philosophie xiii

philosophie 13 fichte schop 300Johann Gottlieb Fichte und Arthur Schopenhauer

Johann Gottlieb Fichte und Arthur Schopenhauer haben auf den ersten Blick gar nichts miteinander gemeinsam. Eigentlich auch auf den zweiten Blick nicht. Und auf dem dritten Blick erst … na, wir wollen es nicht übertreiben. Jedenfalls: Fichte war ein ganz schlimmer Finger unter den deutschen Idealisten, eigentlich der erste, und irgendwie auch der Schlimmste. Für ihn bestand die Welt nur aus einem Begriff, das „Ich“. Alles andere war das „Nicht-Ich.“ Darum auch lautete der zweite Grundsatz seiner Wissenschaftslehre tiefschürfender Weise: „Ich ist nicht Nicht-Ich.“ (Mhm. Ich weiß genau, was ihr jetzt denkt. Übrigens auch, was ihr letzten Sommer gedacht habt.) Schopenhauer hingegen wurde dafür bekannt, dass er die Welt als Jammertal bezeichnete. Nach Schopenhauer gibt es gar keinen festen Boden unter unseren Füßen, denn alle Städte und Täler sind überflutet von unseren Tränen. Darum können wir uns praktisch nur auf mitleiderregende Weise (vermutlich in lecken Booten) fortbewegen.

Aber noch mal kurz zurück zum Anfang. Was Schopenhauer und Fichte verbindet, ist eine Unsitte, der schon viele Philosophen vor ihnen und auch nach ihnen verfallen sind, die aber niemals so arg war wie zu Zeiten des deutschen Idealismus (und das obwohl Schopenhauer die Idealisten, insbesondere Hegel gehasst hat). Es geht um die Begriffsgläubigkeit. Zu glauben, dass man nur den richtigen Begriff finden muss, um eine Erklärung für alle Dinge zu finden. Für gläubige Menschen ist das etwa der Begriff „Gott“ (oder auch das „Schicksal“), profanere Naturen sprechen lieber vom „Zufall“ und an vielen Stammtischen ist dieser Begriff meist eine Floskel, die jeder kennt: „Es ist alles so kompliziert.“ Ganz schlaue Philosophen bezeichnen das als metaphysische Schlussformel, quasi der Versuch, die Matratze, auf der wir den Handstand unseres Denkens vollführen, als unhintergehbar (absolut, endgültig, allumfassend) zu bezeichnen. Das geht natürlich nicht. Denn hinter jeder Antwort steht immer noch eine Frage. (z. B. „Wos wüst, Oida?)

Schopenhauer glaubte, diese Schlussformel im Wort „Wille“ gefunden zu haben (darum: „Die Welt als Wille und Vorstellung“). Im Willen findet sich für ihn nicht nur die Essenz des menschlichen Wesens, sondern auch die der Natur bzw. Gottes. Alles keimt aus dem Willen. Fichte hingegen war ganz scharf auf das Wörtchen „Ich“, vermutlich deswegen, weil es in seinem Namen vorkam (irgendwie recht egomanisch der Typ). Fichte trieb diese Begriffsspielerei übrigens so weit, dass er sich vor lauter Ich’s in seinem Werk gar nicht mehr auskannte und am Ende doch Gott zum Obermacker ernannte. Tja. Vermutlich hat ihm seine Frau erklärt, dass er sein Ich endlich mal in die Küche schwingen soll, um den Abwasch (Nicht-Ich) zu erledigen. Fichte darauf: „Oh, Gott!“

Was können uns Schopenhauer und Fichte heute noch mit auf den Weg geben?
Gar nichts. Also wirklich. Null. Niente. Nothing. Aber … wir können aus ihren Fehlern lernen. Ein Jammer allerdings, dass wir damit ganz alleine sind. Denn was Fichte und Schopenhauer verbrochen haben, das ist genau das, was alle dahergelaufenen Mentaltrainingsfuzzis, alle abgehalfterten Karriereberater, alle schlecht bezahlten Unternehmensberater und alle selbsternannten NLP-Koryphäen nach wie vor praktizieren. Deren Weisheit besteht auch stets darin, für eine Handvoll banale Erkenntnisse eine Handvoll trendiger Keywords und Phrasen zu finden, die sie dann als der Weisheit letzter Schluss verchecken. Ja, das funktioniert meist auch. Am besten vor zahlendem Publikum. Genau darum hatte Schopenhauer doch ein wenig recht … die Welt ist ein Jammertal.

Nächste Woche lernen wir Herrn Hegel kennen. Und auch einen gewissen Herrn Anti-Hegel. Und dann noch den Herrn Synthie-Hegel. Der spielte Keyboard in einer Progrockband Mitte der 1970er, die heute zum Glück keine Sau mehr kennt.

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