeister Platz: Obszöne Statuen sind keine Seltenheit in Wien, darum nicht selten verhüllt. In der Mitte des Platzes ein dunkles Loch. Darin wurde vor 60.000 Jahren erstmals versucht, die Quadratur des Kreises zu finden. Herausgekommen ist ein Labyrinth, das fälschlicherweise den Römern zugeschrieben wird. Genau davor befindet sich das berühmte Loos-Gefängnis. Und links davon eines der unzähligen Komasaufcafés, von denen es in Wien hunderte gibt.

16.45 Uhr, Ballhaus Platz: Der Reiseleiter erklärt, dass König und Königin hier kanzlerieren. Just in diesem Moment fahren sie auch mit einer Fickerkutsche vorbei … der Mann kennt hier wirklich Gott und die Welt. Alle Sektflaschen sind leer. Bleiben noch 50 Dosen Bier.

17.00 Uhr, Theaterakademie: Der Wiener schlägt aus obszönem Geld, das Begräbnis einer Helena wird aufgeführt. Skandalös! Im Hintergrund, kaum kenntlich, das Wiener Radhaus. Die größte Fahrradwerkstatt Europas. Wenn in Wien ein Fahrradschlauch platzt, sagt der eingeborene Wiener, dass er einen Häupl hat.

17.15 Uhr, Freyung: Auf der Freyung ist der Wiener frei, manche sogar freier. Diese stehen gerne vor sogenannten Kirchen herum, in Wien ein Synonym für Bordelle. Das Schottenstift ist eines der schlimmsten davon. „Pass auf, sonst hast du den Stift des Schotten im Arsch!“, raunen sich die Bewohner des hier befindlichen 17. Gemeindebezirkes zu. Als Auflockerung spielen wir die Reise nach Jerusalem, das Lieblingsspiel der drei noch in Wien lebenden Juden.

17.20 Uhr, Café Eida: Pisspause. Alle müssen pissen. Das Bier wird rasant weniger. Der Reiseführer erzählt von seinen sexuellen Eskapaden mit der Caféhausbesitzerin. In Wiener Caféhäusern wird entweder gefickt oder komagesoffen. Diese Wiener …

17.30 Uhr, Judenplatz: Radau am Judenplatz, ein Herr Bankhofer diskriminiert brüllend Touristen. Dem Reiseleiter platzt am Judenplatz der Kragen. Zum Glück dürfen wir danach über den berühmten Naziknochenasphalt spazieren und die Gemischtwarenhandlung Waniek besuchen. Nichts beruhigt die Nerven mehr als der Traum vom Shoppen. Es ist Sonntag, verflucht! Und die Biere gluckern dahin wie die sprichwörtlichen Semmeln. Besondern ein gewisser Herr Max weiß sich kaum zu zügeln.

17.40 Uhr, Zannonni: BruBruTours spendiert großzügig Malaga- und Bananeneis. Eine Minute später wird mit Zinseszins abkassiert. Ich fühle mich in besten Händen. Erst recht, als der Reiseleiter die Bildungsministerin aus ihrem Schlafzimmer klingelt. Aber sie traut sich nicht in den Hof, ihr Unterhemd sei angeblich nicht herzeigbar.

17.50 Uhr, Am Rotenturm: Hier schlug Luther seine 95 Antiglobalisierungsthesen an und sich den Daumen blutig. Darum sind alle Einwohner hier rot und jammern. Dass der Papst ein Hitlerjunge war, pfeifen die Spatzen von den Schaufensterscheiben. Ein Passant meint anerkennend: „So eine Stadtführung kann nur von einem Piefke stammen.“ Wir bestürmen den Reiseleiter. Ihm fällt zum Wort „Piefke“ nichts ein. Offenbar eine Art Geheimsprache.

18.00 Uhr, der große Graben: Endlich bei einem der acht Flüsse Wiens angelangt. Die Wiener – ihres Zeichens notorische Landratten – bauen schiffsähnliche Gebäude an versumpften Rinnsalen, in der Hoffnung dadurch zu Hafenstädtern zu werden. Gelbe Diskriminierungslinien auf den Straßen erinnern an die große Zeit der Prohibition. Ein überforderter Kellner wagt es, die 21 vorbestellten Espressi nicht auf der Stelle zu servieren. Der Reiseleiter ist erzürnt.

