Die große Spatzipost-Fragestunde

fake new york spatziKaum zu glauben, aber die New York Times ist auf uns aufmerksam geworden und hat unsere neue Chefredakteurin Eva Kiel über die kommende Ausgabe der HYDRA interviewt. (Das Interview wurde allerdings von der NYT-Redaktion abgelehnt. Wir bringen es darum weltexklusiv.)

NYT: Frau Kiel, die neueste Ausgabe ihres Satiremagazins „Hydra“ nennt sich „Spatzipost“ und kommt wie eine eingeschrumpfte Kinderzeitschrift daher. Was soll man als unbescholtener Medienkonsument davon halten?
Kiel: Der Grundgedanke des ehemaligen Chefredakteurs Curt Cuisine war, auf das weite Feld der Kinderzeitschriften aufmerksam zu machen. Diese sind in den letzten Jahren wie Schwammerl aus dem Boden geschossen, haben einen ähnlichen Boom hinter sich wie Lifestyle-Magazine. Der Grundkonsens ist in beiden Fällen sehr ähnlich, es geht um reine Zielgruppenansprache und ein endloses Hochamt des Konsums. Sind es bei den Lifestyle-Magazinen Erwachsene, die Gleichaltrigen verklickern, was cool und trendy und angesagt ist, so sind das im anderen Fall natürlich die Kids, die von einer endlosen Lawine an Merchandisingmüll überrollt werden. Und die Eltern zahlen die Rechnung.

NYT: Im fertigen Produkt ist davon allerdings nicht viel zu erkennen. Und vor allem …
Kiel: Das war auch der Grund für den Abgang des ehemaligen Chefredakteurs. Die Redakteure bestanden auf dem Titel „Spatzipost“ und wollten das Magazin als Spielwiese für eine unverkrampfte Auseinandersetzung zum Thema Kinder und Sexualität sehen. In gewisser Weise ragt ja auch das Spatzi der Erwachsenen Dank Werbung, Marketing, Zielgruppenerhebungen, Merchandising, und, und, und in die Welt der Kinder hinein. Werbung, Fernsehen und eben Kinderzeitschrift infiltrieren die Vorstellungswelt der Kinder und machen aus ungezügelter, kindlicher Phantasie eine Vorstellungs- und Bedürfniswelt, die sich voll und ganz der vorhandenen Konsumwelt anpasst. Kinder heutzutage träumen von Lego und Pokemon, von einem Casting bei High School Musical und erfüllen sich als Singstars (© Playstation) ihre geheimsten Wünsche. Vor dem Hintergrund dieser sicherlich streitbaren Interpretation kam es bald zu Grabenkämpfen zwischen Spatzitrotzkisten und Spatzileninisten, aus denen dann das vorliegende Heft samt personeller Umbesetzung resultierte.

NYT: Wenn ich die „Spatzipost“ aufschlage, wobei ich dazu sagen muss, dass alleine das Aussprechen dieses Titels peinliche Befremdung in mir auslöst, lacht mir aber bereits auf Seite 2 ein Mann entgegen, der seine Hand in den After eines Pferdes steckt. Nehmen wir mal an, das wäre nicht infantil … was ist es dann?
Kiel: Wir haben diesen Mann nicht erfunden. Das ist Herr Navratil und seineszeichens Pferdearzt. Noch vor wenigen Jahren lief im Fernsehen äußerst erfolgreich die Serie „Der Doktor und das liebe Vieh“. Millionen Menschen sahen dabei einem Mann zu, zu dessen Profession das Wühlen in den rückwärtigen Innereien eines …

NYT: Ich denke wir können uns die Details sparen. Verstehe ich sie richtig, nicht die Hydra bzw. die „Spatzipost“ ist geschmacklos, sondern die mediale Welt, die sie reflektiert?
Kiel: Nein, wir lieben Medien. „News“ ist unser großer Held, dicht gefolgt von „Österreich“, „Krone“ und „Heute“. Die Welt wäre ärmer ohne diese Erzeugnisse, denn sie haben das Thema der öffentlichen Empörung, der Empörung generell einen bedeutenden Schritt weiter gebracht. Empörung ist eine äußerst nützliche Erfindung, hindert sie doch daran, sich differenziert mit Inhalten auseinander zu setzen. So etwas wäre natürlich fürchterlich, wie wir aus der Geschichte wissen, und hat schon zum Sturz von Regierungen, zu Boykotten, Streikandrohungen, kurz: zu all dem geführt, was eine moderne Demokratie gar nicht dulden kann. Die erfolgreichen Medien unserer Tage lehren uns – mit wenigen Ausnahmen –, dass es eigentlich nur zwei Zustandsformen für einen erwünschten Bürger (bzw. eine erwünschte Bürgerin natürlich) geben kann: Konsumieren oder empören.

