Philosophisches Sommerloch

philosophie 17 bergson 300Henri Bergson war einer der ersten Modephilosophen. Das stimmt so nicht ganz. Eigentlich war (wenn überhaupt!) Nietzsche der erste, aber dort haben wir etwas ganz anderes geschrieben, also behaupten wir das einfach für Bergson.

Man darf sich das ruhig wie eine richtige Mode vorstellen. Irgendwann trugen die Menschen Bermudashorts oder kleine Buttons auf ihrem Revers, und zwar nicht, weil es eine Notwendigkeit dafür gab, sondern weil es gerade „in“ war. In den 1920er und 1930er Jahren war Bergson wahnsinnig „in“. Man saß in einem hübschen Café in Paris, ein Buch von Bergson in der Coco Chanel Umhängetasche (okay, die wurde erst Jahrzehnte später „chicque“) und plauderte naseweis, dilettantisch, leidenschaftlich oder gelangweilt über den „élan vital“, über unser Zeitverständnis oder über die Intuition als Methode. Ja, wirklich, das war allgemeines Gesprächsthema. Es gab Zeiten, da redeten Leute über Philosophie. Im Café, im Wirtshaus, überall. Gut, das ist zwar heute unvorstellbar, aber sooo toll wiederum auch nicht.

Man könnte, wenn man total versessen ist auf billige Aha-Erlebnisse, die Theorie aufstellen, dass Philosophie (erfolgreiche Philosophie jedenfalls) stets modisch war, sprich: dem jeweiligen Zeitgeist folgte. Aber diese Theorie würden wir maximal als Dissertation an der Heidelberger Uni einreichen, die übrigens einen wirklich sehenswerten Campus hat. Und nicht nur das, dort tummeln sich äußerst hübsche, deutsche Studentinnen, was wirklich überraschend ist. Es muss also nicht immer Paris, Stockholm oder Barcelona sein, auch in Heidelberg lässt es sich als fauler, chauvinistischer Philosophiestudent durchaus leben … Wo waren wir? Ah, Bergson und seine modische Lebensphilosophie. Ja, es war wirklich erstaunlich, dass der Mann einst so erfolgreich war, denn sein Werk taucht heute in nahezu jedem philosophischen Kontext, sei es in akademischen Kreisen oder bei Hobbyphilosophen, nur noch als Randnotiz auf. Zum Vergleich: Über Nietzsche streitet man noch heute, selbst Schopenhauer hat noch ein paar Fans, aber Bergson … der Mann war wirklich eine Art Sommerloch der Philosophie.

Der zeitgeschichtliche Sommer, in dem Bergson zum Loch wurde, war geprägt von Nachkriegswehen und Industrialisierung. In der Philosophie selbst tauchten die ersten Sprachzampanos und Mathematikfreaks auf (Wittgenstein und Carnap, um ganz gelehrig zwei Namen einzustreuen), und die Akademiker stritten sich nur noch um Detailfragen. Mit einem Wort, die Philosophie in dieser Zeit wurde immer technischer bzw. „mechanistischer“. Also staubtrocken. Da kam Bergson gerade recht, denn erstens konnte er wirklich gut schreiben (er ist der einzige Philosoph, der den Literaturnobelpreis bekam), und zweitens hatte er entzückende Themen. Bergson schrieb über den Lebensschwung, über Freiheit und Spontanität, über das innere Vermögen des Menschen. Darüber, dass der Mensch nicht ist, sondern erst wird, dass es den Blick auf das Ganze benötigt, dass man das Denken und die Seele des Menschen nicht auf reine Funktionalität reduzieren kann und last, but not least, über die Intuition als Methode.

Richtig, das klingt wie das Geschwafel, das man heutzutage bei jedem drittklassigen Firmenseminar als Feng Shui für Manager serviert bekommt. Aber dafür kann Bergson nichts, denn erstens war er der Erste, der diesen fernöstlichen Ganzheitskäse importiert hat (der für sich genommen nicht so schlimm wäre, wenn wir ihn nicht dauernd von Leuten zu hören bekämen, die ganz etwas anderes damit im Sinn haben), und zweitens wird das fast nie gewürdigt, also hat Bergson ohnehin nichts davon (und erst recht nicht seine Erben … was könnten die an Tantiemen verlangen!)

Was kann uns Henri Bergson heute noch mit auf den Weg geben?
Herzlich wenig, wie ihr gerade mitbekommen habt. Aber die Lektüre von Bergson ist auch heute noch „befruchtend“. Man schlägt ein Büchlein von ihm auf, liest ein paar Zeilen, kommt auf ganz andere Gedanken oder denkt sich, also so kann das gar nicht stimmen, das ist alles gaaanz anders, und schon ist man bei den großen Irrtümern der Menschheit, beim dritten Weltkrieg oder bei den Sachen, die man unbedingt noch erledigen müsste. Also … eine wirklich befruchtende Lektüre auch heute noch …

In der nächsten Folge klettern wir dann mit Wittgenstein auf eine Leiter und wenn wir oben sind, oh Schreck, entdecken wir, dass unter uns gar keine Leiter war …

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