DIE SCHAM UND DER SCHMERZ. EIN ESSAY ÜBER EVA KIEL UND DIE SKANDALFEIER.

eva kiel heult 260Eva Kiel sitzt auf einem schlichten Holzstuhl, ihre Augen sind ausdruckslos , sie stiert ins Nichts. Scham und Schuld prägen Gestik und Mimik dieser Frau, wie ein Münzpräger seine edelste Münze. Eva Kiel wirkt, als wolle sie vergessen. Vergessen was im Roten Bogen war. Nach berührenden Minuten des Schweigens bricht die Chefredakteurin der HYDRA ebendieses und beginnt mit gläserner, vom Alkohol angegriffener Stimme zu parlieren: „Ja, die Stimmung war teilweise ausgezeichnet. Ich weiß auch nicht. Ich wollte das alles nicht …“ Sie bricht ab und unvermutet in Tränen aus, kurz darauf schmeißt sie sich schluchzend um meinen Hals. Ich versuche sie zu beruhigen.

Eva Kiel ist Medienprofi; nach wenigen Minuten hat sie sich bereits wieder vollkommen unter Kontrolle und führt weiter aus:  „Verstehen sie mich bitte nicht falsch, aber der Spaß und die Freude, das alles kam so schnell … natürlich hätten wir am liebsten einen endlos langweiligen Abend in einem abgedunkelten Keller verbracht, am besten ohne Freunde. Doch es kam eben anders.“ Ihr Blick schweift umher, als suchte sie irgendwo Halt. Halt den sie nicht findet, nicht finden kann. Eva Kiel ist eine Kämpferin, sie weiß was an diesem Abend geschah und sie steht dazu: „Dieses Lachen, die ganze Zeit dieses Lachen … und diese Freude. Wir waren schlichtweg ohnmächtig, konnten uns nicht wehren. Natürlich schämen wir uns alle zutiefst, das ist doch klar. In Gedanken sind wir bei all den Menschen die wir durch unser schändliches Verhalten verletzt und in ihrem tiefen Urglauben an das Ehrenhafte im Menschen erschüttert haben. Wir wollten es wirklich nicht, wir hatten tatsächlich einen saulangweiligen, ja stinkfaden Vereinsabend geplant. Oh Gott, ich fühle mich so schuldig …“

Nachdem diese Worte den Mund der Profi-Medienfrau Kiel verlassen haben, lässt sie sich auf den Boden plumpsen und zieht – noch im Fallen – einen grotesken Rosenkranz aus ihrem abgenutzten Strickjäckchen. Sie beginnt zu beten. Angesichts dieses Ausmaßes an tiefer, gelebter Religiosität und unbändiger Reue läuft mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ich beschließe zu gehen, verabschiede mich mit leisen, kaum hörbaren Worten des Grußes. Sie nimmt mich nicht mehr wahr. Ich lasse diese gebrochen Frau so zurück wie ich sie vorgefunden habe. Im fahlen Neonlicht eines Substandard-Verlieses in der Vollzugsanstalt Wien Josefstadt liegend. mtrl

1 Comment
  • cosima

    8. November 2009 at 11:30

    hell, yes! so habe ich auch empfunden. eine schande, diese höllenfete! ebendort sollt ihr brennen dafür, dass ihr mir einen abend des entzückens geschenkt habt. ihr und eure verdammten djs, eure brustwarzendrücker, euer heimtückischer bierwürfel und das ganze drumherum. wann ist die nächste fete, ihr gottlosen prediger des fun?!?!?