Völlig gaga!

mustard mopedWir setzen unsere verdienstvolle Interviewserie über weltbekannte österreichische Kabarettisten fort. Dieses Mal die ”Gebrüder Moped“. Exklusiver Abdruck aus Hydra # 4 (special extended version)

Hydra: Ihr Zwei seid ja dem Humor keine gänzlich Unbekannten?

Martin Moped: Ich bin so lasch heute.

Franz Joseph Moped: Na, ich bin erst müde.

Hydra: Na gut, reden wir trotzdem über Euer aktuelles Kabarettprogramm ”GAGA“. Dieses hat, entgegen dem ersten Anschein, nichts mit einer Analfixierung zu tun?

MM: GAGA steht für ”Great Austrian Gainers Association“ und ist die hinterhältigste, widerwärtigste Direktvertriebsfirma der Welt, die mittlerweile sämtliche Firmen der ganzen Welt übernommen hat und damit die einzige Firma überhaupt ist.

Hydra: Wie kommt man auf die Idee, ein Kabarett über einen Direktvertrieb, sprich: über Vertreter zu machen?

MM: Ich glaube, dass Kabarett generell so funktioniert, dass man die großen Dinge in der Welt auf 12 Meter im Quadrat komprimiert, deswegen heißt es ja Kleinkunst. Dementsprechend ist es praktischer und unanmaßender, nicht über die große Weltwirtschaftskrise oder Barack Obama zu reden, sondern über Dinge, mit denen jeder Mensch schon zu tun hatte.

FJM: Unanmaßend? Das Wort kenn ich nicht. Bei mir ist das eine Aufarbeitung von Dingen, die vor 15 Jahren passiert sind. Wir waren gemeinsam ein Monat bei einer Firma, die genauso wie GAGA funktioniert, die Putzmittel und Güter des täglichen Bedarfs verkauft.

MM: Fast jeder Mensch ist schon mal von einem Schulkollegen angerufen worden, nach dem Motto: Sag mal, bist du eh unglücklich in deinem Job, denn ich hätte da was für dich. Ich frage mich schon seit wir maturiert haben, ob du dein Geld gut angelegt hast. Um diese Möchtegernunternehmer geht’s in Gaga.

FJM: Wir waren damals sogar im Austria-Center bei einem Großtreffen, wo sich alle in Kleider-Bauer-Anzügen trafen und sich im Stil amerikanischer Sekten gegenseitig beklatschten und anfeuerten. Jeder 2. Volltrottel bekam dort auch einen Preis und wenn man von dort wegging, war man voll motiviert. Das wurde einem aber so oft gesagt, dass sich diese Frage gar nicht mehr stellte, sondern du BIST nachher einfach motiviert. Es gab in diesem Umfeld einen Imperativ zum motiviert sein. Das wusste ich vorher nicht.

MM: Genau. Die Redewendung ”Bist du motiviert“ ist nicht eine Frage, sondern eine Feststellung.

FJM: Wir waren aber gar nicht so motiviert meistens, und ich habe einen psychischen Schaden davon getragen.

Hydra: Aber ihr steht doch beide eher, na sagen wir mal, eher links mit Euren Anschauungen. Warum nimmt man so einen Job an?

FJM: Wir haben uns ja damals beide selbst ausgetrickst.

MM: Nach dem Motto: Man muss das System von innen heraus bekämpfen.

FJM: Genau. Und die Mörderkohle. Wir haben das wirklich geglaubt – und deswegen waren wir ja im Grunde auch zwei Volltrotteln und haben da recht gut dazu gepasst. Denn wir haben damals natürlich nur einen Verlust gemacht, alleine schon, weil man sich diese ganzen Produkte selber kaufen muss, um dazu zu gehören. Man muss natürlich nicht, aber wegen der Motivation ist es nicht schlecht wenn … das sagen sie dir sofort: „Nein, nein, du musst nicht, bei uns ist es nicht so wie bei den anderen, aber wann kaufst du es jetzt endlich …“

Aber die haben uns ja schon ganz am Anfang schon eingeschult, wie und was man auf Gegenargumente antwortet. Eigentlich hätten da schon – gleich nach dem Gewand – die Alarmglocken läuten sollen. Wenn man als erstes erklärt bekommt, wie man auf Gegenargumente antwortet. Aber wir waren damals hat ein bisschen „drauf“, da war schon was Räuberisches dabei, so richtig naiv-romantisch. Und, ich geb’ s zu, wir haben uns bei diesen Treffen auch Krawatten umgebunden.

