Grammeln, Geld und Gaffa

news gaffaAlice besucht Menschen aus der „zweiten Reihe“. Dieses Mal: Der Tontechniker Exklusiver Vorabdruck aus Hydra #4 (very extended Version)

Wenn wir an der Tür vorbeigekommen sind und erwartungsfroh gen Bühne blicken, hat einer schon seit Stunden die Fäden, äh.. Kabel in der Hand: Der Tontechniker. Nun steht er wie immer im Dunkel, dezent, bescheiden, ohne dass wir das groß bedenken. Bis es pfeift zumindest … Alexander Bossew beschallt seit 18 Jahren von Alternative bis Hochkultur, von Firmenevents bis Theater so ziemlich alles, was ein Mikro braucht.

Hydra: Du bist Tontechniker. Warum?
Alexander Bossew: Ich wollte nicht in einem Büro sitzen und gratis auf Konzerte gehen. Ich habe erstmal Geologie studiert, da war ich viel draußen, habe aber bemerkt, dass ich deswegen auch nicht gratis auf Konzerte komme. Dann war ich mit der Band eines Studiokollegen im Proberaum, und habe festgestellt, dass der Sound irrsinnig mies ist. Da habe ich eben am Mischpult herumgedreht, mit dem Ergebnis, dass der Sound noch mieser war. Und die Boxen kaputt.

Hydra: Du hast also nichts Technisches gelernt?
AB: Nein, das war meine erste tontechnische Erfahrung. Mir war klar, dass ich mich näher damit beschäftigen muss. Ich dachte, wenn ich da lange genug herumschraub´, wird die Band berühmt und wir verdienen alle Geld. Und ich kann mein Studium sausen lassen.

Hydra: Das hat ja funktioniert.
AB: Ja, ich hab´s mir allerdings einfacher vorgestellt. Ich musste schon ein oder zwei Dinge lernen, Empirisch. Nach dem Ausschlussverfahren, was man alles besser nicht macht. Als ich entdeckt habe, dass einen auch die Salzburger Festspiele engagieren können, musste ich dann ein Schein machen. Die „Ausbildung zum Tontechniker und Elektroakustiker“. Die haben einen Nachweis verlangt.

Hydra: Wo hast du angefangen?
AB: Im BACH, in der „Kulturgruppe“, da haben wir immer die Kassettendemotapes durchgehört. Dann kam das WUK, Museumsquartier Halle E und G, Salzburger Festspiele, Donaufestival, die alte Szene Wien, Viennale, Theaterproduktionen, Industrie.

Hydra: Da bist ja jetzt komplett etabliert.
AB: Etabliert? Etabliert sind eine Menge.

Hydra: Ja aber nicht so viele, die mir Gästelisten bringen.
AB: [lacht] Stimmt. Aber etabliert bist du, ökonomisch, wenn du Kiddy Contest aufnimmst. Oder Fendrich bedienst. Oder die volkstümliche Musikschiene machst. Also den Kommerz.

Hydra: Angenommen ich habe eine Veranstaltung und komm drauf, ich brauche einen Tontechniker, wie komme ich zu dir?
AB: Über Mundpropaganda. Unter den Musikern und Kollegen und Kolleginnen, mit denen man Jobs austauscht. Wenn du einen guten Job machst, entwickelt sich da was weiter. Und ich arbeite viel für „Audiorama“ vom Hans Holler, und „Sound Art Service“, als Angestellter. In letzter Zeit aber immer mehr Selbständig.

Hydra: Was muß man dir zahlen, wenn man dich für eine Abend haben will?
AB: Das kommt darauf an. Ob du eine arme oder reiche Band bist. Je nachdem wieviel Vorarbeit zu leisten ist, das Minimum ist zweihundert Euro. Und nach oben gibt es logischerweise keine Grenze. [lacht]

Hydra: Du bist Live Tontechniker in erster Linie?
AB: Ja. Ich hab die letzte Platte von „Maische“ aufgenommen, das war schon o.k. Aber es liegt mir nicht, von ein und demselben Song 30.000 Versionen vor mir zu haben, und zu entscheiden, welche auf Platte kommt. Weil jede Version hat ihre Berechtigung. Das zu entscheiden überlasse ich lieber Berufeneren.

Hydra: Wie bist du im Umgang mit Bands? Streng oder Lieb?
AB: Wie sie´s brauchen. Grundsätzlich schon sehr freundlich, aber wenn ich merke, das bringt nichts muss ich halt mehr Ultimaten stellen, wegen der physikalischen Grundregeln. Wenn jemand leise singt, hast du das Schlagzeug im Gesangsmikro lauter als die Stimme. Das klingt dann nicht so super. Da bin ich autoritär, auch bei internationalen Bands. Es gilt: je handwerklich besser die Bands, desto leichter hat´s der Mischer. Je schlechter, desto mehr musst herumrudern

Hydra: Plauder’ doch aus dem Nähkästchen! Die schlimmste Band?
AB (ziert sich): OK, also XiuXiu beim letzten Donaufestival. Beide sehr arrogant und unsympathisch, und von ihrem Setup echt zum Verzweifeln. Sie stehen auf einer riesigen Bühne innerhalb von zwei Quadratmeter samt ihrem Schlagzeug und Instrumenten und singen gaaanz leise. Das war nicht zu mischen! Ich hab ihnen also beim Soundcheck drei Vorschläge gemacht: entweder lauter singen, oder leiser spielen, oder zwei Meter auseinander gehen. Die Antwort: „We don´t think that either of that is possible for us!“ Gut, Ohren zu und durch. Der John vom rhiz (Tontechniker dort selbst, Anm. der Red.) kam dann beim Konzert und meinte, das Schlagzeug sei aber schon ein bisserl zu laut. Ich war froh, dass überhaupt etwas rauskommt.

