Nägel kauen an der Donau

mustard donau 5Curt Cuisine war beim Donaufestival. Am falschen Tag offensichtlich. Ihr habt darum die Qual der Wahl. Lest entweder diesen Beitrag, der ein gnadenloser Verriß ist, oder lest den nächsten Beitrag von Alice, der eine entzückende Hymne ist. Es liegt ganz an Euch. Wir lassen Euch wie so oft die Wahl …

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, seine Zeit zu verplempern. Man kann etwa seine Zehennägel schneiden und die Schnipsel fein säuberlich zu Mustern und Ornamenten schlichten. Wer das fünf Minuten macht, ist womöglich verliebt. Schön. Wer das zehn Minuten macht, dem ist unsagbar langweilig. Wer das länger durchhält, benötigt vermutlich professionelle Hilfe (die sich allerdings oft genug ebenso als Zeitverschwendung herausstellt).

Man kann aber auch zum Donaufestival in Krems fahren. Etwa vergangenen Samstag (25.4.09). Und dort erleben, wie ein Festival, das alljährlich als heißester Scheiß gehandelt wird, an einem schlechten Tag auch nicht viel mehr als warme Luft zu bieten hat. Aber vermutlich war es ein schlechter Tag. Alice, unsere multifunktionale Vielschreiberin und unübertroffene Eventexpertin, meinte lapidar. „Gestern war’s gut, heute ist es wirklich öd.“ Well. Aber war die Rahmenhandlung dieses Festivals an anderen Tagen wirklich besser? Eine Leselounge, in der es zu Dunkel zum Lesen ist, eine Nebenbühne, die mit halbstündiger Verspätung skurrile Acts bietet, die keine zehn Minuten sehenswert sind, oder Videoinstallationen nach dem Motto „Bewerbungsarbeiten erstsemestriger KunststudentInnen“. Oder vor der Halle eine Art Afrikadorf, das nicht einmal in Afrika den Beinamen „Dorf“ verdient hätte.

Das eigentliche Motto des Abends lautete „Girl Monster“. Wer dahinter eine Art Reigen möglichst provokativer Femriotacts vermutete, lag in der Theorie richtig. In der Praxis hingegen mühte sich unter anderem eine minder inspirierte Indiecombo („Men“) redlich ab, das Publikum bei Laune zu halten. Oder erfanden die beiden HipHop-Girlies von „Yo! Majesty“ das Wort „Pussy“ als zentrale Botschaft neu, aber Großmutter-im-Geiste Missy Elliot hätte auch nur gegähnt dabei. Zumal die gesampelten Beats völlig übersteuert durch die Halle wummerten und das immerhin stellenweise originelle Mixtape unter sich begruben. Der Gipfel der Desillusionierung wurde bei „The Raincoats“ erreicht, eine recycelte Post-Punk-Girlie-Band, die nicht einmal in einer Vorortgarage in Olympia, Washington, ein elfköpfiges Teeniepublikum zu begeistern vermocht hätten. Dass die Sängerin wie Alice Schwarzer aussah, bleibt eigentlich das einzig Erwähnenswerte an diesem Auftritt.

Entzückend hingegen der Auftritt von „Prick your Finger“, allerdings genau fünf Minuten lang sehenswert, mehr bot nämlich der Anblick zweier Frauen am Spinnrad, die durch eben dasselbe alte Kassettenbänder zogen, nicht. Diese „Technique“ erzeugte ein redundantes Geräuschamalgam, zu dem beide Damen unverständlich flüsternd vermutlich Programmatisches verkündeten. Wie gesagt, nette Idee, aber nicht unbedingt ein Act.

Blieb also als letzte Hoffnung der letzte Auftritt des Abends: Das „Girl Monster Orchestra“, sprich: die Heldinnen der vergangenen Stunden samt einiger VertreterInnen der „Chicks on Speed Records“ unter der Leitung von Eva Jantschitsch aka „Gustav“. Dass man sich darunter nicht mehr als charmantes Chaos auf der Bühne vorstellen durfte (wann hätte das zusammengewürfelte Orchester denn Zeit zum Proben gehabt), war klar und wäre auch durchaus in Ordnung gewesen – allerdings nicht, wenn der ganze Abend schon unter genau dieser formlosen Beliebigkeit gelitten hätte. Also lärmten die monströsen Girls entsprechend und bemüht neckisch auf Zuruf der Conductreuse, untermalt von griffigen Loops. Ein gepflegter Dilettantismus, der, wie gesagt, unter anderen Vorzeichen, durchaus charmant gewesen wäre. Nur einmal kurz, nach der ersten Nummer, blitzte auf, was dieser Abend sein hätte können. Eine Diapräsentation zeigte eine Reihe von feministischen KünstlerInnen, die für ihre radikalen Ansätze übergangen, eingesperrt oder überhaupt unbeachtet blieben. Gute 10 Minuten lang gab das GMO hier Volksbildung für genderspezifisch Unterbelichtete (und das ist, wie wir wissen, ohnehin die Mehrheit). Das war durchaus spannend, hätte aber mehr hergegeben als ein hastiges Plädoyer um halb zwei Uhr nachts. So verpuffte auch dieses Fragment gefakter Reality wirkungslos an diesem lieblos durchgezogenen Abend. Und hinterließ die Gewißheit: Was nicht erlebenswert ist, lohnt auch die Fälschung nicht. Ergo: Fünf Stunden gepflegtes Sortieren von Zehennägeln.

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