Roll over Pippi

news emilybärWas Kinderbücher ahnungslosen Kindern erzählen wollen. Und was sie Kindern verschweigen. Der ultimative Guide für naseweise Kids! Exklusiver Outtake aus unserer kommenden Ausgabe, ab Oktober 2009 erhältlich!

„Kinderliteratur” war noch nie, was dieses Wort eigentlich verspricht. Denn geschrieben wurde das Zeug stets von Erwachsenen für Kinder – oder zumindest für das, was sie dafür halten. Darum ist Kinderliteratur stets “pädagogisch”, sprich: Kids kriegen nur auf ihr Bücherregal, was sie zu „besseren“ Menschen machen soll.

 Nun gut, es war schon mal schlimmer. Ende des 17. Jahrhunderts etwa schrieb ein gewisser James Janeway mit „A Token for Children“ ein Buch, in dem er „Geschichten beispielhafter Lebensführung und freudvoller Todesfälle kleiner Kinder“ erzählte. Damit wurde den Kids von damals eingebläut, sich vor dem Tod in die Hose zu machen und die Strafe Gottes bis in die Zehenspitzen zu fürchten.

Knapp 80 Jahre später (1845) schrieb Heinrich Hoffmann den Struwwelpeter, ein erster Vorläufer der „Happy Tree Friends“, nur mit erhobenem Zeigefinger, der allerdings im Buch samt allen anderen Fingern auf eher ruppige Weise abgeschnitten wird. Vielleicht auch der Grund, warum es Struwwelpeter, Suppenliese und Co. mittlerweile zu Fm4-Werbestars geschafft haben.

Endlich ohne Moral kommt „Alice im Wunderland“ (1865) von Lewis Carroll daher. Die Zeichentrickserie dazu ist schrecklich, es gibt allerdings auch ein pikantes Comic mit einer erwachsenen Alice, das ist aber nichts für Kinder, außerdem ohnehin hierzulande nicht erhältlich (in Frankreich aber schon, wir kennen allerdings einen Link und außerdem können wir noch einen schmuddeligen Zeitschriftenhändler empfehlen, der … nein, lassen wir das!)

Wir hüpfen wieder ein paar Jahrzehnte (und lassen Max & Moritz im Busch liegen, wo sie hingehören), wo wir auf Winnie Puh (1926) von A. A. Milne treffen. Der gute alte Puh-Bär (der schon für so viele infantile Witze herhalten musste, seufz), war ursprünglich ein durchaus brauchbarer Zeitgenosse, denn Faulheit und guter Appetit war für ihn voll o.k., kein schlechtes Rolemodel also für Magersuchtallergiker.

Trotzdem ging es natürlich um Freundschaft und den ganzen Wohlbefindlichkeitsmüll, mit dem ein zeitgemäßes Kind bei der nächsten Prügelei im Schulhof wenig anfangen kann. Außerdem wurde Winnie Puh – wie so viele Kinderfiguren – von einem gewissen Herrn Disney völlig zur Niedlichkeit herabgewirtschaftet. Disney wurde reich, Puh hingegen ein Langeweiler.

Allmählich kommen wir zu der Kinderliteratur, die auch unsere Mütter schon begeisterte: „Die wilden Hühner“, „Die 3 ???“ oder gar die „5 Freunde“ oder „Hanny und Nanny“ sind Klassiker, die eifrig dabei helfen, ein realitätsfernes Ideal von Freundschaft zu entwickeln. Wenig brauchbar sind die Bücher hingegen bei der frühpubertären Entdeckung von Sexualität oder der praktischen Anwendung von Gewalt zur Selbstverteidigung. Aber für letzteres gibt es ja längst Manga-Serien mit bunten Allmachtsphantasien wie Naruto oder Avatar. Die Sache mit dem Sex hingegen ist komplizierter, da sind Erwachsene ganz streng. Niedliche Tiere, die sich die Köpfe abreißen sind im Fernsehen gern gesehen. Wenn sich zwei Burschen gegenseitig mal das Spatzi zeigen wollen, müssen sie sich dafür im Schulklo einsperren.

Na ja, wir wollen nicht moralisieren, schauen wir uns lieber Fräulein Pippilotto Vuktualia Rollgardina Pfefferminza [Efraims Tochter] Langstrumpf an. Das rotzfreche Rolemodel für aufmüpfiges Verhalten ist auch eine eher zwiespältige Angelegenheit. Denn wer Königstochter ist, in bourgeoisen Feudalvillen wohnt – egal wie bunt oder kunter sie sind – und von erpressten Gold aus afrikanischen Kolonien lebt, kann leicht auf antiautoritäre Revoluzzerin machen. Die Verwaltungsstrafen, die sich bei diesem vermeintlichen Lebenswandel anhäufen, werden alle vom Schweizer Bankkonto ihres Vaters aus getilgt.

Eine wahre Klassenkämpferin scheint Rosa Riedl zu sein, das Schutzgespenst von Christine Nöstlinger. Von proletarischer Disziplin erfüllt, lässt Genossin Riedl auch dann nicht von ihrer heiligen Pflicht ab, als sie von einer Wiener Tramway überfahren wird. Der Unfall ereignet sich 1938, als die couragierte Antifaschistin einem jüdischen Nachbarn, der schikaniert wird, zu Hilfe eilt. Im Bewusstsein ihres Klassenauftrags hilft sie fortan Kindern der arbeitenden Massen. Tja, schön wärs …

Kommen wir zu einem letzten Beispiel akuter Kinderliteratur: „Prinzessin Lillifee ist eine kleine Blütenfee, die in einem Blütenschloss im Zaubergarten des Zauberlandes Pinkoviana lebt. Wenn Lillifee nicht gerade zur Zauberschule geht, dann hilft sie den Tieren, Pflanzen und allen anderen, die in ihrem Feenreich leben. Abends zündet sie die Sterne am Nachthimmel an und morgens küsst sie die Blumen wach.“ So klingt das heutzutage. Da macht das Erwachsenwerden so richtig Freude.  Cuisine & Mäxchen, 7 & 8 Jahre alt (Und jetzt, da Ihr Euch durch diesen Text gewühlt habt, können wir es ja ruhig verraten. Es gibt gute Gründe, warum dieser Text nicht in unserer neuesten Ausgabe auftaucht … langweilig! langweilig!)

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