Ich wollte doch nur die Wahrheit…

Die Abendsonne steht heute tiefer als sonst, ächzt ein alter Mann, der vermutlich in 10 Minuten von einer Schwester in die Pathologie geschoben wird, als mein Blick aus dem Fenster des Wilhelminenspitals im Wiener 16. Bezirk zurück in das karg ausgestattete Notaufnahmezimmer schweift.

Er ist mehr als ein Kollege, ein Freund, dass haben wir schon immer gewusst, sagen heute so viele Mitarbeiter der Hydra. Wieso aber musste es so weit kommen, dass Piotr Restmanner (Name geändert), einer der, nein der begabteste Grafiker in Europa, sein Leben für ein lausiges Satiremagazin auf’s Spiel setzt?

Rückblick:
Als andere Menschen schliefen, ging P. wie jede Nacht im Auftrag der Hydra auf Promotour. „Ja, ich mach das gerne. Wie soll ich sonst mein Boot bezahlen“, rief er damals in der Redaktionssitzung, um seinen großen Fuß, ja sein Leben auf großem Fuß, bezahlen zu können.

Es ist eine laue Frühsommernacht als unser begabter Grafiker, guter Freund, toller Bruder, hinreißender Sohn, leicht wohlbeleibter Enkel und noch vieles mehr, vom Alkohol intoxikiert, den Heimweg antritt. Was wir heute wissen ist, dass er seine Wohnungstür in dieser Nacht nie erreichen soll.

Piotr Restmanner ist für seine Penetranz in der Szene bekannt. In dieser Nacht fiel ihm die Arbeit im Auftrag der Hydra etwas schwerer. Schon im letzten Jahr, stieß er auf Unverständnis, als P. einem Unbekannten den Flyer für die Hydra Party gab. „Also ich, ich könnte das nicht“, sagt ein Kollege aus der Redaktion, womit er die Hartnäckigkeit in der Arbeit von P. anspricht. Was dann geschah, kann P. nicht mehr erinnern. Auf jeden Fall ging er diesmal wohl etwas zu weit.

Um 4:08 in der wie oben erwähnten lauen Frühsommernacht, klingelt das Telefon der Polizei mit einen Anruf von P. Das ist wohl sein letzter Anruf, denkt sich der Herr Wachtmeister D. „Joa i… i… hob an zuerst goar net vostoandn, bis i gwusst hoab… des… des is woas Schlimmes“, erzählt Wachtmeister D, der noch immer unter Schock steht. Mit Blaulicht und Martinshorn erreicht D. den regungslosen P. wo es immer noch nach Gewalt und Blutrünstigkeit riecht, erinnert sich der Herr Wachtmeister.

Als D. seine Uniform lockert, um den ohnmächtigen P. wiederzubeleben, zeigt sich sein Kollege A. einfühlsam: „Wachtmeister D. ist ein erfahrener wiener Polizist, der seinen Job liebt“, flüstert er dem Hydra Redakteur, der an einen gefallenen Soldaten erinnert, ins Ohr. Mit blutüberströmter Uniform trägt Wachtmeister D. den Verletzten in den Rettungswagen, welcher ihn in das Wilhelminenspital fährt.

Der Oberarzt weist mich vor dem Eintreten in das Schreckens-Zimmer,  der Halle des Leids, dem Nirvana des Schmerzes darauf hin, dass das Opfer sehr schwer verständlich sei: „Es müssen zehn, nein hunderte gewesen sein, die sein Kauwerkzeug dermaßen entstellt haben“. Ich schlage im Lexikon nach, um das medizinische Kauderwelsch zu entschlüsseln. Oberarzt K. dreht sich weg und holt erneut aus: „ach was sag’ ich, tausende…“

Als ich in das Zimmer der Station E (Station Emil) komme, ist das Leid der Menschen größer, als was richtig Großes. Zusammengekauert auf 12 qm, liegen 3 Menschen, dessen Anblick wohl mehr schmerzt, als ihr Nahtod selbst. Beim dritten Bett, hinten in der Ecke, ist es still. Das EKG piept in regelmäßigen Abständen, was wie eine Sinfonie anmutet, die irgendwann ein Ende hat. P. liegt einfach nur da, bis er den Kopf leicht dreht, um ein Zeichen des Lebens zu geben. „Ich wollte das alles nicht“, versucht der Hydra-Redakteur P. dessen Gesicht wahrlich bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert ist, mit letzter Kraft zu sagen. „Sie kamen einfach von hinten und haben mich niedergeschlagen, alles genommen. Ich habe nichts mehr“, fügt P. hinzu. Ich halte seine Hand in der Hoffnung, dass ich mich setzen kann.

In seinen Ausführungen klingt es beinahe so, als wäre er ausgeraubt und niedergeschlagen worden. Was davon wohl stimmen mag, bleibt bis zur Aufklärung der Umstände offen. Zurück bleibt die Erkenntnis, dass es ein Stück mehr sein muss, als nur Selbstaufgabe für ein Satiremagazin. Wer jedoch macht nun das Layout für die nächste Ausgabe, wer verteilt die Flyer so gut wie er? Ob er jemals wieder für die Hydra arbeitet, ist nur eine, von vielen offenen Fragen.

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