NYT: Mag sein, aber auf praktisch jeder Seite der „Spatzipost“, die eine Kinderzeitschrift sein will, findet sich entweder in sprachlicher oder gezeichneter Form der Hinweis auf ein Spatzi. Neben wir mal an, das wäre in irgendeiner Form gesellschaftskritisch. Ist der Spatzerlschmäh nicht trotzdem der abgegriffenste der Welt?
Kiel: Es liegt in der männlichen Natur der Sache, dass sein Spatzi ein abgegriffenes ist. Wenn ich mich nicht täusche, haben Männer nichts in ihrem Leben öfter in der Hand, außer vielleicht einem Bier oder Geldscheinen. Frauen haben nicht annähernd so oft ihre Hände in der Hose wie Männer. Uns aus dem Umstand, dass wir den meistgebräuchlichsten Gegenstand dieser Welt zum Thema gemacht haben, einen Strick drehen zu wollen, ist nicht fair. Oder pinkeln sie dem „Profil“ ans Bein, nur weil sie in jeder dritten Ausgabe Hitler aufs Cover knallen? Und wenn nicht das, dann Wellness oder das Versagen der Bildungspolitik?

NYT: Aber Spatzis und Kinder?
Kiel: Haben die etwa keines?

NYT: Schon, aber sollte man das Thema nicht Pädagogen überlassen, die den Kindern auf fachliche Art und Weise die Bedeutung ihres Geschlechtsorgans näherbringen?
Kiel: Sie meinen, man sollte mit dem Thema keine Scherze treiben?

NYT: Genau.
Kiel: Spatzis auf der einen Seiten, deren bloße Erwähnung infantil ist, und Kinder auf der anderen Seite, deren Seelenheil eine ausschließlich ernsthafte und erwachsene Angelegenheit sind?

NYT: So in der Art.
Kiel: Sehe ich nicht so.

NYT: Und?
Kiel: Nichts und. Nächste Frage.

NYT: Dann frage ich nochmal: Die Verknüpfung von Spatzis und Kinderzeitschrift, war das der verzweifelte Wille zur Provokation oder einfach nur abgrundtiefe Geschmacklosigkeit?
Kiel: Ah, jetzt verstehe ich die Frage … Lassen sie es mich so formulieren: Verlogenheit und Doppelmoral haben ihre Wurzel womöglich in einer verklemmten pädadogischen Einstellung zu Kindern, ihnen das Spiel mit dem Spatzi am Klo z.B. zu verbieten, zugleich aber geifernd halbnackte Frauen auf verschiedensten Titelseiten anzustarren, bzw. eben, an diesem chauvinistischen Status Quo zeitgenössischer medialer Öffentlichkeit rein gar nichts Bedenkliches zu finden. Die „Spatzipost“ bietet erwachsenen LeserInnen einen Ausblick auf eine Kinderzeitschrift, die zwar kein Kind der Welt jemals in die Hand kriegen darf, die aber genau das nicht tut, was alle Kinderzeitschriften tun, sondern fröhlich Sexualität und Infantilität zulässt. Das kann man jetzt als geschmacklos und durchschaubare Provokation abtun, man kann es aber als Anlass nehmen um darüber nachdenken, wie es mit der eigenen Verklemmtheit steht und was man seinen eigenen Kinder in dieser Hinsicht mal mit auf den Weg geben will.

NYT: Verstehe. Haben Sie diesen Satz lange vor dem Spiegel geprobt?
Kiel: Nein, vor dem Spiegel habe ich nur Augen für mich selbst.

Das Gespräch führte Hildy Johnson von der New York Times.

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