Resurrection, Baby!

bristol stool chart 300Ich darf mich kurz vorstellen. Ich bin ein Scheißtrümmerl, Typ 3 nach der Bristol Stool Chart. Das Licht der Welt erblickte ich am 16. Juli 2010 auf einer Toilette des Szenelokals RHIZ. Die Geburt war geräuschvoll, über mir stöhnte und presste ein männlicher Kotbehälter (ich erkannte es an den haarigen Schenkeln und dem schlaffen Gehänge). Nochmals über ihm donnerte eine U-Bahngarnitur über die Stadtbahnbögen, während zugleich Straßenlärm und dumpfe Beats mein noch vor Wärme dampfendes, neues Sein umhüllten.

Ich hatte anfangs keine Orientierung. Die weiße Porzellanhalle mit dem Abführstutzen half mir allerdings ein wenig, die genetischen Erinnerungsfragmente abzurufen, die bei allen Scheißtrümmeln eincodiert sind. Ich wusste, dass ich vorschriftsmäßig auf die Welt gekackt wurde, und nicht etwa im Wald hinter einem Baum verscharrt werden würde, und das heißt, ich wusste auch, dass ich die lange Fahrt durch den großen Kanal der Scheiße noch vor mir hatte. Von meinem Erzeuger habe ich nicht viel gesehen, er war ein dunkles, kleines Loch für mich (mit leichten Anzeichen von allmählich sich entfaltenden Hämorrhoiden übrigens).

Auch nach dem Geburtsvorgang bekam ich seine Frontpartie nur kurz zu Gesicht, wie so viele Menschen schien er nicht näher an mir interessiert zu sein. Er wischte sich beschämt den Arsch und bedeckte meine Existenz mit einigen Blättern des Geburtsteppichs ab (dieser wird in der Sprache der Kotbehälter Toilettenpapier genannt, so viel ich weiß). Ich war erfreut, hieß es doch immerhin, dass ich nicht sans papiers auf die Welt gekommen war, ich war also ein legales Scheißtrümmerl, ein echt österreichisches Produkt – und damit automatisch stolz auf meine Herkunft.

Zu recht übrigens, denn ich war ein durch und durch gesundes Scheißtrümmerl (Typ 3, ich erwähnte es schon), und das heißt, nur echte, gestandene Lebensmittel sind in meine Ursubstanz eingeflossen. Wenige Geschmackverstärker, kaum Chemie, ja, ich vermeinte sogar in mir noch das saftige Grün der Wiesen zu spüren, auf der die Kuh stand, deren Euter gemelkt und deren Milch in Tetrapacks abgefüllt wurde. Jene Milch, die am Ende in den Kaffee wanderte, der zu meiner Erzeugung den allerletzten Schliff lieferte. Mein Vater (jetzt, nachdem ich so viel schon verraten habe, kann ich es gleich frank und frei aussprechen) war eine Tasse Espresso, während meine Mutter ein Kebab vom Naschmarkt war (ein recht fettes Huhn übrigens).

Ich dankte dem Scheißgott (ja, auch wir haben einen) für meine halbwegs anständige Geburt. Natürlich wäre ich lieber als Kind einer Designermahlzeit und eines 12 Jahre alten schottischen Whiskeys auf die Welt die gekommen, andererseits … ich hätte es schlimmer erwischen können. Es gibt keine mickrigeren Scheißtrümmerl als die Salatkinder, wie wir sie verächtlich nennen. Egal. Ich war auf der Welt, ich war gesund, ich war bereit für die Reise. Schon hörte ich das Fluschen der Spülung und der große Strudel der unterirdischen Existenz nahm mich zu sich. Es ging abwärts, Baby!

Finster war es anfangs und natürlich klitschnass. Aber in dieser Nässe fühlte ich mich wohl, denn ich wusste ja, dass ich in dieser Nässe bestens geborgen war. Sie würde das Medium meiner Transformation sein, aber so weit sind wir noch nicht. Erstmal kam ich nach einem strudeligen und schaumigen Intermezzo an die Oberfläche und fand mich sofort in bester Gesellschaft wieder. Ich war in einem der großen Zuträgerkanäle angekommen, dort wo die große Abfallparty auf halber Flamme lief. Überall schwammen tratschende Scheißtrümmerl herum, manche tanzten zum Rhythmus der Pumpanlagen, andere schlossen sich zu Scheißklumpenvereinigungen zusammen, meist die ganz Braunen, die fühlen sich einfach besser im Verbund.

