Alles über den Rechtsruck!

mustard rechtsruckMöbel rückt man nach rechts. Wenn etwa links im Zimmer kein Platz mehr ist. Dann steht eben alles im rechten Eck, was zwar nicht sonderlich gut ausschaut, aber man hat wenigstens auf der linken Seite wieder mehr Platz. Dort kann man dann Squash spielen, wäre das nicht so aus der Mode. Also besser einen anderen Trendsport oder vielleicht überhaupt die erste Wahl: ins Fitnesstudio. Dort strebt man wie alle anderen Fittiche (sagt man doch so, oder?) nach Ausgleich und Fitness, nach knackiger Schönheit, einem Leben in Gleichklang und möglichst lange anhaltender Jugendlichkeit.

Man widmet sich also seinem Freizeitvergnügen, dieser hohen Kunst hedonistischer Selbstbelohnung, die die eigenen Bedürfnisse über alles andere stellt. Das ist nur recht und billig in einer wohlhabenden Gesellschaft, die erkannt hat, dass Genuss und Konsum das Um und Auf unser aller Existenz ist. Wirtschaftskraft stärken, das bedeutet, das Leben genießen, sich etwas gönnen, sich vor allem etwas leisten … und so weiter.

Später, erschöpft vom domestizierten Ausgleichssport und der leicht masochistisch gefärbten Selbstbelohnung (schließlich hat man sich ja was „Gutes“ getan), kehrt man dann in die eigene Wohnung zurück. Man betätigt den Lichtschalter und da fällt es einem dann wieder ein: Skandal! Rechtsruck! Alles steht im rechten Eck! Und hätte man das nicht selbst noch vor wenigen Stunden selbst besorgt, müsste man sich vermutlich wundern, wie das wohl geschehen sein mag. Zauberei? Infamie? Perfidie?

So einfach liegen die Dinge im eigenen, privaten Zimmer. So seltsam liegen die Dinge in jenem anderen, ganz und gar nicht privaten Raum. Irgendwie scheint es also einen Rechtsruck gegeben zu haben. Plötzlich. Von einem Tag auf den anderen. An einem Sonntag noch dazu, übrigens. Bei allem was recht ist, aber an diesem geheiligten Tag der Bequemlichkeit davon auszugehen, dass Gesinnungen in großem Stil geändert wurden, klingt doch ein wenig realitätsfremd. Wer hätte denn diese Arbeit leisten sollen? Denn auch eine Meinungsänderung ist letztendliche eine Form von Arbeit – wenn auch eher weltanschaulicher Natur.

Wenn die Mär vom Rechtsruck stimmt, dann gibt es dafür nur zwei Erklärungsmöglichkeiten. Die erste funktioniert genauso wie die Geschichte vom Zimmer. Die Überzeugungsarbeit, die notwendig ist, um Gesinnungen von einem Ort zu einem anderen zu transportieren, wurde über Jahre hinweg geleistet. Allerdings nicht von jenen Menschen, die im rechten Eck stehen, denn wenn die Möbel links oder sagen wir (realitätsnäher) in der Mitte des Zimmers stehen, dann muss entweder jemand von der rechten Seite aus in die Mitte aufgebrochen sein, um die Möbel dort abzuholen, wo sie stehen (wie man so schön sagt). Oder aber es waren jene Möbelpacker, die in der Mitte standen, und die sich aus irgendeinem Grund nach rechts lehnten, wobei sie unabsichtlich einen Haufen Möbel verrückt haben. (Von einer konkreten Absicht kann man in dem Fall kaum ausgehen, es muss irgendwie passiert sein, denn die in der Mitte wollten ja, dass die Möbel auch genau dort stehen bleiben…)