Hydra: Wie ist denn das Verhältnis Ton und Licht? Sagen die Tontechniker über die Lichtler, das die noch weniger können als sie selbst?
AB: Quatsch! Die können eben etwas anderes! Das sind zwei Universen, wir respektieren uns, und in Wirklichkeit weiß der eine vom anderen nicht, was er genau tut. Es gibt Notwendigkeiten für Licht und es gibt Notwendigkeiten für Ton, da kann es schon mal passieren, daß etwas kollidiert. Aber das beredet man dann.

Mich haben sie immer gleich am Mischpult geparkt.

Hydra: Bei den Salzburger Festspielen bist du ja nicht der Obertonmeister, da bist du einer von den „Stagehands“. Wie ist das mit den Hierarchien, wo ihr doch alle per du seid in der Szene.
AB: Am Anfang war ich natürlich auch „Stagehand“. Obwohl mich haben sie immer gleich am Mischpult geparkt. Wahrscheinlich weil ich handwerklich doch nicht so gut war. Zuerst war ich einer von vielen, aber jetzt betreue ich eine Außenspielstätte, dort bin ich der „Meister“. Was nach mehr klingt, als es ist. Denn wir sind zu zweit. Also die Salzburger Festspiele haben schon den Plan, daß sie gerne eine ausgeprägte Hierarchie hätten. Aber in Wirklichkeit ist das wurscht, und jeder macht alles.

Hydra: Mit wem warst du auf Tour, und wie ist das?
AB: Mit Sofa Surfers und Jimi Tenor. Du geierst mit dem Nightliner herum, mischt am Abend, danach hast „Privatleben“, dann wieder in den Bus, fährst weiter, suchst dir in der Früh ein Dusche, frühstückst…Tourleben eben.

Hydra: Ist das ein hartes Leben?
AB: Überhaupt nicht.
Hydra:Ist es großartig?
AB: Ja. Wobei, das eine schließt das andere ja nicht aus. Es kann mitunter ganz schön anstrengend werden.

Hydra: Du hast einen extrem guten Ruf. Und den nicht nur bei den Leuten, denen du Gästelistenplätze beschaffst.
AB: [lacht] Das liegt vielleicht daran, daß ich nicht nur versuche den Strom zu verteilen. Man kann ja Tontechnik auch so erfassen, daß da jede Menge Stromleitungen im Mischpult ankommen, die man versucht zu addieren, und demokratisch wieder rauszuschicken. Also unmusikalisch. Ich habe als Kind Flöte und Klavier gelernt. Dafür muß ich meine Eltern echt dankbar sein, ich war faul und wahrscheinlich nicht sehr talentiert, aber es hat mir eine Vorstellung gegeben, wie Musik funktioniert. Auch wenn ich Musik höre, die ich nicht kenne, mache ich mir ein Bild dazu, und versuche das umzusetzen. Die technische Arbeit ist da nur die halbe Miete.

Hydra: Es gibt Menschen, die sehen Farben wenn sie Musik hören. Bist du so einer?
AB: Nein. Ich bin Farbenblind. Das beengt die Synaestehsie.

Hydra: Aber sind nicht am Mischpult alle LEDs rot oder grün?
AB: Ja, Und ich bin rotgrünfarbenblind.

Hydra: Das heißt, du siehst gar nicht, wenn was übersteuert?
AB: Erstens kann man die LEDs abzählen, und zweitens: das untrüglichste Zeichen, daß etwas übersteuert, ist das man hört, daß es übersteuert!

Hydra: Es pfeift?
AB: Nein es grammelt. Das Pfeifen ist eine Rückkoppelung. Obwohl, wenn es lang genug rückkoppelt, dann grammelt´s auch irgendwann. Ich gehe beim Mischpult ja nicht nach der Optik, sondern nachdem was ich höre.

