Kabarett in der Krise …

boshaftekrise 200Humor in der Krise. Geht das?“ Das wollte „Der Standard“ herausfinden und versammelte in einer Wochenendausgabe neben allerlei launigen Analysen und Kommentaren zur „Weltfinanzkrise“ auch eine veritable Sammlung von Wortspenden österreichischer Kabarettisten zum Thema. Herausgekommen ist dabei indirekt ein Sittenbild der österreichischen Kabarettszene, das es durchaus verdient hat, nochmals aufgewärmt zu werden.

Da gibt es zunächst mal die Lokalmatadoren oder Etablierten. Jene, die lange genug dabei oder erfolgreich genug sind, um nicht unbedingt erzwungen geistreiche Bemerkungen anstrengen zu müssen. Sie können ganz locker auch von sich selbst erzählen, dabei einiges darüber verratend, wie ihr eigener Witz (auch sich selbst gegenüber) funktioniert. Dolores Schmidinger etwa: „Worüber man lachen kann? Wenn man keine Aktien hat, wenn man schon vorher arm war. Ich hatte in Kaufräuschen alles ausgegeben. Daher brauch ich mich jetzt nicht ärgern.“ Das klingt so unspektakulär ehrlich, dass es einfach sympathisch ist. Auch ein Robert Palfrader macht aus seiner Bitterkeit keinen Hehl: „Worüber ich lachen kann, ist ein Blick auf die Ergebnisse meiner fondsgebundenen Lebensversicherung, die meinen Ruhestand sozial hätte absichern sollen.“ Mein Mitleid hat er nicht, aber meine Sympathie für diesen entwaffnenden Galgenhumor durchaus.

Weiters gibt es die Systemerhalter. Jene, die politisches Kabarett als Kunstform sehen und sich selbst als deren privilegierte Betreiber, dabei mitunter erzwungen geistreich sein wollen. Sie ähneln ein wenig überzüchteten Hirtenhunden, die immer wieder dieselbe Fährte verfolgen. Ein Florian Scheuba etwa sinniert: „Als Universalausrede für Unzulänglichkeiten aller Art hat die ‚Krise‘ mitunter lachhafte Züge, über welche man, wenn auch mit Bitterkeit, tatsächlich lachen sollte, denn Lachen ist Notwehr gegen Angst daher gerade jetzt unverzichtbar.“ Der Kabarettist als Volkspädagoge, der sich in seinem selbstauferlegten Bildungsauftrag sonnt.

Ein Schäuflein nach legt Thomas Mauer, er lacht: „Über jene Journalisten, die im letzten Jahrzehnt die naturgesetzliche Weisheit des unregulierten Marktes mit der Inbrunst evangelikaler Christen verkündeten und den jeweils bestbezahlten Kapitaljongleuren schwanzwedelnd bis ins Maßschuhschränkchen nachkrochen […].“ Recht hat er. Aber wie lange er wohl an Feilen dieser Formulierung saß, damit sie nur ja geschliffen wie eine mit Diamantringen verzierte Faust im Auge der Hochfinanz saß?

Der ungekrönte König des Politkabaretts ist indes Alfred Dorfer, seine intellektuelle Selbsteinschätzung kann ja durchaus als legendär bezeichnet werden. Für den „Standard“ lässt er sich erst gar nicht herab, über die Krise zu räsonieren, er plaudert lieber über den Lehrerprotest und macht klar, dass in seinen Augen beide Parteien (Lehrergewerkschaft und Schmied) am falschen Dampfer der Lächerlichkeit sind. Aber diese Art von Politkabarett zelebriert Dorfer ohnehin schon seit Jahren, sie besteht in der simplen Technik, jeden Politiker, der Muh oder Mau sagt, eben deswegen der Lächerlichkeit preiszugeben. Den Innovationspreis für Kleinkunst wird Dorfer dieses Jahrhundert nicht mehr erhalten, aber Dank ORF ist er natürlich längst zu einer „unverzichtbaren“ Institution geworden. Dass gesellschaftliche Kritik, in Form der Satire vorgetragen, auch andere Aspekte als unfähige PolitikerInnen umfasst, sollte man Herrn Dorfer vielleicht gelegentlich verraten.