18.20 Uhr, Untergrund: Wir lernen die Eingeborenen von ihrer heitersten Seite kennen. In engen, stickigen U-Bahngarnituren erblüht das kackgoldene Wiener Herz. Der Biervorrat ist zur Hälfte aufgebraucht. Alle müssen pissen.

18.30 Uhr, Platz des Stefan: Eine eher unbedeutende Kirche, deutlich als Popart-Schwindel erkennbar. Wie gut, dass wir endlich Bescheid wissen. Gemeinsam singen wir das phallokratische Unterdrückerlied am Stock-im-Eisen-Platz (Wo sonst?). Angesichts des Mitreisenden namens Max stellt sich die Frage: „Wie viele Dosen Bier passen denn in so einen Menschen?“ Eida ist auch da. Alle gehen pissen. Ein Mitreisender bestellt ein Sahnetörtchen mit Vollendung und kriegt eine gefotzt. Vielleicht flunkert unser Reiseleiter doch ein wenig.

18.40 Uhr, Ha-Weelka: Hier hat alles angefangen. Die ganze Komasauferei. Mit den berühmten Wiener Dichtern, die natürlich immer dicht waren. Ein paar Schritte weiter die berühmte Döblinger Nakedei-Zone. Der Eingeborene zeigt gerne sein Schwänzchen. Oder wie man auch sagt: „Dem Wienör ist nichts zu schwör!“

18.50 Uhr, die Schönbrunner Dependance: Das berühmte Menschenbetrachtungsfenster in Doro’s Teergasse. Die Wiener begaffen nicht nur gerne Tiere, auch Menschen. Was wieder die alte Frage aufwirft, wie es der Wiener mit der Religion hält. Gar nicht ist auch eine Antwort.

19.10 Uhr, Astoria Hotel: Viktor Astoria, ein alter Kumpel unseres Reiseführers, bestätigt die Geschichte vom berühmte Mordzimmer im Astoria. 144 Lustmorde in drei Jahrzehnten. Wer hier den Lift betritt, ist praktisch schon hinüber. So wie unser Bier.

19.30 Uhr, Starbucks Kärntner Straße: Vor dem letzten dieser urtypischen Wiener Caféhäuser schließt sich ein Gastdozent an. Endlich wird die wahre Religion der Wiener enthüllt. Eine Reiseteilnehmerin wird auf der Stelle bekehrt und wiedergeboren. Als sie entdeckt, dass ihre Mietrückstände die alten sind, auch an ihren Orgasmusproblemen hat sich nichts geändert, fällt sie wieder ab vom Glauben. Alle ein wenig ernüchterter nun. „Das Ficken und die Religion“, resümiert der Reiseleiter bitter.

19.40 Uhr, Hotel Sacher: Ein Tortenstück und 18 Gabeln. Der Ober ist hellauf begeistert. Er, der einst Curd Jürgens wegen schleißiger Adjustierung des Lokals verwies, scheint nur auf einen neuen Kooperationspartner gewartet zu haben. Die BruBruTours und das Hotel Sacher, Freunde auf Lebenszeit.

19.50 Uhr, Park der Gestörtenanstalt: Die Reisegruppe trennt sich, um hundert Meter später zueinander zu finden. Dieser Reiseführer kennt alle Tricks. Sofort werden Ehen geschlossen und Kinder gezeugt. Indes, es gibt auch Trauriges zu berichten. Hier verlief einst die berühmte Wiener Mauer, die Ostdöbling von Westdöbling trennte. Beide Döblings sind heute wieder vereint, aber der Wiener hat seinen Schaden weg und heißt jetzt in aller Welt Frankfurter.

20.00 Uhr, Martialisches Quartier: Nach einem kurzen Abstecher im Bobo-Behindertenheim „Passage“, das wegen seiner halsbrecherischen Gokart-Bahn stets einen Besuch wert ist, kehren wir erschöpft aber glücklich zu unserem Ausgangspunkt zurück.

Fazit: Nie war Wien schöner, nie war eine Stadtrundfahrt wahrhaftiger und informativer. Nie hat uns ein Reiseführer glücklicher gemacht. Oder wie eine Passantin völlig zu recht meinte: „Na, sie machen das wirklich mit Liebe.“ Das ist das Geheimnis. BruBruTours hütet es. Ich rate allen Menschen, es selbst zu entdecken.

Eine glückliche Teilnehmerin

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