die großen parkbänke unserer zeit

philosophie 11 jjr 300Jean-Jacques Rousseau

Jean-Jacques Rousseau hatte die Natur sehr, sehr lieb. Immer wieder rief bzw. schrieb er: „Zurück zur Natur!“ Aber das tat er meistens in einer kleinen, stickigen Schreibkammer, denn der Mann kam eigentlich kaum raus in die freie Natur, er hat immer nur geschrieben. Nicht nur Philosophie, sondern auch elendslange Romane (z.B. „Emil oder die Erziehung“) oder eine noch elendslängere Autobiographie („Bekenntnisse“). Laptops (und Facebook) gab’s damals noch nicht, also musste er sich die Finger wund schreiben mit klecksenden Straußenfedern. Am Ende saß er dann alleine da, die Finger taten ihm weh und waren schmutzig, und er konnte gar nichts mehr machen damit. Dabei hätte er so gerne, nur ganz kurz, ist eh niemand da, psst,  still und heimlich, unter der Bettdecke …

Die Sache war nämlich so. Rousseau war ein bisschen ein Muttersöhnchen, der aber gerne ein harter Kerl gewesen wäre. Daraus hat er sich eine kleine Philosophie gebastelt. Die Vernunft und die Wissenschaft verweichlichen den Menschen, verformen ihn wider seine „Natur“. Streng muss er erzogen werden, damit er nicht degeneriert, sondern den Atem der „Natur“ wieder fühlen kann. (Ja, so etwas hörte man damals gerne.) Nur kam zwei Jahrhunderte ein anderer Philosoph namens Jacques Derrida, der sich den Spaß machte, das, was Rousseau über die Natur, die Gesellschaft und den Ursprung aller Dinge schrieb, mit dem zu vergleichen, was er über seine Mami und vor allem übers Onanieren schrieb, und, oje, ihr könnt euch vorstellen, wie das ausging. Da gab es ganz üble Parallelen.

Das war gemein von diesem Derrida (keine Sorge, der kommt auch noch dran in dieser Reihe), aber was Derrida eigentlich zeigen wollte, war, dass es kein sogenanntes kausales Denken gibt, also zumindest keines, das mit mathematischer Präzision funktioniert. Sondern es menschelt in jedem noch so streng, stringent oder folgerichtig anmutenden Gedankengang. Aber Derrida wäre nicht einer der am schwierigsten zu verstehenden Philosophen, wenn es das alleine schon wäre (oje, jetzt wird’s kompliziert). Derrida wollte darüber hinaus zeigen, dass das nichts mit einer Verpsychologisierung des Denkens zu tun hat, sondern dass das sprach- und schriftimmanent ist. Mit anderen Worten, unsere Sprache (und ein anderes Werkzeug zum Denken haben wir nicht) nährt sich aus subjektiven, schwammigen („parasitären“) Bedeutungen. Sobald wir mehr sagen als 1 + 1 = 2, stehen wir schon knöcheltief in der Subjektivität.

O.k., das war jetzt sehr theoretisch. Wie war das nochmals genau bei Rousseau? Leider auch sehr kompliziert, aber sagen wir mal, dass Rousseau oft und gerne darüber schrieb, dass man irgendwie zurück zur „Natur“ müsse, weil diese der Ursprung sei, aber eigentlich soll man nicht zurück zum Ursprung, weil sich der Mensch ja weiter entwickeln soll. Und weil das irgendwie alles unmöglich ist, hat man es die ganze Zeit mit „Ersatzhandlungen“ zu tun (Reflektieren, Denken, Vernunft), die versuchen, diese Ursprünglichkeit herzustellen. (Klingt das wie ein Haufen Hühnerkacke? Na ja, ist halt Philosophie). Nun, jetzt ersetzt „Natur“ mit „Mama“ und „Ersatzhandlung“ mit „Onanieren“. Dann wisst ihr ungefähr, worauf Derrida hinweisen wollte.

Was kann uns Jean-Jacques Rousseau heute noch mit auf den Weg geben?
Dieser arme Mann! Einst eine Kultfigur, ja, ein Leitstern für Philosophen und Pädagogen – und heute das. Aber genau das ist die „Lehre“. Wenn man Aussagen wie „Zurück zur Natur!“, „Rettet die Wale!“ oder „Fickt das System!“ auf den Lippen hat, sollte man nicht ins nächste Kämmerchen flüchten und einen klugen Text darüber schreiben, sondern es einfach machen. (Ja, auch das mit dem System. Tut es einfach!) Andernfalls schwafelt man nur daher … und es dauert nicht lange,  bis so ein Pedant wie Jacques Derrida kommt und aller Welt beweist, dass man gar nicht über die Natur, die Wale oder das System geplaudert hat, sondern über intime Gewissensbisse, die man zu einem riesigen Gedankengebäude aufgebaut hat … au Backe, was für eine traurige Lektion fürs Leben. Na ja, die Philosophie ist halt nicht immer heiter.  (Und bedenkt, heute hat sie wirklich einen mächtigen Kater.)

Nächste Woche besuchen wir den Alleszertrümmerer. Aber wir müssen uns beeilen, denn Immanuel Kant war Zeit seines (akademischen) Lebens nur von 16.33 Uhr bis 16.37 Uhr ansprechbar. Den Rest seines Tages hat er ausschließlich Mantarochen dressiert.

1 Comment
  • MaZirki

    20. April 2010 at 03:12

    Herr Cuisine! DAS hat sich M.Rousseau nicht verdient. Sie füllen die Blutwurst verkehrt. Erst war die Natur, dann der Mensch und der Naturzustand nie.
    Sonst? Gran-di-os!