Dann gibt es die Individualisten, die unbeirrbar ihrem Stil folgen, egal ob es ihre Performance betrifft oder überhaupt ihre Lebensplanung. Alf Poier zum Beispiel. Worüber er lachen kann? „Natürlich über die Krise selbst, denn dann werden wir bestimmt noch lange etwas zum Lachen haben!!!“ Das ist purer Poier-Style. Kommt daher wie ein zenbuddhistischer Koan, kann die ganze Welt bedeuten, kann ein Widerspruch in sich sein, kann aber auch reiner Bockmist sein. Der Mann ist jedenfalls prinzipientreu. In eine ähnliche Kerbe schlagen Stermann und Grissemann, die der Krise einen Willen zuschreiben, aber keine Veränderung ihres Appetits konstatieren. Recht so. Wer einmal Unfug sagt, muss immer Unfug sagen. Auch in kritischen Zeiten.

Oder von ganz anderer Ecke, Josef Hader: „Worüber man lachen kann? Ich muss leider passen, ich hab‘ keine g’scheite Antwort auf diese Frage.“ Eigentlich wäre das ja mehr etwas für die Etablierten, denn diese Antwort ist ebenfalls entwaffnend unspektakulär. Aber für Hader gilt vermutlich der Punkt Lebensplanung. Das Kabarett als Kleinkunstform hat er schon längst als Gipfel erklommen, dieser Berg liegt hinter ihm. Er muss nichts mehr. Und genau das beweist er auch ein weiteres Mal. (Wie stets übrigens: Größte Sympathie!) Irgendwie ein Grenzgänger zwischen Individualität und Kabarett-Establishment ist auch Andreas Vitasek, der die Finanzkrise 1929 als Beginn der Karriere der Marx-Brothers interpretiert. Das ist sympathische Denkmalpflege, mit einem Hauch an inhaltlicher Verlegenheit, aber war Vitasek nicht stets schon ein begnadeter Pantomime, sozusagen also: ohne Worte?

Schließlich gibt es noch die (unfreiwillig) Bescheidenen: Jene, die gerne auch aufschließen würden, die es mit einem erfolgreichen Kabarettprogramm oder einer genialen Idee schon mal weit gebracht haben. Sie sind noch am überlegen, in welche Richtung sie gerne gehen würden. Die Mascheks etwa wären auch gerne vom Kaliber Scheuba, Dorfer oder Maurer, darum sagen sie: „Lachhaft ist, dass eine Krise der Elite zur Krise der Massen werden wird. Und das hätte die Politik schon Jahre voraussehen können.“ So harmlos hätte das ein x-beliebiger Kommentar im „Profil“ auch hingebracht. Und dass die politischen Buben die ausschließlich Bösen sind, na ja, Schlag nach bei Dorfer. Weniger innovativ, trotzdem vielleicht bald am Sprung nach oben sind Weinzettl & Rudle. Ihnen gehen nach eigenen Aussagen nur „Unsinnigkeiten durch den Kopf, die uns nicht würdig erscheinen, abgedruckt zu werden“. Schade. Und irgendwie auch: Nicht ganz verstanden das Prinzip. Genau um diese Unsinnigkeit ginge es ja, geistreich oder nicht. Und schon gar nicht würdevoll. Wer kümmert sich etwa um die Würde jener Menschen, die jetzt zu 1000en ihre Jobs verlieren, weil in den Vorstandsetagen zu greedy spekuliert wurde.

Egal. Der wahre Held dieser Aufzählung ist einmal mehr „Der Standard“. Wir lieben und wir hassen es, das lachsrosa Feigenblatt des liberalen Journalismus in Österreich, und das heißt: Wir haben eine äußerst korrekte Beziehung zu ihm. (Ebenso übrigens wie zu den österreichischen Kabarettisten.) Ein letzter Punkt noch: Hat jemand mitgezählt, wie viele Frauen sich unter der Humoristenriege befinden? Eben! So kann es natürlich nicht weitergehen: Frauen Österreichs! Wollt Ihr wirklich den Humor in Männerhänden belassen? Frau Föderl-Schmid, wir appellieren an Sie, den weiblichen Humor endlich auf Vorderfrau zu bringen! Sie müssen das tun! (Denn auf uns würden die Frauen nicht hören. Zurecht natürlich!)

Curt Cuisine, trinkt passend zum „Standard“ Schampus mit Lachsfisch

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