Es gab ein paar unschöne Szenen am Rande. Ein blutiges Tampon wollte mittanzen, wurde aber nicht gelassen, weil es kein reinrassiges Verdauungsprodukt war. Ein Kotzfleck prügelte sich mit einem Dünnpfiff wegen einem Hundstrümmerl, bis das ganze Rohr die beiden Perverslinge verjagte. Mir wurde das zwischendurch zu bunt und ich ließ mich in einen kleinen Nebenkanal treiben, wo ich ein Bad in warmer Pisse nahm und mir danach den Rücken von ein paar philippinischen Typ 5 Trümmerlnutten massieren ließ. Ich war zufrieden und dachte: „Was für ein Scheißleben!“

Natürlich dauerte es nicht lange, als auch schon ein Priestertrümmerl vorbei kam und mir Schuldgefühle einreden wollte. Sicher hätte ich gesündigt und wenn ich Wert legen würde auf ein beschissenes Leben nach dem Scheißtod, dann solle ich mich Scheiße noch mal zur einzig wahren Scheißreligion bekehren. Ich versuchte erst gar nicht mit ihm zu diskutieren, war auch nicht notwendig, denn der Priester entdeckte ein paar minderjährige Scheißtrümmerl – und weg war er.

Weg war ich aber kurz danach ebenso, denn die Strömung wurde stärker und eine an mir vorüberzischende Typ4 (sehr fesch übrigens, in die hätte ich mich glatt verlieben können) rief mir zu: „Da vorne ist es! Die Haide! Die mythische Haide! Ressurection, Baby!“ Ich war ein wenig entsetzt und dachte: „So schnell schon?“ Denn ich wusste ja nicht, dass unsere Lebensdauer gar so bescheiden ist. Zufällig kam das Priestertrümmerl wieder vorbeigeschwommen und feixte: „Na, machst du dir schon ins Hemd?“ Ich war sauer und schrie zurück: „Ich bin vielleicht Scheiße, aber anscheißen tu ich mich nicht!“

Dann kam das große Glubb. Wir wurden aufgeschwemmt und strandeten in einem Becken, wo das vorher so gemütlich stinkende Wasser plötzlich eng und zwickend wurde. Ich spürte, wie ich mich in meine Bestandteile auflöste – und dann kam ein rotierendes Gestänge, das mich in mehrere Teile zerpflückte. Der Arsch der feschen Typ 4 wirbelte an mir vorbei und rief: „Na, jetzt schauen wir aber schön aus. Aber keine Angst, ist alles Teil des Plans.“ – „Welcher Plan?“, wollte ich noch zurückbrüllen, aber meine Scheißstimme versagte … und ich spürte, wie meine echte, meine wahre Wiedergeburt begann. Ich hörte auf ein Scheißtrümmerl zu sein und wurde Teil des großen Ganzen! Ich wurde Eins mit der unermesslichen Armee des Kots, ich wurde Teil der großen Kacke, ein Humuspadawan, ein Pilger des großen Kreislaufs, ein Stuhlsamen.

Manche Scheißtrümmerl behaupten ja, dass man als Teil des großen Ganzen im Grunde trotzdem tot ist. Mit der Individualität ist es vorbei, einen vernünftigen Gedanken kriegt man auch nicht mehr auf die Reihe. Es bleibt nur noch ein diffuses Wissen darüber, dass man als Klärschlamm weiter existiert, bald danach als Humus auf den Feldern landet und auf diese Weise an der großen Metamorphose teilnimmt … sprich: am Ende wieder zum Nahrungsmittel wird. Darum auch wissen alle Scheißtrümmerl stets, dass sie Scheißtrümmerl sind. Weil sie es vorher schon waren, und davor und wieder davor. Der ewige Kreislauf des Lebens eben. Ein Scheißleben, wenn sie mich fragen.

Jedenfalls. Davon wollte ich ihnen erzählen. Dieses eine Mal nur. Nicht, dass ich glaube, dass ich deswegen ein besseres Scheißtrümmerl als andere wäre, nur weil ich ein beschissener Autor bin … aber ich wollte Euch Kotträger diese Kunde mit auf den Weg geben. Denkt an uns und an den großen Kreislauf des Lebens, wenn ihr das nächste Mal auf die Toilette geht. Denkt daran, dass das, was ihr da unten rauskackt, letztendlich, über kurz oder lang, auch das ist, was vorher oben reingekommen ist.

Eine (anonyme) Kotbrezel

PS An dieser Stelle müssen wir natürlich Josef Hader für die ursprüngliche Idee danken … lange hat’s gedauert, aber man ist ja nicht immer in einer Scheißstimmung …

1 Comment
  • MaZirki

    21. Juli 2010 at 05:54

    Herrgott, schau obe!