Jörg 4 Kidz

mustard joergDas „Faszinosum Haider“ gedeutet aus der Sicht der Spatzipost. Zum ersten Todestag von „Landesvater“ Jörg Haider erscheinen allerorts Würdigungen, Erinnerungen und natürlich Verklärungen. Niemand aber macht sich die Mühe, jungen Menschen, die den größten Landeshauptmann aller Zeiten nicht mehr so richtig mit erlebt haben, zu erklären, was eigentlich so faszinierend an Jörg Haider war. Wie gut, dass es die Spatzipost gibt.

 Heute, vor zwei, drei Jahren. Deine Eltern sind umgezogen, und du kommst in eine neue Schule. Am ersten Schultag, in der großen Pause, gehst du durch den Schulhof. Immer schön vorsichtig, denn du willst erst mal herausfinden, wie die Dinge hier laufen. Du bist kein großer Held, kein Anführer, sondern eher ein Schäfchen wie die meisten anderen. Du willst bloß wissen, wie der Hase läuft, wo die größten Fettnäpfchen lauern und wo man vielleicht sogar ein bisschen was für sich selber rausschlagen kann. Denn wie das Spiel läuft, das hast du schon herausgefunden. Auf den Kopf gefallen bist du ja nicht.

 Auf der Bank hinter dem Klettergerüst etwa sitzt der Josef. Er ist ein bisschen fester, hat schütteres Haar und hübsche Pausbacken. Ein paar Burschen hängen bei ihm rum. Sie teilen ihre Jause mit ihm, sprich: er kriegt was von den anderen ab. Sein Vater, erfährst du schnell, kennt den Schuldirektor. Außerdem ist sein Onkel bei der Raiffeisen und alle Kinder, die vom Land kommen, müssen ihn respektieren. Das haben ihre Väter ihnen eingebläut. Charisma hat er nicht viel der Josef, aber eben: Was er hat und was er ist, das erschließt sich erst durch einen Blick hinter die Kulissen.

Dann gibt es den Werner. Der ist der beste Freund vom Hans, der die Schülerzeitung herausgibt. Rein zufällig arbeitet der Papa vom Hans auch bei einer Zeitung, darum darf der Hans manchmal auch schreiben, was den Lehrern nicht passt. Was er dann meistens nicht tut, aber androhen kann er es ja. Der Werner hat sehr schnell gemerkt, dass das gar nicht so blöd ist, dass man ganz schön punkten kann, wenn man den Lehrern mit der Schülerzeitung droht. Darum ist er der beste Freund vom Hans (der aber nicht so blöd ist, es sich nur mit einem Jungen gut zu stellen). Und darum hängen auch ein paar Leute beim Werner rum. Auch da würde man am ersten Blick gar nicht verstehen, warum der Werner nicht alleine in einer Ecke hängt und traurig an seinem Jausenbrot kaut. Ist ja nicht viel dran am Werner …

Mitten am Schulhof stolziert der Heinz-Christian. Der ist dir eigentlich gleich aufgefallen. Er ist der lauteste hier. Um ihn herum ein Rudel von bulligen Typen, die ihn ganz toll finden, obwohl er eigentlich nur ein präpotenter Rüpel ist. (So dein erster Eindruck zumindest.) Er lässt markige Sprüche vom Stapel, winkt allen zu, auch denen, die ihn niemals grüßen würden, und am liebsten plaudert er mit den dümmsten Mädchen im Schulhof. Das sind auch die einzigen, die nicht gleich davon rennen. Der Heinz-Christian kennt eigentlich nur ein Gesprächsthema, das er in allen möglichen Variationen wiederholt. Nämlich den Ahmed, den Igor und die Fereshta, die auch in deine neue Klasse gehen. Dauernd hänselt er die Drei und erklärt den anderen, dass das eigentlich gar nicht geht, dass die auch in der Klasse sind. Aber eigentlich würde ihm keiner zuhören, aber seine bullige Leibgarde rempelt alle an, die nicht gleich blöde zustimmend grinsen. Auch Mädchen übrigens, die kennen da nichts. Letzte Woche hat sich die Doris eine blutige Nase eingefangen. Na ja, ist halt eine Schlägertruppe, die gibt’s in jeder Schule.

Irgendwo in einer Ecke sitzen noch die Eva und der Michael und streiten die ganze Zeit. Die wären dir eigentlich ganz sympathisch und dir ist auch gleich klar, dass das keine Schafe sind. Aber was du davon hättest, wenn du dich auf ihre Seite schlagen würdest, das wird dir einfach nicht klar. Du verstehst nicht einmal, worüber da die ganze Zeit gestritten wird. Stehen auch nur zwei, drei Kinder herum und verdrehen die Augen. Aber deine Aufmerksamkeit ist ohnehin die ganze Zeit von einem ganz anderen Typen gefesselt.

Denn da gibt es noch den Jörg. Das ist ein rotzfrecher Junge, der fast nur von Burschen umringt wird. Ui, die haben Spaß! Und scheinen sich auch wahnsinnig gut zu verstehen. Da greift man sich liebevoll auf die Schulter, schüttelt sich vor Lachen, umarmt sich hin und wieder sogar. Da leuchten sogar ein paar Augen, weil jeder Bursche, der dort herumsteht, auch mal will, dass ihn der Jörg anschaut und mit ihm spricht. Und der Jörg weiß genau, dass das so ist. Zwischendurch klettert er auf das Klettergerüst, bis ganz oben, und zeigt allen, was er sich traut. Alles nämlich. Vor gar nichts hat er Angst. Und dann wieder hörst du ihn flüstern: „Burschen, dem Werner spielen wir jetzt einen Streich. Seht ihr den Hans …“ Mehr kannst du nicht hören, weil dich die anderen Burschen wegdrängen. Sie wollen alle an die Sonne. Und du auch irgendwie. Dass der Jörg genauso über den Ahmed, den Igor und die Fereshta lästert, das gefällt dir zwar nicht so, aber so frech wie er das tut, ist das irgendwie schon wieder cool. Und ein bisschen recht hat er schon, denn die sind nicht so wie wir. Warum das ein Problem sein soll, hast du aber gleich wieder vergessen, ist auch nicht so wichtig …

Das war vor zwei, drei Jahren. Wenn du heute raus auf den Schulhof gehst, ist alles anders. Der Jörg geht in eine andere Schule, irgendwo in der Himmelpfortgasse (oder war’s am Höllriegl?), aber die anderen sitzen noch genauso dort wie vor drei Jahren. Und irgendwie ist das alles total fad. Was soll ich bloß tun, fragst du dich. Bald kommst du in die nächste Schule, und du musst überlegen, wie es mit dir weitergeht. Na ja, denkst du dir, begeistern tut mich da gar nichts, also sichere ich mich nach allen Richtungen ab. Auf jeden Fall kriechst du dem Josef in den Arsch, denn er kann es dir richten, wenn du ihm auch was von der Jause abgibst. Mit dem Heinz-Christian stellst du es dir auch gut, sonst gibt’s eine auf die Nase. Und der Werner … na schauen wir mal, wenn der Hans wieder in Gönnerlaune ist, dann denkst du vielleicht auch eine Minute an ihn. So wirst du dich schon irgendwie durchs Leben wurschteln. ek

2 Comments
  • Phil

    14. Oktober 2009 at 04:57

    gross. satierisch gut.

  • tutu

    14. Oktober 2009 at 09:47

    tadalalalalmuhu