Das klingt alles irgendwie seltsam. Wie hätte denn das vor sich gehen sollen? Von einem andauernden Streit war da die Rede, der nicht nur von den Möbelpackern, sondern auch von den Medien, die über die Möbelpacker berichten, ständig eskaliert wurde. Klar, es wurde gemeckert, dass das untragbar sei, aber wer wollte denn, dass sich die Möbel ganz von selbst nach rechts verschieben? Wie das denn aussieht! Hier könnte man dem Vergleich sein Hinkebein kräftig um die Ohren donnern, denn von Menschen weiß man ja, dass sie einen eigenen Willen haben. Andererseits, moderne Markt- und Meinungsforschung klingt ganz und gar danach. Da haben Menschen nur Motive und diese Motive lassen sich beeinflussen. Und wenn am Ende nicht raus kommt, was erwartet wurde, hatten die Menschen nicht ihren eigenen Willen, sondern sie wurden ganz einfach nur nicht optimal beeinflusst (oder, wie man so schön sagt, nicht dort abgeholt, wo sie stehen, um dann mit ihnen, eh schon wissen, ins rechte Eck zu gehen). Also eben doch Möbel, nicht Menschen. Das Volk als Mobiliar, der Staat ein möbliertes Zimmer. Der rechte Eck, um dort hinzukotzen, das linke Eck, um sich vor gähnende Leere zu langweilen, und die Mitte, in der man ständig unzufrieden ist, weil nichts zusammenpasst. Na, schönen Dank der modernen Demagogie! 

Es gibt eine zweite Erklärung. Das Gesetz der Trägheit. Die Möbel haben sich gar nicht bewegt. Die Möbel haben das getan, was sie immer tun, sich selbst sozusagen zu genügen. Aber das Zimmer hat sich geändert. Es hat sich verbogen, irgendwie, nicht-euklidisch oder einer alternativen Logik des Raum-Zeit-Gefüges folgend. Und das, was einst die Mitte des Zimmers war, ist aufgrund dieser (perspektivischen) Veränderung nun plötzlich der rechte Teil des Zimmers. Daran knüpfen sich schwerwiegende Fragen, etwa: War das vorher tatsächlich die Mitte oder war diese Mitte nicht längst schon irgendwie der rechte Teil des Zimmers. Oder um es so zu formulieren: Ist Gutbürgerlichkeit nicht per se faschistisch? Zumindest in seinem Kern? Und dieser ganze Kult des Hedonismus, der Körperlichkeit, der ewigen Jugend, des schön und erfolgreich seins, lacht uns da nicht die Wohlstandsversion des selbstgefällig Schönen ins vegetarisch genährte Gesicht? (Richtig, irgendwie sind wir wieder im Fitnessstudio mit angeschlossener Veggie-Food-Bar angekommen.)

Aber um nicht allzu sehr zu beunruhigen (tun wir sowieso nicht, ist ja alles nur ein hinkender Vergleich, kein Gips der Welt passt da drauf), haben wir noch eine dritte Erklärungsvariante. Es hat gar kein Rechtsruck stattgefunden. Das ist nur eine hohle Phrase, die mehr davon erzählt, wie wenig Qualität in manchen Qualitätsmedien steckt, weil sie sich eben doch lieber auf intellektuelle Weise empören, als … na ja, lassen wir das Gesülze. Der Punkt ist: Der eigentliche Rechtsruck steht uns erst bevor, jetzt, nachdem dank des Votums des staatsbürgerlichen Mobiliars das rechte Eck des Staatszimmer weitaus mehr finanzielle und politische Möglichkeiten hat, um jenen engstirnigen, ausgrenzenden, mitunter haarsträubend hirnrissigen Schmonzes, für den sie stehen, unter das Volk zu bringen. Mit anderen Worten: Die fangen gerade erst so richtig zu rücken an. Und nun stelle man sich vor, das sich diese Burschen zur Abwechslung mal nicht selbst zerfleischen oder gar noch ein begabter Demagoge nachkommt. Und nicht zuletzt: Sozial gemütlicher wird es im Staatszimmer auch nicht unbedingt derzeit. cc

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