EGM is dead!

mustard egmEGM (Electronic Gaming Monthly), eine Institution unter den amerikanischen Videospielmagazinen ist nicht mehr, und das ist ein wirklicher Verlust. Selbst wenn ihr noch nie etwas von diesem Magazin gehört habt, ist das so.

Eine der ersten Ausgaben, die ich in die Finger bekam, war die 200. Jubiläumsausgabe Anfang 2006 und versprach nicht weniger als „The Greatest 200 Games of their Times!“ Und das war kein leeres Versprechen, denn das sonst so ausgelassen durch diverse Livechannels und Youtube-Videos tummelnde Redaktionsteam ratterte nicht einfach ein liebloses Ranking der Videospielkultur herunter, sondern machte sich tatsächlich die Mühe, die Spiele im zeitbezogenen Kontext zu werten, weswegen Spiele wie Pong, Space Invaders oder Zelda ebenso zu Ehren kamen. Kleiner Nebeneffekt des Rankings: Man konnte staunen, wie uralt die wahren Klassiker des Genres wirklich schon sind, und wie relativ das Thema „Alter“ in diesem Fall zugleich ist, wenn man sich etwa anschaut, dass Spiele wie Halo oder Metal Gear Solid nur wenige Jahre am Buckel haben und trotzdem wie aus einer anderen Welt wirken.

Ich zog meinen Hut und blickte auch danach hin und wieder in das Heft, das mich zunächst vor allem durch seine lässige Herangehensweise ansprach. Stichwort Leserbriefe etwa. Die waren lesenswert alleine dadurch, dass hier eine Fan- und Gamercommunity Briefe schrieb, die sich nicht auf pubertäre Wünsche nach mehr Titten oder Gewalt (oder noch besser beides) in Spielen beschränkten, sondern wirklich erstmals erahnbar machten, dass es rund um das Videospielen eine ernstzunehmende Lebenskultur gibt, die Frauen und Männer, Grannies und Kiddies gleichermaßen erfasste. Witziges Highlight waren etwa drei Briefe aus verschiedenen amerikanischen Gefängnissen, darunter ein Insasse, der sich offensichtlich die Augen vom Dauerzocken in seiner Zelle ruinierte, und ein Gefängniswärter, („a correctional officer here in a lovely jail“) der sich mit seinen Insassen um Kopf und Kragen spielte. Lapidarer Kommentar der Redaktion: „Do people in jail do anything but play games these days? What happened to the riots, the makeshift knives, the synthetic drugs made from cleaning products, and the grain alcohol fermented in toilet bowls?“

Auch diese Antwort zeigt, was sich durch das ganze Heft ziehen sollte: Ein durch und durch lockerer, ironischer Umgang mit dem Thema Videospielen und der dazugehörigen Kultur, ohne dabei infantil oder verschnupft zu wirken. Nein, diese Menschen wussten, wovon sie sprachen, sie liebten nicht nur Videospiele, sie liebten es vor allem ein gutes Magazin darüber zu machen. Die Tests waren knallhart (drei Redakteure prüften ein Spiel), die Hintergrundberichte waren authentisch und (meist) kritisch, die Informationen und News brandaktuell – und trotzdem war da überall Humor und die einfach notwendige Distanz zum Objekt der Begierde. So etwas gab es nicht in Europa, geschweige denn in Deutschland. Und daran hat sich bis heute kaum geändert. Bei fast alle einschlägigen Magazinen hierzulande wurden die gestalterischen und inhaltlichen Innovationen von den internationalen Vorbildern geklaut. (Neben dem witzigen EGM gibt es da etwa noch das allzu selbstgefällige bis zuweilen arrogante EDGE, das übrigens zwei Jahre lang sogar in einer deutsch übersetzten Version zu haben war; der Verlag war aber so knausrig, dass er nur ein oder zwei Übersetzer einstellte. Und so las sich das ganze Heft dann auch. Als hätten da drei Menschen ihre Finger wund geschrieben. Pff …)

Vor allem aber brachte die Lektüre von EGM immer wieder die Erkenntnis, dass es für ein gutes Magazin nicht reicht, Produktinformationen zusammenzustellen, man muss auch ein gutes Magazin machen wollen. Ein Magazin, das als Magazin funktioniert. Man könnte das auch als redaktionellen Anspruch bezeichnen. Etwas bloß verkaufen zu wollen, ist einfach zu mager. Und eines der hervorragendsten Beispiele, wie das geht, wie man Begeisterung gerade dadurch weckt, weil man nicht bloß Sprachrohr der Industrie ist, sondern die Lebenswirklichkeit der Gamer, ihren Zorn, ihren Frust und ihre Wünsche ernst nimmt und redaktionell zwischen beiden Welten vermittelt, existiert seit Anfang 2009 nicht mehr. Und das ist wirklich ein Jammer. EGM war ein Paradebeispiel, wie man aus einem Fanzine ein qualitativ hervorragendes Printmedium macht.

PS: Ein kleines Detail am Rande. Wie EGM abgedreht wurde, verrät sehr viel darüber, wie unzimperlich in Zeiten von Wirtschaftskrisen seitens der UnternehmerInnen vorgegangen wird. Die Februarnummer wäre die Jubiläumsnummer zum 20-jährigen Bestehen gewesen. Sie war beinahe völlig fertig. Und wurde trotzdem nicht mehr gedruckt. Stattdessen wurde die gesamte Belegschaft von einem Tag auf den nächsten gekündigt. Eine 20-jährige Erfolgsgeschichte? Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und Leserinnen? Irgendein Funken von ethischer Verantwortung oder wenigstens unternehmerischer Romantik? Niente. „Auch wenn wir jahrelang bestens verdient haben mit diesem Magazin, wir schreiben keinen roten Dollar mehr damit, nicht einmal einen würdevollen Abschied ist uns das wert.“ Well. Der Leserbrief des Monats in der letzten regulären Ausgabe. Ein Leser schreibt darüber, welch tolle Erfahrungen man in Multiplayermatches sammeln kann, wie erhebend es sei, einen Freund in einem virtuellen Feuergefecht zu retten. Aber die Spieleproduzenten mögen doch bitte niemals aufhören, Solokampagnen anzubieten. Kommentar der EGM-Redaktion: „Admit it: You just don’t have any friends.“ Tja, offensichtlich hatte die EGM-Redaktion auch keine Freunde. Zumindest nicht in den Chefetagen. Ja, es ist eine üble Welt, in der wir leben. Man wünscht sich manchmal glatt, man wäre in einem Egoshooter auf die Welt gekommen. Dort gibt es zwar auch Grausamkeit und Tod, aber trotzdem geht es immer weiter.

In tiefer Trauer,
Curt Cuisine

www.1up.com

PS: Auf youtube haben ein paar Fans & Nerds witzige Abschiedsvideos platziert, sind mit den richtigen Stichworten leicht zu finden.

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