Im Bett mit Wittgenstein

philosophie 18 wittgen 300Als kleiner Junge träumte Wittgenstein davon, die sieben Weltmeere zu besegeln. Das tat er dann auch und fand sie so sterbenslangweilig, dass er vier davon kurzerhand kürzte. Außerdem meinte er mürrisch, dass Weltmeere irgendwie nach 1786 klängen, also warum die Dinger nicht Ozeane nennen? Zumal er dadurch im Handumdrehen Ozeandampfschifffahrtskapitän geworden war und nur noch das kleine Problem hatte, wie man x Kubikmeterholz über tausende Seemeilen hinweg befördert (ohne die Hilfe eines anderen Schiffs). Dieses Problem war ihm aber zu banal und darum wurde er erst Drahtseiljongleur, dann Zigarrenkistenarchivar, Nebenerwerbsnacktputzboy, Schwimmwestenverleihentrepreneur und schließlich Herausgeber einer Satirezeitschrift.

Schweißgebadet erwachte der adoleszente Wittgenstein in seinem von Muttern gemachten Bett und dachte: „Die Sprache ist an allem Schuld! Nur weil es die Sprache gibt, kann man so viel Unfug in einem Satz verpacken und das auch noch für witzig halten! Das muss ein Ende haben!“ Gesagt, getan. Er setzte sich an seinen Schreibtisch aus Zedernholz und schrieb den „Tractatus Logico Philosophicus“, der dem Unfug in der Sprache ein für alle mal ein Ende setzte. „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“, lautet darin der erste Satz, und „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, der letzte. Das ist auch meist das, was Allerwelt und seine 17 Geschwister vom Tractatus wissen. Ihr müsst nämlich wissen, mit Wittgenstein ist es ähnlich wie mit Nietzsche. Jede/r hat von ihm gehört und das heißt, jede/r kennt den Kult. Der Kult bei Wittgenstein ist aber nicht Peitsche & Nazischeiße, sondern wie bei der Relativitätstheorie hieß es lange Zeit: Wer den Tractatus (oder die Relativitätstheorie) liest und behirnt, der ist ein Genie! Klar, von da an gab es stets eine Handvoll Streber, die das unbedingt ausprobieren mussten. Aber auch die bissen sich an Sätzen wie „Die Logik muss für sich selber sorgen“ oder „Ich hätte nie Ozeandampfschifffahrtskapitän werden sollen, schon gar nicht in meinen Träumen“ die Zähne aus.

Der Tractatus war im Grunde also ein eher anal fixierter Versuch, endlich Ordnung in dem riesigen und unübersichtlichen Begriffschaos der Philosophie zu schaffen (im Übrigen ein durchaus verständliches Anliegen). Trotzdem war irgendwie klar, dass ausgerechnet ein ehemaliger Nebenerwerbsnacktputzboy das nicht schaffen würde. Das dämmerte schließlich sogar Wittgenstein selbst, und er ließ die Philosophie für Jahrzehnte in der Schublade, um stockschwuler Gymnasiumslehrer zu werden. Das konnte natürlich auch nicht klappen (da hätte er gleich Drahtseiljongleur bleiben können). Jahre später kehrte er der Philosphie daher wieder den Bauch zu und schrieb noch ein Büchlein, die „Philosophischen Untersuchungen“.

Das ist auch nicht einfacher zu verstehen als der Tractatus, aber es war weniger anal fixiert. Darin immerhin erkannte Wittgenstein, dass es okay ist, wenn man mit der Sprache spielt, ungefähr so wie Kleinkinder gerne mit ihrem Gaga spielen. Dass dabei ganz lustige Sachen herauskommen können ist durchaus in Ordnung, und wenn man dazu noch herausfindet, dass der „Gebrauch“ der Sprache mitunter wichtiger ist, als das, was die Begriffe für sich genommen bedeuten, hat man auch was für die akademische Laufbahn gelernt. Die Philsophische Fachwelt war begeistert und Dutzende neue Lehrstühle für moderne Sprachanalytik konnten geschaffen werden. So wurde Wittgenstein auf seine alten Tage noch richtig nützlich für die Menschheit.

Was kann uns Wittgenstein heute noch mit auf den Weg geben?
Wenn ihr ein geniales Jugendwerk schreiben wollt, für das ihr noch Jahrzehnte später als Kultfigur gefeiert werden wollt (und natürlich träumt ihr Streber davon in eurem von Muttern gemachtem Bett), dann berücksichtigt, dass der hermetische Weltbeschreibungsschmäh a là Wittgenstein schon recht abgenudelt ist. Trotzdem schenken wir Euch drei hilfreiche Vorschläge für ein neues Kultbuch. a) der „Tractatus Metereological Abstrusus“: Ihr schreibt ein kurzes Büchlein über die Wettervorhersagen, in dem ihr unter Benutzung des „I Ging“ sämtliche in der modernen Wetterprognose wichtigen Begriffe nach einem völlig neuen Schema anordnet („Die Wetterprognose ist alles was der Niederschlag ist“, etc.) b) der „Tractatus Tractorus Oecologicus“: Ihr zieht euch für einige Monate aufs Land zurück und schreibt in dieser Zeit der zenbuddhistischen Versenkung ein Buch, das die natürliche Ordnung der Dinge beschreibt, dabei aber wichtige Begriffe wahllos durch verschiedene Traktorenfabrikate ersetzt. („Die Natur ist alles was ein Steyr Puch Traktor zerpflügen kann.“ Etc.) c) der „Tractatus Kastratus Vaginagopuss“ Ihr schreibt endlich ein bahnbrechendes Werk über die Logik des Herumfickens. Wie das geht, keine Ahnung, aber auf jeden Fall dürft ihr Euch kein Blatt vor dem Mund (und auch sonst nichts in den Mund) nehmen! („Gefickt werden kann alles, was lebendig ist. (Ja, auch Insekten.)“ etc.).

Das war die 18. Folge unserer Serie „Diverse Philosophen von denen aufgrund des allgemein üblichen Rankingwahns manche als ‚die Größten’ bezeichnet werden, was jedoch in keiner Weise einer philosophischen Herangehensweise entspricht, aber unser Marktingexperte hat uns geraten mit Superlativen um uns zu werfen, sonst interessiert sich ja doch keine Sau dafür“

1 Comment
  • MaZirki

    16. August 2010 at 07:38

    applaus!