Es gilt die Grundregel: Jeder Tontechniker tut was er will

Hydra: Bei Festivals mischt du ja nicht alle Bands an einem Abend. Manche haben ihren eigenen Techniker mit. Wenn du merkst, der Kollege verfranzt sich gerade ordentlich, das wird schlecht klingen, weil er unter Umständen die Anlage nicht gut kennt, oder den Raum, sagst du etwas? Oder überwiegt der Respekt?
AB: Das ist ein heikles Thema. Es gilt die Grundregel: Jeder Tontechniker tut was er will. Jeder hat seine eigene Vorstellung davon, wie etwas zu klingen hat. Aber es gibt natürlich Grenzen. Wenn dem Publikum die Ohren wegbrutzeln, das ist ja auch eine juristische Frage, muss man einschreiten. Manche Kollegen sind völlig beratungsresistent, da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder du baust deine Technik so auf, dass du so einschreiten kannst, ohne dass sie es merken, oder du beginnst wirklich zu streiten, dann sind alle grantig. Beim Donaufestival versuch ich immer etwas einzubauen, dass ich die ärgsten Lapsi verhindern kann.

Hydra: Vor zwei Jahren dort bei „Trail Of Dead“ gab es dieses digitale Mischpult. Das Konzert war, beim Teufel, mein lautestes ever! Lautstärke macht mir üblicherweise keine Angst, aber es war echt schlecht gemischt, und der bandeigene Tontechniker hat verzweifelt nur auf das Pult gestarrt. Du standest hinter ihm, hast du eingegriffen?

AB: Nein hab ich nicht. Er hat mir versichert, dass er sich mit dem Mischpult auskennt, und beim Soundcheck auch so gewirkt. Allerdings ist im Backstageraum irgendetwas passiert, das ihn komplett seines Bewusstseins beraubt hat. Er ist völlig von der Rolle am Pult gestanden ist und war seeeehr beratungsresistent. Damals hatte ich nicht so verkabelt, dass ich eingreifen konnte. Man lernt nie aus. Das hat mir einen Kuhschwanz an schlechter Kritik eingebracht. Von wegen mieser Sound. Das war nur ein Konzert von vielen, und der Ruf hat sich dann durchs ganze Festival gezogen.

Hydra: Du rückst nicht gerne mit Gossip raus. Grad beim Donaufestival muss es ja zugehen wie nur was! Der Tonmensch wird ja nicht der einzeige sein, der da hinter der Bühne versumpert. Schweigt man da drüber?
AB: Ja natürlich.[grinst] Und außerdem ist das eher recht banal, man sauft sich an, hat´s recht lustig, und tags darauf Kopfweh.

Hydra: Da wird es doch sicher noch „a wide range of things“ geben, der da dazwischen liegt!
AB: Ja. Nein. Piep. Es ist alles nicht so aufregend. Das was man sich so vorstellt, passiert eher nicht.

Hydra: Bist du reich?
AB: Nein.

Hydra: Du verdienst 200 Euro pro Abend!
AB: Aber ich arbeite ja nicht jeden Tag! Es kann passieren, dass eine Woche oder ein Monat nichts zu tun ist. Und die Sozialversicherung will dann auch ihr Geld. Da muss ich dann mein Konto über den Überzeihungsrahmen hinaus überziehen.

Hydra: Du hast also denselben Zustand, den wir alle haben, nur dass du mal ein Monat nicht arbeitest.
AB: Ja. So ist es.

Hydra: Also bist du doch reich!
AB: Ja, aber ich kann ja nichts tun, in der Zeit.

Hydra: Genauso geht es uns auch, und wir arbeiten auch noch dabei!
AB: Das Problem ist, dass du nur Geld hast wenn du arbeitest. Und ohne kannst’ nicht viel anderes tun. Deswegen habe ich mir ein zweites Standbein überlegt.

Hydra: Was?
AB: Ich könnte im Winter Parksheriff sein. Jänner bis März ist traditionell tote Hose. Ich hab da so Robin Hood-Phantasien. Je fetter das Auto desto höher die Strafe. Und freier Zugang für Lieferwägen von „Audiorama“ und „Sound Art Service“ an allen Veranstaltungsorten. Man scheißt schließlich nicht in den Topf aus dem man frisst.

Hydra: Was ist deine bevorzugte Taschenlampe?
AB: „Surefire“. Aus der militärischen Forschung.

Hydra: Welche Größe?
AB: Wurscht. Hauptsache, man kann sie in den Mund stecken. Mit Gaffa Band drumherum, sonst beiß ich mir immer die Zähne aus. Man wickelt immer ein Gaffa Band um die Taschenlampe, die man in der Papp´n hat. Das lernt man auch als Tontechniker.

Hydra: Wie wär´s mit Stirnlampe?
AB: Davon kriege ich Kopfweh. Nehme ich nur beim Auf und Abbau, wenn ich beide Hände brauch. Und beim Mischen blende ich damit das Publikum. Das ist nicht so toll.

Hydra: Eigentlich ist das eine Schande, dass ich da mit einem Tontechniker rede, und kein g´scheites Aufnahmegerät habe.
AB: Ich hätte dir gerne eines vermietet.

Hydra: Und was hätte mich das gekostet?
AB: So um die hundert Euro.

Hydra: Waaas? Für wie lange?
AB: Für eine Tag. Das ist ein professioneller DAT Recorder. Der kostet was!

Hydra: Und was kostet der Unprofessionelle?
AB: Unprofessionelles hab ich nicht.

Hydra: Was für ein Schlusssatz! 

ag

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