Hydra: Und warum diese Sache mit der Weltherrschaft?

MM: Weil das die Versprechungen, die solche Firmen geben, ganz einfach konsequent zu Ende denkt. Wenn der sagt, du brauchst nur fünf Leute für dein Geschäft zu begeistern, und die brauchen auch jeweils fünf Leute, dann ist man relativ rasch bei 10 Milliarden Menschen. Das ist nur konsequent zu Ende gedacht – und wir werden uns hüten, das Pyramidenspiel zu nennen. Und wenn das Konzept nur einmal wirklich aufgeht, dann kann es am Ende nur noch eine Firma auf der Welt geben, die sämtlichen Bedarf der Menschheit abdecken muss. Also würde aus einem kapitalistischen Grundgedanken am Ende ein marxistisches oder kommunistisches Ideal entstehen. Keine Konkurrenz mehr, keine Werbung, sondern Monopolwirtschaft.

FJM: Das ist wie bei der Euro, wo es nur ein Bier gab. Das war Sozialismus pur, wie in der Sowjetunion – nur nicht so schön. Geographisch meine ich.

Hydra: Diese Vertreter, stehen die irgendwie generell für die „Kaste“ der Wirtschaftstreibenden?

MM: Nein, das sind die Highlights der wirtschaftlichen Absurditäten, die Menschen einzureden versucht werden. Es geht auch darum, dass den Leuten in diesen Firmen immer eingeredet wird, dass sie bestimmte Wünsche haben, die beim Eintritt in die Firmen erfüllt werden, und das sind ausschließlich materielle Wünsche.

Hydra: Also doch auch Kapitalismuskritik im Großen und Ganzen.

MM: Es geht auch um Selbstironie. Es ist kein Brechtstück, wir wollen nicht den klassischen, linken Standpunkt, und Kabarett ist traditionell immer ein wenig links, einnehmen, sondern auch selbstironisch mit den eigenen, teilweise auch absurden Wertvorstellungen umgehen. Ironische Aufarbeitung der (eigenen) Gegenweltentwürfe, von denen man zum Teil fürchterlich überzeugt war, zumindest früher, also z.B. nach Hainburg zu fahren, auf Opernballdemos zu gehen, etc. Das ist natürlich unser „Point of View“, wir sind halt Ende Dreißig, einen anderen Standpunkt können wir nicht bieten.

Hydra: Euer Kabarett unterscheidet sich aber auch in formaler Hinsicht von anderen Programmen.

MM: Genau. Vor dem Kabarett werden die Besucher fotografiert, und wir verwenden diese Fotos dann innerhalb des Stücks auf eine Leinwand projiziert, mit der wir auch ein gewisses Ambiente schaffen, und diese Gesichter spielen dann Rollen. Denen werden samt und sonders neue Identitäten gegeben, Sportlegenden, Politiker, Vertriebskunden, etc. Es ist aber kein Mitspieltheater, ganz im Gegenteil, niemand muss bei uns mitspielen, sondern das Stück GAGA hat sehr viele Nebenrollen, die werden dann passiv vom Publikum verkörpert.

Hydra: Funktioniert das auch mit einem wildfremden Publikum?

MM: Je besser sich das Publikum untereinander kennt, desto besser funktioniert es. Am Land, in kleinen Orten, funktioniert es am besten, in Wien funktioniert es auf kleineren Bühnen oder dort, wo kleinere Gruppen an Tischen sitzen, weil die dort meist in Grüppchen hingehen und sich kennen. Und es gibt auch den optischen Reiz, denn wir versuchen die Leute auch zu animieren, möglichst nicht wie bei einem Passfoto drein zu schauen.

Hydra: Franz Joseph, willst du noch etwas hinzufügen?

FJM: Wenn ich in der ersten Zeile vorkomme, passt das schon. Ein gutes Foto wäre noch leiwand.

Das Interview (Gassi) führte Curt Cuisine.

Mehr Infos (& ein cooler Fotoblog) unter gebrüder moped oder Lange Nacht des Kabaretts

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