DER GEORDNETE RÜCKZUG – EIN AUGENZEUGENBERICHT VOM NIEDERGANG DES INTERNET

MCGP in dürreren Jahren

MCGP in dürreren Jahren

Matthieu Corazon Gonzales Pimmel ist ein durchschnittlich unattraktiver Hengst in noch nicht dem Alter, in dem einem Vorsprünge aus den Lungenflügeln wachsen, trotzdem aber unendlich fett. Rein gar nichts deutet darauf hin, was dieser Mann zu sagen hat und was er äußern wird. Außer seinem Pimmel. Dieser liegt nämlich da und deutet mit äußerst schlecht verstecktem Stolz auf einen riesenhaften Computer-Flatscreen von den Ausmaßen eines Bienenstockes.

Corazon Gonzales Pimmel hebt an um zu reden, das Vibrato seines Basses versickert jedoch bereits im gut gepflegten Oberlippenbart. Nun kratzt er sich lang und ausgiebig an seinem Bienenstock (Name von der Redaktion geändert), ich sehe fassungslos zu. Dann endlich: „Facebook ist im Begriff zu sterben. Nicht nur das. Bald ist auch das Internet passee. Also ich sag’s Ihnen gerade heraus: das Internet, das war einmal.“ Ich lasse diese Aussage auf mich wirken, sauge die Information begierig in mein Inneres auf.

Und weiter: „Wir sehen wie die User, also die Menschen meine ich, wie die User alles aufgeben was sie mal im Internet hatten. Myspace, facebook, youporn Premium account… alles Vergangenheit. Das Interessante daran: Die lassen nichts zurück.“ Der bedeutungsschwangere, unendlich müde Blick Corazon Gonzales Pimmels lastet auf mir wie ein gut vier Meter langes Stück Fleisch. Worauf will dieses Superhirn bloß hinaus? Eine Assistentin erscheint in diesem Augenblick und nimmt ihm mit Hilfe einer Gefahrengut-Zange seine vom Schweiß bereits nahezu vollständig zersetzte Plastikbrille ab.

„Sie lassen nichts zurück sagte ich und meinte damit: beinahe alle User löschen ihre Daten besonders sorgfältig. Die Fotos von der Tochter mit dem Nachbarsdackel, mit der Nachbarskatze und mit dem Nachbarn selbst … ach du heilige Scheiße, sie wissen ja gar nicht was da alles verlorengeht.“ Der – realistisch betrachtet – unendlich fette Kotzbrocken tippt sich mit dem aufgeblähten Zeigefinger an die Stirn. „Andererseits gefällt mir das, diese Disziplin! Wir Experten haben an diesem Tag, also heute, etwas weniger als vierzehn private Nacktfotos gefunden. Im ganzen Internet. Hätten Sie sich das noch vor 20 Jahren vorstellen können?“

Ich denke an meinen Wandschrank voll mit VHS-Pornos und knicke innerlich zusammen, wie ein Origami unter einem vier Meter langen Stück Fleisch. „Und nicht nur das. Im Internet ist auch sonst fast niemand mehr. Heute waren 93 Menschen online, 81 davon allein wegen World of Warcraft, und das auch nur um sich für einen gemeinsamen Termin zum Massensuizid zusammenzusprechen.“ Ich erzittere vor Ehrfurcht. Internet. Das klingt so ähnlich wie Internat, und doch … ganz anders. Es prägte unser aller Leben. Und nun? Einfach weg? Einfach so?

Wahlspanier Corazon Gonzales Pimmel öffnet sein vom Schweiß zersiebtes Übergrößenkarohemd und deutet auf eines der vielen Härchen auf seinem Fettbauch. „Sehen Sie dieses Haar?“ fragt er. Ich nicke. „Das ist das Internet.“ Er reißt es aus. „Jetzt ist es weg.“ Von solch überbordender Anschaulichkeit übermannt, muss ich an meinen Goldhamster Goldi denken und ringe mit den Tränen. „Schauen Sie. Im Internet, da wird jetzt auch nichts mehr kommen, da erholt sich gar nichts mehr. Der Zuckerberg wird’s mit sich selbst als einzigem noch auf facebook verbliebenen Menschen nur mehr höchstens drei, vier Stunden online aushalten. Dann ist er raus. Das war’s dann.

Die User verhalten sich hier ganz ähnlich wie ein hoch organisierter Ameisenstaat der seine Königin im Bau zurücklässt, damit diese nach Strich und Faden vergewaltigt werden kann. So will es die Natur.“ Mein Gegenüber blinzelt, ejakuliert rasch und sauber auf den Fliesenboden, ich träume mich hinweg, ganz weit fort. Seine Stimme holt mich zurück: „Seien Sie unbesorgt. Dass kein Datenmüll, keine Reste, rein gar nichts Kompromittierendes vom Internet übrigbleibt….all das lassen Sie unsere Sorge sein.“ Jetzt läutet das Telefon. Er schwingt seine Fettpranke nach dem Hörer. Kurzes Lauschen seinerseits. Dann: „Zuckerberg ist draußen. Ok. Wir schalten den Scheiß jetzt ab.“

Er schüttelt mir rasch die Hand und verschwindet gleich darauf in seinem Pappkarton um ein Mittagschläfchen zu halten. Die Reinigungskraft erscheint und drückt bei der Internetmaschine im hinteren Bereich seines Büros auf den Aus-Knopf. „Das war’s dann wohl“ sage ich mir leise und setze meine Schritte ins pralle Licht der Mittagssonne. Mein Kopf tut weh. mtrl

Anm. d. Red.: Irrtümlich haben wir ein Foto von Owen Pallett ((c) Ryan Pfluger) für Matthieu Ähm Irgenwas Dings ausgegeben. Beide Herren haben aber keinerlei Ähnlichkeiten miteinander – abgesehen vom formidablen Weitblick.

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