Wahlhalla!

mustard wahlWahlplakate haben mit Kunstwerken eines gemeinsam: Sie sind bis zum letzten Pixel durchdacht. Ok, nicht jedes Kunstwerk meint es so genau, aber Wahlplakete schon. Da gibt es nichts, was zufällig ist. Alles an einem Wahlplakat hat Sinn, macht Sinn, will bestimmte Wirkung erzielen. Und genau aus diesem Grund wird auch allwahljährlich heruminterpretiert an diesen Dingern, nicht zuletzt weil sie in ihrer Allgegenwart oft genug gewaltig nerven.

Das Plakat der SPÖ beispielsweise. Was will uns das Konterfei von Werner Faymann in schwarzem Sakko mit schwarzer Krawatte vor rotem Hintergrund sagen? Ein Wink mit dem koalitionären Zaunpfahl? „Die Koalition ist so sicher wie das Schwarz meiner Weste?“ Und das Ganze vor blutrotem Hintergrund? „Dieses Mal gehen wir dabei über Leichen? Und wenn es nur Wahlversprechen sind, die wir dann seelenruhig dahinmeucheln?“ Und was soll dieses seltsame Grinsen dazu? „Ätsch, ich habe Onkel Hans und seine Schwiegertochter im Rücken, und den Fellner Wolfi sowieso …“

Ganz anders die ÖVP. Ein ergrauter Wilhelm Molterer lächelt uns da bemüht in weißem Hemd mit rotweiß gestreifter Krawatte vor weißem Hintergrund entgegen. Kein blutroter Hintergrund, keine Schwärze der Nacht, nein, weiß wie die Unschuld präsentiert sich die dunkelste politische Fraktion, dezent mit einem Bekenntnis zu Österreich um den Hals gehängt. Das könnte man auch so interpretieren: „Österreich, das hängt uns um den Hals oder vielleicht sogar, zum Halse raus.“ Oder auch: „Diesem Österreich gehen wir jetzt endlich an die Gurgel!“ Ach, schelmische Krawattensymbolik! Noch aufschlussreicher das Bild von Molterer selbst. Das Lächeln wirkt angestrengt, schier unglaublich, dass der Mann mit abfallenden Mundwinkeln überhaupt noch ein Lächeln zustande bringt. Überhaupt scheint es entschiedene Absicht gewesen sein, dieses abgekämpfte Antlitz ins Zentrum der Kampagne zu hieven. Das rechte Auge Molterers ist größer als das linke, die Haare wirken ergraut, der Eindruck einer bestimmten Zersaustheit liegt auf der Hand. Es ist ein Plakat, das offenbar Mitleid erwecken will. „So abgekämpft sind wir, wählt lieber doch gleich die anderen.“

Wie erfreulich nehmen sich demgegenüber die Bemühungen des FPÖ aus. Diese Kampagne ist mit Abstand die modernste und mutigste, denn sie kann nur als bedingungslose Auforderung zur Bürgerbeteiligung interpretiert werden. Die in ihrer Stupidität und Engstirnigkeit bewusst provokativ gehaltenen Slogans (z. B. „Asylbetrug heißt Heimatflug“), machen klar, dass diese Plakate als unfertige konzipiert sind. Sie wollen durch kreative Beteiligung des Wahlvolkes komplettiert werden. Erst wenn dann Etiketten mit der Aufschrift „Hitler“ oder „Verhetzer“ auf den Sujets prangen, oder der von alten Haider-Plakaten gestohlene Slogan „Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist“ in ein keckes „Gegen Ihn! Für Euch!“ umgewandelt wurde, erst dann sind diese Plakate vollständig und auch vollständig dort, wo sie hingehören.

Auf einem ganz anderen Planeten existieren hingegen die Plakate der Grünen. Dezente Fadesse trifft hier entschiedene Verharmlosung. Die Botschaft ist eindeutig: „Wenn ihr noch Kraft zum Gähnen habt, wählt uns!“ Und die allfällige Interpretation, sozusagen die sublime Botschaft zwischen den Zeilen, lautet offenbar: „Seht her, wie wir das eigentliche Potential dieser Partei versemmeln, wie wir alles, was die Grünen spannend und zu einer richtigen Alternative machen könnten, einschläfern.“ Nun, das ist wahrlich eine Empfehlung, wie sie punktgenauer nicht sein könnte. Tja, das macht so richtig Laune auf den baldigen Gang zur Wahlurne. cc

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